Serie: Exilliteratur - „Wisch dir die Tränen weg, wir kommen wieder“

Die Syrerin Noor Kanj benötigte mehrere Anläufe, bevor ihr 2014 die Flucht in den Libanon gelang. Warum sie diese Strapazen immer wieder auf sich genommen hat und was sie an der Grenze erlebte, schildert sie in unserer Serie Exilliteratur

Flüchtlinge an der syrisch-libanesischen Grenze
Flüchtlinge an der syrisch-libanesischen Grenze / picture alliance

Autoreninfo

Noor Kanj, geboren 1990 in Suweida, Syrien, studierte dort Informatik und Wirtschaft und wechselte wegen des Kriegs auf die private International University for Science and Technologie in Damaskus. 2014 verließ sie Syrien und zog in den Libanon. 2016 kam sie mit einem Literaturstipendium der Heinrich-Böll-Stiftung nach Deutschland. Gedichte von ihr wurden im arabischsprachigen Lyrikband „Neue Syrische Dichtung“ und in der deutschsprachigen Anthologie „Weg sein-hier sein“ veröffentlicht. Zusammen mit der Autorin Svenja Leiber bildet sie ein Tandem im vom Gunda-Werner-Institut und der Initiative WIR MACHEN DAS geförderten Projekt „Weiter Schreiben.jetzt“. Foto: Hartwig Klappert

So erreichen Sie Noor Kanj:

Am vierten Juli erhielt ich eine E-Mail, man bat mich darum, einen Text über meine Ankunft in Deutschland zu schreiben. Ich erinnere mich nicht mehr genau, was ich damals gefühlt habe. Kann man überhaupt seine persönliche Geschichte erzählen? Bestimmt unsere sehr persönliche Lebenserfahrung unser zukünftiges Leben nicht vollends? Sollte ich meine Erfahrungen allen Menschen offenbaren? Können wir das, was wir ausdrücken wollen – unsere Nöte, unseren Kummer, unsere Freude – anderen vermitteln, ohne dass wir dabei etwas verfälschen, etwas dazu dichten oder auslassen? Wollen wir tatsächlich, dass jedes Detail unseres Lebens preisgegeben wird? Wollen wir, dass andere Menschen Teil dieser Geschichte werden? Fragen über Fragen, die mir den Anfang schwer machen ...

Ich habe genauso wie jeder andere Mensch auf dieser Welt das Recht, nach Freiheit zu streben, das zu sagen, was ich will und all das zu erreichen, was ich verloren habe: Familie und Land, Freunde und Träume. Verlust ist für mich eine Tatsache und existenziell, wie nichts anderes in meinem Leben.

Wie ein Sechser im Lotto

Ich erinnere mich noch an den Tag, als ich meinen Reisepass vom zuständigen Amt in meiner Heimatstadt Suwayda abgeholt habe. Ich freute mich wie jemand, der einen Sechser im Lotto gewonnen hat. Plötzlich fiel mir das Grab meiner Eltern ein. Ich dachte: Wenn ich weggehe, dann verwaise ich zum zweiten Mal. Von meinen Eltern blieben mir nur wenige Erinnerungen und Fotos, die ich nicht mitnehmen konnte. Ihr Tod wurde zu einem einschneidenden Ereignis, das mein weiteres Leben, meine richtigen und falschen Weichenstellungen beeinflussen sollte. Ihr Tod machte aus mir, wer ich heute bin.

Ich lief in der Stadt, die aus einer anderen Zeit und einer anderen Welt zu stammen schien, herum, dachte nach, verlor mich in Erinnerungen, betrachtete die Straßen, die Geschäfte, die Bettler, die Menschen. Unter ihnen waren solche, die sich vor anderen fürchteten, die meinten, sie gehörten zu einer Minderheit, zu Unterdrückten, und dass die Mehrheit sich gegen sie verschworen hätte. 

Ich hielt meinen Pass wie im Traum und wusste, dass ich aus dem Traum nicht aufwachen werde. Während ich herumlief, schaute ich ihn an, öffnete ihn, blätterte in ihm herum und sagte mir mit einem Lächeln auf den Lippen: „Endlich kannst du weg, Mädchen.“

Warum ist die Religion so wichtig?

Als ich im Feld Religion die Bezeichnung „Muslimin“ sah, stockte ich. Ich wusste nicht, ob ich mich ungerecht oder nur dumm behandelt fühlen sollte. Ich bin Drusin, das heißt, möglicherweise bin ich Drusin. Ich kann es nicht eindeutig sagen. Wenn du zu einer Religion gerechnet wirst, über die du kaum etwas weißt, außer dass du dazugehörst, was sagt das schon über dich aus?

Eine Religion, die man selbst als Zugehörige nicht begreifen kann, die sich darüber hinaus bedroht fühlt und alles, was sie umgibt, argwöhnisch beäugt und sich deshalb zu beschwichtigen bemüht, die das Fähnchen in den Wind hängt, um im Halbdunkel, im Schatten der anderen auszuharren.

Weinend lief ich stundenlang weiter, und verabschiedete mich von allem, und alles verabschiedete sich von mir. 

Ich habe oft solche Geschichten gehört, hatte ihnen jedoch nie Glauben geschenkt. Ich verstand nie, warum die Liebe und der Glaube von einem Staat, einer Gemeinschaft oder einer Institution bestimmt werden. Warum dürfen Menschen, die sich das Gewand einer Religion überwerfen, über unser Leben entscheiden? Wer hätte gedacht, dass ein Krieg ausbrechen würde, dass ich mich in Dschalal, der aus einem anderen Land kommt und einer anderen Religion angehört, verlieben würde? Dass ich alles aufs Spiel setzen und abreisen, mein Leben und meine Heimat hinter mir ließe?

Die Flucht

Ich packte meinen Koffer, aber was passt schon in einen Koffer? Eigentlich wollte ich Weinreben-Stecklinge mitnehmen. Schließlich packte ich einen syrischen Wein ein – für Dschalal und unsere Freunde, die mit ihm auf mich warteten. Er war vor mir im Libanon angekommen, ich kam etwas später mit einem Sammeltaxi. Diese Fahrt werde ich nie vergessen. Als wir die Stadt unter Tränen verließen, kamen mir die Schilder und Tafeln am Straßenrand in den Blick. Eines davon wird mir ewig in Erinnerung bleiben: „Seien Sie beschützt auf allen Wegen!“

Wir näherten uns al-Masna, dem Grenzgebiet zwischen Syrien und dem Libanon, wo man unsere Ausreisepapiere abstempelte. Mein Herz begann wie wild zu schlagen, ich war so verwirrt und voller Angst wie nie zuvor.

Wir fuhren auf der Straße, die zum Flughafen von Damaskus führt. Ich hörte Bomben einschlagen, von denen uns jeden Augenblick eine hätte erwischen können. Wir passierten die entsetzlichen Straßensperren, die in die Hände des Regimes gefallen waren. Die Beamten durchsuchten alles, sie warfen unsere Koffer auf die Straße, wütend und voller Verachtung brüllten sie uns an: „Breitet den Inhalt eurer Koffer aus, damit wir sehen, was ihr aus dem Land schaffen wollt!“ Sie schmissen alles herum, wir mussten die Sachen wieder einsammeln. An jedem Kontrollpunkt musste der Taxifahrer „den Augen des Heers und des Vaterlands“ Bestechungsgelder zahlen oder Zigarettenstangen aushändigen. Zwischen zwei Städten passierten wir dreiundzwanzig Kontrollpunkte. Normalerweise kann man diese Strecke in zwei Stunden bewältigen, wir brauchten neun.

Gefangen zwischen den Ländern

An der Grenze säumten Tausende Syrer die Straßen, ich begriff das ganze Ausmaß ihres Elends mit einem Schlag. Ein Schauplatz der Schmach und der Hoffnungslosigkeit: Mütter mit wenigen Habseligkeiten, die ihre Säuglinge stillten und die Grenzsoldaten anbettelten, sie mögen sie ausreisen lassen. Die libanesischen Soldaten beleidigten und beschimpften sie, schrien ihnen laut ins Gesicht. Kinder in zerschlissenen Kleidern liefen erschöpft und hungrig umher, kraftlose Greise waren dort, und ängstliche junge Frauen und Männer. Als ich all dies sah, überkam mich eine große Ohnmacht, ich fühlte mich um Jahre gealtert.

Gerade in jener Zeit entwickelte sich im Libanon eine Bewegung gegen den Zuzug von Syrern. Mit jedem Tag verschlechterten sich die Einreisebedingungen für syrische Flüchtlinge. Das zwang sie, nach anderen Auswegen zu suchen. Ich denke an die vielen Syrer, die ihr Heim verlassen mussten und sich auf den Weg in den Libanon machten. Ich denke an die Qualen, die sie an der Grenze dieses Landes erleiden, an ihr langes Warten und ihre Verbitterung. Ich denke an ihre Familien, ihre Kinder, ihre Liebsten, die zwischen zwei Ländern hängengeblieben sind. Ich denke an die Grausamkeit, die alles, was dort geschieht, beherrscht. Ich denke an das Schicksal, das die in Syrien verbliebenen Menschen erwartet. 

„Abgewiesen!“

Bevor ich aus dem Taxi stieg, ermahnte mich der Taxifahrer: „Wenn sie dich fragen, warum du in den Libanon einreisen willst, sagst du, dass du deine Familie besuchen willst.“ Zögerlich betrat ich das Büro des verantwortlichen Beamten. 25 Menschen vor mir hatte man bereits die Einreise verweigert. Ich hörte die lauten Stimmen der Offiziere und das leise Flehen der Menschen, die die libanesischen Offiziere um Hilfe baten, worauf diese brüllten und laut den Augenblick verfluchten, an dem der erste Syrer ihr Land betreten hatte.

Ängstlich näherte ich mich dem Schreibtisch des diensthabenden Offiziers. Er blickte furchteinflößend auf mich herab und fragte mich: „Und du, warum willst du in unser Land?“ Ich antwortete mit zitternder Stimme: „Besuch, Besuch“. Er sagte nur: „Hau ab! Geh zurück, wo du herkommst. Abgewiesen!“ Fassungslos ging ich wieder hinaus. Ich war nicht imstande, nach dem Grund der Ablehnung zu fragen oder ihn gar anzuflehen.

Schluchzend stieg ich wieder ins Taxi ein. Der Taxifahrer sagte: „Wisch dir die Tränen weg, wir kommen wieder.“ Die Mitreisenden, junge Männer, fast noch Kinder, waren voller Angst, ihnen drohte die Einberufung zum Militär. Sie erzählten, dass sie alles zurückgelassen hätten. Sie hatten keine andere Wahl, als ins Ausland zu fliehen. Auch sie hatte man nicht in den Libanon einreisen lassen. Wir fluchten laut auf alles und jeden: auf die Regierung, auf den Präsidenten, auf das Land, das Militär, die Familie. Heute denke ich an diese jungen Männer. Was ist wohl mit ihnen passiert, als sie wieder an ihren Heimatort zurückgekehrt waren? Haben sie es doch noch geschafft, aus dem Land zu kommen? Ich hoffe sehr, dass es ihnen gut geht.

Wieder gescheitert – und dann doch gerettet

Ich kam wieder in Suwayda an, mit all meinen Koffern und meinen enttäuschten Hoffnungen. Ich musste wieder zu mir kommen. Wir, Dschalal und ich, mussten eine andere Lösung finden, damit ich in den Libanon einreisen konnte. Der Flughafen von Damaskus war ja geschlossen, die einzige Lösung für uns Syrer bestand darin, über eines der wenigen Nachbarländer in den Libanon zu gelangen, was ein sehr teures und gefährliches Unterfangen war. 

Dschalal kaufte mir ein Ticket für einen Flug von Beirut in den Jemen und schickte es mir per E-Mail. Nach zwei Tagen versuchte ich mein Glück erneut. Dieses Mal waren wir noch mehr, wieder sah ich sehr viele sorgenvolle, erschöpfte Gesichter. Als ich wieder an die Grenze kam, lehnte man mich erneut ohne jeden Grund ab. Wieder kehrte ich zurück, diesmal hatte ich noch weniger Hoffnung, jemals ausreisen zu können. 

Erst beim dritten Mal, nachdem jemand für mich vermittelt hatte, klappte es endlich mit dem Grenzübertritt. 

Nach langem Warten und unzähligen Bewerbungsversuchen erreichte uns schließlich eine E-Mail von der Heinrich-Böll-Stiftung: Anfang 2016 würden wir ein Stipendium erhalten. In der Nacht vom 1. März 2016 ging unser Flug nach Deutschland.

Aus dem Arabischen übersetzt von Hakan Özkan. Lektoriert von Bettina Baer.

Dieser Text wurde im Zusammenhang des Projekts „Ankunft. Literarische Reportagen von geflüchteten Autoren“ der Peter-Weiss-Stiftung für Kunst und Politik e.V. geschrieben. Damit soll Autoren, die in den vergangenen Jahren aus Krisengebieten nach Deutschland gekommen sind, aber bis jetzt nicht oder nur wenig in Deutschland publizieren konnten, ein Forum in der deutschen Öffentlichkeit gegeben werden. Ausschnitte der Reportagen wurden beim diesjährigen internationalen literaturfestival berlin gelesen.

Auf Cicero Online präsentieren wir die Texte in einer Serie. Die ersten beiden Teile finden Sie hier und hier.

Holger Stockinger | Fr, 10. November 2017 - 19:40

Unter 1 Million Deutschen unterscheiden zwischen einem Araber nicht mal ein Kamel!

Die Kultur Syriens ist so zerstört, daß es einem schwer fällt, zwischen "Flüchtling" und NGO-Passinhaber unterscheiden zu können.

Rettet das Mittelmeer - wird auch wenig weiterhelfen. Ob ein Perserteppich zwischen Schiiten und Kreuzrittern weiter hilft, kann kein Mohammedaner glaubhaft versichern ... Immerhin erhielt Wien den türkischen Mokka, was GRÜNE versichern

Günter Schaumburg | Sa, 11. November 2017 - 08:41

Tut mir leid, aber auf dem Bild kann ich keine
Flüchtlinge erkennen. Ich sehe Reisende.
Fällt das Wort Flüchtlinge, habe ich die Bilder der
Flucht und Vertreibung Ostdeutscher von 1945 vor Augen, Pinochet-Verfolgte oder vietnamesische boat-people.

Holger Stockinger | Sa, 11. November 2017 - 16:49

scheint eine Art Bürgerkrieg noch nicht gekannten Ausmaßes.

Ländergrenzen, die von Briten und Franzosen nach World War 1 mit dem Lineal gezogen wurden, sind nur e i n Aspekt.

Daß Deutschland Menschen aus Syrien aufnimmt, ist auch nur eine Seite irgendeiner Münze.

Und weshalb die Arabische Halbinsel mit dem reichen Saudi-Arabien kein Asyl für Syrer gewährt, ist vermutlich keine "offene Frage".

Einem syrischen Freund verdanke ich seine Kindheitseindrücke von Damaskus. Tausendeinenacht besteht aus zwei Nullen und zwei Einsern.

Der Schriftstellerin aus Syrien sei außer "Tagebucheinträgen" auch etwas Tanz gegönnt. Muss ja nicht gleich "Derwisch" sein ...

wolfgang spremberg | Sa, 11. November 2017 - 17:07

geschrieben. Geht Frau Noor Kanj davon aus, das die Deutschen freundlicher sind als die arabischen Nachbarn und das sie und all die anderen Flüchtlinge dauerhaft friedlich und freundschaftlich mit uns, den Deutschen, zusammenleben werden ?

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