Andreas Voßkuhle - Merkels Gauck

Schritt für Schritt hatte Angela Merkel die Wahl des neuen Bundespräsidenten anführen wollen. Am Ende sollte der Präsident des Bundesverfassungsgerichts Andreas Voßkuhle Präsident werden. Doch stattdessen erlebte die Bundeskanzlerin das bitterste Wochenende ihrer Kanzlerschaft

Angela Merkel mit ihrem Favoriten für das Amt des Bundespräsidenten: Andreas Voß
(picture alliance) Angela Merkel mit ihrem Favoriten für das Amt des Bundespräsidenten: Andreas Voßkuhle

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Es war um die Mittagszeit am Samstag eines bemerkenswerten Wochenendes, als Angela Merkel die Suche nach einem neuen Bundespräsidenten entglitt. Bis dahin sah es so aus, als habe sie einen Dreh gefunden, die Opposition mit deren eigenen Mitteln zu schlagen. Aber dann rief Andreas Voßkuhle aus Karlsruhe zurück.

Voßkuhle, der Präsident des Bundesverfassungsgerichts, ist die Schlüsselfigur des denkwürdigen Wochenendes im Februar, an dem Merkel erstmals komplett die Kontrolle über ihre Koalition verlor und das Bündnis am Rande des Bruches stand. Andreas Voßkuhle war eine raffinierte Idee von ihr. Er war Merkels Gauck, der Mann, mit dem sie die Reihen des politischen Gegners noch erfolgreicher in Unordnung bringen wollte als keine zwei Jahre vorher Rot-Grün die bürgerlichen Wahlmänner und Wahlfrauen in der Bundesversammlung mit Joachim Gauck.

Einen „iterativen Prozess“ hat die Kanzlerin selbst ihren Wochenendnotdienst, ihre Schnellsuche nach einem neuen Bundespräsidenten genannt. Ein Begriff aus den Naturwissenschaften, und ein Begriff, der Merkels Politikverständnis aufs Trefflichste illustriert. Iterativ kommt von lateinisch „iter“: der Weg, die Reise. Ein iterativer Prozess ist also die Kunst, Schritt für Schritt einer Lösung näher zu kommen. Das genau ist der Kern jedweder Merkel-Politik. Schritt für Schritt einem Ziel näher zu kommen – und die Beteiligten, Partner wie Gegner, auf diesem Weg hin zum Ziel mitzunehmen. Zu ihrem Ziel.

Oft klappt das. Dieses Mal aber hat Merkel an einer Weggabelung die falsche Abzweigung genommen und ist dann im weiteren Verlauf dieses denkwürdigen Wochenendes sehr alleine in die Irre gegangen.
Auf dem Schild, das Merkel an der Weggabelung in die Irre führte, stand: „Andreas Voßkuhle“.

Voßkuhle wird von Merkel geschätzt, nicht nur fachlich, weil sie den Ersten Verfassungsrichter des Landes in ihren regelmäßigen Treffen als einen politisch denkenden Mann kennengelernt hat, der mit jugendlich anmutender Frische auf die Menschen zugehen kann, ohne dabei Würde und Autorität zu verlieren. Vor allem aber hatte Voßkuhle als Kandidat für das Bundespräsidentenamt den Charme, dass ihn die Sozialdemokraten an die Spitze des Bundesverfassungsgerichts gebracht hatten, Rot-Grün sich diesem Vorschlag also schwerlich hätte widersetzen können.

Sie hatte vorher schon beim SPD-Vorsitzenden Sigmar Gabriel sondiert und sich in ihrer Vermutung bestätigt gesehen. Jetzt hätte nur noch ihr Wunschkandidat Voßkuhle mitspielen müssen.
Tat er aber nicht. Nach dem Anruf der Kanzlerin erbat er sich kurze Bedenkzeit und sagte dann ab. Als machtbewusstem Mann dürfte ihm schnell klar geworden sein, dass er stille, echte Macht gegen Pomp und Ohnmacht eingetauscht hätte. So bescherten ein dankend ablehnender Voßkuhle und eine daraufhin dissidente Gauck-FDP der Kanzlerin das bitterste Wochenende ihrer Kanzlerschaft. 

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