Image der Alternative für Deutschland - „Guck mal, die böse AfD“ 

Das Buch einer Aussteigerin hat kein gutes Licht auf die AfD geworfen. Den Medien gilt die Partei als Schmuddelkind. Dabei ist sie gerade dabei, die SPD als zweitstärkste Kraft im Bundestag einzuholen. Die AfD-Abgeordnete Joana Cotar sieht darin keinen Widerspruch

Keine Partei polarisiert so wie die AfD: In Wiesbaden gingen ihre Gegner gerade gegen sie auf die Straße / picture alliance

Autoreninfo

Antje Hildebrandt hat Publizistik und Politikwissenschaften studiert. Sie arbeitet als freie Reporterin und Autorin. 

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Joana Cotar, 45, sitzt seit 2017 für die AfD im Bundestag. Sie wurde 1973 in Rumänien geboren und kam mit fünf Jahren auf der Flucht vor dem Ceauscescu-Regime mit ihrer Mutter nach Deutschland. Die studierte Germanistin und Politikwissenschaftlerin hat als Journalistin und Veranstaltungsmanagerin für Finanzinstitute in Deutschland und der Schweiz gearbeitet, bevor sie sich als Projektmanagerin selbständig machte. Der Cicero hatte sie für die Printausgabe im April porträtiert. 

Frau Cotar, vor zwei Wochen hat die AfD-Aussteigerin Franziska Schreiber eine bitterböse Abrechnung mit der Partei in Buchform veröffentlicht: „Inside AfD“. Die Autorin spricht der Partei neben dem erforderlichen Intellekt auch den Willen zur Regierung ab. Was sagen Sie zu den Vorwürfen?
Ich habe das Buch nur überflogen. Was ich gelesen habe, fand ich lächerlich. Herr Gauland hat erst vor kurzem wieder betont, dass wir uns der Regierungsverantwortung stellen müssen. Dass wir uns dazu nicht schon im ersten Jahr nach unserem Einzug in den Bundestag bekennen, ist klar. So ehrlich sind wir: Wir müssen lernen. Man kann nicht von Null auf Regierung gehen. 

Im ZDF-Sommerinterview erweckte Herr Gauland nicht den Anschein, als hätte er Lust, zu regieren. Man erlebte dort einen zerstreuten AfD-Chef, der sich nicht vorbereitet hatte und der weder zur Rente noch zum Klima oder zur Digitalisierung etwas sagen konnte. 
Ich fand das Interview ein bisschen unglücklich. Ich kann es verstehen, dass Herr Gauland keine Ahnung hat vom Internet. Wenn ich meine Oma danach frage, dann geht der das auch so. Ich sitze im Arbeitskreis Digitale Agenda, und wir arbeiten gerade intensiv an einer Digitalisierungsstrategie. Das Konzept steht auch schon. Ich weiß nicht, ob Herr Gauland davon nichts gewusst hat oder nur abgelenkt war von den Demonstranten, die das Interview gestört haben.  

Und wie sieht es es mit dem Thema Rente aus?
Über das Konzept wird der nächste Parteitag entscheiden. Auch da werden wir was vorlegen können  und zwar mehr als die Altparteien. Die verbocken das schon seit Jahrzehnten und kriegen keine Reform hin. 

Ist Alexander Gauland ein gutes Aushängeschild für die Partei? 
Durchaus. Jeder kann mal einen schlechten Tag haben, an dem ein Interview nicht so gut läuft. Wir sind zufrieden mit ihm und seinen Reden im Bundestag. Er macht einen hervorragenden Job. 

Für Franziska Schreiber ist er ein Scharfmacher – und als solcher noch gefährlicher als Björn Höcke. Glaubt man ihr, dann ist der sogar dem Chef des Verfassungsschutzes, Hans-Georg Maaßen ein Dorn im Auge. Bei einem Treffen mit der früheren AfD-Chefin Frauke Petry soll Maaßen gesagt haben, der Verfassungsschutz werde die AfD nur dann nicht beobachten, wenn Petry ein Parteiausschlussverfahren gegen Höcke anstrenge.  
Das haben sowohl Herr Maaßen als auch Frau Petry dementiert. Ich finde es insofern spannend, als Franziska Schreiber Herrn Höcke noch vor einem Jahr selbst beim Verfassungsschutz verortet hat. Das hat sie bei Facebook gepostet. Jetzt soll Herr Maaßen plötzlich vor Herrn Höcke gewarnt haben. 

Herr Höcke erwägt rechtliche Schritte gegen das Buch. Würde er das tun, wenn man Frau Schreiber tatsächlich nicht ernst nehmen könnte, wie jetzt in der Partei kolportiert wird. 
Es ist alles sehr undurchsichtig, was sie schreibt. Die Geschichte mit dem Verfassungsschutz ist nicht der einzige Fehler. Wenn ich lese, dass sie schreibt, dass Frauke Petry von ihren Vertrauten „Sternchen“ genannt wurde, muss ich wirklich lachen. „Sternchen“ war eine Beleidigung, die sich ein Parteikollege ausgedacht hatte. Daher glaube ich Frau Schreiber nur wenig. 

Fakt ist, dass der rechtsnationale Flügel nach dem Austritt von Frauke Petry 2017 die Hoheit über den Stammtischen gewonnen hat. Fühlen Sie sich als Vertreterin des gemäßigteren Flügels überhaupt noch wahrgenommen? 
Natürlich. In Hessen steht jetzt die Landtagswahl bevor. Die beiden Landessprecher, Klaus Herrmann und Robert Lambrou, kommen aus dem gemäßigten Flügel. Die Aussagen, dass der kein Bein mehr auf den Boden bekommt, ist an den Haaren herbeigezogen.  

Tatsächlich wird die AfD in den Medien aber fast nur dann wahrgenommen, wenn sich Vertreter des rechten Flügels mit provokanten Thesen positionieren. Sei es, dass Alexander Gauland das Dritte Reich als Vogelschiss der Geschichte verharmlost oder Alice Weidel Muslime pauschal als „Kopftuchmädchen“ und „Messermänner“ beleidigt. 
Ich finde es schade, dass die Presse nur auf solche Sätze anspringt. Wir verschicken täglich zig Pressemitteilungen zu aktuellen Themen – und keine von denen wird aufgegriffen. Aber sobald mal ein Satz fällt, der für Aufregung sorgt, wird der durch die Schlagzeilen gejagt, um zu zeigen: Guck mal, die böse AfD!  

Und dann kommt Alexander Gauland mit seinem Vogelschiss-Zitat um die Ecke und bestätigt auch noch die schlimmsten Klischees. 
Die „Vogelschiss“-Äußerung war nicht in Ordnung. Herr Gauland hat sich für diesen Satz entschuldigt. Aber da hatte die Presse das schon aufgebauscht. 

Ist dieser Effekt beabsichtigt? 
Nein, ist es nicht. Auch uns kosten unüberlegte und falsche Äußerungen Stimmen.  

Aber muss die AfD nicht deshalb so viel Kritik einstecken, weil der rechtsnationale Flügel das öffentliche Bild der Partei prägt und sich die Medien schwer damit tun, die Partei ernst zu nehmen? 
Nein. Ich  glaube, man nimmt die Partei sehr ernst. Das ist der Grund, warum wir mit unserer Sachpolitik in der Presse nicht vorkommen. Wir werden immer stärker, und irgendwann werden wir in der Regierung landen. Ich bin überzeugt davon, dass sich die Berichterstattung dann ändert. Im Moment möchte man verhindern, dass wir erfolgreich werden. Diese Strategie hat wenig Erfolg. 

Wir leben in einer Demokratie. Welches Interessen sollten die Medien haben, die AfD totzuschreiben? 
Ich selbst habe fünf Jahre für die Frankfurter Neue Presse und das ZDF gearbeitet. Die meisten Kollegen sind rot-grün. Denen geht es nicht mehr um die Recherche. Die wollen selbst Politik machen. Früher gab es eine klare Trennung zwischen Berichterstattung und Kommentar.

Hat es die AfD nicht vielmehr deshalb schwer, weil sie mit ihrer Ausländer-raus-Politik an ein Tabu rührt? 
Wir machen nicht Politik gegen Ausländer. Wir machen Politik gegen die Politik von Frau Merkel. Das hat Beatrix von Storch schon auf unserer ersten großen Demo 2015 gesagt. 

Auf der Facebook-Seite der Bundestags-Afd ist der neueste Aufreger ein Video, das zeigt, wie Polizisten in Plauen bei dem Versuch tätlich angegriffen werden, einen Araber festzunehmen. Und darunter schreiben Leser, die Polizei solle doch notfalls bitteschön von ihren Schusswaffen Gebrauch machen. Muss sich die AfD fragen, ob sie die Gewaltbereitschaft der Bürger beflügelt? 
Das ist die Wut der Leute. Die verstehen zum Beispiel nicht mehr, wie jemand wie der mutmaßliche Ex-Bodyguard von Osama Bin Ladens, Sami A., jahrelang unbehelligt und auf Steuerzahlerkosten in Deutschland leben konnte. Wir müssen die Sorgen dieser Leute ernst nehmen. 

Gegen ernst nehmen ist ja nichts einzuwenden. Aber die AfD befeuert die Ängste der Leute noch, indem sie verallgemeinert und Vorurteile schürt.  
Nein, wir befeuern die Angst nicht. Wir nennen nur Fakten. Die Leute fühlen sich doch für dumm verkauft, wenn die Polizei zum Beispiel die Nationalität ausländischer Mörder nicht nennt, aber alle wissen, dass es Ausländer waren. 

Frau Schreiber sagt, Angst sei das Kapital der AfD. 
Wir haben Angst um unser Land. Deshalb hat sich die AfD gegründet. Frau Schreiber meint etwas anderes. Sie wirft uns vor, wir spielten mit den Ängsten der Leute. 

Besorgte Bürger sind empfänglich für Schreckensszenarien. Aber verspielt die AfD damit nicht das Vertrauen der anderen Parteien und damit die Chance, jemals mitregieren zu dürfen?
Ob wir mitregieren dürfen oder nicht, das entscheiden ja immer noch die Bürger und nicht die Alt-Parteien. Im Osten bewegen die sich ja schon auf uns zu, weil sie merken: Es geht um Macht. An der AfD kommen sie nicht mehr vorbei. 

Die Partei liegt in den Umfragen fast bei 16 Prozent. Was, glauben Sie, macht sie so erfolgreich?  
Erstens kommen wir aus der Mitte der Gesellschaft. Fast alle haben eine Ausbildung oder ein Studium. Es gibt niemanden, der von der Uni direkt in die Politik gewechselt ist. Jeder bringt seine Lebenserfahrung mit. Wir sind ehrlich zu den Leuten. Wir nehmen sie ernst. Wir haben die besseren Lösungen. 

Aber die Öffentlichkeit assoziiert die Partei fast ausschließlich mit der Flüchtlingspolitik.
Weil es das bestimmende Thema ist. Es kann unser ganzes Land verändern. Wobei sich die Altparteien uns langsam annähern. Wir haben schon 2013 ein Zuwanderungsgesetz nach kanadischem Vorbild gefordert. Wenn wir Einwanderung mit Asyl verwechseln, wie es die Befürworter eines „Spurwechsels“ tun, geht das in eine völlig falsche Richtung. Wir können es uns nicht leisten, Analphabeten zu integrieren.  

Sie waren fünf, als Sie mit Ihrer Mutter vor dem Ceacescu-Regime nach Deutschland flüchteten. Was sagen Sie, wenn Sie heute gefragt werden, warum sie die Abschiebung von Asylanten fordern, obwohl Sie selber als Asylantin gekommen sind? 
Ich bin nicht als Asylsuchende gekommen. Meine Mutter hatte deutsche Vorfahren. Sobald wir die Grenze überschritten haben, haben wir einen deutschen Pass bekommen. 

Verfolgt ist verfolgt. 
Aber gucken Sie sich doch mal an, wer da jetzt gerade kommt. In unserem Programm steht, dass wir Menschen helfen wollen, die tatsächlich asylberechtigt sind. In den vergangenen Jahren waren das aber nur ungefähr drei Prozent. Wir haben schon 2015 den Vorschlag gemacht, Asylzentren in Afrika aufzubauen. Die Regierungsparteien haben das jetzt übernommen. Über die Asylanträge soll vor Ort entschieden werden. Asylberechtigte wollen wir mit dem Flugzeug holen, damit sie nicht mehr im Mittelmeer ertrinken müssen. 

Ihre Prognose für 2021: Wo sehen Sie die AfD nach der nächsten Bundestagswahl?  
Im Moment jagen wir die Bundesregierung vor uns her. Das macht uns auch Spaß. Ich bin mir aber ziemlich sicher, dass wir die SPD bis zur nächsten Bundestagswahl locker überholen und dann so weit sind, das Land auf die richtige Spur führen. Und das geht nur in der Regierung. 

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