Am Wahlkampfstand: Die Linke - Mein linker, linker Platz ist frei

Der Kampf um den dritten Platz ist wohl noch das einzig Spannende an dieser Bundestagswahl. Die Linke setzt in Berlin-Mitte auf Direktkandidat Steve Rauhut. Dessen mobiles Wohnzimmer findet nur nicht den erwünschten Anklang

Der Wohnzimmer-Wahlkampfstand von Steve Rauhut in Berlin-Moabit
Vergebene Mühe? Das sehen die Linken-Wahlkämpfer nicht so / Lena Guntenhöner

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Lena Guntenhöner ist freie Journalistin in Berlin.

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Es zieht im linken Wohnzimmer. Das aufblasbare, beige Sofa, ein paar Sessel und Tische stehen direkt an einer stark befahrenen Kreuzung in Berlin-Moabit. Der linke Direktkandidat Stephan, genannt Steve, Rauhut veranstaltet hier seinen „Wohn(t)raum“-Wahlkampf. In der zügig heimeligen Umgebung will er mit Anwohnern ins Gespräch kommen, nicht nur, aber auch über das Thema Wohnen, das für ihn „ein Menschenrecht“ ist.

An diesem grauen Septembernachmittag aber setzt sich kaum einer dazu. Viele Passanten eilen vorbei. Auch die Rotphasen an der Ampel helfen nicht viel. Dabei bemüht sich Rauhuts Wahlkampfteam, es gemütlich zu machen. Einer spielt Gitarre und singt leise dazu, ein anderer macht die Popcorn-Maschine an.

DetailDer Strom dazu kommt vom türkischen Supermarkt an der Ecke, dessen Besitzer keinen Hehl aus seiner Sympathie für die Linke macht. Er fegt auch gleich nochmal durch und packt Obst auf den Wohnzimmertisch. Mit den Teppichen und Blumen sieht es jetzt wirklich nett aus. Popcorn-Duft weht durch die Luft.

Vom Saulus zum Paulus

Es ist bereits der 7. „Wohn(t)raum“, den die Linke in Berlin veranstaltet. „In den Parks, da läuft das deutlich besser. Da sind die Leute entspannter. Vielleicht liegt es auch daran, dass heute ein Wochentag ist“, sagt Rauhut. Er war mit seinem Team schon einmal hier, aber da hat es geregnet und sie konnten nur einen normalen Infostand aufbauen. Er wollte es aber unbedingt noch einmal versuchen, denn das ist sein Kiez.

Seit 2009 lebt er hier, engagierte sich in der Stadtteilvertretung und wurde dann von den Linken angeworben. Mit Freunden hat er die Reformationskirche Moabit sanieren lassen, darin eine Kita gegründet und Wohnraum für 5,50 Euro pro Quadratmeter geschaffen. „Das Projekt zeigt, dass es geht, wenn man es nur will“, sagt er. Bekannt gemacht hat es ihn auf jeden Fall, Kinder sprechen ihn mit „Hey Steve“ an.

Steve RauhutDoch so ein Wohltäter war Rauhut nicht immer. Auf seine Zeit als Manager bei der Lufthansa ist er heute nicht mehr stolz. Da habe er aggressiv verhandelt und maximalen Profit auf Kosten anderer herausgeschlagen. „Erst Mitte zwanzig habe ich angefangen, nachzudenken, bis dahin hatte ich auch keinen Sinn für Politik“, erzählt der heute 45-Jährige. Er begann, noch einmal zu studieren, diesmal evangelische Theologie. Aber eigentlich geht es für ihn auch in der Religion immer um das Vor-Ort-Helfen. Papst Franziskus ist ein Vorbild für ihn.

„Die soziale Gerechtigkeit ist mein Herzensthema“, sagt er und stellt gleich klar, „die anderen sprechen nur davon, wir machen was“. Mit seinem durchgeschwitzten Hemd, dem Drei-Tage-Bart und den Anpackerhänden glaubt man es ihm. Dass er auch die politisch korrekte Seite beherrscht, zeigt seine Aussprache von „Bürger_Innen“.

Kein leichter Wahlkreis

Mit seinem geplanten Einzug in den Bundestag hat es sich Rauhut nicht leicht gemacht. Der Bezirk Mitte, für den er kandidiert, ist mit Eva Högl (SPD), Frank Henkel (CDU), Özcan Mutlu (Grüne) und Beatrix von Storch (AfD) prominent besetzt und sehr heterogen. Während hier in Moabit viele Menschen gar nicht zur Wahl gehen dürfen, weil sie die deutsche Staatsbürgerschaft nicht besitzen, ist weiter südlich die Gentrifizierung längst in vollem Gange.

Vergebene Mühe ist dieser Wahlkampfstand für eine Mitarbeiterin trotzdem nicht. „Auch die, die nicht wählen dürfen, wollen wir ansprechen und ihnen zeigen, dass da jemand ist, der ihre Interessen vertritt.“ Und Rauhut fordert ein automatisches Wahlrecht für jeden, der fünf Jahre in Deutschland lebt.

„Das nervt echt“

Die Gespräche mit den Passanten laufen weiter schleppend. Hin und wieder zeigt sich ein wenig die Sonne. Wärmer wird es dadurch nicht. Drei dunkelhäutige Mädchen laufen immerhin nicht gleich mit den Popcorntüten wieder weg. Rauhut nutzt die Chance und fragt, wo sie zur Schule gehen und was da noch verbessert werden könnte. „Die gesunde Ernährung“, sagt eine und Rauhut zieht die Augenbrauen hoch. „Ja, das ist natürlich wichtig. Und was noch?“ - „Wir dürfen gar keine Handys benutzen, die Toiletten müssten auch gemacht werden und alle Schüler sollen auf alle Schulhöfe gehen dürfen, das ist jetzt so nach Altersklassen getrennt. Aber dass wir nur gesunde Sachen in die Schule mitbringen dürfen, das nervt echt.“ Jetzt versteht Rauhut, dass die Mädchen nicht mehr, sondern weniger gesunde Ernährung wollen. Aber auch da zeigt er sich verständnisvoll und sagt, dass in Deutschland doppelt so viel für Schulen ausgegeben werden sollte, als das derzeit getan wird. Die Mädchen scheinen zufrieden.

Linke oder AfD?

Ein schwierigerer Fall ist eine Frau mit einer Dreierpackung „Ja“-Margherita-Pizzen unterm Arm. Sie wisse nicht, ob sie die AfD oder die Linke wählen solle, sagt sie. Obwohl eigentlich ein „tief links verwurzelter Mensch“, gefalle ihr die Idee der Volksentscheide bei der AfD so gut. Sie arbeitet laut eigener Auskunft als Minijobberin im Altersheim, ihre beiden erwachsenen Söhne wohnen noch bei ihr und die frustrierten Schilderungen einer Freundin, die sich in der Flüchtlingshilfe engagiert, haben ihr zu Denken gegeben. Rauhut teilt ihre Kritik an der Agenda 2010: „Völlig richtig, der zweite Arbeitsmarkt gehört abgeschafft, außerdem wollen wir einen Mindestlohn von 12 Euro und eine sanktionsfreie Grundsicherung anstelle von Hartz IV.“ Die Flüchtlingssituation zeige doch nur, dass das System schon völlig marode sei. „In diesem Land ist scheiß viel Geld, es ist einfach nur falsch verteilt.“

Das sieht die nächste Passantin anders. Sie ist 89 Jahre alt, sagt sie, habe aber schon die FDP gewählt. „Was denn auch sonst? Diese schwarze Krähe, die Wagenknecht? Und die Grünen mag ich auch nicht, die sind immer nur überall dagegen. Mein Mann hat immer gesagt: Wähl' die SPD, aber nu ist der Alte ja tot“, schmunzelt sie. „Wir haben da eine andere Meinung, aber ich finde sie trotzdem sympathisch“, bemüht sich der Wahlkämpfer. „Das ist mir total egal, was Sie von mir denken. Ich hab' den Krieg mitgemacht, als Putzfrau gearbeitet, kurz vor den Wende bin ich dann nach West-Berlin rüber, nach Reinickendorf. Wollte ja nicht eingesperrt sein.“ Der Wahlkämpfer wittert seine Chance. „Dann waren sie doch sicher gegen den Flughafen Tegel mit dem ganzen Fluglärm.“ „Hören Sie mir damit auf! Früher hat sich auch nie jemand beschwert und jetzt auf einmal alle. Ich sag Ihnen, am BER wird nie etwas fliegen.“ In dem Moment fährt ein Krankenwagen mit Sirene vorbei. Die alte Dame kommentiert flapsig: „Da hat wieder einer vergessen, Luft zu holen.“ Nun muss auch der Wahlkämpfer lachen. Eine andere Linken-Mitarbeiterin sagt: „Ich glaub', mir wird was fehlen, wenn das hier vorbei ist.“

Dieser Text ist Teil einer Serie, für die Cicero sich bis zur Bundestagswahl an Berliner Wahlkampfständen verschiedener Parteien umgesehen hat. Hier finden Sie die vergangenen Teile zur SPDzur AfD, zu den Grünen, zur FDP und zur CDU.

Fotos: Lena Guntenhöner, Foto Steve Rauhut: Steve Rauhut

Harro Meyer | So, 24. September 2017 - 11:17

Was soll man denn dazu sagen? Allenfalls die Demokratie abgewöhnen! Aber-nach Churchill-: Ich weiß nichts besseres.

Mathias Trostdorf | So, 24. September 2017 - 14:41

Herrlich die Episode mit dem (un)gesunden Essen.
Ich stelle mir vor, ein/e GrünerIn oder- InIn/ x hätte dort gesessen, derdiedas hätte doch aufgrund der ungesunden Wünsche der einzigen drei InteressenterInnen- Innninnen und x gleich einen ökologischen Herzkasper gekriegt.

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