ARD und ZDF - Mehr Bürger ins öffentlich-rechtliche Fernsehen!

Mit dem Ende von Günther Jauchs Talkshow werden ab Januar Sendekapazitäten in der ARD frei. Hier könnte man ein neues Format ausprobieren, in dem Bürger auf Politiker treffen – wie bei den Town Hall Meetings in den USA

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Autoreninfo

Nils Heisterhagen ist Sozialdemokrat und Autor des Buches „Die liberale Illusion. Warum wir einen linken Realismus brauchen“, welches letztes Jahr im Dietz-Verlag erschienen ist.

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Nils Heisterhagen

Haben wir Politikmüdigkeit? Sogar Politikentfremdung?

Einiges spricht für diesen Befund. Die Wahlbeteiligung sinkt, das Vertrauen in politische Institutionen ebenso. Gleichzeitig wächst der Zuspruch zu populistischen Parteien. Es gibt viele Indizien, dass mehr und mehr Menschen unzufrieden sind mit unserem politischen System, mit den Parteien, mit den Regierenden, und daher politikmüde geworden sind, ja, sogar sich von der Politik entfremdet haben.

Was aber tun, um diesen Trend umzukehren? Wahllokale länger zu öffnen oder die Bürger in ganzen Wahlwochen abstimmen zu lassen, sind nett gemeinte Vorschläge. Aber wo die Nachfrage fehlt, bringt jedes neue tolle Angebot nichts.

Was es vielmehr braucht, ist, die Bedeutung des Politischen in breiten Teilen unserer Gesellschaft wiederzubeleben.

Eine vielversprechende Lösungsmöglichkeit zielt auf die Medien, vor allem auf ARD und ZDF. Der öffentlich-rechtliche Rundfunk kann zur Erneuerung von politischer Debatte beitragen.

Dafür braucht es mediale Formate, die sich explizit der Problemlage politischer Entfremdung annehmen. Unser Vorschlag: ein Town Hall Meeting im deutschen Fernsehen. Damit kann im Idealfall ein Beitrag geleistet werden, um aus der momentanen Zuschauer-Demokratie eine Mitbestimmungs- und Beteiligungsdemokratie zu machen. Oder anders gesagt: So könnte Deutschland eine Gesellschaft der Citoyens werden.

Die Idee des Town Hall Meetings reicht bis auf die Versammlungen in der athenischen Polis zurück. Ab dem 17. Jahrhundert fanden in den Vereinigten Staaten regelmäßig Town Meetings statt. Gemein war beiden Formen, dass hier politische Entscheidungen gefällt wurden. Das ist in den heutigen Demokratien mit großen Bevölkerungen nicht mehr praktizierbar. Das Element des Anhörens und öffentlichen Diskutierens jedoch scheint uns nach wie vor zeitgemäß und wichtig.

Bei Town Hall Meetings bekommt jeder die Chance auf politische Mitbestimmung über das reine Wählen hinaus. Hier zählt jede Stimme und hier hat jeder eine Stimme. Und wer das Gefühl hat, wirklich mitreden zu können, der wird sich mehr für Politik begeistern können. Angebot und Nachfrage bedingen und verstärken sich dann wirklich.

Die heutige liberale Demokratie lebt von Volksvertretern – der Bürger lässt die Repräsentanten stellvertretend für sich streiten. Das mediale Town Hall Meeting ergänzt das: Hier hat jeder die Chance, auf die öffentlichen Debatten Einfluss zu nehmen.

Town Hall Meetings können Politik aber auch konkret machen. Dafür sorgen, dass Politiker nicht abschweifen, sondern sich in einem Dialog auf Augenhöhe klar positionieren. Wenn die Bürger den Mut haben, den Politikern wirklich konkrete Antworten abzuverlangen, dann werden sich auch Unterschiede bei den Politikern wieder deutlicher herausheben. Das Paradebeispiel hierfür ist die Frage Patrick Pronks aus Worpswede an die Bundeskanzlerin in der „ARD-Wahlarena“ 2013, warum er als Homosexueller keine Kinder adoptieren dürfe. Angela Merkel war unsicher: „Ich sage Ihnen ganz ehrlich, dass ich mich schwertue mit der völligen Gleichstellung.“ So einen Satz hätte ihr kein Journalist entlocken können.

In vielen politischen Talkshows und Interviews ist es oft andersherum: Politiker bejubeln etwas rhetorisch und entziehen sich dann mit Verweis auf Sachzwänge dem konkreten Handeln.

Unsere These ist, dass Diskussionen zwischen Politikern und einfachen Bürgern, die für alle zur besten Sendezeit beobachtbar sind, einen Kulturwandel erzeugen können. Wir sind davon überzeugt, dass die Aussagen in medialen Town Hall Meetings verbindlicher sind und ein Jargon des Ungefähren zudem mehr sanktioniert werden würde durch den beteiligten, aber auch den zuschauenden Bürger.

Gewährleistet sein muss jedoch, dass die Teilnehmer an diesen medialen Town Hall Meetings repräsentativ aus der Bevölkerung ausgewählt werden. Nur so kann sichergestellt werden, dass die politischen Debatten ausgewogen und im Sinne aller ablaufen können.

Um diese Annahme zu testen, wäre ein Praxistext hilfreich. Anne Wills Sendeplatz ist gerade frei geworden, weil sie für Günther Jauch übernimmt. Das sind beste Voraussetzungen, um auf diesem Sendeplatz ein neues Format auszuprobieren.

Jetzt sind ARD und ZDF am Zug.

Zum Thema ist gerade eine Studie der Otto-Brenner-Stiftung mit dem Titel „Bürgerbeteiligung im Fernsehen - Town Hall Meetings als neues TV-Format?“ von Nils Heisterhagen erschienen.

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