Boris Johnsons Verrat an David Cameron - Die blonde Bombe

Einst waren sie gemeinsame Studienfreunde, seit vergangenen Sonntag sind sie erbitterte Gegner. Da hatte sich der Londoner Bürgermeister Boris Johnson für einen Brexit ausgesprochen und war damit seinem Parteichef David Cameron in den Rücken gefallen. Beim Referendum am 23. Juni wird auch entschieden, ob Johnson neuer Premierminister wird

Als sich Boris Johnson auf die Seite der Brexit-Befürworter schlug, war ihm die mediale Aufmerksamkeit sicher.
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Tessa Szyszkowitz ist Londoner Korrespondentin des österreichischen Wochenmagazins Profil. Im September 2018 erschien „Echte Engländer - Britannien und der Brexit.". Foto: Alex Schlacher

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Tessa Szyszkowitz

„Steck dein Hemd in die Hose, Boris!“ rief ein Hinterbänkler, noch bevor Boris Johnson seine Stimme erhoben hatte. Im House of Commons ging es am Montagnachmittag bei der EU-Debatte über den in Brüssel erzielten Reformkompromiss hoch her. Der britische Premierminister David Cameron mühte sich redlich, den Abgeordneten Rede und Antwort zu stehen. Auffällig dabei war, dass die meisten Kritiker seines nunmehr pro-europäischen Kurses in den eigenen Bänken saßen. Am prominentesten unter ihnen: der tollpatschige Volkstribun Boris Johnson. „Wie genau bekommen wir unsere Souveränität zurück?“, fragte der Londoner Bürgermeister seinen Regierungschef scheinheilig. „Wir bekommen die Macht über unsere Sozialleistungen zurück“, rief dieser. Da schüttelte der 51-jährige EU-Skeptiker süffisant lächelnd den hellblonden Wuschelkopf.

Boris Johnson genießt sein politisches Leben zur Zeit ganz besonders. Am Wochenende war David Cameron siegreich aus Brüssel heimgekehrt und hatte Kabinett und Volk das Reformpaket aus der EU-Hauptstadt präsentiert. Die meisten seiner Forderungen hatte der konservative Brite durchgesetzt. Cameron verkündete, die Briten am 23. Juni über Brexit oder Bre-Main, einen Ausstieg oder einen Verbleib in der Europäischen Union, abstimmen zu lassen. Er selbst will die Briten in der EU halten. Prompt entschloss sich Johnson, die Kampagne für einen Brexit anzuführen. Per Textnachricht informierte er seinen Parteifreund am Sonntagnachmittag darüber, dass er ihm in den Rücken fallen werde. Neun Minuten nach seiner Nachricht trat Johnson vor sein Haus in Nordlondon und sprach: „Ich will einen besseren Deal für die Leute in diesem Land.“

David Cameron will keine dritte Amtszeit mehr
 

Seit dieser „blonden Bombe“ (The Sun) steht die politische Szene in London Kopf. Trotz aller drängender Fragen scheint sich alles nur um die Zukunft von „BoJo“ zu drehen, wie der zappelige Bürgermeister von vielen verniedlichend genannt wird. Sogar sein Namensvetter Alan Johnson, der für Labour die proeuropäische Kampagne anführt, grinste im Parlament: „Ich enthalte mich jetzt mal der Frage an den Premierminister, ob er nicht auch glaubt, dass Blonde mehr Spaß haben…“

Dabei geht es niemandem hier um reines Amüsement. Boris Johnson hat kühl kalkuliert, auf welche Seite der EU-Debatte er sich stellen soll. Bisher halten sich EU-Feinde und EU-Freunde die Waage mit einer leichten Tendenz zu einem Verbleib in der EU. Es dürfte dem schelmigen Stadtvater allerdings weniger um die Vorteile einer Mitgliedschaft in der Europäischen Union als um seine persönliche Zukunft gehen. David Cameron hat angekündigt, keine dritte Amtszeit mehr anzustreben. Als designierter Nachfolger gilt sein bisheriger Schatzkanzler George Osborne. Gewinnt Cameron das EU-Referendum, dann ist sein treuer Thronfolger so gut wie bestellt – außer Labour gewinnt die nächsten Wahlen, was derzeit unter dem Vorsitz von Linksaußen Jeremy Corbyn so gut wie ausgeschlossen scheint.

Boris Johnson alias „BoJo“
 

Boris Johnson aber ist ab 5. Mai nicht mehr Bürgermeister Londons und braucht einen neuen Posten. Cameron hat ihm das Außenministerium oder Verteidigungsministerium angeboten, sollte Mister Mayor sich in die proeuropäische Kampagne einreihen. Das enfant terrible unter den britischen Konservativen aber hat schlau kombiniert: Als Neo-Minister hätte er nicht genug Zeit, sich gegen Osborne zu profilieren. Zumal sich bereits Innenministerin Theresa May, die einzige weibliche Konkurrentin von Gewicht, hat breitschlagen lassen, ihre euroskeptische Haltung vorerst nicht öffentlich zu bekunden. Die einzige Rolle, die dem schlauen Hanswurst der Tories deshalb lukrativ erscheint, ist die des Herausforderers. Stimmen die Briten im Juni für einen Ausstieg aus der EU, dann wird Cameron vermutlich zurücktreten. Die Bahn wäre frei für „BoJo“.

„BoJo bringt uns Mojo“, dichtete auch gleich der einzige Abgeordnete der EU-feindlichen UKIP-Partei, Douglas Carswell: Johnson sei ein Glückbringer. Sein Votum für das „Brexit“-Camp allein zählt mehr als die sechs Kabinettsmitglieder zusammen, die ihrem Parteifreund und Regierungschef in den Rücken gefallen sind. Justizminister Michael Gove ist der prominenteste unter ihnen, doch selbst der ist weit weniger populär als der ehemalige Journalist. Johnson war unter anderem Brüssel-Korrespondent der konservativen britischen Tageszeitung Daily Telegraph von 1989 bis 1994. Wie ernst Bojos Brexit-Entscheidung ist, lässt sich daran erkennen, dass das Pfund erst mal zwei Prozent seines Werts gegenüber dem Dollar verlor.

Der Brexit könnte Johnson zum Verhängnis werden
 

David Cameron schien seine Worte während der EU-Debatte im House of Commons immer wieder indirekt an den rundlichen Blondschopf auf den Hinterbänken zu richten: „Ich habe ja keine Karrierepläne mehr, mir geht es nur um das Wohl der Briten.“ Johnson dagegen ist erst seit 2015 Abgeordneter der englischen Stadt Uxbridge westlich von London. Den Job im Parlament organisierte ihm Cameron in der Hoffnung, Johnson würde sich als Minister auf seine Seite in die Referendums-Schlacht werfen. Seit ihren gemeinsamen Studientagen in Oxford herrscht zwischen den beiden Konservativen eine Art Freundschaft. Und ein Konkurrenzverhältnis erster Klasse. Sie soffen bereits Ende der Achtzigerjahre im berüchtigten Bullingdon Club um die Wette. Alexander Boris de Pfeffel Johnson aber kennt keine Loyalität und bedankt sich jetzt beim zwei Jahre jüngeren Cameron erst mal mit Verrat.

So wird aus BoJo nun BoGo, wie John Crace im linksliberalen Guardian höhnte: „Hätte er nicht gleich sagen können, dass er Regierungschef werden will anstatt so zu tun, als kümmerte es ihn, ob Britannien in der EU ist oder nicht?“ Johnson nimmt jetzt das größte Risiko seiner Karriere auf sich: Stimmen die Briten für den Brexit, dann wird er voraussichtlich Premierminister. Der proeuropäische Kommentator Hugo Dixon nennt Johnson „einen meiner ältesten und engsten Freunde“. Bekümmert stellt er fest: „Wenn Boris die Risiken eines Brexit weiter runterspielt, dann könnte ein Sieg sein größter Albtraum werden.“ Er müsste dann den Exit der Briten aus der EU aushandeln: „Das könnte eine potenziell traumatische Scheidung werden.“

Allerdings. Denn die EU würde den Briten weder einen leichten noch einen profitablen Ausstieg ermöglichen. Schließlich gälte ein Brexit sonst schnell als Vorlage für weitere Abgänge. Die EU ist wegen der Euro-Schwäche und der Flüchtlingsfrage ohnehin schon in der tiefsten Krise ihrer Existenz. Renegaten werden den Zorn der EU-Mitglieder zu spüren bekommen. Sollten die Briten für den Brexit stimmen und Boris Johnson als Camerons Nachfolger eben diesen aushandeln müssen, könnte ihm sein Sieg bald leid tun.

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