Agnieszka Brugger - Keine Lust auf Merkels „Schlafwagenpolitik“

Agnieszka Brugger von den Grünen ist die jüngste weibliche Abgeordnete im Bundestag und stand anfangs vor allem wegen ihrer Piercings im Rampenlicht. Mittlerweile hat sich die 28-jährige Politikstudentin in der Sicherheits- und Abrüstungspolitik etabliert und macht aus ihrer Ablehnung für Merkels Politik keinen Hehl

Agnieszka Brugger, Die Grünen, Bundestag
S. Kaminski/Bündnis 90/Die Grünen Bundestagsfraktion

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Julian Graeber hat Sportwissenschaft und Italienisch in Berlin und Perugia studiert.

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3. Dezember 2009. Die jüngste weibliche Abgeordnete, Agnieszka Brugger von den Grünen, tritt ans Rednerpult im Plenarsaal und hält ihre erste Bundestagsrede über die Bedeutung der nuklearen Abrüstung. Ihre erste Rede? „Das war zwar meine erste Rede als Abgeordnete, ich stand jedoch bereits 2004 im Rahmen des Planspiels Jugend und Parlament an diesem Pult und habe in der Rolle einer 60-jährigen, sozialdemokratischen Gewerkschaftsfunktionärin eine Rede für die Wehrpflicht gehalten. Da musste ich schon schmunzeln, als ich erneut dort stand“, erzählt die Politikstudentin lächelnd.

Die Sicherheitspolitik stand schon damals ganz oben auf ihrer Agenda und ist der 28-Jährigen auch jetzt, als Mitglied im Verteidigungsausschuss und Sprecherin für Abrüstungspolitik, eine Herzensangelegenheit. Patriot-Raketen an der türkisch-syrischen Grenze, Afghanistan-Einsatz, Anschaffung von bewaffneten Drohnen und umstrittene Rüstungsexporte – über zu wenig Arbeit kann sich Brugger nicht beschweren. Denn die Argumentation der schwarz-gelben Koalition in vielen Fragen der Sicherheitspolitik bringt sie auf die Palme.

„Das ist doch Humbug! Deutschland ist ein souveräner Staat“, regt sie sich auf, wenn es um die 20 US-amerikanischen Atomwaffen geht, die im Rahmen der nuklearen Teilhabe der Nato auf deutschem Grund gelagert werden. „Griechenland und Kanada haben keine Atomwaffen mehr im eigenen Land und sind in der Nato nicht in der Bedeutungslosigkeit verschwunden“, sagt Brugger, während sie die große, grüne Teetasse auf den Tisch stellt. Es ist ein eisiger Februarnachmittag. Sie ist erkältet, gestikuliert aber eifrig mit beiden Händen.

Agnieszka Brugger sieht nicht aus wie die typische Bundestagsabgeordnete. Die roten Haare bilden einen klaren Kontrast zum blassen Gesicht. Ein Lippen- und ein Nasenpiercing veranlassten den Kölner Express kurz nach ihrem Einzug in den Bundestag dazu, sie als „Deutschlands schrillste Politikerin“ zu betiteln. Lässt man ihren Gesichtsschmuck einmal außer Acht, bleibt von der angeblich so schrillen Art jedoch nicht mehr viel übrig. Die Politikstudentin spricht mit ruhiger Stimme, aber sehr entschlossen und lächelt häufig. Im Gespräch über ihr Fachgebiet ist sie mit der Zeit routiniert geworden. Die Antworten klingen wie Versatzstücke aus einer Rede, sie wiederholen sich in ihren Interviews.

Der Einzug in den Bundestag 2009 kam für die in Polen als Agnieszka Malczak geborene Grüne indes völlig unerwartet. 1989 zieht die Familie nach Dortmund, wo Brugger ihr Abitur auf einem katholischen Gymnasium macht. Über „die Politik“ und „die Politiker“ ärgert sie sich immer häufiger. „Irgendwann habe ich gemerkt, dass nur Meckern nicht viel bringt und ich damit nur meinen Freunden auf die Nerven gehe.“ Seit 2004 ist sie Mitglied bei den Grünen. 2007 wird sie Sprecherin der Grünen Jugend Baden-Württemberg, wo sie in Tübingen Politikwissenschaft studiert. 2009 wird sie für den Bundestag nominiert. Dass der elfte Landeslistenplatz tatsächlich für den Einzug ins Parlament reicht, glaubt damals nicht einmal Brugger selbst. Erst um vier Uhr nachts erfährt sie von ihrem Glück. „Das hat meine Lebensplanung sehr durcheinander gebracht“, gibt sie zu.

Nach fast vier Jahren in Berlin ist die erste Aufregung schon lange passé. „Am Anfang war alles neu und ich habe noch mehr gearbeitet als jetzt. Es hat so viel Spaß gemacht, dass ich mich zwingen musste, auch mal eine Pause zu machen. Es ist dann aber auch schön, wenn man abschalten kann und merkt, dass Politik nicht alles ist im Leben“, erklärt Brugger. Mittlerweile arbeitet die Abgeordnete „nur“ noch 60 bis 80 Stunden pro Woche.

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Ob in Berlin, wo auch ihr Ehemann wohnt, oder in ihrem Wahlkreis in Oberschwaben, Freizeit ist ein seltenes Gut. Darunter leidet in erster Linie das Studium. „Dass ich mal Langzeitstudentin werde, hätte ich nicht erwartet“, scherzt Brugger in ihrem Büro Unter den Linden. Der Abschluss sei ihr aber sehr wichtig, da sie nicht abhängig von der Politik sein wolle.

Bei einem so vollen Terminkalender kommen auch die Hobbys zwangsläufig zu kurz. So klingt sie etwas wehmütig, wenn sie erzählt, dass sie früher sehr viel Sport getrieben hat. Sie war sogar in einem Boxverein, was im rauen Berliner Politikbetrieb ja gar nicht so falsch sein kann. Heute lässt sie es beim Yoga etwas ruhiger angehen. An Bruggers Lieblingsbeschäftigung hat sich jedoch nichts geändert. „Ich war schon früher eine unheimliche Leseratte und verschlinge Bücher.“

Nachdenklich reagiert sie auch auf die Frage, ob sie sich durch den steilen Aufstieg verändert habe. „Das ist etwas, worüber ich häufig nachdenke. Natürlich sind mit dem Politikberuf auch angenehme Seiten wie spannende Veranstaltungen, Begegnungen und öffentliche Aufmerksamkeit verbunden, aber ich mache Politik, weil ich etwas verändern will“, erzählt sie ernst. Eine fundamentale Veränderung habe sie bei sich selbst allerdings noch nicht wahrgenommen.

Der Enthusiasmus für ihr Hobby, das zum Beruf wurde, ist durch Reisen in Krisengebiete wie Afghanistan oder Südsudan zumindest nicht kleiner geworden. „Die UN-Mission im Südsudan, zu der Deutschland 17 Soldaten geschickt hat, hat mich sehr überzeugt. Der ganzheitliche Ansatz der Konfliktvermeidung unter Einbezug ziviler Helfer hat mich auch als Politologin beeindruckt und gibt Hoffnung, dass Auslandseinsätze unter bestimmten Bedingungen auch erfolgreich verlaufen können“, erklärt sie.

Eine ganz klare Meinung hat Brugger zur kommenden Bundestagswahl. „Ich bin so gar kein Fan von Schwarz-Grün“, versichert sie. Die beiden Parteien hätten einfach keine inhaltliche Grundlage für eine konstruktive Zusammenarbeit, was vor allem an der „Schlafwagenpoltik von Frau Merkel“ liege. „Ich finde es verheerend, dass die CDU im Wahlkampf Themen wie den Mindestlohn, Rente oder die Frauenquote zu besetzen versucht, dann aber nichts passiert. Das ist Alibipolitik.“

Mit der Linken seien die programmatischen Schnittmengen zwar größer, eine rot-rot-grüne Koalition auf Bundesebene kann sich Brugger aber ebenfalls nicht vorstellen. Sie fände es zwar schade, wenn es trotz linker Mehrheit doch zu einer Großen Koalition komme, sei aber desillusioniert von der Linken: „Ich bin Mitglied in zwei rot-rot-grünen Runden, in denen ausgelotet wird, wo Gemeinsamkeiten und wo Grenzen sind. Sozusagen die Pizza-Connection von der anderen Seite. Und obwohl es bei der Linken viele kluge Köpfe gibt und wir in der Problembeschreibung häufig übereinstimmen, haben sie für zu viele ihrer radikalen Forderungen keine funktionierenden Lösungsansätze.“

Ob erneut in der Opposition oder in einer Regierungskoalition, Agnieszka Brugger wird wieder in den Bundestag einziehen. Listenplatz fünf in Baden-Württemberg lässt keine Zweifel an einer zweiten Legislaturperiode zu.

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