Anschlag in Halle - Ein Produkt unserer digitalisierten Moderne

Auch nach dem Anschlag in Halle greifen in Medien und der Gesellschaft ritualisierte Empörung und wohlfeile Floskeln um sich. Dabei liegen die Ursachen vielfach in der medialen und sozialen Lebenswirklichkeit der Täter. Doch es scheint einfacher zu sein, ihrer billigen Selbstinszenierung zu folgen

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Demonstration des Bündnisses „Halle gegen Rechts - Bündnis für Zivilcourage“ / picture alliance

Autoreninfo

Alexander Grau ist promovierter Philosoph und arbeitet als freier Kultur- und Wissenschaftsjournalist. Er veröffentlichte u.a. „Hypermoral. Die neue Lust an der Empörung“ und „Kulturpessimismus. Ein Plädoyer". Im September erscheint von ihm „Politischer Kitsch. Eine deutsche Spezialität“ bei Claudius.

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Alexander Grau

Auf schockierende Ereignisse reagieren menschliche Gemeinschaften mit Ritualen. Traditioneller Weise etwa mit kultischen Handlungen, Gebeten oder Gottesdiensten. In säkularen und multireligiösen Gesellschaften funktionieren solche Kompensationsstrategien nicht mehr. Also müssen andere Rituale her, etwa die Flucht ins allgemein Erbauliche. Das allerdings wirkt häufig hilflos und vorgestanzt. Und so ergießt sich auch in diesen Tagen nach Halle wieder eine Flut an hilflosen Phrasen, Banalitäten und schalen Apellen über die Gesellschaft.

Sozialpsychologisch ist eine solche Reaktion einleuchtend. Hier wird aus Hilflosigkeit eine Sprache und eine Symbolik aus der privaten Kommunikation für öffentliche Betroffenheitsbekundungen gebraucht. Gefühlsbeschreibungen, die aus dem intimen zwischenmenschlichen Bereich stammen, etwa Schmerz und Trauer, werden dabei in den öffentlichen medialen Diskurs gezerrt.

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Klaus Damert | Sa, 12. Oktober 2019 - 10:29

Zu welchen absurden Behauptungen und Schuldzuweisungen es kommt, zeigt ein Beispiel aus meiner Tageszeitung vom 11.10.: "Niemand kann so tun, als sei diese Untat von außen über dieses Bundesland gekommen oder als sei sie ein isoliertes Ereigneis, das eigentlich gar nichts zu tun habe mit den Verhältnissen in diesem Land". Also haben alle Sachsen-Anhalter Schuld. Auf eine solche Presse kann man verzichten, leider nur ein Beispiel. Da hat Herr Grau schon recht, wenn er meint: "Viel einfacher ist es daher, das Thema ins Ideologische zu entsorgen." Persönliche Verantwortung ist von vorgestern, alle sind verantwortlich - wie bequem.

Helmut Bachmann | Sa, 12. Oktober 2019 - 11:11

wünschen. Vielen Dank für ihre klaren und klugen Worte. Die aufgeheizte Stimmung, die auch diejenigen ergriffen hat, die führen sollten ist brandgefährlich. Die Aufklärung ist in Gefahr.

Ernst-Günther Konrad | Sa, 12. Oktober 2019 - 12:40

möchte ich für mich, Ihre wieder einmal treffenden Aussagen bezeichnen. Wenn sich Menschen das Leben nehmen wird "noch" weitestgehend darauf verzichtet alles und jeden im Detail darzustellen oder die Hintergründe medial aufbereitet zu recherchieren. Man will ja keine Nachahmer produzieren und blendet die Hilfe-Notrufnummern ein. Das war es dann aber auch. Alles andere wird gnadenlos, geschmacklos, headlinesüchtig vermarktet und volksbelehrend präsentiert. Eltern, Verwandte, Freunde und Bekannte, Nachbarn, die Kita- und Schulfreunde, sie alle werden "gejägt" um ja alles, wirklich alles über Opfer oder Täter, je nach Zielrichtung zu veröffentlichen. Die Moralisten überheben sich in ihrem Urteil, einer versucht den aderen zu überholen. Wie es den bez´teiligten Menschen dabei geht, den überlenden Opfern, den Angehörigen, Tätern und deren Familien, scheint egal zu sein. Man liest und sieht sie ja nur. Weg, weit weg sind sie. Gespräche, Konflikte, verbal auseinander setzen, nicht gelernt.

Dorothee Sehrt-Irrek | Sa, 12. Oktober 2019 - 13:01

Ihrer Argumentation zu folgen, Herr Grau, frage ich doch einmal nach, sind Sie sich sicher?
Ich wußte nicht einmal, dass es in Halle mehr gibt als einen Gemeinderaum und die in der Progromnacht zerstörte alte Synagoge.
Meine Sorge im Osten gilt derzeit den Problemen, die manche Leute mit der plötzlichen und auch z.Teil abgelehnten Multikulturalität haben könnten.
Zugegeben habe ich nie Antisemitismus hier im Osten verspürt, weil das Judentum mir jedenfalls überhaupt nicht auffällt.
Um so tiefer sitzt mein Schock.
Das kann doch nicht von Nichts kommen und ja, dann braucht man ganz banales Miteinander, bevor man wieder öffentlichen Räumen traut.
Es wird vielleicht noch dauern, bis der muslimische Glaube gerade in Ostdeutschland so normal ist, wie es der jüdische nach mindestens 1000 Jahren ist GERADE durch die Annahme des Christentums.
Beides gehört in der Wahrnehmung unbedingt zusammen und genau das mußte jetzt gezeigt werden, noch weiter gefasst.
Kenn/will ich nicht
No way!!!

Gisela Fimiani | Sa, 12. Oktober 2019 - 13:09

Der Gottesdienst, das Gebet läßt uns innehalten. Wir schweigen, gehen in uns, besinnen uns und können ins Nach-Denken kommen. Die nach außen getragene, erregungsgesättigte Trauer-Hysterie in Politik oder Medien verhindert dagegen die Verinnerlichung. Die Besinnung geht der Besonnenheit voraus. Wir emp-finden Empathie, es tauchen im Innern womöglich Fragen auf, auf welche Antworten gesucht werden müssen. Das zutiefst menschliche „sich Gedanken machen“, zu suchen und tiefer zu schürfen nach den verästelten Wurzeln, den Ursachen eines gesellschaftlichen Zustandes, der Erschreckendes hervorbringt, wird verhindert. Wahrheitssuche strengt an, ist entlarvend und meist schmerzhaft. Daher wurde und wird sie immer von der jeweiligen, die Gesellschaft usurpierende Kaste verhindert. Die derzeitigen Mittel dazu werden uns auch hier wieder präsentiert, bis zur Bewußt- und Orientierungslosigkeit. Wir werden aus uns selbst „herausgezogen“ , wir verlieren unseren Verstand....unsere Menschlichkeit.

Werner Peters | Sa, 12. Oktober 2019 - 13:44

Jetzt prügeln alle auf die AfD ein. O.K. deren z.T. hasserfüllte Sprache hat den Boden mit bereitet. Aber wie steht es um die Verantwortung der Politiker?
1) Hat der MP von Sachsen-Anhalt in den letzten Monaten einmal seine Kabinettsitzung genutzt um zu fragen: Liebe Kollegen/innen, wir wissen, dass der Antisemitismus hierzulande zunimmt. Haben wir alle Anstrengungen unternommen, um das Leben der Juden bestmöglich zu schützen, z.B. rund um die Synagogen, wenn sie sich dort zusammenfinden ? Herr Innenminister, bitte legen Sie uns bis zur nächsten Sitzung ein entsprechendes Sicherheitskonzept vor!
2) Hat der Bundesinnenminister, der sich alle x-Monate mit seinen Kollegen aus den Ländern trifft, in den letzten Monaten eine ähnliche Frage gestellt ?
3) Hat der frühere Justizminister, der ja wegen Ausschwitz in die Politik gegangen ist, sich einmal überlegt, ob unsere Gesetze ausreichend sind, um solche Schandurteile wie die jüngste Freilassung des Berliner Messerstechers zu vermeiden ?

Heidemarie Heim | Sa, 12. Oktober 2019 - 13:46

Ganz genau werter Herr Dr.Grau! Denn im Grunde genommen werden sogar die Ideologien/Ideen selbst missbraucht und vorgeschoben, wie man es von zahlreichen Diktaturen oder Oligarchien kennt. Im Fall der meisten Terroristen handelte es sich deshalb im nachhinein betrachtet überwiegend um im Grunde lebensuntüchtige Verlierer oder an den gesellschaftlichen Vorgaben gescheiterte Versager. Die aufgrund unserer auch eigenen Fehlbewertungen s.a. Anis Amri entweder als Kleinkriminelle eingestuft wurden oder auch notwendige Kommunikationsstrukturen innerhalb unserer für Gefahrenabwehr zuständigen Organe genau so gut oder schlecht funktionierten wie sonst auch in der Gesellschaft. Wo man als aus dem Ruder laufende Dinge und Meldung machender Mensch wie z.B. Whistleblower als Nestbeschmutzer behandelt wird oder als Stalking-Opfer ein Achselzucken vom Staat wegen noch! fehlender rechtlicher Handhabe erntet.
Nicht nur solche Täter versuchen ihre eigene Irrationalität zu maskieren, oder? MfG

Markus Michaelis | Sa, 12. Oktober 2019 - 14:32

Ich folge dem Artikel zwar in seiner Kritik des öffentlichen DIskurses.

Ich halte die ideologische Seite trotzdem auch für sehr wichtig. Es mag sein, dass dieser Täter (wie viele andere) ein sozial isolierter Mensch ist, der von Videospielewelten und Chatrooms verwirrt ist.

Er handelte trotzdem im Namen einer rechten und antisemitischen Ideologie. Wie bei Ideologien immer wirkt dieser Asdpekt, weil er die Handlungen vieler Menschen potentiell koordiniert - und das macht es so gefährlich.

Hunderte wirre Einzeltäter würden ohne Ideologie mal diesen Angreifen, mal jenen. Mit einer Ideologie greifen sie immer dieselbe Gruppe, dieselben Werte an - wodurch z.B. jüdisches Leben in D gefährdet sein kann. Vollkommen unabhängig davon, ob die Einzeltäter ihre Ideologie verstehen oder aktiv vernetzt sind. Die Ideologie ist hier erstmal die wesentliche Komponente.

Englbert Rottenmoser | So, 13. Oktober 2019 - 09:12

Diese Einschätzung von Alexander Grau trifft den Nagel auf den Kopf.
Durch die öffentlichen Betroffenheitsbekundungen fühlt sich der Täter auch noch bestätigt.

Maria Fischer | So, 13. Oktober 2019 - 10:55

„Menschen handeln aufgrund von Emotionen, nicht aufgrund von Argumenten oder Lehren. Ideologien sind lediglich...“

Dem möchte ich widersprechen.
Die Tat von Halle war keine reine Affekthandlung.
Es war kalkulierter Mord, der genausten geplant und ausgeführt wurde.
Und sehr wohl handeln Menschen aufgrund von Argumenten und Lehren.
Unser ganzes Leben ist vom ersten Tag davon geprägt.
Manchmal geht der Verstand voraus und manchmal das Gefühl, je nach Alter, Bildung, Reflexivität, Sozialisations- und Persönlichkeitsstruktur.
Strategische Ideologen setzen genau an diesem Punkt an und bedienen beides gut dosiert und je nach Bedarf. Die frühkindliche Subjekt/Objekt Anbindung wird reaktiviert.
Der Dualismus zwischen Gefühl und Verstand wird in ihrem Sinne so durchlässig wie möglich gestaltet.
In Buchenwald gibt ein Gebäude wo im Schichtdienst Menschen erhängt und erschossen wurden. Dazwischen haben die Wärter ihre Mahlzeiten eingenommen, im selben Gebäude.

Maria Fischer | So, 13. Oktober 2019 - 10:56

Diese strukturierte Form des Tötens (kognitiven Vorgang), konnte nur durch einen ideologischen Konstrukt aufrecht erhalten werden, der sich auf vermeintlichen „rationalen Argumenten und Lehren“ berief, Emotionen bediente, freisetzte und zugleich kompensierte.
Ideologisch, politisch motivierte Morde finden nur im Kollektiv ihre Rechtfertigung und ihr „Belohnungssystem“, ob sie von „einsamen Wölfen“, begangen werden oder nicht.
NS Verbrecher, 9/11 Attentäter, Paris-Attentäter, Stalin-, Christchurch, RAF Attentate, die Liste lässt sich beliebig fortsetzen.
Die Radikalisierung von Ulrike Meinhof und anderen RAF Mitgliedern ging neben einer persönlichen Disposition, vor allem eine Intellektuelle Auseinandersetzung voraus, die aber im Endergebnis ebenfalls die Tötung von Menschen rechtfertigte.

Ansonsten kann ich Ihren Ausführungen sehr gut folgen. Vielen Dank

Reinhard Benditte | So, 13. Oktober 2019 - 13:03

Im Ansatz richtig, aber, Herr Grau, Sie springen m.E. zu kurz! Die gesellschaftliche Entwicklung der letzten Jahre hat Ihre Ursachen aus meiner Sicht im wesentlichen in der Politik der GroKo unter Frau Merkel! Einerseits hat sich Frau Merkel auf den Entscheidungen der Schröder Regierung ausgeruht und andererseits keine wesentlichen neuen Impulse gesetzt. Die Merkel Regierungen haben nicht nur das Versprechen an die Bürger bei der Einführung des Euros (Kein Staat soll für die Schulden eines anderen Staates einstehen) gebrochen, sie haben auch die innere und äußere Sicherheit unseres Landes durch die "Öffnung" der deutschen Grenzen und Versagen beim Schutz der EU Außengrenzen gefährdet. Der kaum gebremste und unkontrollierte Zuzug von Migranten führt zu Spaltungen in der Gesellschaft und zu extremen Auswirkungen auf dem Wohnungsmarkt. Hinzu kommt die Belastung der Bürger durch Steuern und Sozialabgaben und das Auferlegen von Kosten Erhöhungen direkt und indirekt bei Energie und Waren.

Brigitte Simon | So, 13. Oktober 2019 - 18:43

... zwischen Macht und Verantwortung.

Alexander Graus´s Artikel begeistert mich erneut.
Ich beziehe mich auf die klassischen Massenme-
dien, Zeitung, Zeitschrift, Radio, Fernsehen.
Die ÖR relevante Online- Kommunikation trägt
nur noch stark spekulative Züge. Ihre subjek-
tive Beeinflussung des Bürgers bewegt sich auf
sehr dünnem Eis. Sie sind in das politische System
fest eingebunden und unkontrolliert. Sie wären
jedoch unverzichtbare Instrumente, um unab-
hängig von staatlichen Einflüssen die Öffent-
lichkeit wahrheitsgemäß zu informieren.

Das aktuelle Attentat in Halle öffnet den Medien
und der Politik Türen in die dunkelsten Nieder-
ungen des manipulierbaren. Erschreckend,
politisch instrumentalisiert, die Berichterstattung hierzu. Der antisemitische Anschlag auf die Sy-nagoge kostete 2 Menschen das Leben, 2 wurden verletzt. Daß die Toten und Verletzten Deutsche
aus Halle und Meseberg sind, blieb größtenteils unerwähnt.

Brigitte Simon | So, 13. Oktober 2019 - 19:06

Der Glaube, diese Opfer sind Juden, erhöhte die Emotionen als bei Personen anderer Glaubensrich-tung.

Die Politik, die Medien, treffen nicht haltbare
Schuldzuweisungen.
Bayern bäumt sich auf. Seehofer, Söder (64 % lehnen ihn ab), Dobrindt. Sie fordern Überwa-chung der AfD durch den Verfassunsschutz. Unangebracht, Stimmungsmache!

Am 04.10.2019 verübte ein Syrer, bewaffnet mit einem großen Messer (ca. 40 cm), laut schreiend
"Allah Akbar, Fuck Israel", einen Anschlag über das Sicherheitsnetzt der Synagoge.
Scheinbar uninteressant für die und Politik. Der Täter war kein "weißer Deutscher".

Sehen sich die Medien als 4. Gewalt in der De-mokratie? Hinzu kommt eine unübersehbare Tendenz zur Skandalisierung. Nicht zuletzt sind Teile der Massenmedien selbst mächtige Insti-tuionen. Sie vertreten ihre eigenen Machtinter-essen. Sie sind kontrollbedürftig für die Kontro-lleure.

Das weiß die Politik. Merkel, Steinmeier und Co.
sehen beruhigt zu.