Bürgerdialog als TV-Debatte - Wie Merkel den politischen Talk revolutionierte

Die Medienkolumne: Ein PR-Format der Bundesregierung erzielt mehr Medienwirkung als so mancher Polittalk – peinlich für ARD, ZDF und Anne Will. Mit dem „Bürgerdialog“ hat Angela Merkel die öffentlich-rechtlichen Sender vorgeführt

Angela Merkel beim Bürgerdialog in Rostock
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Petra Sorge ist freie Journalistin in Berlin. Von 2011 bis 2016 war sie Redakteurin bei Cicero. Sie studierte Politikwissenschaft und Journalistik in Leipzig und Toulouse.

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Zugegeben, selbst nach Jahrzehnten konnte die Medienwirkungsforschung – ein sperriges Wort und eine wabbelige Wissenschaft obendrein – nicht nachweisen, dass Medien Effekte haben. Das wäre wohl noch lange so weitergegangen, hätte es nicht das Flüchtlingskind Reem gegeben.

Die 14-Jährige brach in einer Rostocker Schule in Tränen aus, als sie Angela Merkel von ihrer drohenden Abschiebung berichtete. Die Bundeskanzlerin streichelte sie, sie habe das doch „prima“ gemacht – ohne zu begreifen, dass wohl nicht der TV-Auftritt des Mädchens, sondern der unsichere Ausgang des Asylverfahrens der Grund seiner Trauer war.

Das Video wird zum Youtube-Hit, Zeitungen und Onlineseiten berichten, das Bundespresseamt manipuliert die eigene Meldung nachträglich. Der Rostocker Bürgermeister verspricht, die Abschiebung auszusetzen, die Flüchtlingsbeauftragte Aydan Özoguz schaltet sich ein, SPD-Fraktionschef Thomas Oppermann drängt auf ein Einwanderungsgesetz, das Kind und ihre Familie scheinen gerettet. Wann hat ein Fernsehbericht zuletzt schon einmal eine solch nachhaltige Wirkung gehabt? (Und nein, der #Varoufakefake-Finger war keine Sternstunde politischer Debatten.)

Reem hat Merkel bis auf die Knochen blamiert – das gelingt nur wenigen Journalisten. Sie hat Politik wieder spannend gemacht, nahbar, emotional.

Ihr Fall ist aber nicht nur geeignet, die deutsche Einwanderungspolitik in Frage zu stellen. Reem hat auch die deutsche Talkshowkultur vorgeführt – oder das, was davon noch übrig ist.

Am Mittwochabend versuchte sich Anne Will an diesem Thema. „Merkel und das Flüchtlingsmädchen – ist Deutschland zu unbarmherzig?“ lautete der Titel dieser Sendung. Reem selbst war nicht eingeladen – und auch sonst kein Flüchtling. Kein Betroffener. Stattdessen saßen dort überwiegend Politiker.

Bürgerdialog als PR-Gag
 

Dass das Land endlich einmal über die Nöte einer konkreten Flüchtlingsfamilie statt nur über Quoten und Abschiebeverfahren spricht, das also ist nicht den Talkshowmoderatoren, Intendanten und Großkopferten in den Sendeanstalten zu verdanken, sondern ausgerechnet Angela Merkel, oder besser: ihrem Sprecher, Steffen Seibert, der sich die Sache mit ausgedacht hat: den Bürgerdialog „Gut leben in Deutschland“.

Das Format stammt aus den USA. Dort stellen sich Politiker in „Town Hall Meetings“ regelmäßig den Fragen des Publikums, das je nach Zielgruppe auch die Themen vorgibt. Ein Moderator unterstützt, hakt nach, so wie das idealtypisch auch bei Reem und Merkel funktioniert hat. Regelmäßig lässt sich so Barack Obama auf den Zahn fühlen, bei der Einwanderungspolitik etwa von Latinos – also von Leuten, die wirklich betroffen sind von der Politik, und nicht von Showbiz-Moderatoren, die mitunter Top-Gehälter einstreichen und weit weg sind von den konkreten Problemen der Menschen.

Der, der Politik macht, wird mit jenem konfrontiert, den sie betrifft: Das „Town Hall Meeting“ hätte auch in Deutschland das Potenzial, politische Fernsehdebatten zu revolutionieren.

Aber dieser „Bürgerdialog“ der Bundesregierung ist bislang, man muss es klar sagen, nichts als ein PR-Gag. Es geht darum, Merkel und ihr Kabinett noch besser zu vermarkten, sie beim Wähler noch beliebter zu machen.

ARD und ZDF lassen sich von der Politik vorführen
 

Umso peinlicher ist es, dass nicht die öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalten diese Idee nun zum Erfolg führen, sondern die Bundesregierung. ARD und ZDF fassen das „Publikum“ immer noch viel zu oft mit spitzen Fingern an: der „Bürger“ darf per Facebook oder Twitter seine Meinung äußern, als Zaungast im Studio sitzen und für zwei, drei Minuten seinen Fall referieren, oder in einer Straßenumfrage sein Sätzchen ins Mikro sagen. Die viel beschworene Programmreform bei den ARD-Talkshows sieht so aus, dass man Günter Jauch absetzt – und sonst alles beim Alten lässt. Das heißt, wie bei Anne Will: Politiker und Verbandsvertreter geben weiterhin ihre Formeln ab. Während der Bürgerdialog Quote macht, lässt sich das öffentlich-rechtliche Fernsehen von der Politik vorführen.

Dabei birgt das „Town Hall“- Format enorme Chancen. Man kann eine solche Sendung noch so durchinszenieren, es bleibt immer eine Ungewissheit: Man weiß nicht, wie die Bürger vor der Kamera ticken. Ob sie nörgeln, wüten oder in Tränen ausbrechen. Ihnen ist die Plastiksprache des politmedialen Betriebes fremd. Gerade das macht das Format so spannend und authentisch.

Es ist umso bemerkenswerter, dass das Bundespresseamt die Kanzlerin diesem Risiko ein zweites Mal ausgesetzt hat. Denn es gab schon einmal eine Situation, in der ein Bürger Merkel ins Schlingern brachte. Das war 2013, in der ARD-Wahlarena, einer der seltenen Momente, in denen öffentlich-rechtliche Gremienvertreter Bürger ans Mikro ließen. Da fragte Patrick Pronk aus Worpswede, den das Magazin Cicero im Juli porträtiert, Merkel, warum er als Homosexueller keine Kinder adoptieren dürfe. Dreimal hakte er nach. Die Kanzlerin sagte, dass sie sich unsicher sei: „Ich sage Ihnen ganz ehrlich, dass ich mich schwertue mit der kompletten Gleichstellung.“

Es sollte eine der wenigen Sätze werden, die man Merkel bis heute vorhalten kann.

Die Juli-Ausgabe des Magazins Cicero trägt den Titel „Das teure Versagen von ARD und ZDF“ und widmet sich ebenfalls den Problemen der öffentlich-rechtlichen Sender. Gleich hier bestellen.

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