Cicero Cover 02-26
Gefangen in der Blase – Warum die Berliner Republik an den Reformen scheitert / Titelbild: Marie Wolf

Cicero im Februar - Stillstand mit System

Deutschland in der Schockstarre: Während Weltordnung, Allianzen und Technologien kippen, blockiert sich die Politik selbst. Rentenreform, Zeitenwende, Industriekrise – nichts kommt voran. Warum eine Gesellschaft im Stillstand verharrt.

Alexander Marguier

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Alexander Marguier ist Chefredakteur von Cicero.

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Deutschland wirkt wie in einer Schockstarre. Die Welt verändert sich in einem dramatischen Tempo, alte Gewissheiten gelten nicht mehr, Allianzen zerbrechen, ganze Industrien geraten in existenzielle Schwierigkeiten, Handelspartner fallen weg, neue Technologien stellen das gewohnte Leben auf den Kopf. Und wir sind nicht einmal in der Lage, eine Rentenreform durchzusetzen, von der alle wissen, dass sie unumgänglich ist. 

Ein Mehltau liegt über der Bundesrepublik, aber in der Berliner Politik-Blase wird der Status quo beschworen. Die nur sechs Tage nach Beginn des Ukrainekriegs vor inzwischen vier Jahren ausgerufene „Zeitenwende“ erweist sich immer mehr als ein untauglicher Versuch der Besitzstandswahrung, der mangels Substanz mit immensen Schulden finanziert wird.

Warum ist das so? Weshalb sind Parlamente und Regierungen offenkundig nicht in der Lage, eine immer noch moderne Volkswirtschaft mit einer durchaus zukunftsbereiten Bevölkerung an die inzwischen auch nicht mehr ganz so neue Realität anzupassen? Böser Wille steckt jedenfalls nicht dahinter und auch keine totale Betriebsblindheit. Die Agonie ist vielmehr das Ergebnis einer Gesellschaft, die sich aus verschiedenen autonomen Funktionsapparaten zusammensetzt, welche ihren jeweils eigenen Handlungslogiken folgen – und dabei einen systematischen Stillstand erzeugen.

Der Ökonom Thomas Mayer, Autor unserer Titelgeschichte, hat sich auf die Suche nach den Ursachen der deutschen Sklerose begeben. Die Theorien Niklas Luhmanns, eines der bedeutendsten Soziologen des 20.Jahrhunderts, bilden dabei den Ausgangspunkt. Wer Mayer kennt, muss sich übrigens keine Sorgen machen, dass hier im luftleeren Raum herumakademisiert wird.

Dasselbe gilt für Marc Saxer, der uns in seinem Beitrag über die geopolitische „Wolfswelt“ des 21.Jahrhunderts mit den neuen Usancen im Wettstreit der neuen und alten Mächte vertraut macht. Auch da stehen Deutschland und Europa wie ratlose Zuschauer am Spielfeldrand in der Hoffnung, dass es am Ende nicht ganz so böse ausgeht wie es derzeit den Anschein hat. Ich glaube, Gefahren lauern nur auf jene, die nicht auf das Leben reagieren, hat Michail Gorbat­schow im Oktober 1989 nach Zeitzeugenberichten gesagt. Daraus ist später sein legendärer Satz von wegen „Wer zu spät kommt …“ gemacht worden – der von ihm selbst angeblich so nie formuliert worden war. Und trotzdem von beinahe immerwährender Gültigkeit ist.

 

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IngoFrank | Do., 29. Januar 2026 - 07:37

kommt mit vor wie das Zentralkomitee der SED die die Macht in der alten DDR in den Händen trugen mit dem Unterschied, dass die führenden Genossen viel älter waren als diese Bundesdeutschen Regierungen.

bieten die reichlich genutzten Reisemöglichkeiten Gelegenheit, Vergleiche mit dem Ausland anzustellen: Infrastruktur, Pünktlichkeit der Züge. Digitalsierung und mehr. Einige meinen, dass gerade junge Menschen besser vor diesen Einflüssen geschützt werden müssen

IngoFrank | Do., 29. Januar 2026 - 08:07

Diese alten SED Funktionäre hatten ganz einfach die Haftung zum Volk verloren. Refomunwillig wie heute, am Volk vorbei regiert.
Wenn ich höre, wir „müssen unsere erfolgreiche Politik besser erklären“ heißt doch nichts anderes als : das Volk ist zu dumm unsere Wohltaten zu begreifen……
Hinzu kommt eine willfähige Justiz & ein regierungstreuer ganz auf grün linker Linie agierender Mainstream mit einem zwangsfinanzierten ÖRR an der Spitze.
Staatliche Stellen, die der ehemaligen Staatssicherheit verdammt gleichen.
Gegen Hass & Hetze bin ich auch, (was wurde in Presse Funk & Fernsehen gegen Meloni und deren postfaschistische Wähler in I gehetzt) gegen die Einengung, Reglementierung, Kontrolle oder gar das Verbot der Meinungsfreiheit inkl. der Ausgrenzung der politisch Andersdenkenden wie eben es genau so in der DDR war, bin ich nicht. Sind wir schon bald wieder so weit, das freie Wahlen abgeschafft werden, der Bürger keine Wahl mehr haben darf, die Opposition verboten
wird ?
MfG a d ER

Urban Will | Do., 29. Januar 2026 - 08:09

sparen. Der hier zitierte Satz von Gorbatschow sagt doch alles. Wer nicht auf das Leben reagiert, auf den warten die Gefahren. Sie warten auf die Deutschen, die mehrheitlich in ihrem Wahlverhalten dem Einsteinschen Wahnsinns-Prinzip (immer das gleiche machen und auf Änderungen hoffen) folgen.
Die Deutschen können nur Untergang, Wechsel konnten sie in der jüngsten Geschichte nur einmal, 1989 und der Osten hat auch längst kapiert, auf welchem Weg dieses Land ist. Der Westen pennt vor sich hin.
Noch ist die Fassade nur leicht bröckelig, aber wenn es richtig losgeht, wird es kein Halten mehr geben.
In absehbarer Zeit brechen uns die Sozialsysteme weg, die Wirtschaft kracht zusammen, die Unternehmen fliehen zusammen mit den leistungsbereiten und intelligenten, der kulturelle Zusammenhalt ist eh schon hinüber aufgrund der irrsinnigsten Migrationspolitik der Weltgeschichte. Die meisten Deutschen hocken in ihren Scheinwelten („es geht uns doch gut“) und glotzen ÖRR-berieselt dem ganzen zu.

Achim Koester | Do., 29. Januar 2026 - 08:54

Leider doch, die Industriekrise kommt mit gewaltigen Schritten voran, ich weiß, das wollten Sie damit nicht sagen, klingt aber so, und stimmt sogar.

Ernst-Günther Konrad | Do., 29. Januar 2026 - 11:36

Heute noch ein Gas Füllstand von 34,2 lt. NIUS Anzeige. Tendenz weiter sinkend und ab 20 wird es kritisch. Dieses Land hat nicht nur stillstand, es geht stetig in den Abgrund. Und worüber spricht die Regierung? Über alles und jeden, über ein *faules* Volk, aber nicht um unsere bevorstehende mögliche Energiekatastrophe.

Wolfgang Borchardt | Do., 29. Januar 2026 - 14:09

lässt die Frage offen, wer und wann sich in diesem Land noch für die vernünftige Lösung drängender Sachfragen interessiert. Wichtiger sind Ideologie, Mehrheiten, Lobbyismus. Intrigen, Abarbeitung an Andersdenkenden. Versteckspiel hinter Brandmauern. Die Energie wird in Sackgassen verschwendet. Und die AfD als "Fieberthermometer" der Situation (Manuel Hagel, CDU) und Symptom schlechter Politiker, die nur deren Verursacher für gut und richtig halten. Und immer noch müssen die Probleme reifen, bevor sie gelöst werden können