Arbeitslosigkeit in der Coronakrise - „Die wahren Auswirkungen erleben wir erst später“

Die Arbeitslosenzahlen sind während der Coronakrise stark gestiegen - allein im Mai um 169.000. Für die Mitarbeiter der Arbeitsagentur eine Mammutaufgabe. Lutz Mania vom Jobcenter Berlin-Mitte über massenhafte Hartz-IV-Anträge und die Folgen für den Arbeitsmarkt.

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Wegen der Corona-Pandemie bleiben die Jobcenter für den Publikumsverkehr geschlossen / dpa

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Antje Hildebrandt hat Publizistik und Politikwissenschaften studiert. Sie ist Reporterin und Online-Redakteurin für CICERO.

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Antje Hildebrandt

Lutz Mania ist Verwaltungsfachmann. Seit 2016 leitet er das Jobcenter Berlin-Mitte mit über 1.000 Mitarbeitern.

Herr Mania, wenn man in Ihrem Jobcenter anruft, bekommt man den Hinweis, in der Coronakrise seien alle Dienststellen der Agentur für Arbeit geschlossen. Die Auszahlung von Beihilfe habe Vorrang. Heißt das, Sie vermitteln gar keine Jobs mehr?
Nein, das stimmt nicht. Natürlich unterliegen wir den allgemeinen Sicherheitsvorschriften. Vor der Pandemie hatten wir 500 bis 600 Besucher am Tag, und wenn 70 gleichzeitig mit der U-Bahn kamen, war der Wartebereich voll. Wir könnten da nicht den Abstand von 1,50 Meter einhalten. Deshalb haben wir den ungesteuerten Publikumsverkehr eingestellt. Das heißt aber nicht, dass unsere Mitarbeiter untätig wären. Kunden mit einem dringenden Termin können immer vorsprechen.

Aber Sie vermitteln kaum noch Jobs.
Es geht langsam wieder los. Am Anfang ging es nur um die Frage: Wie kriegen wir das mit der sozialen Sicherung hin? Vielen Menschen drohte der Verlust ihres Jobs. Ein Teil wurde durch Kurzarbeit aufgefangen, aber viele haben auch gleich einen Antrag auf Hartz IV gestellt.

Wie viele Menschen mussten Hartz IV beantragen?
Von Ende März bis Anfang Mai waren das über 7.000 Neuanträge. Das sind dreimal so viel, wie normalerweise gestellt werden. Wir hatten im April 160 Anträge am Tag. In der Zeit vor Corona waren das 160 pro Woche. Jetzt flaut es langsam wieder ab. Ich hoffe, der Großteil wird wieder aus der Hilfebedürftigkeit verschwinden.

Von Arbeitssuchenden hört man dieser Tage die Klage, sie bekämen derzeit gar keine Jobangebote mehr. Sie hätten das Gefühl, die Agentur für Arbeit stelle sich tot.
Die Agentur für Arbeit hat Kurzarbeitergeld in einem Umfang ausgezahlt, wie es ihn noch nie gab. Geplant waren Leistungen für 2,5 Millionen Arbeitnehmer. Jetzt sind es über sieben Millionen. Die Agentur musste massiv Personal in diesem Bereich schulen. Für die Vermittlung blieben noch zehn Prozent der Mitarbeiter übrig. So hoch ist der Anteil auch bei uns im Jobcenter.

Welche Branchen hat es am härtesten getroffen?
Den Handel und den gesamten Hotel- und Gaststättenbereich. Eigentlich den gesamten Dienstleistungssektor, wie wir ihn hier in Berlin kennen – mit Handwerkern und Friseuren. In großen und mittleren Industriebetrieben wurde die Krise durch die Kurzarbeit gut aufgefangen.

In welchen Bereichen konnten Sie noch gut vermitteln?
In den so genannten systemrelevanten Berufen wie im Handel, in der Landwirtschaft, in der Krankenpflege oder bei der Müllabfuhr. In diesen Bereichen wurden Jobs frei, weil Menschen zu Hause blieben, die zur Risikogruppen gehören.

Wie flexibel ist Ihre Klientel da?
Ich sag es mal so: Es haben Vermittlungen stattgefunden. Und es gibt Fälle wie die einer jungen Frau, die bis dahin einen Minijob in einem Imbiss hatte und die jetzt Vollzeit im Handel arbeitet. Aber solche Beispiele sind die Ausnahme.

Aber wie hoch sind die Vermittlungschancen, wenn man in einem nicht-systemrelevanten Beruf einen Job sucht? Bleibt der arbeitslose Althistoriker auf der Strecke?
Ja, zumindest vorübergehend. Unsere 100 Vermittler haben schon noch versucht, ihre Kunden telefonisch zu erreichen und Vermittlungsvorschläge zu verschicken. Die Frage ist aber: Auf wen konzentriert man sich? Natürlich auf Berufe, in denen die Vermittlungschance gerade höher ist.

Und wie steht es mit den Chancen auf einen Ausbildungsplatz?
Für Jugendliche, die jetzt einen Ausbildungsplatz suchen, ist es ein denkbar ungünstiges Jahr. Bislang war es so, dass sie sich das Unternehmen aussuchen konnten. Jetzt ist es umgekehrt. In Berlin-Mitte kommen auf 3.500 Ausbildungsplätze 5.000 Bewerber. Kleinere Betriebe bilden kaum noch aus.

Bundesweit ist die Arbeitslosigkeit in der Krise um 0,3 Prozent auf 6,1 Prozent gestiegen. Ist die Wirtschaft unterm Strich mit einem blauen Auge davongekommen?  
Das kann man jetzt noch nicht sagen. Aktuell fangen wir mit der Kurzarbeit viel auf. Sobald die wirtschaftliche Lage besser wird, können die Arbeitgeber wieder durchstarten. Die wahren Auswirkungen erleben wir erst später.

In Ihrem Jobcenter wird darum gebeten, Hartz IV-Anträge online zu stellen. Das ist schon für deutsche Arbeitnehmer eine Herausforderung. 75 Prozent Ihrer Klienten haben einen Migrationshintergrund. Hat das problemlos funktioniert?
Nein. Die Vordrucke sind in deutscher Sprache. Sprechen ist das eine, lesen und verstehen das andere. Ohne die Hilfe von Beratungsstellen ist das schwer. Erklärvideos in anderen Sprachen würden vielleicht helfen. Vielleicht müssen wir aber auch einfach nur den Online-Antrag leichter machen.

Haben sich schon Kunden beschwert?
Nein, das nicht. Aber viele Menschen haben erstmal formlos einen Antrag gestellt. Sie haben angerufen, eine E-Mail oder einen Brief geschrieben. Wir haben ihnen dann den Antrag mit ein paar Erklärungen rausgeschickt.

Das klingt, als hätten Ihre Mitarbeiter dadurch eher mehr Arbeit als weniger.
Zum Teil stimmt das. Im Gespräch kann man Kunden noch darauf hinweisen, welche Papiere sie einreichen müssen. Man kann sie daran erinnern, den Mietvertrag nicht zu vergessen. Aber auch so klappt das mit der Zeit immer besser.

Haben die Konflikte mit den Kunden abgenommen?
Also, ich spüre momentan keine Konflikte. Ab und zu sind Kunden verärgert darüber, dass unsere Filialen für das Publikum geschlossen sind. Aber im Großen und Ganzen sind sie verständnisvoll. Es kommt sogar Anerkennung rüber für die Mitarbeiter. Beschwerden gibt es kaum noch.

Weil kein direkter Kontakt mehr besteht?
Doch, die Kunden können jederzeit anrufen. Wir haben auch eine eigene Hotline für Nachfragen eingerichtet. Also, ich habe den Eindruck, die Krise hat das Vertrauen in unsere Arbeit gestärkt. Die vom Jobcenter, die machen das schon.

Ihre Mitarbeiter sind auch für die Übernahme von Mieten zuständig, wenn Menschen arbeitslos werden. Wie schaffen sie die Mehrarbeit?
Wir haben Personal umgeschichtet. Geholfen hat uns auch die Bundesregierung mit der automatisierten Bewilligung der Folge-Anträge für Hartz IV bis zum August. Und die Mitarbeiter, die in die Risikogruppe fallen, haben von zu Hause aus weitergearbeitet. Die Bundesagentur für Arbeit hat die Server in vier Wochen so ausgebaut, dass die Zahl der Homeoffice-Arbeitsplätze von 3.000 auf 30.000 gestiegen ist. Ich kenne keine Behörde, die das so schnell geschafft hat.

Stimmt es, dass Ihre Mitarbeiter jetzt nicht mehr nachrechnen, ob die Wohnung die gesetzlich zulässige Quadratmeterzahl überschreitet?
Ja, das ist eine von zwei Ausnahmeregeln, die es uns einfacher machen. Das eine ist die Vermögensprüfung. Da gilt jetzt die Grenze von 60.000 Euro pro Antragsteller. Und das andere ist die Wohnungsgröße. Bislang mussten sich Hartz-IV-Empfänger eine kleinere Wohnung nehmen, wenn die Größe unangemessen war. Diese Prüfung war sehr zeitintensiv und konfliktträchtig.

Im Juni laufen diese Regeln aus. Würden Sie Sich wünschen, dass sie dauerhaft bestehen bleiben?  
Wenn es mir nur um die schnellere Bearbeitung der Anträge ginge – na klar. Es muss aber auch sozial gerecht bleiben. Eine Grundsicherung ist eine Grundsicherung. Und das setzt voraus, dass auch wirklich ein Bedarf besteht. Es kann nicht sein, dass ich langzeitarbeitslos bin und eine Villa mit 160 Quadratmetern bewohne.

Viele der Menschen, die jetzt noch in Kurzarbeit sind, könnten arbeitslos werden. Haben Sie Angst, dass Sie vom Jobvermittler zum Sozialamt werden?
Nein, überhaupt nicht. Mit den Lockerungen ist unser Spielraum wieder größer geworden. Unsere Vermittler sind dabei, Angebote einzuholen und Termine zu machen. Die Wirtschaft wird sich erholen. Und dann können wir wieder unserer eigentlichen Arbeit nachgehen.

Mit Publikumsverkehr?
Ja, aber wir wollen, dass es Beratungen nur noch nach Termin gibt. Es gibt keinen Grund, warum Menschen warten müssen. Es ist frustrierend, in der Schlange zu stehen. Wir sind gerade dabei, eine App zu entwickeln, die Kunden helfen soll, sich gleich bei der richtigen Stelle zu melden. Sie heißt: „Steck Dein Jobcenter in die Tasche.“

Michaela 29 Diederichs | Mi, 3. Juni 2020 - 19:07

Fließen Arbeitslose, die in einer Maßnahme sind eigentlich in die Statistik ein? Gerade ältere Arbeitslose und Migranten fallen m. W. aus der Statistik heraus. Da wird ein Zeitraum von 2 bis 3 Jahren überbrückt, dann der vorgezogene Ruhestand (mit Abschlägen) in Betracht gezogen oder eben HartzIV. Kurzarbeit ist ein Instrument des Arbeitsmarktes, um Menschen nicht vorschnell in die Arbeitslosigkeit zu schicken. Dass Unternehmen ihre Kurzarbeiter voll umfänglich wieder in Beschäftigung bringen werden, bezweifle ich. So manches Unternehmen wird gerade beim Personal sparen. Die Zahlen der Arbeitsagentur empfinde ich immer ein wenig als Augenwischerei. Vielen Dank für das Interview, liebe Frau Hildebrandt.

Michaela 29 Diederichs | Mi, 3. Juni 2020 - 19:20

Unternehmen wie Lufthansa, die sich ohnehin verschlanken mussten und wollten, schreiten jetzt zur Tat. „Wir werden jeden Stein in dem Unternehmen umdrehen“, sagte Spohr. Ich fürchte, nicht nur Lufthansa auch alle anderen Unternehmen sind gerade am Steine umdrehen. Also da bleibt möglicherweise kein Stein auf dem anderen. Das dicke Ende kommt erst noch.

https://www.welt.de/wirtschaft/article208871773/Lufthansa-Beim-Jobabbau…

helmut armbruster | Do, 4. Juni 2020 - 08:57

wie sieht es eigentlich aus mit diesem Verhältnis? Wie viele Arbeitende müssen wie viele Nichtarbeitende alimentieren?
Ich weiß es nicht. Aber ich weiß, dass das Verhältnis kritisch wird und die Zustimmung schwindet, wenn zu wenige Arbeitende zu viele Nichtarbeitende unterstützen müssen.
Anstatt immer weiter in diese Richtung zu driften, sollten Politik und Regierung die Wirtschaft und die Arbeitswelt so organisieren, dass es sich lohnt zu arbeiten oder sich selbstständig zu machen. Gerade viele kleine Selbstständige tragen zu einer gesunden Wirtschaft bei.
Aber wer sich heute selbstständig macht, muss verrückt sein. Denn er wird sehr bald feststellen, dass er in einem Arbeitsverhältnis weniger Stress und mehr Geld und soziale Absicherung zur Verfügung hat. Und hat er Erfolg, so fasst ihn das Finanzamt hart an und will vom Erfolg mit profitieren. Geht es schief, zeigt sich das Finanzamt zurückhaltend. Am Misserfolg beteiligt es sich nicht.

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