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Besorgter Bürger und Betroffenheitspornografie - Deutschland gehört auf die Couch

Kolumne: Zwischen den Zeilen. Deutschland fällt von einem Extrem ins andere. Der besorgte Bürger sieht das Abendland bedroht und das ZDF kontert mit lupenreiner Betroffenheitspornografie. Sorry, aber dieses Land gehört in Therapie

Autoreninfo

Timo Stein lebt und schreibt in Berlin. Er war von 2011 bis 2016 Redakteur bei Cicero.

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Nicht ärgern, nur wundern, würde mein Analytiker sagen. Wenn ich denn einen hätte. Also wundere ich mich. Über dieses Land, in dem die einen die vielen Vertriebenen aus dem Morgenland so beispiellos willkommen heißen, während gleichsam andere ihr achso konformes Abendland ganz kommentarspaltenmundgerecht betrauern.

Man wundert sich. Darüber, dass sich Menschen über Menschen aufregen, die andere Menschen willkommen heißen.

Da twittern sich Konservative die Finger wund, weil sie es nicht ertragen, dass es in Deutschland eine Mehrheit gibt, die die Integration der Flüchtlinge für lösbar hält. Die lindert, anpackt, Strukturen schafft, wo keine sind und sich nicht von einer Überforderungsrhetorik anstecken lässt. Sondern schlicht hilft.

Dem entgegen steht der feuchte Traum des besorgten Bürgers, der es gar nicht abwarten kann, die Willkommensblase platzen zu sehen. Sehnsüchtig wird herbeigeschrieben, dass es bald vorbei sei mit der Hilfsbereitschaft und mit Spannung wird erwartet, was denn zuerst zur Neige gehe: das Geld oder die Willkommenskultur. Schon putzig, wie sie sich so furchtbar politisch unkorrekt geben, um gleichsam ihr korrekt homogenes Bild einer biederen Nation runter zu beten. Unter tosendem Applaus einer überraschungsbefreiten Kommentarspalten- Bohème, versteht sich. Na, Halleluja.

Der neue Patriotismus
 

„Wacht endlich auf, ihr Deutschen“, rufen sie und geben entzückend bigott der EU die Schuld für das Chaos, die doch nie eine Wertegemeinschaft gewesen sei. Wohl wissend, dass sie es doch selber sind, die keine Gelegenheit verstreichen lassen, die eigene Nation zu preisen und mit jeder Faser die Vergemeinschaftung auf europäischer Ebene zu bekämpfen.

Aber gut. Man wundert sich halt.

Und fragt: Ist das jetzt besonders deutsch? Oder ist es deutsch, beim Willkommenheißen besser sein zu wollen als der Rest der Welt? Neurose? Kompensation? Wenn ja, für was eigentlich?

Denn das andere Extrem überzeugt mit lupenreiner Betroffenheitspornografie. Einem Zeremoniell, das sich Spendengala nannte. Bestens besetzt mit Kerner und Co. Bestens versendet im Zweiten Deutschen Fernsehen. Selbstgefällig, anmaßend appellativ und von unverschämter Scheinsensibilität. Die Empathie gerade so groß, dass sie im Grunde nie eine Chance hatte, Ego und Abendgarderobe zu überstrahlen. Ein Abend, an dem es in erster Linie darum gehen sollte, sich gut zu fühlen. Zu zeigen, wie groß wir doch sind. Eine ganz neue Form des Stolzes flutete deutsche Wohnzimmer. Und der fahnenschwenkende Hurra-Patriot aus 2006 hatte endlich eine neue Heimat gefunden.

Wobei die tagtäglich Helfenden sich über eine solche Inszenierung am meisten ärgern, `tschuldigung, wundern dürften.

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