Internationale Presseschau zu Chemnitz - „Extremisten haben ihrer Wut auf Ausländer freien Lauf gelassen“

Nicht nur in Deutschland haben die Vorfälle in Chemnitz für Aufsehen gesorgt. Auch im Ausland wurden die Ausschreitungen beobachtet - mit Argwohn. Das sagt die internationale Presse

Rechtsradikale zeigten bei den Protesten den Hitlergruß und verfolgten ausländisch aussehende Menschen / picture alliance

Autoreninfo

Hier finden Sie Nachrichten und Berichte der Print- und Onlineredaktion zu außergewöhnlichen Ereignissen.

So erreichen Sie Cicero-Redaktion:

NZZ (Schweiz), Marc Felix Serrao
Eine bürgerliche Gesellschaft darf solche Exzesse nicht dulden. Wer meint, auf Menschenjagd gehen zu können, stellt sich ins Abseits. Wer Fremde aufgrund ihrer Hautfarbe bedroht und schlägt, verteidigt nicht die Heimat oder Frauen oder was auch immer. Er überschreitet die Grenze zur Barbarei. Solchen Leuten darf man kein Verständnis entgegenbringen, und man darf ihr Tun nicht rechtfertigen. Man muss sie ächten. Es ist erfreulich, dass sich Menschen fast aller politischen Strömungen – und nicht nur linksgerichtete Demonstranten, wie es in manchen Berichten hieß – den Rechtsextremisten in Chemnitz an diesem Montag entgegengestellt haben. Jeder, der dies auf friedliche Weise tut, verdient Unterstützung. Und jeder, der dabei Maß hält.

Der Standard (Österreich), Birgit Baumann
Die Politik in ganz Deutschland muss Chemnitz als Warnschuss begreifen. Es braucht Gegenstrategien. Und es wäre gut, würde man diese mindestens mit jener Verve und Vehemenz diskutieren, die Teile der Politik aufbringen, wenn es darum geht, wie schnell abgelehnte Asylwerber Deutschland wieder verlassen müssen. 

El País (Spanien), Enrique Müller
Obwohl noch nicht genau bekannt ist, was genau in der Morgendämmerung am Sonntag geschah, beeilte sich die deutsche Regierung, den Mord zu betrauern und die „Belästigung gegen diejenigen, die ein anderes Aussehen oder eine andere Herkunft haben“ zu verleugnen. Der schwere Vorfall am Sonntag belebte erneut die Geister der Fremdenfeindlichkeit im Bundesland Sachsen, wo die rechtsextreme AfD bei den letzten Bundestagswahlen die meisten Stimmen erhielt.

La Repubblica (Italien), Tonia Mastrobuoni
Ständig alarmiert über die Flüchtlinge, schweigt der Innenminister Horst Seehofer (CSU) beharrlich über eines der dunkelsten Ereignisse, die in Deutschland in den vergangenen  Jahren passiert sind. Und wer die 48 Stunden in Chemnitz miterlebt hat, die eine ganze Nation schockiert haben, spricht von „Freizone“, „Versagen der Rechtsstaatlichkeit“ oder „versuchtem Bürgerkrieg“. Jemand erinnert sogar an die Pogrome der Nazis gegen die Juden. Die Demonstranten der vergangenen zwei turbulenten Tage waren Hooligans, Neonazis und Nationalisten, aber auch Kämpfer der populistischen Rechten AfD. Sie zeigten vor den Kameras der ganzen Welt den Hitlergruß. Ihnen gegenüber stand eine überforderte Polizei,  die ungeschickt und hilflosversuchte, die braune Prozession von den Antifaschisten, die demonstrierten, getrennt zu halten – Es ist düster.

Le Monde (Frankreich)
Dieser Fall hat die Spannungen rund um das Migrationsthema in Deutschland wiederbelebt. In Sachsen, einer Region mit nur 4,4 Prozent Ausländeranteil, verurteilte die türkische Bevölkerung „Pogromversuche“. Und dieser Fall steht in einem angespannten politischen Kontext für Bundeskanzlerin Angela Merkel. Sie wird regelmäßig von Kritikern wie US-Präsident Donald Trump beschuldigt, durch die Öffnung des Landes für Migranten zur Zunahme der Kriminalität in Deutschland beigetragen zu haben.

The Times of Israel (Israel)
Rechtsextreme Gewalt gegen Migranten in Chemnitz hat den ex-kommunistischen Osten des Landes als Brutstätte der Fremdenfeindlichkeit wieder ins Rampenlicht gerückt. Extremistische Hooligans haben ihrer Wut auf Ausländer freien Lauf gelassen und einige auf den Straßen gejagt. Die Regierung hat vor einer „Stigmatisierung“ des Ostens gewarnt. Doch eine Flut von Brandanschlägen auf Flüchtlingsunterkünfte und Hakenkreuze an ihren Wänden haben dunkle Erinnerungen an fremdenfeindliche Gewalt zurückgeworfen, die vor über einem Vierteljahrhundert vor der Wiedervereinigung Deutschlands aufflammten.

London Times (Großbritannien)
Deutschland wurde von den schlimmsten rechtsradikalen Unruhen in fast 30 Jahren erschüttert. Die Polizei konnte tausende von Neonazis und rechtsextremen Sympathisanten nicht stoppen, die Migranten durch die Stadt Chemnitz jagten, Flaschen und Feuerwerk schleuderten, Hitler-Grüße zeigten und „Ausländer raus“ skandierten, nicht stoppen konnte.