Religionsfreiheit - Es gibt keinen deutschen Islam

Gehört der Islam zu Deutschland? Konservative Politiker akzeptieren ihn dann als Religion, wenn er verfassungskonform ist. Dann aber ist es kein Islam mehr. Muslime haben ein Recht auf kulturelle Identität. Von Alexander Grau

Darf der Staat Muslimen vorschreiben, dass sich ihr Glaube im Rahmen der deutschen Verfassung bewegen muss? /picture alliance

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Alexander Grau ist promovierter Philosoph und arbeitet als freier Kultur- und Wissenschaftsjournalist. Er veröffentlichte u.a. „Hypermoral. Die neue Lust an der Empörung“. Im Oktober erscheint sein Essay „Kulturpessimismus. Ein Plädoyer“ bei zu Klampen.

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Kaum ein Thema versinkt seit Jahren dermaßen in einer Kakophonie aus Halbwissen, sich selbst überschätzender Ahnungslosigkeit und politischer Instrumentalisierungen wie das Thema Islam. Und das gilt für beide Seiten, die so genannte Islam-Kritiker und die Islam-Verteidiger. In beiden Lagern werden dieselben Denkfehler gemacht, und das macht eine sinnvolle Debatte beinah unmöglich.

Da sind zum einen die Objektivisten, man könnte sie fachphilosophisch auch als Essentialisten bezeichnen. Das sind Leute, die naiverweise davon ausgehen, dass es den einen wahren Islam gibt. In diesen Kreisen haut man sich gerne Koransuren um die Ohren und versucht zu belegen, dass der Islam wahlweise eine rückständige, nicht zivilisationsfähige, menschenverachtende Religion ist oder im Gegenteil eine Religion des Friedens, der Barmherzigkeit und der Nächstenliebe.

Der Islam als schmusige Zivilreligion

Auf der anderen Seite stehen die Kulturalisten oder auch Konstruktivisten: Sie haben zwar kapiert, dass es von keiner Religion und keinem Text die eine, wahre, alleingültige Lesart gibt, leiten daraus aber ab, dass man aus Religionen wie dem Islam nach Belieben so ziemlich alles machen kann: etwa eine schmusige Zivilreligion, die auf ein bisschen Liberalismus und Toleranz mit Spiritualitätsgarnitur eingedampft wird.

Beide Seiten, Essentialisten und Konstruktivisten, irren sich grundlegend, bestimmen aber den öffentlichen Diskurs. Das macht die Sache nicht leichter. Gut zu sehen ist das exemplarisch an der jüngsten Verlautbarung des Bundesinnenministeriums. Da tat Staatssekretär Markus Kerber kund, es gebe einen deutschen Protestantismus, einen deutschen Katholizismus und ein deutsches Judentum. „Und wenn es einen Islam geben soll, der zu Deutschland gehört, dann müssen die deutschen Muslime ihn als ,deutschen Islam' definieren – und zwar auf dem Boden unserer Verfassung.“

Ein Islam zum Selberbasteln 

Dass ein Staatssekretär so viel Unsinn in wenige Zeilen bekommt, muss man ihm nicht anlasten, immerhin ist der ehemalige Hauptgeschäftsführer des Bundesverbands der Industrie (BDI) Soziologe und kein Kulturwissenschaftler, beachtlich ist es aber dennoch. Allein schon die „una sancta catholica et apostolica ecclesia“ als Ansammlung regionaler Religionsausformungen zu verstehen ist gewagt und die Rede von einem deutschen Judentum zumindest missverständlich. Vollkommen absurd ist aber die Vorstellung, man könne sich eine Religion qua definitionem basteln, etwa einen verfassungskonformen Islam.

Nur zur Erinnerung: Dass das hierzulande praktizierte Christentum verfassungskonform ist, liegt vor allem daran, dass die Ideale des Grundgesetzes einer christlichen Tradition entstammen. Pointiert formuliert: Das Christentum hat die Säkularisierung und den säkularen Staat hervorgebracht – nicht umgekehrt. Diese Grundeinsicht wird auch nicht dadurch relativiert, dass christliche Institutionen und Gläubige diese Säkularisierung bekämpft haben. Doch religiöser Subjektivismus, die klare Trennung von realer und transzendenter Welt und die damit einhergehende Trennung von politischer und religiöser Sphäre sind originär christlich.

Das Recht auf kulturelle Identität 

Auch wenn es weder christlichen Konservativen noch progressiven Atheisten gefällt: Ohne Christentum hätte es keine Säkularisierung gegeben. Eine Religion einer Rechtskultur anzupassen, die sie nicht selbst entwickelt hat, ist eine groteske Idee. Auch wenn es für viele liberale Menschen bitter klingt: Konservative Muslime haben vollkommen recht, dass ein künstlich definierter Euro-Islam oder deutscher Islam eben kein Islam wäre, sondern ein Religionshybrid aus christlichen Wertvorstellungen mit islamischer Folklore. Dass Menschen sich dagegen wehren, weil sie ihre kulturelle Identität gefährdet sehen, kann man sogar verstehen.

So erschreckend es ist: Offensichtlich haben viele, auch auf politischer Ebene, immer noch nicht verstanden, was es heißt, millionenfach Menschen anderer Religionsprägung in ein für sie fremdes religionskulturelles Umfeld umzusiedeln. Das erklärt auch die Schnoddrigkeit mit der man Anhängern einer alten und reichen Religion diktieren möchte, was sie nun bitte zu glauben haben. Konservative Muslime haben die gleichen Rechte auf kulturelle Identität wie liberale Europäer. Das Problem ergibt sich erst dadurch, dass eine gedankenlose Politik sie beide dazu nötigt, dies unter ein Dach zu bringen.