Plagiatsvorwurf gegen Schavan - Schluss mit dem Empörungsreflex

Ausgerechnet die Bildungsministerin, die Hüterin der Wissenschaften, soll in ihrer Doktorarbeit plagiiert haben. Der Vorwurf ist im Raum und vor allem im Netz. Doch statt uns über Schavan zu empören, sollten wir aufpassen, nicht Maß und Mitte zu verlieren. Ein Kommentar

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(picture alliance) Im Internet sind ihr Hohn und Spott bereits jetzt sicher: Annette Schavan

Hat sie oder hat sie nicht? Abgeschrieben, plagiiert? Ist das wirklich die Gretchenfrage in der Causa Schavan? Oder geht es nicht vielmehr um die Frage, wie Journalisten und die Öffentlichkeit in Zukunft mit solchen Vorwürfen umgehen. Wie ein Debatte führen, die Verhältnismäßigkeit wahrt, gerade weil es um nicht weniger als um die Existenz von Menschen geht. Allen voran Qualitätsmedien müssen aufpassen, dass sie nicht leichtfertig einem Empörungsreflex anheim fallen, der im Netz schnell auf fruchtbaren Boden fällt. Problemtisch ist doch vor allem, dass die Vorwürfe durch einen anonymisierten Blog öffentlich gemacht wurden, obwohl sie von der Plattform „vroniplag“, die durch den Fall zu Guttenberg bekannt geworden war, bereits als nicht schwerwiegend und damit veröffentlichungswürdig eingestuft wurden. Trotzdem griffen fast alle Zeitungen und viele Fernsehsender die Meldung auf. Eine Tageszeitung machte den vermeintlichen Fall Schavan sogar zur Spitzenmeldung auf der Seite eins.

Die Vorverurteilung folgte auf dem Fuße. Das Netz ist schnell. Oftmals zu schnell. Google weist für die Schlagwortkombination Schavan/Plagiat bereits über 200.000 Treffer auf. Auch  auf Wikipedia ist der Plagiatsvorwurf schon in Bits und Bytes gemeißelt. Auf Annette Schavans virtueller Visitenkarte ist der unbewiesene Plagiatsvorwurf an prominent-exponierter Stelle zu lesen. In fetten Lettern wird ihre Vita nun mit dem Plagiat in Verbindung gebracht.  Klar, Wikipedia ist keine zitierfähige Quelle, aber eine die genutzt wird. Zumeist für einen allerersten flüchtigen Blick auf einen Menschen oder ein Thema. Es ist eine Quelle, die sich einprägt und das Bild, das wir von diesem Menschen machen, unbewusst fort- und mitbestimmt.

Wikipedia ist die Plattform, die nicht zuletzt der Google-Algorithmus als prioritäre Quelle ausweist. Die Folge: Schavan wird beständig in Zusammenhang mit dem Plagiatsvorwurf stehen, ganz egal, ob am Ende der Vorwurf überhaupt haltbar war. Das Medium Internet macht aus einem Verdacht schnell eine Tatsache, die sich wie ein Schwelbrand in der digitalen Welt ausbreitet. Einmal ins Netz getragen, scheint diese nicht mehr kontrollierbar. Gerade die Latenz im Netz geriert Fakten. So wird aus einem Gerücht schnell eine ewig abrufbare Wahrheit.

Entsprechend hat der Plagiatsvorwurf gegen die Bildungsministerin längst seine Eigendynamik entwickelt. Natürlich muss es nun allen voran darum gehen, die kolportierten Vorwürfe aufzuklären. Doch die entscheidend Frage darüber hinaus lautet, ob wir nicht zu schnell und leichtfertig mit dem Verdacht hantieren. Ob wir nicht auf dem bestem Weg sind, Dinge auf dem Markt „Internet“ zu verhandeln, ohne an die Konsequenzen zu denken. Konsequenzen nicht allein für die im Fokus stehende Person, sondern gerade auch die Diskussionskultur unserer Gesellschaft betreffend.

Die digitale Erinnerung ist eine absolute, um so vorsichtiger müssen wir eigentlich mit derlei Vorwürfen umgehen. Stattdessen sind Medien und Netzöffentlichkeit längst dabei, Vertrauen durch Transparenz abzulösen, einem Transparenz-Postulat anheim zu fallen, das uns zwingt, durchlässig zu sein, menschliches Fehlerverhalten in der digitalen Welt in einen zeitlosen Kontext zu stellen.

Selbst dieser Kommentar steht vor dem Dilemma, dass er das digitale Nichtvergessen mit einem weiteren Eintrag füllt, der sich unterm Strich nahtlos den Schlagworten „Schavan – Plagiat“ verortet.

Wer jetzt Schavan durchs mediale Dorf treibt, der macht, nach allem, was wir bisher inhaltlich im Fall Schavan wissen, noch einen ganz anderen Fehler. Er wirft systematische Betrugsfälle mit Grenzfällen in einen Topf. Der relativiert gravierendere Formen des Betrugs, wie im Fall Guttenberg, nachträglich, weil er in Kauf nimmt, dass der in der Bevölkerung sowieso schon vorhandene Verdacht der Kleinkariertheit im Umgang mit Fehlverhalten von Politikern, Bestätigung findet. Ein Skandal um des Skandal Willen hätte weitaus schlimmer Folgen, als es die mögliche Abschrift überehrgeiziger Politikbeamter überhaupt haben kann.

Die Universität wird die Vorwürfe prüfen. Die Ergebnisse sollten alle Journalisten demütig abwarten. Bis dahin gilt – wir erinnern uns – die Unschuldsvermutung. Gleichzeitig sollten sie diesen Fall zum Anlass nehmen, um einmal die Diskussionskultur zu hinterfragen, auf die die Vorwürfe stoßen. Darüber hinaus sollte die Plagiatsjagd nicht länger anonymen Internetplattformen überlassen bleiben. Diese haben ihren Job gemacht, sie haben auf Defizite in der Qualitätssicherung von wissenschaftlichen Arbeiten verwiesen. Dafür gebührt ihnen Dank. Jetzt gilt es, die Qualitätssicherung wieder aus der Anonymität heraus in ein professionelles Licht zu tragen.

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