Angela Merkel bei „Anne Will“ - Arena der richtigen Gesinnung

Der Soloauftritt von Angela Merkel bei „Anne Will“ sollte die drängendsten politischen Fragen behandeln, das G7-Fiasko ebenso wie die Flüchtlingspolitik. Aber bei einer Audienz ohne Widerworte blieb der Erkenntnisgewinn gering. Das Format hat sich überlebt

Angela Merkel bei „Anne Will“: Im Hof der guten Denkungsart / picture alliance

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Alexander Kissler ist Ressortleiter Salon beim Magazin Cicero. Er verfasste zahlreiche Sachbücher, u.a. „Dummgeglotzt. Wie das Fernsehen uns verblödet“, „Der aufgeklärte Gott. Wie die Religion zur Vernunft kam“ und „Keine Toleranz den Intoleranten. Warum der Westen seine Werte verteidigen muss“.

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Das „Deutschland, in dem wir gut und gerne leben“, jenes Land, in dem mit diesem Slogan Angela Merkel ihre Kanzlerschaft verteidigen konnte, es existiert tatsächlich. Es sieht aus wie ein ARD-Fernsehstudio. Einverständnis regiert dort und sanftes Geplauder und ergriffene Zustimmung. Hier zürnt man nicht, hier fühlt man sich verstanden. Hier ist der Hof der guten Denkungsart. Die Arena der richtigen Gesinnung. So taktgenau funkten gestern zwei Herzen im Dreivierteltakt vor gerührtem Publikum, dass das finale Strahlen, mit dem die Moderatorin die Phantasmagorie um 22.43 Uhr abschloss, für jedes Märchenbuch mit Königskind und Drache taugte: Am Ende des Regenbogens steht ein Goldtopf, Anne Will hat ihn gefunden, Angela Merkel sei Dank.

Deutschland als Fernsehstudio

Insgesamt 32 Mal schnitt die Regie auf das Studiopublikum, immer war es eine Augenweide. Da waren Gesichter zu sehen, auf die das gute Deutschland nur stolz sein kann: Schüler und Studentinnen, Paare, Rentner, der skeptische Kopf, das neugierige Kind, die stolze Frau. Allesamt waren sie hellwach, interessiert, nickten nur, schäumten nie, wussten zu gefallen und zu applaudieren. Auch sie waren komplett einverstanden mit dem, was sie sahen und hörten, und somit mit sich. Denn sie wollten, wie alle im Raum, Gutes hören, Beruhigendes, Schönes, und das bekamen sie auch. Kann man solche Menschen nicht für das ganze Land casten? Damit auch bei geöffneter Studiotür und ohne Studiolicht Deutschland immer wäre, was es gestern für eine Stunde war? Ein aufgeräumter Ort für nette Menschen, von denen niemand leiden muss.

Merkels „Erlebnisse“

Für die Kanzlerin muss die hübsche Stunde ein echtes „Erlebnis“ gewesen sein. Diesen Begriff verwandte sie gerne. Gemeint war eher ein Erleben, eine Erfahrung, doch Deutschland als Eventlocation mag mitgedacht sein. „Wir haben schon ganz erstaunliche Erlebnisse gehabt“, sagte sie und meinte die Trippelschritte hin zu einer gemeinsamen europäischen Verteidigungspolitik. „Es hilft nur das Erlebnis“, sagte sie auch und dachte an „die Menschen“ in ihrem „vielleicht schon angeschlagenen Vertrauen“ in den Rechtsstaat.

Ganz neue Erlebnisse wünscht sie dem eingangs ausführlich als bösen Drachen der Weltpolitik gebrandmarkten amerikanischen Präsidenten. Ihm galt manche ernste „Mitteilung“. Rund 37 von 58 Minuten waren der Außenpolitik gewidmet – jenem Feld, auf dem Merkel an Einfluss verloren, aber an Erklärungsfreude gewonnen hat. Halten wir fest: „Die Welt bewegt sich schnell“, „ich würde mir auch eine etwas geordnetere Welt wünschen“, „europäisches Recht hat immer Vorrang vor dem deutschen Recht“, „man muss das Richtige tun.“ Und richtig war und bleibe es, „Flüchtlinge aufzunehmen“. Wenn diese in großer Zahl gegen die Ablehnung ihrer Asylanträge klagen, zeige das nur, „dass der Weg der Rechtsstaatlichkeit in Deutschland breit genutzt wird.“

Worte einer Diva assoluta

Unordnung ist in Merkels Welt das Problem der anderen. Des Innenministers Horst Seehofer etwa, der mit seinem „Masterplan“ für eine neue Asylpolitik Schiffbruch erleiden werde, eben weil er nicht berücksichtige, dass europäisches Recht deutsches Recht breche; das gab Merkel durch ein sibyllinisches Lächeln zu verstehen. Oder das Problem der Italiener, die noch immer „kein Analogon“ hätten zur deutschen Arbeitsagentur. „Es gibt immer andere Auffassungen, aber ich habe die meinige“: So spricht eine Diva assoluta, deren Worte Wirklichkeiten setzen.

Den Finger nicht in die Wunde gelegt

Draußen steigt derweil der Druck im Kessel. Fünf Millionen Mal wurde bei Facebook die Aufforderung der AfD-Politikerin Alice Weidel angeschaut, Merkel möge mitsamt ihrem Kabinett zurücktreten. Bei „Anne Will“ hatten im vergangenen Jahr durchschnittlich 4,1 Millionen Menschen eingeschaltet. Der unangenehm geifernde Gestus kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass Weidel den Finger in die richtige Wunde legt, wenn sie erklärt: „Nach Recht und Gesetz hätte Ali B. nicht nur niemals nach Deutschland einreisen dürfen, sondern das Land längst verlassen haben müssen.“ Ali B. hat gestanden, das 14-jährige jüdische Mädchen Susanna F. aus Mainz ermordet zu haben.

Noch beim G7-Gipfel am Freitag hatte sich Merkel zur bizarren Aussage hinreißen lassen, wenn ein abgelehnter irakischer Asylbewerber in Deutschland zum Mörder werde, sei ein solches „abscheuliches Vorkommnis“ eine „Aufforderung an uns alle, die Integration sehr ernst zu nehmen“. Abgelehnte Asylbewerber sollen sich integrieren, ehe sie abgeschoben werden? Offenbar hört die Kanzlerin sich nicht beim Reden zu. Zwölf Minuten vor Schluss fragte Anne Will nach dem Fall Susanna F. und dessen politischen Folgen. Merkel bot ihr als „die Lehre“ an: Gerichtsverfahren müssten beschleunigt, Ankerzentren errichtet werden. Anne Will, offenbar in Unkenntnis des Geständnisses von Ali B., hatte damit genug erfahren. Kein Wort zur Flucht der achtköpfigen Familie mit falschen Papieren und Geld vom deutschen Staat in jenen Irak, aus dem sie angeblich geflohen war. Kein Wort zur fehlenden Möglichkeit der Bundespolizei, Tickets und Ausweise am Flughafen abzugleichen.

Die Audienz taugt nicht als Format

Zum Skandal beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge war da schon aus Merkels und Wills Sicht alles, also fast nichts gesagt. Das Wort vom Untersuchungsausschuss – 64 Prozent der Bevölkerung fordern ihn – kam der Moderatorin nicht über die Lippen. Warum eigentlich? Stattdessen lobte Merkel auf kontrafaktischen Pfaden ihre Entscheidung, Frank-Jürgen Weise mit der Leitung des BamF betraut zu haben. Dumm nur, dass am Tag des Interviews die Bild am Sonntag enthüllt hatte, dass Weises „Sicherheitsbedenken“ vom damaligen Innenminister de Maiziére und dem damaligen Kanzleramtsminister Altmaier mehrfach in den Wind geschlagen worden waren. Um es flapsig auszudrücken: Merkel ging bewusst ins Risiko. Der „massenhafte Zustrom von Migranten“ (Stephan Mayer, CSU) wurde von ihr nicht als Herausforderung für die innere Sicherheit gesehen, sondern als Verwaltungsakt mit humanitärem Imperativ. Allzu viel hat sich daran nicht geändert, trotz Susanna, trotz Mia, trotz Maria und trotz Harsewinkel.

Zu den vielen Formaten, die sich im Fernsehen überlebt haben, gehört die Audienz der Kanzlerin bei einer ihr genehmen Journalistin. Angesichts einer im Facebook-Zeitalter ohnehin schwindenden Relevanz sollten sich die Sender die Courage zurückerobern, Selbsteinladungen mit eingebautem Bedingungsbündel abzulehnen. Und stattdessen andere Moderatoren und andere Formate durchzusetzen. Mit einem echten Widerpart wäre viel gewonnen. Ein Duell Weidel gegen Merkel wäre ebenso einen Versuch wert wie eine profund kontrastive Gesprächsführung. Nachhaken, Widersprechen, Unterbrechen sind keine Offizialdelikte. Die Anwesenheit von Publikum erhöht nicht die Erkenntnis, zumal wenn es sich als homogene Applauskulisse präsentiert. Jede Matrix hat ihre Löcher. Man muss sie freilich suchen wollen.

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