Luftaufnahme von Biebesheim
Bis vor Kurzem schien im hessischen Biebesheim die Welt noch in Ordnung / picture alliance / | Thomas Muncke

Brandmäuerchen in der Provinz - CDU: Basis gegen Politprofis

In einer Gemeinde in Südhessen haben es die Gemeindevertreter der CDU gewagt, mit der AfD zu stimmen, und so der Partei einen Sitz im Gemeindevorstand verschafft. Nun droht Ungemach – und ein Konflikt zwischen Basis und Funktionären der Union.

Alexander Grau

Autoreninfo

Alexander Grau ist promovierter Philosoph und arbeitet als freier Kultur- und Wissenschaftsjournalist. Zuletzt erschien von ihm „Die Zukunft des Protestantismus“ bei Claudius.

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Kennen Sie Biebesheim? Vermutlich eher nicht – außer Sie kommen zufällig aus dem Rhein-Main-Gebiet oder der Gegend um Mannheim oder Ludwigshafen. Biebesheim – das für alle Ortsunkundigen – ist ein Örtchen südwestlich von Darmstadt im hessischen Ried, einem alten Sumpfgebiet, das im Zuge der Rheinbegradigung erschlossen wurde. Die größte Sehenswürdigkeit ist hier der Kühkopf, eine durch einen Arm des Altrhein entstandene Insel, die zum Naturschutzgebiet erklärt wurde.

Biebesheim liegt auf der rechten, der hessischen Rheinseite. Gegenüber liegt das pfälzische Rheinhessen. Etwas rheinaufwärts findet man Worms – dort wo sich schon Brünhild und Kriemhild stritten. Die Ortsnamen enden hier meist auf -heim: Bechtheim, Mettenheim, Alsheim, Gundersheim, Framersheim, Griesheim, Gernsheim. Viele Menschen dort arbeiten in den angrenzenden Wirtschaftszentren. Die Industrialisierung und später die Aufschwungsjahre der Bundesrepublik haben für einen behaglichen Wohlstand gesorgt.

Doch nun droht der Idylle am Rhein Ungemach. Begonnen hat alles im März. Bei der Kommunalwahl war die AfD erstmals in Biebesheim angetreten und hatte umgehend 20,1 Prozent der Stimmen erhalten – drittstärkste Kraft hinter SPD und CDU.
Die Gemeindevertretung des Rheinörtchens besteht aus 31 Mitgliedern. Diese wählen, wie in so vielen Gemeinden, den Gemeindevorstand. Bei der konstituierenden Sitzung der Gemeindevertretung hatten SPD, Grüne und Freie Wähler zunächst eine gemeinsame Liste für den Gemeindevorstand vorgelegt. CDU und AfD reichten daraufhin jeweils eigene Listen ein. Nach einer Sitzungsunterbrechung sei dann – so wird berichtet – eine gemeinsame Liste von CDU und AfD vorgelegt worden. Ergebnis: Ein Mitglied der AfD sitzt nun im Gemeindevorstand, gewählt auch mit Stimmen der CDU. Auweia.

Ausgrenzung funktioniert hier ungleich schlechter als in den Städten

Man ist versucht, das ganze Procedere als Provinzposse abzutun. Und in gewissem Sinne ist sie das ja auch. In einer Großstadt wäre Vergleichbares vermutlich nicht passiert. Aber der Vorgang zeigt, wo das Problem der CDU und ihrer Brandmauer liegt. Denn sowohl soziokulturell als auch inhaltlich – insbesondere auf dem Land – liegen CDU und AfD inhaltlich bei weitem nicht so weit auseinander, wie es die CDU-Führung in Berlin gerne darstellt. Hinzu kommt, dass man sich auf dem Dorf in der Regel über Jahrzehnte kennt, vielleicht schon gemeinsam auf die Schule gegangen ist oder auf der Kerb zusammen gefeiert hat. Ausgrenzung funktioniert hier ungleich schlechter als in den Städten.

Und so kam es, dass die Vertreter der örtlichen CDU ihren instinktiven politischen Reflexen folgend die Partei mitwählten, mit der sie inhaltlich am meisten verbindet – und deren Anhänger vermutlich noch vor wenigen Jahren CDU gewählt haben. Man muss es als Ausdruck ungekünstelter Basispolitik verstehen. Doch genau diese unverkrampfte und auch ehrliche Politik der Basis kam bei den Profis der Parteiführung überhaupt nicht gut an. Erheblichen Gegenwind gab es schon auf der Ebene des zuständigen Kreisverbandes. Der teilte mit: „Das offensichtlich spontane Verhalten einiger Mitglieder der CDU-Fraktion in Biebesheim ist unabgestimmt erfolgt und wird unmittelbare Konsequenzen haben. (…) Bei allen aktiv beteiligten Personen wurde durch den Kreisvorstand unverzüglich ein Parteiausschlussverfahren eingeleitet.“

Man muss es sich in Ruhe vor Augen führen. Da stimmen die CDU-Gemeindevertreter eines 6500-Seelen-Dorfes mit ihren Nachbarn von der AfD, der Kreisverband läuft Amok und bekommt dabei selbstredend Rückendeckung von der Landes-CDU. „Es ist richtig, dass vor Ort unmittelbar und konsequent gehandelt wird“, so CDU-Hessen-Generalsekretär Leopold Born auf Anfrage des Hessischen Rundfunks.

Wer diese Wähler ausgrenzt, grenzt das eigene Wählermilieu aus

Ganz offensichtlich haben wir es hier mit dem Zusammentreffen zweier Politikmilieus zu tun: Basis versus Politprofis. Wer sich häufiger mit einfachen Mitgliedern von CDU und FDP unterhält, weiß, dass dort die Brandmauer nicht von allen als sinnvoll erachtet wird – und vielen konkret vor Augen steht, dass die AfD Fleisch vom eigenen Fleische ist. Die meisten AfD-Wähler standen noch vor wenigen Jahren plaudernd an den Wahlständen von CDU oder FDP. Wer diese Wähler ausgrenzt, grenzt das eigene Wählermilieu aus.

Doch auf der Funktionärsebene spielt man noch immer Brandmauer – auch wenn das die AfD immer stärker macht, da die Leute in ihrem verzweifelten Wunsch nach einem Politikwechsel die CDU zu einem Überdenken ihrer unglücklichen Strategie förmlich zwingen sollen. Doch auf der Ebene der Politprofis und Berufspolitiker verhallt der Hilferuf der ehemaligen CDU- und FDP-Wähler folgenlos. Hier hat man sich einmal, getrieben von Medien und NGOs, auf den Brandmauer-Kurs festgelegt und hofft anscheinend, dass ganz einfach ein Wunder geschieht.

Eine Partei, die dermaßen kopflos und ohne jedes Gespür für die eigene Basis agiert, hat es nicht anders verdient, als in den Umfragewerten immer weiter abzurutschen. Bei der letzten INSA-Umfrage kam die CDU auf 23,5 Prozent, die AfD auf 28,0. Dass man dennoch weiter Kurs hält, entspringt weniger echter Überzeugung, sondern schlichter Verzweiflung. Aber vermutlich ist es für eine Kursänderung ohnehin zu spät.

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Hans Jürgen Wienroth | Di., 28. April 2026 - 14:18

Die große Frage ist, ob die Vertreter von SPD, Grüne und Freie Wähler ggf. signalisierten, keinen Gemeindevorstand von CDU und AfD wählen zu wollen. Dann hätten die CDU-Mitglieder quasi „in Notwehr“ gehandelt, um im Vorstand ebenfalls vertreten zu sein. Bei linken Parteien ist alles möglich.

Markus Michaelis | Di., 28. April 2026 - 14:58

Eines der Probleme ist, dass mit 20-30% AfD im Moment Politik und gesellschaftlicher Diskurs links sind, weil im Nicht-AfD-Bereich die Mehrheitsverhältnisse so sind. Das linke Lager sagt aber nicht, dass man zur Eindämmung den konservativ-rechten Bürgern und Politikern entgegenkommen müsse, sondern im Gegenteil, wird das als "der AfD hinterherlaufen" erst recht abgelehnt. Es bräuchte dann ein Einsehen des rechts-konservativen Teils der Bevölkerung, dass sie auf dem falschen Kurs waren und jetzt auch bei den universell-menschlichen, richtigen Richtungen mitmachen wollen. Das wäre allerdings ein Wunder, wenn das so käme, weil die Meinungen, was universell richtig ist, doch weit auseinander gehen.

Andererseits: die AfD wird auch keine 50% bekommen und irgendein Wunder wird passieren, weil Deutschland sich auch nicht einfach auflösen wird. Wir wissen nur noch nicht welches Wunder in welche Richtung passieren wird. Nur dass irgendwas Neues/große Änderungen kommt, scheint wahrscheinlich.

"Nur dass irgendwas Neues/große Änderungen kommt, scheint wahrscheinlich."
Nach dem, was heute in welt.tv zu erfahren war, könnte man zugespitzt formulieren, dass eigentlich nur noch die gemeinsame Gegnerschaft zur AfD die "GROßE KOALITION" stabil hält. Und zwar, weil befürchtet wird, was nach der Regierung Klingbeil kommen wird (letzte Patrone und son Zeugs). Man soll die Hoffnung nie verlieren, dass soch noch Realisten in der Union begreifen, wer ihr eigetlicher Gegner ist. Ja, die AfD hat die CDU zum Feind deklariert, stimmt, aber das war eine REaktion auf feindseliges Verhalten der Unionsführung unter Merkel.
Bis heute hält die Union an diesem unsinnigen Diktum fest; an Dummheit, Sturheit und , ja, Verzweiflung nicht zu überbieten.

Ja, die Reaktionen der Gesellschaft/CDU auf die AfD, und zwar von Anfang an, schon auf eine Lucke, Petry etc., AfD waren realitätsfremd überzogen. Die alte Gesellschaft versucht hier an etwas festzuhalten, eine reine Weltsicht aufrecht zu erhalten, was nicht aufrecht zu erhalten ist, weil sich Welt und Gesellschaft dafür zu sehr und zu schnell ändern. Das tun sie ohnehin, aber in manchen Dingen auch beschleunigt, durch eigene Herzensprojekte, die eben mehr Offenheit und Vielfalt in die Gesellschaft bringen (durch EU, Migration und einiges mehr). Alte Gleichgewichte und Sichtweisen werden sich da kaum halten lassen.

Allerdings halte ich es auch für eine Illusion zu glauben, dass eine AfD-CDU-Regierung funktionieren würde oder damit eine Mehrheit zufrieden wäre. Im Moment gibt es keine Mehrheiten für nichts. Jede Regierung wäre nur ein Kompromiss, der >50% zusammenbekommt, die auf Zeit nicht allzutief übereinander erschüttert sind.

Alex | Mi., 29. April 2026 - 11:52

Antwort auf von Markus Michaelis

Eine AfD-Union-Koalition würde funktionieren, wenn die CDU sich von den linken Merkelianer trennt, die haben ohnehin nichts in Union zu suchen. Auch wäre die Bevölkerung damit mehrheitlich zufrieden, nur eine solche Regierung (oder eine AfD Alleinregierung) die Probleme des Landes lösen, mit allen anderen Konstellationen, geht das Land den Bach runter, je weiter links, desto schneller.

Ihre Analyse zur Reaktion der Gesellschaft & der Union auf die AfD ist falsch. Es ist die AfD, die erhalten will, nicht die Union, schon gar nicht Grüne, SED/PDS/Linke, SPD. Die AfD vertritt das, was die CDU vor Merkel und die SPD zu Schmidts Zeiten vertreten haben, sie vertritt die Werte der konservativen deutschen Bonner-, statt der buntlinken Berliner-Republik.

Die „Brandmauer“ dient einzig dem Machterhalt der linken Parteien, sie schließt das konservative Spektrum der Demokratie von der politischen Teilhabe aus. Damit ist sie zutiefst antidemokratisch genau wie alle, die an ihr festhalten!

Günther | Di., 28. April 2026 - 15:01

von heute (28.04.26) kommt die CDU nur noch auf 22% , die AfD auf 27%. Die Union liegt damit bereits 5% hinter der AfD.
Und in RLP will der abgewählte Landtag der AfD noch schnell das Recht auf die Einsetzung eines Untersuchungsausschusses nehmen, die Quote soll von 20% auf 25% erhöht werden. Auch darauf werden die Wähler mit weiter wachsenden Zustimmungswerten zu Gunsten der AfD reagieren.

Ingo Frank | Di., 28. April 2026 - 16:57

Antwort auf von Günther

Warten wir erst einmal die schwarz roten Segnungen der so gewollten „Reformen“ ab was dann passiert..
mit freundlichen Gruß a d Erfurter Republik

Ingo Frank | Di., 28. April 2026 - 16:53

Kindergarten auf Vorschlag der AfD erfolgt oder nicht, Ist den Kindern & Eltern pip egal. Die Hauptsache isr, die Kinder können wieder vernünftig aufs Klo gehen…….
Mit besten Grüßen aus der Erfurter Republik

S. Kaiser | Di., 28. April 2026 - 16:54

Die Union ist unrettbar gespalten und wird sich nicht mehr „reunieren“ können. Das ist der Preis ihrer politischen Kurzsichtigkeit und ihres Opportunismus jemanden wie Merkel 16 Jahre getragen zu haben. Nun sind ihre Reihen zT voll mit grün-affinen Merkelianern, die den Abbau der Brandmauer niemals tolerieren werden. Und man sollte sich nicht täuschen: es gibt auch in der Fläche, also auf kommunaler Ebene (aber vermutlich mehr im Westen), CDU-ler, die die AfD ganz ÖRR-konform ablehnen und auf eine Brandmauer eingeschworen sind.
Die „Parteien der Mitte“ haben sich mit ihrer dämlichen Brandmauer nun selbst so in eine Sackgasse hineinmanövriert, dass sie nicht mehr rauskommen. Mit ihrer „Kontaktschuldlogik“ überträgt sich nämlich die „Kontamination“ auch von der CDU weiter zur SPD. Denn auf linker Seite mag man Merz genauso wenig, den man als Reaktionären wahrnimmt, und mit „dessen“ CDU man keine Koalition will. Da wählt man eher die Linke als die SPD und geht so kein Risiko ein.

Merkel hat die CDU zu einer überflüssigen Partei gemacht, sie ist weder Fisch noch Fleisch, Merz hat daran nichts geändert.

Mir ist es ein absolutes Rätsel, daß die Union mit 22-23% immer noch zweitstärkste Partei ist. Wer wählt noch CDU? Wofür steht die CDU? Wortbruch und Beliebigkeit, wen überzeugen diese „Inhalte“? Wer „echte“ linke Politik will, wählt, SPD, wer linksextreme Politik will, wählt SPD, Grüne oder SED/PDS/Linke, wer konservativ will, kann nur AfD wählen.

Ergo, die die nicht wissen, was sie wollen oder zu dumm sind zu begreifen, daß die CDU seit Jahren keine konservative Politik mehr macht, wählen CDU!

Ich frage mich, wie stark die AfD noch werden muß, bis sich die Union von der „Brandmauer“ und von ihren Merkelianern distanziert. Eine Aufteilung der CDU wäre ebenfalls denkbar, der linke Teil geht zu SPD/Grüne, der rechte Teil zu Wertunion/AfD, das würde zumindest Klarheit schaffen und es wäre ein weiterer Schritt in Richtung einer linken „Einheitspartei“.

Thomas Veit | Mi., 29. April 2026 - 10:57

Antwort auf von Alex

...die die sie schon immer gewählt haben..., aus Gewohnheit, in den west-westlichen 'Zohnenrandgebieten'... - ohne Internetzanschluss... ...

/Ironie, nicht 100% ernst gemeint, nur 98%

richtig muss es heißen:
"in den informellen! west-westlichen 'Zohnenrandgebieten'... " - KEIN Nius... und auch KEIN Cicero o.ä. ....

Urban Will | Di., 28. April 2026 - 20:32

verständlich gesagt, dass „nur mit der SPD“ weitergemacht werde. Er war sogar so dumm, zu vergessen, dass es zumindest mit der FDP, sollte sie zurückkehren, noch eine Partei diesseits seiner dummen Brandmauer geben könnte. Aber diese Kanzler-Karikatur hat in seinem Wahn wohl noch nicht einmal das mehr auf dem Schirm.
NIUS hat dies sehr trefflich den „Merz-Befehl“ genannt. In Anspielung auf einen Befehl mit Namen „Nero“... den zu erwähnen wohl die mimosenhafte Zensur – KI dieses Magazins nun zum Anlass nimmt, diesen Beitrag zu streichen...
Man darf aber feststellen: der Kanzler möge gelogen haben, dass sich die Balken biegen, in einer Sache blieb er ehrlich und wird es bleiben: er wird nie mit den Blauen zusammenarbeiten.
Da, wo eine „Lüge“ wohl der einzige Weg wäre, dieses Land endlich zu verändern, endlich eine andere Politik zu machen, bleibt er konsequent.
Zumindest sollten seine Klatschhasen so langsam mal wissen, dass die näher kommenden Einschläge ebenfalls echt sind.

Das ist so, es liegt aber nicht daran, daß er (teil-)ehrlich wäre, sondern daran, daß er sich durch seine Feigheit leiten läßt. Er war/ist zu feige sich gegen die Linksfront zu positionieren und die Inhalte umzusetzen, die er vor der Wahl versprochen hat. Er ist zu feige sich gegen die Linksfront aus Grünen, SED/PDS/Linke, SPD, NGO und ÖRR zu stellen und die antidemokratische „Brandmauer“ im Sinne des Landes und seiner Bürger zu überwinden. Feigheit ist seine Triebfeder!