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Freistaat - Bayern, des samma mir!

Ein Modell, wie es die CSU fährt, kann eigentlich nur in Bayern funktionieren. Ein Glück für die Christsozialen, dass sie den Freistaat haben – andernfalls würde es schlecht aussehen für Seehofer und Konsorten. Aber warum tut sich der deutsche Süden das eigentlich an?

Autoreninfo

Studiert Politikwissenschaften in Hamburg und hat unter anderem für die Süddeutsche Zeitung geschrieben.

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Wenn man aus den Fenstern des ehrwürdigen Maximilianeums blickt, muss man sich wahrlich erhaben fühlen. Zu Füßen des ziegelroten Landtagsgebäudes zeigt sich München von seiner prächtigsten Seite. Schnurgerade geht es von dort über die pittoreske Maximiliansbrücke, vorbei an der oberbayerischen Regierung,  in die prunkvolle Maximiliansstraße. Rechter Hand balanciert der goldene Friedensengel. Wohl dem, der hier residiert, um die Geschicke der bayerischen Politik zu lenken.

Weniger würdevoll ist einem allerdings zumute, wenn man sich vor Augen führt, dass es ausgerechnet  der CSU-Vorsitzende Horst Seehofer ist, der diesen Ausblick regelmäßig genießen darf. Die Christsozialen sind aus der Landesregierung nicht wegzudenken, schon seit Menschengedenken nicht mehr. Fast könnte man meinen, Bayern hätte sich längst damit arrangiert, ein Einparteienstaat zu sein, der pro forma eine vielfältige, aber letztlich unbedeutende Opposition neben sich duldet, um keine demokratietheoretischen Bedenken auf sich zu ziehen.

Was aber macht den Reiz einer Partei aus, die von unseriöser Personalpolitik über populistische Bierzelt-Rhetorik bis hin zu fragwürdigen Ministern alles zu bieten hat, außer eines vernunftbegabten Führungsstils?

Unter dem bayerischen Bierzelthimmel mahlt der Konservatismus. Beständig, behäbig, angefilzt bis zum Dorthinaus. Gerne unter völliger Missachtung der politischen und gesellschaftlichen Realität. Um das zu verstehen, kommt man nicht umhin, sich mit der hiesigen Mentalität auseinanderzusetzen.

Es existiert immer noch: Das Bayerische Königreich


Einst war der Freistaat ein eigenständiges Königreich. Weil dieser Zustand auch heute noch als ideal empfunden wird, praktiziert man die Monarchie quasi im Verborgenen. Der Regent (synonym auch als „Landesvater“ tituliert) heißt nun offiziell „Ministerpräsident“, inszeniert sich aber dennoch wie der Kaiser von Gottes Gnaden. Gerne würde er Tirol annektieren oder sich mit Österreich auf ein alpendeutsches Imperium einigen. Streitigkeiten mit der Kanzlerin ersetzen eine kriegerische Außenpolitik.

Der Bayer an sich praktiziert einen gepflegten Rassismus, der sich prinzipiell gegen alles richtet, was sich außerhalb der eigenen Staatsgrenzen befindet. Menschen, die aus solch unwirtlichen Regionen stammen, werden kategorisch als „Preißn“ bezeichnet und mögen auf bayerischen Straßen gefälligst ein angemessenes Entgelt entrichten.

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Dialekt und Kultur sind staatstragend. Ob Preiß oder nicht: Man sollte die Maß nicht als „Maaaß“ verhunzen, auch wenn sie sich erfolgreich der neuen Rechtschreibung widersetzt und weiterhin mit „ß“ geschrieben wird. Des weiteren sollte einem ein „Oachkatzlschwoaf“ weitgehend unfallfrei über die Lippen gehen. Akustisch natürlich, nicht kulinarisch. Selbstverständlich ist man über den natürlichen Lebensraum des Wolpertingers informiert. 

Wer so einzigartig und besonders ist, sehnt sich freilich nach einer Partei, die diese Einzigartigkeit zu würdigen weiß.

Ob das betreffende Polit-Personal darüber hinaus die eigenen minderjährigen Sprösslinge als hoch bezahlte Bürokräfte einstellt, Studiengebühren wahlweise einführt und dann kurzfristig wieder abschafft oder unliebsame Mitbürger in der Psychiatrie exorzieren lässt, interessiert nicht. Auch nicht, dass der Landesvater gewichtige Entscheidungen scheinbar vom tagesaktuellen Befinden abhängig macht.

Denn eines kann die CSU besser als alle anderen Parteien: Sie zelebriert Bayern so, wie es zelebriert werden möchte. Sie lullt es ein, lobt es als: Modern, traditionell, katholisch-weltoffen, dabei tief verwurzelt im hauseigenen Heustadel.

Wer jetzt spontan vermutet, das alles passe nicht recht zusammen, sei vom Ministerpräsidenten eines Besseren belehrt. Denn in unmittelbarer Alpennähe, so teilt er auf seiner weiß-blauen Website mit, befinde sich die „Vorstufe zum Paradies“. Im Hintergrund besinnliche Blasmusik. Nebenbei bemerkt, das entspricht nicht ganz der Wahrheit. Der Schriftsteller Ludwig Thoma, Urgestein bayerischen Kulturguts, lokalisierte bereits 1911 den eigentlichen Himmel der Bayern im Herzen Münchens. Damals gab es die Christsozialen noch nicht. Und leider bevölkern ja ärgerlicherweise die Sozialdemokraten das schöne Münchner Rathaus.

Das hindert  Horst Seehofer nicht daran, bei seinen allseits beliebten Bierzelt-Auftritten auf dem Boden seines Maßkrugs zu lesen, dass der Freistaat ganz an der Spitze in Europa stünde. Sicher Arbeitsplätze, kerngesunde Finanzen, quasi Vollbeschäftigung. Beste Bildung, blühende Kultur. Mit Abstand das stärkste Bundesland. Kurzum: „Bayern spielt in der Champions League“. Das habe natürlich vor allem mit der CSU zutun, gibt er ganz wertfrei zu.

Es stimmt, dass Bayern eine ganze Reihe an Hochschulen und Universitäten vorzuweisen hat. Dass es wirtschaftlich und finanziell vergleichsweise gut dasteht – wenn man denn außer Acht lässt, das das Land nicht nur von mittelständischen Unternehmern und erfolgreichen Ökobauern besiedelt ist, die sich in urigen Dörfern und prosperierenden Kleinstgemeinden aufhalten. Aber Städte wie München, wo sich unter dem Deckmantel des stilisierten Schickimickitums schon langsam die Armut breitmacht, kann man getrost aus der bayerischen Erfolgsbilanz ausklammern – hier sind schließlich andere am Werk.

Mit den Heimatpflegern kommt die CSU besonders gut aus


Auf dem Land steht die CSU traditionellerweise unangefochten an erster Stelle. Hier kann sie die Quadratur des Kreises betreiben, ohne dass es jemanden stört. Die Energieautonomie ist so ein Beispiel. Mit dem verständlichen Ziel, sowohl ökologisch versierte Wähler, als auch streitbare Heimatpfleger an sich zu binden, betreibt sie ein ungezieltes Mäandern zwischen Umweltschutz-Versprechen und sinnfreien Restriktionen. Auf der einen Seite stellen die Christsozialen in ihrem Wahlprogramm fest, Bayern sei in Sachen erneuerbare Energien Vorzeigebundesland.

Gleichzeitig peilt Seehofer jedoch einen Mindestabstand von rund zwei Kilometern zwischen Windkraftanlagen und der nächsten Kommune an. Problem sei nicht das Windrad an sich, sondern die Tatsache, dass es den Baumbestand überrage und also unangenehm ins Auge steche. „Diese wunderschöne Landschaft lasse ich nicht planlos verspargeln“, verkündete Seehofer letztens im TV-Duell. Nur damit eine Stadt wie München ihren sauberen Strom bekomme, wolle er nicht 60 Prozent der Bürger in ländlichen Regionen leiden lassen.

Was er verschweigt: Seine Forderung ist quasi eine Absage an die Windenergie. Bestehende Planungen würden kippen, und in einem so dicht besiedelten Bundesland wird es schwer, neue Standorte zu finden. Bei versierten Heimatpflegern stößt Seehofer, der sich bescheiden als „Architekt der Energiewende“ bezeichnet, auf große Sympathie. Die befürchten nämlich schon lange den Niedergang der bayerischen Landschaftsästhetik durch großflächige Solaranlagen und andere Fremdkörper.

Ähnlich bigott sieht es beim Thema Vetternwirtschaft aus. Was vor kurzem noch für einen medialen Aufschrei sorgte und von den anderen Parteien himmelhoch jauchzend zur Kenntnis genommen wurde, versickerte schnell wieder im politischen Sumpf der CSU. Die Staatsregierung zeigte sich kurz ertappt und hatte es dann besonders eilig, ein Gesetz zu verabschieden, das verwandtschaftliche Arbeitsverhältnisse verbietet. „Transparent und konsequent“ nennt Seehofer sein Vorgehen. Im Sommerinterview mit dem ZDF relativierte er im Nachhinein: „Niemand hat gegen ein Recht verstoßen. Aber ich verfahre nach dem Motto: So etwas tut man nicht“. So einfach ist das in Bayern.

„Drehhofer“, wie der Ministerpräsident vom kleinen Kreis seiner Kritiker genannt wird, versteht es aufs Trefflichste, aus jedem Skandal augenzwinkernd einen liebenswerten Fauxpas zu machen. Seine Wähler scheinen ohnehin die Aufmerksamkeitsspanne von Stubenfliegen zu besitzen und vergessen pünktlich vor der Wahl, dass sie ihr Politpersonal eigentlich abstrafen wollten.

Zur Not muss die Kanzlerin ebenfalls in die Maß gucken


Und wenn doch noch leise Zweifel bestehen, dann tut die Kanzlerin ihre Pflicht und passt sich der Seehoferschen Logik an. „Die besten Wirtschaftsleistungen, die besten Schulabschlüsse – ich weiß gar nicht, wie sie das machen“, schwärmte sie im Mai in einem brechend vollen Bierzelt im Münchner Stadtteil Trudering. „Bayern und die CSU, das gehört zusammen, nur so bleibt Bayern spitze“. Der euphorische Beifall im sonst so widerborstigen München gibt ihr Recht.

Denn eines hat die Kanzlerin verstanden. Gegen Bayern kommt der Rest der Bundesrepublik einfach nicht an. Am Freistaat möge sich die ganze Welt ein Beispiel nehmen. Selbst das Paradies ist für einen überzeugten Bayern nur dann hinnehmbar, wenn er dort sein Weißbier bekommt und morgens im Bayerischen Rundfunk die aktuelle Wetterlage in den Alpen studieren kann.

Bedauerlicherweise ist die CSU die einzige Partei, die dem speziellen Selbst-Verständnis der Bayern gerecht wird. Die dem aktuellen Preis einer Wiesn-Maß mehr Bedeutung beimisst als lästigen Kleinigkeiten wie einer Eurokrise. Und die ihnen das Gefühl gibt, dass ihr weiß-blaues Vorstufen-Elysium nicht in Gefahr ist – möge es jenseits der Staatsgrenzen auch noch so toben und brausen. Darum brauchen wir die CSU.

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