„Gott ist ein Sadist“

Der Publizist Henryk M.Broder zählt zu den streitbarsten Zeitgenossen. Unlängst bewarb er sich um den Posten des Präsidenten des Zentralrats der Juden – eine reine Provokation. Cicero wollte ihn näher kennenlernen.

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Frank A. Meyer im Gespräch mit Henryk M. Broder Henryk M. Broder, wofür steht das M.? Je nach Jahreszeit und Wetter, immer was anderes, zurzeit für Modest, der Bescheidene. Der Bescheidene, fühlen Sie sich so? Ich bin nicht nur bescheiden, ich bin auch schüchtern, zurückhaltend, unaufdringlich. Darf ich Sie einen intellektuellen Provokateur nennen? Nein, wirklich nicht. Ich habe ein schweres Unbehagen bei dem Wort intellektuell. Also Provokateur. Auch nicht, ich bin ein Worthandwerker. Mein Vater war ein richtiger Handwerker, mein Handwerk ist die Sprache. Und Intellektuelle sind Leute, die Sachen verkomplizieren. Ich versuche, Tatbestände zu vereinfachen. Provokateur, das läuft mir nach, das hängt mir irgendwie an. Ich sehe mich nicht so. Mein erster Gedanke morgens, wenn ich aufwache, ist nicht, mit wem lege ich mich an, mein erster Gedanke ist: Kann ich noch eine Stunde weiterschlafen? Aber Sie legen sich an, Sie lösen ständig Kontroversen aus. Ja, aber ich will es gar nicht mal, es passiert unabsichtlich. Ist das jetzt ehrlich? Ja, ich weiß, dass ich mit dieser schlichten, bescheidenen Wahrheit nicht durchkomme, kaum einer glaubt es mir. Aber ich gebe Ihnen mein Wort, es ist wirklich so. Ich bin selbst überrascht, dass die einfachsten Sachen, die ich mache, gelegentlich für so viel Aufregung sorgen. Ich lege es nicht darauf an. Sie sind geboren 1946 im polnischen Katowice. Wie haben Sie die Kindheit erlebt? Ich weiß es nicht mehr. Ich habe, glaube ich, eine eingebaute Delete-Taste. Was ist die früheste Erinnerung? Als ich eingeschult werden sollte, da war ich sechs oder sieben Jahre alt, sind meine Eltern zur Schule gegangen, die Schule hieß Gymnasium Wilhelma ­Piecka, um mich anzumelden, und der Schuldirektor sagte, nein, das geht nicht, es sind schon genug Judenkinder auf der Schule. Nämlich meine ältere Schwester. Moment, im Ernst? Im Ernst. Das war 1953, das Todesjahr Stalins. Und der Schuldirektor am Wilhelm-Pieck-Gymnasium in Katowice sagte, es sind schon genug Judenkinder auf der Schule. Haben Sie damals zum ersten Mal gespürt, dass man Sie als Juden anders behandelte? Ja, ich wusste gar nicht, was das ist. Es war mir überhaupt nicht bewusst. Die Eltern erzählten die Geschichte, als sie passiert war, und dann erzählten sie die Geschichte immer wieder, als wir schon in Deutschland waren, sozusagen als schmerzvolle Erinnerung an die Zeit der Sklaverei im sozialistischen Polen. Gehen Sie in die Synagoge? Nur selten. Zuletzt vor einem halben Jahr in die sephardische Synagoge auf Curacao, die älteste in der Karibik. Meine Eltern waren Drei-Tage-Juden, gingen an hohen Feiertagen in die Synagoge, und ansonsten war das Judentum in Polen sehr diskret, es war damals nicht sehr empfehlenswert, sich als Juden zu outen. Wenn man jemanden fragt, wie seine Kindheit war, dann war sie immer glücklich. Nirgendwo wird so viel gelogen wie bei den Erinnerungen an die Kindheit. Es gibt keine glückliche Kindheit. Und wenn man in einem Haushalt aufwächst mit zwei Überlebenden einer großen Katastrophe, das muss nicht der Holocaust sein, es kann auch sowjetische Kriegsgefangenschaft sein, es kann vieles sein, dann ist die Kindheit mit Sicherheit nicht glücklich. Aber irgendwie muss sich jedes Kind einreden, es habe eine glückliche Kindheit gehabt. Sonst würde es verrückt. Ihre Eltern haben sich 1958 entschieden, nach Deutschland zu ziehen. Eigentlich auch nicht selbstverständlich… ...nach nur zwölf Jahren. Das Dritte Reich hat zwölf Jahre gedauert, und dann brauchten meine Eltern weitere zwölf Jahre, um nach Deutschland zu gehen. Es war sozusagen die Rehazeit, die sie erst durchstehen mussten. Das Schlimmste für mich war, dass wir unseren Dackel in Polen zurücklassen mussten. Das war viel schlimmer, als zu den Deutschen zu ziehen. Aber nachträglich, glaube ich, war es genau die richtige Entscheidung. Welche Erinnerung haben Sie an diese Zeit? Deutschland präsentierte sich erst einmal sehr trübe. Wir sind nach Köln gezogen. Köln ist schon im Normalzustand eine extrem hässliche Stadt. Damals war Köln noch zu drei Vierteln zerbombt. Das Haus, in das wir gezogen waren, stand da, war ein Nachkriegsneubau und drum herum waren Ruinengrundstücke. Man schaute aus dem Fenster und sah noch die letzten Sekunden des Zweiten Weltkrieges. Heute ist das alles aufgebaut, aber die Stadt ist trotzdem so hässlich geblieben wie sie damals war. Sie sind ja heute ein unglaublich bewusster Zeitgenosse. Wie war es damals, wenn Sie einem alten Deutschen begegneten? Stellte sich Ihnen nie die Frage: War der ein Täter? Nein, ich habe mich das nicht gefragt. Aber meine Eltern haben sich das ständig gefragt. Ich glaube, dass meine Eltern nach Deutschland gezogen waren, weil sie gar nicht anders konnten. Sie waren als Opfer dermaßen gedemütigt und erniedrigt worden, dass sie ihre Existenz nur fortsetzen konnten in der Nähe der Täter, in der Nähe der Leute, von denen sie glaubten, sie wären die Täter oder sie könnten die Täter sein. Sie gehörten später zu den 68ern. Ich war kein 68er. Wissen Sie, diejenigen, die heute mit schütterem Haar in irgendwelchen Kiezkneipen sitzen und von ihren Heldentaten erzählen, die waren es. Ich war es nicht. Aber, Sie waren ein Linker. Ja, eindeutig. Für mich war das auch ein Spaßfaktor, Spaßguerilla. Erst viel später habe ich gemerkt, dass andere Leute ganz andere Agenden hatten. Da war der Überfall auf die israelische Olympiamannschaft 1972; vier Jahre später, 1976, Entebbe, die Entführung einer Air-France-Maschine auf dem Flug von Tel Aviv über Athen nach Paris nach Entebbe, die anschließende Erstürmung des Flughafens und die Befreiung der Geiseln durch ein israelisches Kommando. Da bin ich eigentlich erst aufgewacht. An diesem Tag hat die erste Selektion von Juden und Nichtjuden nach dem Kriege stattgefunden, mit Hilfe einiger deutscher Terroristen, weil die eigentlichen Entführer, die Palästinenser, zu blöd waren, Namen wie Goldberg oder Goldmann als jüdische Namen zu identifizieren. Das ist jetzt über dreißig Jahre her, kaum jemand erinnert sich daran, aber dieser eine Tag von Entebbe, ich war damals mit einer Freundin unterwegs in Frankreich, der hat mein Leben geändert. Wie muss ich mir das vorstellen? Nun, mir wurde einfach klar, der Antisemitismus ist kein historisches Phänomen, der gehört nicht der Vergangenheit an. Der ist putzmunter und kommt von links. Und Sie schrieben den Bestseller „Der ewige Antisemit“. Der kam zehn Jahre später, 1986. Ich brauchte noch eine Weile, um mir darüber klar zu werden, dass der Judenhass den Holocaust überlebt hat. Sie beschreiben ihr Leben als Jude als ein Leben mit einem ständigen zweiten Ich: Man steht neben sich und fragt sich, reagieren die Leute so, weil ich Jude bin… …oder habe ich mich einfach als Sau danebenbenommen. Und das ist anstrengend. Es gibt freilich auch normale Animositäten. Wiglaf Droste hat mich ein paar Mal unglaublich in die Tonne getreten, und es war nie ein Hauch von Antisemitismus dabei. Er hätte es mit jedem anderen genauso gemacht, das schätze ich an ihm sehr. Sie sprachen bei Entebbe vom linken Antisemitismus. Es gibt ja auch einen rechten, einen bürgerlichen… …es gibt auch einen jüdischen Antisemitismus – der Antisemitismus als Krankheit verschont keinen, der ist wie ein Grippevirus, das richtet sich auch nicht nach sozialer Herkunft. Was ist das eigentlich, ein Jude? Ist das die Zugehörigkeit zu einem Volk, zu einer Rasse oder zu einer Religion? Oder sind Sie einfach ein Deutscher jüdischer Kultur? Vielleicht bin ich ein Jude deutscher Kultur. Ich kann es nicht definieren. Das Wertvolle am Judentum ist gerade, dass man es nicht definieren kann. Im Kern ist Judentum wahrscheinlich eine Mischung aus gutem Essen und schlechten Manieren. Ich bin nicht nur unreligiös, ich bin areligiös und manchmal auch antireligiös, trotzdem bin ich sehr jüdisch. Sie haben im Laufe der Jahre eine Reihe spannender Bücher geschrieben, zuletzt „Kritik der reinen Toleranz“. Man diskutiert Ihre Thesen, Sie sind immer Teil der deutschen Debatten. Ja, das finde ich auch prima. Ich kann mich auch nicht beschweren, dass ich unterdrückt werde, dass ich keine Möglichkeiten habe, mich auszudrücken, ganz im Gegenteil. Allerdings, Demokratie wird in der Bundesrepublik wie eine Selbsterfahrungsgruppe gelebt. Am Ende will man sich doch lieb haben, man fasst sich an den Händen und geht mit dem Bewusstsein auseinander, nächsten Dienstagabend wieder zusammenzukommen. Nein, Demokratie ist ein ständiger Kampf. Haben Sie nicht mal gesagt, Demokratie ist eine Werkstatt, in der es stinkt und qualmt und raucht? Ja, das habe ich geschrieben. In Deutschland ist die Demokratie keine Werkstatt, in der auch mal ausgekehrt werden muss… …es ist eine Boutique… …und da liegt alles sauber geordnet in den Regalen. Sie sind ein Provokateur und ein Zyniker. Wann haben Sie mal geweint? Zweimal in den vergangenen Jahren. Als Jitzchak Rabin ermordet wurde und als meine Mutter starb. Machen Sie sich Gedanken über das Alter? Die Altersfrage versuche ich vollkommen zu verdrängen, wie die Todesfrage. Ohne Verdrängung gibt’s gar kein Leben. Wenn Sie noch einmal lebten, würden Sie heute das Gleiche machen? Nein. Ich würde alles anders machen. Studieren, promovieren, einen anständigen Beruf lernen. Vermutlich Geisteswissenschaftler. Sie glauben ja an die Reinkarnation. Ja, und obwohl ich areligiös bin, glaube ich an Gott. Gott ist böse, gemein, hinterhältig, zynisch, unmoralisch, und vor allem ist er ein Sadist… …und er hat den Holocaust zugelassen. Er hat viel mehr zugelassen als einen Holocaust. Er hat Kambodscha zugelassen, er hat den Völkermord an den Armeniern zugelassen, er hat Ruanda zugelassen, er hat Srebrenica zugelassen, er lässt ganz vieles zu. Ich denke, er macht öfter eine Pause, guckt runter und hat seinen Spaß daran, wie sich die Kinder, die ihm zugedichtet werden, gegenseitig massakrieren. Sie glauben an einen schrecklichen Gott! Einen schrecklichen Gott, nicht einen gütigen, verzeihenden Gott der Juden und der Christen, das ist eine Fiktion. Aber, der böse Gott, der ist real. Was war noch mal die Frage? Die Reinkarnation. Ja, die Reinkarnation. Ich glaube, lachen Sie bitte nicht, ich glaube, ich war auf der „Mayflower“ dabei. Das war das Schiff, das die ersten Siedler nach Amerika gebracht hat. Als ich zum ersten Mal in Boston war, vor vielen Jahren, hatte ich wirklich das Gefühl, ich war schon einmal da. Haben Sie auch einen Wunsch fürs nächste Leben? Ich wäre gern ein Schwein in einem koscheren jüdischen Haushalt, da hätte ich eine lange Lebenserwartung.

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