Islamfeindlichkeit - Bildung schützt vor Torheit nicht

Fremdenfeindliche Vorurteile nehmen besonders in höheren Einkommensschichten zu, besagt die neueste Studie „Deutsche Zustände“ einer Bielefelder Forschergruppe. Die Studie ist Teil der Langzeitstudie „Gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit in Deutschland“ und untersucht seit 2002 mit zehnjähriger Laufzeit die Entwicklungen und Ursachen von Vorurteilen. Professor Andreas Zick, einer der Initiatoren der Studie, spricht im Interview über Islamfeindlichkeit, Integration und die Rolle der Bildung.

Merkez Moschee in Duisburg
() Vor der Merkez Moschee in Duisburg demonstrieren knapp 5000 Menschen gegen Islamfeindlichkeit.

Die von Ihnen herausgebrachte Studie trägt den Untertitel „Unruhige Zeiten“. Wie unruhig sind die Zeiten wirklich?
Die Zeiten sind unruhig, da wir weiterhin eine große Anzahl von Menschen haben, die sich von der Krise bedroht und betroffen fühlen. Zweitens sind die Zeiten insofern unruhig, als wir den Anstieg bestimmter Vorurteile feststellen können. Das sind für uns Indikatoren, die signalisieren: Hier in der Gesellschaft stimmt was nicht.

Vor allem in den höheren Einkommensgruppen steigt die „Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit“. Worauf ist das zurückzuführen?
Erstens: Menschenfeindlichkeit steigt in höheren Einkommensgruppen. Zweitens: Sie steigt bei denen, die von der Krise bedroht sind. Drittens: Sie steigt in der Mitte und am linken Rand. Das sind die drei erkennbaren Effekte. Generell gilt: Je niedriger mein Status ist, je niedriger meine Bildung ist, umso stärker neige ich zur Abwertung. Aber: In der einkommensstärkeren Gruppe gibt es eben einen deutlichen Anstieg. Das ist ein messbarer Effekt.

Kommt es zu einer Radikalisierung der Mitte?
Unsere Untersuchungen gehen von einer Grundidee aus: Menschenfeindlichkeit heißt, ich betrachte andere Gruppen als nicht gleichwertig. Dann sehen wir tatsächlich in der Umfrage, dass Menschen, die sich politisch in der Mitte verorten, einen höheren Wert bei Fremdenfeindlichkeit und insbesondere bei der Islamfeindlichkeit aufweisen. Insofern könnte man von einer Radikalisierung sprechen, weil die Menschen in der bürgerlichen Mitte und rechts wie links der Mitte eigentlich die Garanten für Toleranz sind. Gerade dort sind aber deutliche Anstiege festzustellen. Die Zunahme von Vorurteilen muss vor dem Hintergrund der gesellschaftlichen Debatten gesehen werden. Die Diskussion um Hartz IV im Februar 2010 bzw. die große Integrationsdebatte. Diese Debatten spiegeln sich in den Einstellungsmustern wider. Es gibt in der Mitte Menschen, die Einstellungen aufgreifen, die generell andere Gruppen abwerten.

Ist es nicht eine erstaunliche Erkenntnis, dass sich Ressentiments ausgerechnet in der bürgerlichen Mitte manifestieren, in einer Gesellschaftsschicht, die zuvorderst mit Aufklärung und Bildung in Verbindung gebracht wird? Bedeutet dies im Umkehrschluss, dass Bildung nicht vor Vorurteilen schützt?
Nein, schützt sie nie. Bei offenen Vorurteilen gibt es zwar starke Bildungseffekte, schaut man aber in den subtilen Bereich der Vorurteile hinein, ergibt sich ein anderes Bild. Mit subtil ist der Bereich der versteckten Vorurteile gemeint, nach dem Prinzip: „Ich hab ja nichts gegen, aber...“ Man wertet die andere Gruppe nicht ab, man spricht ihr aber auch nichts Positives zu.

Bildung scheint ein von allen Seiten gepriesenes Allheilmittel zu sein. Wenn das jetzt nicht mehr hilft, welche Gegenmaßnahmen können dann getroffen werden?
Der reine Bildungseffekt verschwindet. Wir wissen, dass Bildung per se nicht viel Nutzen bringt. Entscheidend ist die Art der Bildung. Politische Bildung, Demokratiebildung und Erziehung kommen fast gar nicht mehr vor. Wir bauen Bildung immer mehr auf bestimmte Anhäufungen von Wissen auf. Gegen Vorurteile brauchen wir aber vor allem starke Normen. Ich plädiere dafür, dass man sich mit dem Islam kritisch auseinandersetzt. Es muss über Integrationsdefizite gesprochen werden. Aber wir brauchen auch eine Norm, die sagt, dass Muslime nicht leichtfertig verdächtigt werden dürfen.

Islamfeindlichkeit steigt auch links der Mitte. Warum sind derartige Ressentiments auch im linken Spektrum angekommen?
Auffällig ist, dass die Islamfeindlichkeit bei Menschen, die sich selbst als links bezeichnen, zwischen 2009 und 2010 bedeutsam angestiegen ist. Es scheint so zu sein, dass im linken Spektrum auch die Normen brüchig geworden sind. Dass man zwar meint, man sei tolerant, aber dann leichtfertig Aussagen zustimmt, die ein anderes Bild zeichnen. Auch Kriseneffekte spielen eine Rolle. Krisenbedrohung kann meine Norm, mich für andere einzusetzen, aushebeln.

Wie islamfeindlich ist Deutschland im europäischen Vergleich?
Deutschland fällt sehr stark auf, bei den Ressentiments gegenüber Muslimen und dem Islam. Wir haben es nicht geschafft, positive Einstellungen zu entwickeln. Lediglich 17 Prozent meinen, dass der Islam gut zu unserer Kultur passt. Wir haben es nicht geschafft den Islam, die Muslime als einen denkbaren Teil unserer Kultur zu betrachten. Dass dies in Deutschland nicht erreicht wurde, ist sehr auffällig. Ein Faktor in Deutschland ist der deutsche Autoritarismus, der Versuch, Integration durch Regeln und Gesetze zu bewerkstelligen. Wir reden ständig über Integrationsdefizite und nicht über Wege, Integration positiv zu gestalten. Weiter fällt auf, dass die meisten Deutschen in den Umfragen immer noch das Ideal einer homogenen deutschen Gesellschaft haben. Es scheint immer noch nicht angekommen zu sein, dass unsere Gesellschaft vielfältiger ist.

Auch rechtspopulistische Einstellungen nehmen zu. Deutschland bestätigt damit den europäischen Trend: Rechtspopulistische Parteien haben sich in anderen europäischen Staaten wie Frankreich, Niederlande, Schweiz, Italien, Österreich, Ungarn längst im Parteienspektrum etabliert. Ist Deutschland somit auf einem Weg der „Normalisierung“?
In der Europaumfrage haben wir tatsächlich diese Vermutung gehabt. Deutschland ist, was die Vorurteile betrifft, Mittelmaß, sofern es sich nicht um den Islam handelt. Betrachten wir den Rechtspopulismus, zeigt sich eine europäische Harmonisierung. Das liegt aber auch daran, dass die rechtspopulistischen Bewegungen viel miteinander kommunizieren und daher die Grenzen verschwimmen.

Ihre Studie zeigt auch, wie rechtspopulistische Einstellungen sich mit islamfeindlichen Einstellungen verbinden. Sehen Sie die Gefahr einer Gruppierung rechts der CDU, die sich etablieren könnte?
Die Meinungen des rechten Spektrums werden sich irgendwann organisieren. Ich sehe aber keine starke Persönlichkeit, die anfängt, Gruppen bzw. Mentalitäten an sich zu binden. Einen Wilders oder Haider haben wir in Deutschland nicht. Auch Sarrazin ist das nicht. Die berühmten 18 Prozent, die rechtspopulistisch aktivierbar sind, sitzen zum Teil ja auch in den etablierten Parteien, sind also kaum ad hoc mobilisierbar. Aber natürlich schlagen sich rechtspopulistische Einstellungen in den Wahlen nieder. Im Moment drückt es sich dadurch aus, dass immer mehr Leute nicht wählen gehen.

Sagt die Studie auch etwas über Politikverdrossenheit aus?
Ich glaube ja. Ich sehe eine tatsächlich ernstzunehmende Politikverdrossenheit. Die Kritik an etablierten Parteien ist überaus stark.

Sehen Sie eine Gefahr für die Demokratie, wenn sich Regierende und Regierte immer mehr voneinander entfernen? Oder handelt es sich nicht eher um eine Parteiverdrossenheit?
Ich glaube, es war eine Parteiverdrossenheit. Sie ist aber gekippt in eine Politikverdrossenheit. Das ist die Folge der Wirtschafts- und Finanzkrise, als erkennbar wurde, wie viel Unterstützung der Staat der Wirtschaft gab. Hier hat sich die Politik ein Stück weit vom Volk entfernt. Das führt dann auch dazu, dass der Bürger sagt, jetzt nehmen wir die Politik wieder in unsere eigenen Hände. Jetzt kommt es darauf an, wie die etablierten Parteien darauf reagieren. Im Moment scheinen die Grünen darauf am besten zu reagieren. Sie holen die Leute in ihrem lokalen Aktivismus ab. Es wird mit Sicherheit auch unter den Konservativen mehr Bürgerbeteiligung geben. Wenn unsere Daten von einer rohen Bürgerlichkeit sprechen, ist es umso wichtiger, sich jetzt nach überstandener Krise zu fragen, auf welche gesellschaftlichen Werte wir uns eigentlich verständigen müssen. Auch und gerade auf Ebene der EU.

Herr Professor Zick, vielen Dank für das Gespräch.

Das Gespräch führte Timo Stein.

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