Cicero im September - Die Wohlstands-Illusion

Deutschlands Wirtschaft brummt, es herrscht kaum Arbeitslosigkeit, den Menschen geht es gut. Fragt sich nur, wie lange noch. Lesen Sie in der Cicero-September-Ausgabe, warum unser Wohlstand in Gefahr ist

Verlassenes Land
Illustration: Laura Breiling für Cicero

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Christoph Schwennicke ist Chefredakteur des Magazins Cicero.

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Wissen Sie, mit welchem Satz Angela Merkel die letzte Wahl gewonnen hat? Mit jenem, dass Deutschland sich anstrengen müsse, anstatt sich in Selbstgefälligkeit zu sonnen, weil der Rest der Welt nicht schläft? Oder mit jenem, mit ihrer Agenda 2020 knüpfe sie unmittelbar an die Reformanstrengungen ihres Vorgängers an?

Weder – noch. „Sie kennen mich“, sagte sie als Schlusswort im TV-Duell mit ihrem Herausforderer Peer Steinbrück, als die beiden Kandidaten gebeten wurden, in einem möglichst pointierten Statement klarzumachen, warum man ihn oder sie zum Wohle des Landes wählen solle.

Sie kennen mich. Und also wählten die Deutschen diese Frau zum dritten Mal zu ihrer Kanzlerin, weil sie das Gefühl hatten: Ja, die kennen wir. Ja, die macht das schon. Möge Europa ins Wanken geraten oder anschwellende Flüchtlingsströme das Land unter Druck setzen. Die macht das schon, sagt sich der deutsche Sommerfrischler und  genießt weiter die Früchte des zweiten großen Wirtschaftswunders.

Deutschland lebt von der Substanz
 

Denn so paradox das ist: Der Euro, einmal ersonnen, um die wirtschaftliche Leistungskraft der Deutschen einzuhegen, stärkt nun vor allem jenes Land, das er schwächen sollte.

„Die Rente ist sicher“, hat uns seinerzeit Helmut Kohls Arbeitsminister Norbert Blüm eingeredet, wo wir alle merkten, dass dieser Satz angesichts der demografischen Entwicklung so nicht stimmen kann. Dieser Satz sollte uns einlullen, in Sicher­heit wiegen. So wie wir uns jetzt etwas vor­machen, wenn wir glauben, dass dieser Wohlstand sicher ist, ohne dass wir etwas dafür tun.

Es liegt ein erster Hauch des späten Kohl überm Land. Bräsigkeit und Selbstzufriedenheit. Deutschland schiebt seine Probleme auf, es lebt von der Substanz und negiert seinen Reformbedarf. Die Infrastruktur ist marode, die Inves­titions­quote zu niedrig, die digitale Zukunft wird verschlafen.

Mein Kollege Alexander Marguier hat sich an Orte begeben, an denen man ablesen kann, woran es krankt und woran es mangelt. Und er hat Leute besucht, die sich nicht vom schönen Schein blenden lassen, sondern wie DIHK‑Geschäftsführer Martin Wansleben mahnen: „Wir haben das Gefühl dafür verloren, dass unser Wohlstand nicht einfach da ist, sondern jeden Tag von neuem erarbeitet werden muss.“

So ist es.

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