Hubert Aiwanger
Freie-Wähler-Chef Hubert Aiwanger vor dem Konterfei von Ludwig Erhard / picture alliance / SvenSimon | Frank Hoermann / SVEN SIMON

Parteiensystem im Umbruch - „Freiheit, Eigentum, Heimat“

Während die Zustimmung zur AfD wächst, verlieren die Volksparteien dramatisch an Bindungskraft. Im Interview erklärt Freie-Wähler-Chef Hubert Aiwanger die Gründe für den Umbruch im deutschen Parteiensystem – und warum das Abendland davon schon nicht untergeht.

Ben Krischke

Autoreninfo

Ben Krischke ist Leiter Digitales bei Cicero, Mit-Herausgeber des Buches „Die Wokeness-Illusion“ und Mit-Autor des Buches „Der Selbstbetrug“ (Verlag Herder). Er lebt in München.

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Hubert Aiwanger ist Bundesvorsitzender und bayerischer Landesvorsitzender der Freien Wähler. In der Regierungskoalition aus Freien Wählern und CSU ist er Wirtschaftsminister und stellvertretender Ministerpräsident von Bayern.

Herr Aiwanger, bei den bayerischen Kommunalwahlen im März haben Sie die Zahl Ihrer Landräte glatt verdoppelt. Wie erklären Sie sich diesen Erfolg?

Zunächst einmal hatten wir gute Leute. Außerdem sagen immer mehr Menschen: Das, was die Freien Wähler anbieten, ist in sich schlüssig, ist rund. Wir sind eine Volkspartei und keine Nischenpartei. Insofern setzen wir uns dann auch sehr häufig durch, wenn es in Stichwahlen geht.

Was ist denn das spezielle Angebot der Freien Wähler, gerade auch in Abgrenzung zur CSU?

Vielleicht noch mehr Bürgernähe und Pragmatismus. Wir sprechen die Sprache der ganz normalen Bürger. Wir kommen aus der Mitte, sitzen mit den Leuten am Stammtisch. Die CSU hat zunehmend Nachteile, weil sie in Berlin Dinge mittragen muss, die nicht gut sind für die Menschen und die Wirtschaft.

Wer ist der typische Freie-Wähler-Wähler?

Der ganz normale Bürger. Einer, der in der Früh aufsteht, die Kinder für Kindergarten und Schule herrichtet, sich danach nicht wieder ins Bett legt und Bürgergeld bezieht, sondern in die Arbeit geht. Einer, der oft noch im Verein Verantwortung übernimmt, sich um die Nachbarn kümmert, ums Dorf, ums Allgemeinwohl. Kein Sozialbetrüger und kein Trittbrettfahrer. Wir sind auch nicht die, die zu Coronazeiten geschaut haben, ob beim Nachbarn ein Auto zu viel im Hof steht, und dann die Polizei angerufen haben. Sondern wir helfen dem Nachbarn. Das ist für mich vernünftiger, gesunder Menschenverstand.

In unserer aktuellen Titelgeschichte geht es um die fortschreitende Fragmentierung des deutschen Parteiensystems und neue politische Kräfte, welche die etablierten Parteien herausfordern. Wann haben die Freien Wähler zum ersten Mal gemerkt: Wir sind nicht nur eine Ergänzung zur CSU, sondern eine echte Alternative?

Unser Spruch in den 1980er Jahren lautete: „Ein Glück, dass es die Freien Wähler gibt.“ Das war damals schon der Hinweis darauf, dass wir Dinge abdecken, die die damals alleinregierende CSU nicht mehr abgedeckt hat. Um die Jahrtausendwende haben wir uns dann die „bürgerliche Alternative“ genannt – lange bevor es die andere „Alternative“ gab. Ich gehe sogar davon aus, dass die AfD das Wort „Alternative“ von uns abgekupfert hat. Ende der 1990er-, Anfang der 2000er-Jahre haben wir dann von der „bürgerlichen Alternative“ zur CSU gesprochen.

Und heute?

Mittlerweile sehen wir uns nicht mehr als eine Alternative zu irgendetwas, sondern als eine treibende Kraft, die sich aus sich selbst heraus definiert. Freiheit, Eigentum, Heimat – das haben wir als unsere drei Säulen definiert. Freiheit meint Meinungsfreiheit, freies Denken, freies Wirtschaften, keine Bevormundung und keine Ideologie. Eigentum bedeutet: kein Neid, Erbschaftsteuer abschaffen, das Haus behalten dürfen, auch den Vermieter wieder schützen, nicht nur den Mieter, Leistung belohnen. Und Heimat heißt: Kultur und Tradition bewahren – ausdrücklich in Abgrenzung zu einer Politik wie der von SPD-Ministerin Bärbel Bas, die Zuwanderung als gezieltes Instrument zur Kulturveränderung betrachtet. Das wollen und werden wir uns nicht bieten lassen.

Warum hat das etablierte Parteiensystem, das so lange funktionierte, in den letzten Jahren so stark an Bindungskraft verloren? Warum funktioniert es nicht mehr?

Ich würde nicht sagen, dass es nicht mehr funktioniert. Aber die Parteien haben sich von der woken Ideologie überrumpeln lassen – von einem Mainstream, der geschickt eingefädelt wurde, auch von linken Medien. Wer gewagt hat, aus der Reihe zu tanzen, wurde gemobbt und an den Pranger gestellt. Ich habe das selbst x-mal erlebt: bei Themen wie Zuwanderung, CO₂ oder Corona.

Die Union, traditionell eher zuwanderungskritisch, hat sich unter Merkel dem Migrationstrend unterworfen. Und die Grünen, die sonst so vehement für individuelle Freiheit eintreten, haben bei Corona mitgemacht bis hin zur Forderung nach Impfpflicht und zeigen Leute an, die aus grüner Sicht unliebsame Meinungen vertreten. Und die SPD, die einmal die Partei der Arbeiter war, ist heute die Partei der Sozialhilfeempfänger, die die Arbeiter immer mehr belastet. Das hat viele Wähler dieser Parteien verstört.

Gibt es die Chance einer Korrektur?

Ja. Wenn die Parteien jetzt wieder Politik für ihre Leute machen – die SPD für den Arbeiter, die Union für die konservativ-bürgerliche Familie, die Grünen für den echten Individualisten und Umweltschützer –, dann sehe ich wieder eine Chance. Tun sie es nicht, verlieren sie weiter.

Friedrich Merz hat angekündigt, links sei vorbei. Das Gefühl hat man bislang nicht.

Ich glaube, das liegt nicht allein in seiner Hand – da will ich ihn fast verteidigen. Er ist in einem riesigen Dilemma. Kurz vor der Wahl hat er es einmal versucht mit dem Schulterschluss Richtung AfD bei der Migrationsabstimmung im Bundestag. Das hat ihm Wähler gebracht, aber auch massiv Prügel. Seitdem ist er ein gebranntes Kind und macht den Mainstream mit, um politisch zu überleben. Ich glaube, er würde anders regieren, wenn er andere Mehrheiten hätte. Mit einer bürgerlichen Mehrheit, ähnlich wie die CSU sie in Bayern mit uns hat, sähe seine Politik anders aus.

Wie erklären Sie sich den anhaltenden Erfolg der AfD?

Erstens spricht sie Dinge an, die andere Parteien nicht mehr ansprechen. Zweitens wird in sie inzwischen alles Mögliche hineinprojiziert: Viele wählen die AfD, weil sie mit etwas unzufrieden sind, selbst wenn sie nicht wissen, wie die AfD dazu steht oder obwohl die AfD das Problem auch nicht lösen könnte. Die AfD profitiert also von einem Frust, der oft mit ihrer Parteiausrichtung nichts zu tun hat. Ich will das aber nicht als reines Frustventil abtun – es ist auch Ausdruck des Versagens der anderen Parteien.

Zum Beispiel?

Hätte man bei Migration und ähnlichen Themen früher vernünftiger agiert, wäre die AfD nicht so groß geworden. Aber konsistent ist sie nicht: Zu Beginn von Corona warf Weidel der Regierung Untätigkeit vor und hat nach Maßnahmen gerufen – nachher war die AfD genau die Partei, die gegen die Maßnahmen protestierte. Bei der Bundeswehr war die AfD immer für die Wehrpflicht, jetzt plötzlich dagegen, weil sich die Stimmung gedreht hat. Das ficht ihre Wähler kaum an, weil ein Teil von ihnen gar nicht erwartet, dass sie in Regierungsverantwortung funktioniert. Das Frustventil reicht ihnen.

Kommumalwahlen
Flickenteppich Bayern: Ergebnisse der Kommunalwahlen / Cicero

Warum funktionieren die Freien Wähler in Bayern so gut, aber nicht bundesweit? „Freiheit, Eigentum, Heimat“ müsste doch in ganz Deutschland auf fruchtbaren Boden fallen. Siehe AfD.

Weil wir außerhalb Bayerns noch zu wenig präsent sind. Wenn wir in Baden-Württemberg, Niedersachsen, Thüringen oder Brandenburg auftreten und liberal-wertkonservative Themen vertreten, bekommen wir überall denselben Beifall wie in Bayern. Wir müssen ganz einfach noch präsenter und sichtbarer werden, dann läuft es auch bundesweit. Das Problem ist die Sichtbarkeit. Wir haben zu wenig Geld für ständige bundesweite Auftritte. Die anderen haben Millionenbudgets, wir haben wenige Hunderttausend. Hinzu kommt: Immer wieder tauchen Parteien auf, die uns die Show stehlen. Von der Piratenpartei über die Gründung der AfD bis zur Inszenierung von Merz als konservativ. Und dann ist da noch das Medienthema.

Was meinen Sie?

Hätten die Freien Wähler dieselbe Aufmerksamkeit von den Medien bekommen wie die AfD, wären wir längst in den Bundestag eingezogen. Vor der Gründung der AfD hatte ich in der Bundespressekonferenz zum Thema Euro-Rettungsschirme über 40 Kameras bei einer Pressekonferenz mit Hans-Olaf Henkel. Kurz darauf wurde die gesamte Aufmerksamkeit auf die AfD gelenkt – und die Freien Wähler waren weg vom Fenster. Das, glaube ich, ist kein Zufall. Linken Medien ist eine starke AfD lieber als starke Freie Wähler. Denn die AfD garantiert die Regierungsbeteiligung linker Parteien. Und die Freien Wähler könnten Regierungen ohne linke Parteien ermöglichen, siehe Bayern.

Was also tun aus Ihrer Sicht?

Wir müssen schlichtweg besser werden – an Kandidaten, Präsenz und medialer Wahrnehmung. In Bayern haben wir uns den Erfolg bis zur Regierungsbeteiligung über Jahre erarbeitet: flächendeckend Kandidaten aufgestellt, Themen besetzt, den Leuten zugehört, umgesetzt. Als ich Landesvorsitzender wurde, habe ich gesagt: Wenn wir es in ganz Bayern so machen wie in meinem Stimmkreis, kriegen wir zehn Prozent. Und siehe da – es wurden 10,6. Das gleiche Prinzip gilt bundesweit. Doch wir haben häufig das Problem, dass wir nur ein Drittel der Stimmkreise besetzen und uns dann wundern, dass wir nicht gewählt werden. Kein Kandidat, keine Stimmen. Wir müssen besser werden.

Wo läuft das Parteiensystem also gerade hin? Ist das Ende der Volksparteien erreicht?

Nein. Die Stimmen und die Macht verteilen sich auf immer mehr Schultern. Früher dominierten Schwarz und Rot, mit der FDP als Zünglein an der Waage und den Grünen als kleinerem Player. Jetzt sind AfD und BSW dazugekommen, die Dominanz von Schwarz-Rot ist geschrumpft. Statt zwei bis drei dominierender Parteien haben wir fünf bis sechs, die je nach Region und Köpfen unterschiedlich stark sind.

Dreiparteienkoalitionen werden zur Regel statt zur Ausnahme. Gleichzeitig werden die Parteien inhaltlich austauschbarer. Der große Unterschied zwischen Union und SPD ist nicht mehr da, zwischen FDP und Grünen ist er überschaubar. Am Ende läuft es wieder mehr auf Personen hinaus: Man wählt in Baden-Württemberg die Grünen wegen Özdemir, anderswo das BSW wegen Wagenknecht. Das Persönlichkeitsprinzip gewinnt.

Finden Sie diese Entwicklung eher gut oder schlecht?

Das Abendland geht nicht automatisch unter, weil sich das traditionelle Parteiensystem verschiebt. Es ist aber spannend, wie es weitergeht. Ich glaube, die handelnden Akteure werden immer stärker vor die Wahl gestellt werden, ob sie den Mut haben, im Sinne der Bürger zu handeln – oder weiter im Einheits-Wokismus mitschwimmen und untergehen. Aussitzen funktioniert nicht mehr. Die Leute wollen klare Antworten.

Das Gespräch führte Ben Krischke.

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Jens Böhme | Do., 2. Juli 2026 - 18:30

Muss ein Parteichef der Freien Wähler Tipps und Tricks geben, wie CDU/CSU, SPD und Grüne sich modernisieren können? Bekommen die Freien Wähler dafür von diesen Parteien irgendeinen Bonus?

Dagmar Lubig | Do., 2. Juli 2026 - 19:01

Antwort auf von Jens Böhme

dann werden Se diese Tipps und Tricks den Lesern von Cicero auch gerne mitteilen, zu mal wenn Sie ein Politiker wären.

Übrigens, der Bonus für die Freien Wähler erschöpft sich im medialen Interresse, aber die von ihnen genannten Parteien erfüllt es am ehesten lediglich mit Neid, denke ich.

Der Erfolg der Freie Wähler ist vieleicht der, dass sie näher am Bürger sind, und Herr Aiwanger hat grob angedeutet was für einen Durchschnittsbürger wichtig ist.

Armin Latell | Do., 2. Juli 2026 - 19:26

Wer sind die? Dürfen die nicht aktuell unter Söder mit in der Regierung anwesend sein? Hätten die die gleiche "Aufmerksamkeit" wie die AfD, da wollte ich aber mal das Gejammere hören. Bei einem "Erfurt" würde der Hubsi sicherlich bittere Tränen heulen. Sorry, aber sein Zenit und seiner Partei ist lange schon überschritten.

Tina | Do., 2. Juli 2026 - 21:57

Die Freien Wähler sind für mich vergleichbar mit der FDP.
Airwanger knickt vor Söder ein, die FDP vor der CDU und der SPD.
Beiden ist der politische Posten wichtig und nicht Land und Leute.

Urban Will | Do., 2. Juli 2026 - 22:25

quasi per finanzpolitischem Staatsstreich die Grundlagen für ein massive Neuverschuldung gelegt wurden. Obwohl Aiwanger und sein Haufen dies ablehnten, stimmten sie im Bundesrat zu, um die Regierungsbeteiligung in Bayern nicht zu riskieren. Das sagte Hubsi sogar öffentlich.
So etwas nenne ich Feigheit und Verrat am Wähler.
Hubsi hat an diesem Tag meinen Respekt, den ich durchaus für ihn empfunden habe, verloren. Er ist ein Teil des Altparteien-Kartells und er wird immer wieder kuschen, wenn es um Pöstchen-Erhalt geht. Nie und nimmer sind die Freie Wähler eine Alternative für irgendwas.
Warum hört man nichts von ihnen bundesweit in Sachen Migration? Oder all dem anderen Irrsinn, der dieses Land kaputt macht? Wenn es darauf ankommt, wirklich Opposition zu machen, wirklich für die Deutschen da zu sein, gibt es de facto nur noch die AfD. Und das merken die Menschen nun mal, außer vielleicht die Bayern, die leben noch in ihrer eigenen weiß-blauen Scheinwelt.

Die Freien Wähler sind für mich in Bayern die einzige wirkliche Alternative zu den immer weiter nach links gerückten SPD, Grünen und selbst CSU. Wer nicht AfD wählen will, dem bleibt fast keine andere Wahl, aber im Gegensatz zum restlichen Bundesgebiet haben wir wenigstens eine.

Urban Will | Fr., 3. Juli 2026 - 11:40

Antwort auf von Achim Koester

Dann wählen Sie brav weiter Freie Wähler und ärgern sich auch in Zukunft brav weiter, dass Sie immer wieder CSU und somit in großen Teilen linke Politik bekommen.

So wie die ganze CDU-Gemeinde in D, die sich konservative Politik wünscht und irgendwie nicht kapieren möchte, dass sie mit der CDU immer, wirklich immer linke Politik bekommen wird.

Mäh.

Theodor Lackner | Fr., 3. Juli 2026 - 07:25

Mich wundert, dass weder Hr Aiwanger noch Hr Krischke das Thema der Direkten Demokratie ansprechen. Dass das Parteiensystem sich wandelt, hat mE viel mit der Entmündigung der Bürger zu tun. Ein Gegenmittel wäre die stärkere direkte Beteiligung der Leute an Debatten und Entscheidungen. Klar, das muss geübt werden und produziert nicht zwangsläufig bessere Ergebnisse. Aber eine größere Bürgernähe und mehr Zwang der Politik zum Austausch ginge gar nicht anders.

Man schaue weniger auf die Parteien, mehr auf den Bürger.

Achim Koester | Fr., 3. Juli 2026 - 07:33

Antwort auf von Theodor Lackner

Direkte Demokratie, d.h. Volksabstimmungen wären das Ende der Demokratie. Sie müssen sich nur mal die letzten Ergebnisse in Hamburg oder Berlin anschauen, dann wissen Sie, was ich meine. Die Parteien des linken Spektrums verstehen es, ihre Sympathisanten zu mobilisieren, während der saturierte Konservative zu Hause in seinem Sessel verweilt.

Regina Schleyer | Fr., 3. Juli 2026 - 08:59

Antwort auf von Achim Koester

Dem stimme ich voll zu; das zeigt sich schon bei all den vielen linken Demonstrationen, wo sind die "Konservativen ", die Gegendemonstranten, die sich von den Linken unterbuttern lassen?

Das kann man ja ändern. Die rechtskonservative SVP ist in der Schweiz durchaus erfolgreich mit Initiativen. Jedenfalls kann man die Abgehobenheit der Politik nicht beklagen und gleichzeitig stärkere Bürgerbeteiligung ablehnen.