SPD-Jubiläum - 150 Jahre – und nix gelernt

In der Berichterstattung zum 150. kommt die SPD nicht gut weg – zu Unrecht, meint Klaus Vater

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Autoreninfo

Klaus Vater (SPD, *1946) war stellvertretender Regierungssprecher der Großen Koalition im Jahr 2009. Zuvor war er Sprecher von Bundesarbeitsminister Walter Riester und Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt. Heute ist er Krimiautor und Beirat der Kommunikationsagentur Advice Partners.

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Tim Mälzer in der Glotze zu zuschauen, das  macht einfach Spaß. Wie beiläufig hackt und säbelt und rührt dieser  Bursche am Arbeitsplatz seine Speisen. Es ist verblüffend, wie dieser pfiffig aus der Wäsche schauende Kerl die Vorzüge einer bestimmten Kartoffelsorte erläutert, während er aus der rechten Hand heraus mit affenartiger Geschwindigkeit Petersilie hackt, um beinahe übergangslos mit links nach der Pfanne zu greifen, um selbige mit heißem Öl und darin schwimmend gehacktem Knoblauch zu schütteln.  Dies meisterliche Beherrschen des Handwerks wünsche ich mir und anderen in anderen  Berufen auch – zum Beispiel im Journalismus. Dort wird auch nur so gehackt, gesäbelt und geschüttelt, dass es am Ende ausschaut – ich bleibe in den mälzerschen Gefilden –, als ob die meisten Speckwürfel neben der Pfanne lägen, die Spagetti über dem Topf-Rand hingen statt sich darin zu ringeln und die heiße Butter die Hemdbrust ziert statt Kartoffeln zu bräunen.

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Als Beispiel möchte ich eine eigentlich einfache journalistische Übung wählen, weil ich unterstellen darf, dass Journalisten in der Schule gut aufgepasst haben; ich meine Berichterstattung über den 150sten Geburtstag der EsPeDe. An herausragender Stelle platzierte sich am 20. Mai (einen Tag nachdem sich die erleuchtenden Flämmchen des heiligen Geistes der Überlieferung nach über die Menschheit gesenkt hatten) die Tagessschau der ARD. 150 Jahre zusammengequetscht auf die Stationen: Zustimmung zu den kaiserlichen Kriegskrediten 1914, Widerstand gegen die Nazis, Willy Brandts Kniefall in Warschau und – natürlich die Hartz-Gesetze. In derselben  Tagesschau-Ausgabe wurde fast ebenso „ausgiebig“ darüber berichtet, dass Yahoo eine Blogger-Plattform aufgekauft hat. Es fehlte nur noch ein dezenter Hinweis aus einer alten Ausgabe der Aktuellen Kamera, dass Herbert Wehner Moskauer Spion gewesen sei.

 

Der 2. Platz gebührt ganz ohne Zweifel Jakob Augstein. Er preist August Bebel als einen wahren Sozialdemokraten, weil der dem Kapitalismus den Garaus machen  wollte. Augstein, Kapital-satter Miteigentümer des „Spiegel“, empfiehlt der SPD, sich auf Europa zu stürzen. Ja und warum das Ganze? Damit, so Augstein, Europa „umgeben von Steppen und Dschungeln … unser Garten der Ordnung“ werde. Das ist in etwa mit kleinen Abweichungen Dr. Konrad Adenauers Europa-Bild. Allerdings begann die Steppe für Adenauer bereits vor Magdeburg. Man kann freilich aus gutem Grund angesichts der Augsteinschen Vorstellungen von SPD annehmen, dass für den Aktionär vom Hegelplatz der Dschungel irgendwo an der Wilhelmstraße in Berlin beginnt, dort wo das Willy-Brandt-Haus liegt. Also: Silbernadel.

Die bronzene Nadel gebührt Herrn Reinecke von der TAZ. Er hat bei Max Weber nachgeguckt und festgestellt, dass der unter den SPD-Funktionären die „Physiognomie des Kleinbürgertums“ entdeckte. Eine „Erdrosselung des Kapitals oder eine Brandschatzung des Vermögens der Besitzenden“ sei von der SPD nicht zu befürchten, sind sich Weber und Reinecke einig. Nun muss man einräumen, dass dieser Text früh am 19. Mai beziehungsweise bereits  am 18. Mai geschrieben wurde, der heilige Geist also noch im Anflug war. Aber zu Bronze reicht das allemal.

Ich muss gestehen, dass ich seit 44 Jahren der SPD angehöre. Ja, angehöre. Ich gehöre zu ihr. Wie knapp 480 000 andere, Frauen wie Männer. Das war nicht immer einfach. Aber das Band hat gehalten. Das hat vor allem einen Grund: Während dieser Jahre habe ich viele bewundernswerte Frauen und Männer kennengelernt. Solche in Betriebsräten, die ihre Kraft darauf verwendeten, verbriefte Rechte durchzusetzen. Immer wieder. Solche in Wohlfahrtsverbänden, die ihre freie Zeit damit zubrachten, die praktischen Probleme anderer zu lösen, Nöte zu beseitigen. Viele haben sich über die viele Jahre währende Arbeit für die Bürgerschaft in Bezirksräten und Bezirksvertretungen aufgerieben – in Schulangelegenheiten, zugunsten Kindertagesstätten oder Verkehrsberuhigung, Altenheimbau und Stadtsanierung oder Integration und Betriebe-Ansiedlung. Nicht immer erfolgreich, aber ausdauernd. Allesamt Sozialdemokraten aus Überzeugung. Wenn ich meine Erfahrungen auf drei SPD-„Nuggets“ konzentriere, ergibt das folgendes: Menschenrechte hüten, gleiche Rechte für alle und Gerechtigkeit, wo immer Menschen leben und arbeiten. Das sind keine „Gespenster der Geschichte“, wie die TAZ meinte.  

Schon zu Bebels Zeiten war das so. Damals erstritten Sozialdemokraten sauberes Wasser, dann anständige Kanalisation, Wohnungen für die kinderreichen Familien, medizinische Versorgung. Ich fürchte, dass diese simplen Tatsachen weder den Angestellten des vollkommenen Marktmodells TAZ-Genossenschaft Reinecke beeindrucken noch den Millionär Augstein, nicht mal die Tagesschau-Redaktion.  Schade. Freuen würde ich mich aber, in Jauchs „Wer wird Millionär“  als Preisfrage folgendes zu sehen: Wer setzte nach dem 1. Weltkrieg Kriegsopferrenten durch? a) Walter Ulbricht b) Guido Westerwelles Opa? c) Kaiser Wilhelm oder d) die SPD. Es müsste nicht mal die 500 000 Euro-Frage sein; als tausender Frage wär´s schon grandios.