Grafik: Vier Hände ziehen Geldscheine aus einem unsicheren Turm aus gestapelten Geldscheinen.
Einsturzgefahr – Wie der deutsche Sozialstaat das Land an seine Grenzen bringt / Titelbild: Marie Wolf

Cicero im August - Der Abgrund

Die Politik liebt das Drama: Eine unverzichtbare Sparmaßnahme gefährde den Zusammenhalt, jede Reform sei sofort ein „Kahlschlag“. Aus dieser Dramatisierung erwächst ein unantastbarer Sozialstaat. Darum bleibt es bei Kosmetikpolitik, während der Sozialstaat den Solidargedanken pervertiert.

Alexander Marguier

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Alexander Marguier ist Chefredakteur von Cicero.

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Politik lebt von der Dramatisierung. Fließt irgendwo die Staatsknete nicht mehr ganz so üppig wie zuvor, sind sofort die ersten Interessenvertreter zur Stelle und warnen vor dem „Ausverkauf“ ihrer Pfründen; geht es finanziell gegen bestimmte Partikularinteressen, führt dies zum „Aufschrei“ der Partikularinteressierten, und es wird eine vermeintlich unverzichtbare Errungenschaft symbolisch „zu Grabe getragen“. Soll ein Teil der deutschen Rentenbeiträge vernünftigerweise künftig in Aktien oder anderen Wertpapieren angelegt werden, sehen Gewerkschaften einen „Casino-Kapitalismus“ am Werk. Und bei jeder haushaltsbedingten Sparmaßnahme ist ohnehin der „gesellschaftliche Zusammenhalt“, wenn nicht die Demokratie als solche in Gefahr.

Kein Wunder also, dass sich niemand an den deutschen Sozialstaat rantraut – auch die schwarz-rote „Reform-Koalition“ beschränkt sich hier letztlich auf kosmetische Eingriffe. Denn man weiß um das Mobilisierungspotenzial, sollte sich die Erzählung vom „Kahlschlag“ (auch so eine Dramafloskel) durchsetzen. Dramatisch sind aber vielmehr die nackten Zahlen: Während die Wirtschaft 2025 nur um 0,2 Prozent wuchs und in den beiden Jahren zuvor sogar schrumpfte, stiegen die sozialen Geldleistungen um 5,9 Prozent auf inzwischen mehr als 750 Milliarden Euro an. Seit 1992 ist das Sozialbudget preisbereinigt um knapp 60 Prozent gewachsen es entspricht inzwischen fast einem Drittel der gesamten deutschen Wirtschaftsleistung.

„Der Sozialstaat wuchert in einem Maße, das jede Hoffnung auf Nachhaltigkeit zunichtemacht, wenn ihm nicht Einhalt geboten wird“, konstatiert mein Kollege Ferdinand Knauß in unserer aktuellen Titelgeschichte. Das ist sogar äußerst zurückhaltend formuliert. Denn natürlich stößt die Schuldenmacherei, mit der die Umverteilungsmaschine weiter auf Hochtouren am Laufen gehalten werden soll, längst an ihre Grenzen. Die Kommunen bekommen es als Erste zu spüren – und damit die Bürgerinnen und Bürger unmittelbar in ihrem Alltag. Übrigens nicht nur in Form geschlossener Freibäder, Bibliotheken oder Theater.

Die Überdehnung des Sozialstaats führt schon heute zu einer staatlichen Handlungsunfähigkeit und pervertiert noch dazu den ursprünglichen Solidargedanken. Dass ausgerechnet das Bundesverfassungsgericht eine erhebliche Mitschuld an der Misere trägt, ist dabei eine Kuriosität unter vielen. Wobei „kurios“ auch eine komplette Untertreibung ist. Aber wir wollen ja nicht dramatisieren.


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Rainer Mrochen | Fr., 31. Juli 2026 - 08:22

Wie es scheint wuchert auch die unabdingbare Notwendigkeit "unsere Demokratie" zu retten. Mit den beschlossenen Methoden, zur Einschränkung des Sozialstaates, wird selbiger genauso wenig gerettet, wie mit den fragwürdigen Methoden der Demokratie zu deren Rettung. Am Ende regiert der Notstand und wenn nur aus reiner Selbsterhaltung zur Sicherung von Pfründen. Worin unterscheidet sich Demokratie, in dieser Hinsicht, noch von Diktatur?

Markus Michaelis | Fr., 31. Juli 2026 - 12:46

Das gilt für Politik generell: Soziales, allgemein Gerechtigkeit, Klima, EU, eigentlich alle Themen haben höchste Brisanz, lösen tiefstes Entsetzen aus. heute und tagesschau zeigen die tief betroffenen Einzelschicksale. Man steht davor und fragt sich wie irgendwelche Politiker oder sonstigen Täter nur so kalt sein können.

Das gilt inzwischen für ziemlich viele Themen und oft auch für Grundeinstellungen. Unmöglich wird damit ab einem Punkt nicht nur der Sozialstaat, sondern demokratische Politik überhaupt. Zu verhandeln gibt es da immer weniger, große Themen sollen immer mehr durch unverhandelbare Werte, Verfassung, regelbasierte Ordnung, EU-Gesetze, Gerichte, alles mögliche unverhandelbare und unangreifbare festgelegt sein. Die zwei Optionen sind dann (a) das geforderte, unverhandelbare zu erfüllen, oder (b) tiefstes Entsetzen, das Verhandlungen mit den Feinden des Richtigen ausschließt.

Diese Frontstellungen, aus meiner Sicht mit dadurch getriggert, dass über Jahrzehnter zuviele Themen durch zuviel Trommeln als zu alternativlos dargestellt wurden, anstatt als komplexe Abwägungen, diese Frontstellung also führt aus meiner Sicht auch zu sehr dazu, dass jede Seite glaubt, dass ihre Stellungen komplett überrannt und ausradiert werden sollen. Das ist aber glaube ich mehr eine Folge (oder self-fulfilling) der Fronstellung als ursprüngliche politische Forderung. Ich glaube schon, dass es "eigentlich" große Mehrheiten dafür gäbe, die Soziales, Klima, Migration und alle andern großen Themen prinzipiell als politisch, als zu verhandeln, als auszutarieren gegenüber anderen Zielen ansehen würden. Es schaukelt sich aber in unverhandelbare Frontstellungen hinein, und das liegt schon an uns Bürgern selber. Und wenn, sind es nicht nur die sozialen Medien: heute, tagesschau, ZEIT, SZ etc. polarisieren auch mit.

Walter Bühler | Fr., 31. Juli 2026 - 16:43

Gedanken an das Ende des eigenen Lebens und an den Untergang der eigenen Gesellschaft sind ja keineswegs unrealistisch.

Wir versuchen aber, sie aus unserem Alltag herauszuhalten. Wir suchen aus gutem Grund lieber nach maßvollen Regeln, die unser Leben und unsere Lebensweise im Rahmen des Möglichen sichern, stabilisieren und erleichtern.
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Apokalytische Prediger aller Art können uns aber jederzeit in eine Panik versetzen, die in uns das "tiefste Entsetzen" auslöst und uns zu irrationalen und "unverhandelbaren" Forderungen provoziert.
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Herr Michaelis, ich interpretiere Sie jedenfalls so:

Sie wollen uns vor der primitiven apokalyptischen Predigt warnen. Wir sollen stattdessen in nicht-panischer Weise und im Rahmen des menschlich Möglichen nach besseren Regeln für unser privates und öffentliches Leben sorgen.
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Nix für ungut.

... bezogen auf Herrn Michaelis´ Beiträge.
Was ich allerdings NICHT verstehe und was sehr viele "normale" Mitmenschen auch aufregt: warum wird denn nie an die ebenfalls überfälligen Themen wie gerechtere UND effektivere Besteuerung von Groß- und Größtvermögen, von Milliardenerbschaften usw. PARALLEL zu Einschnitten "bei uns allen" gegangen?
Nach 1945 wurden Firmengewinne jahrelang mit 90% besteuert - wo hätte denn sonst "die Kohle" für den ganzen Wiederaufbau herkommen sollen? Noch unter dem absolut sozialismusunverdächtigen Helmut Kohl wurden die Reichen immer reicher, da war der Spitzensteuersatz bei 56%.
Als den dann Rotgrün!!! auf 42 % ab 69.000 € Jahreseinkommen senkte, war die Freude groß, zumal die "Reichensteuer" mit 45% nur minimal darüber war und ist.
Wer mich jetzt als billigen Neider wähnt, liegt total daneben. Aber warum die Milliardäre in D während der Pandemie! ihre Vermögen verdoppeln konnten, während Zigtausend kleinere Unternehmen pleite gingen, weiß ICH nicht!

Sunstreet | Sa., 1. August 2026 - 10:23

Herr Marguier, was ich an Leuten, wie Ihnen nie verstehen werde, sie zeigen mit dem Finger immer nur auf den Sozialstaat. Zugegeben, da gibt es sehr viele Bereiche, wo man ansetzen könnte. Natürlich ist es bei Ihnen die Aktienrente! Ich vermisse, auch im Cicero, endlich einmal eine gründliche Recherche und Analyse der Gründe, weshalb der Sozialstaat aus dem Ruder läuft. Es wird immer nur allgemein herumgeschwurbelt.
Wo bleibt Ihr Sparwille bei den ausufernden Milliarden für parteinahe Stiftungen, NGO‘s, Werbemaßnahmen der Regierung und Ministerien, Unternehmensberatungskosten und der Selbstbedienungsmentalität der Parteien.
Wo ist der Aufschrei bei der Förderung und Bezuschussung von gut verdienenden Industriezweigen?
Wo bleibt Ihr Einwand bei der unsäglichen Unterstützung der Pharma- und Gesundheitsindustrie?
Wo ihre Fragen zu den unnötigen Ausgaben der ideoligischen Klimahysterie.
Und wenn man sieht wie viel Geld im Moloch Ukraine versenkt wird, erübrigt sich jede weitere Debatte!