Iran - Ihr Brot für die Kriege der Anderen

Während viele Menschen im Iran nicht wissen, wie sie ihr tägliches Brot bezahlen sollen, gibt das ölreiche Land sein Geld dafür aus, bei den Konflikten im Nahen Osten mitzumischen. So konnte sich die Islamische Republik binnen kurzer Zeit zur Regionalmacht entwickeln und überall ihren Einfluss ausbauen

Die achtjährige Sareh Nurmussawi bei den Dreharbeiten des Antikriegsfilms _Nafas_ (Atem) am 14. Juli 2015 im Iran.
Eine Kinderdarstellerin bei Dreharbeiten zum iranischen Antikriegsfilm „Atem“. Die Armut im Land ist aber durchaus real / picture alliance

Autoreninfo

Susanne Kaiser ist als Journalistin spezialisiert auf die arabische Welt und hat über Nordafrika promoviert. Sie ist auch als politische Beraterin tätig. Foto: privat

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Von Außen betrachtet reitet der Iran auf einer Welle des Erfolgs: Der sogenannte Islamische Staat ist besiegt, der Stellvertreterkrieg in Syrien gegen Erzfeind Saudi-Arabien gewonnen, die Macht von Irak bis Libanon ausgebaut. Doch von Innen sieht es für viele Iraner anders aus. Ihnen bietet die Islamische Republik offenbar keine Erfolgsgeschichte. Sie sind wütend, weil sie kaum die nächste Miete bezahlen können, während sich ihr Land in kostspielige außenpolitische Abenteuer stürzt.

In ihrem Haushaltsentwurf für das nächste Jahr will die iranische Regierung das Budget für die Revolutionsgarden deutlich erhöhen und das Raketenprogramm ausbauen. Begründet wird Irans Expansionskurs mit dem „Kampf gegen den Terror“, das heißt also vor allem gegen sunnitische extremistische Gruppierungen. Dieser soll lieber präventiv von iranischen Milizen in anderen Ländern geführt werden, bevor er wieder die eigenen Landesgrenzen erreicht wie beim großen Anschlag auf das Parlament vor einem halben Jahr. Dafür wendet die Islamische Republik ein Prozent ihres gesamten Bruttoinlandsprodukts auf. Das ist doppelt so viel wie beispielsweise Deutschland für Auslandseinsätze ausgibt. 

Zweifelhafte Verbündete

Das meiste davon geht an Baschar al-Assad, den syrischen Präsidenten. Er ist der einzige Verbündete, den der Iran in der arabischen Welt hat und deshalb um jeden Preis an der Macht halten will. Ein beträchtlicher Teil fließt zudem an die Hisbollah im Libanon, die ebenfalls in Syrien kämpft, um das Regime zu unterstützen. Im Jemen protegiert der Iran außerdem die Huthis gegen Saudi-Arabien, das sich dort in einen verschleißenden Krieg verrannt hat. Überall in der Region hat Teheran seine Milizen und bei Konflikten seine Finger im Spiel.

Diese Strategie hat sich für das Land ausgezahlt, weil es so seine geopolitischen Interessen durchsetzen konnte. Vor allem die Errichtung des eigenen Landkorridors vom Iran über den Irak durch Syrien über den Libanon bis ans Mittelmeer war ein Meilenstein, denn so hat die Islamische Republik direkten Zugriff auf einen Mittelmeerhafen.

„Schutzmacht der Schiiten“

Seine neue Machtstellung im Nahen Osten verdankt der Iran vor allem einem Mann: George W. Bush. Die Entscheidung des ehemaligen US-Präsidenten, im Irak einzumarschieren und Saddam Hussein zu stürzen, war für Teheran der Wendepunkt.

Und es war der Neubeginn des großen Machtkampfs zwischen Iran und Saudi-Arabien, der immer mehr auch zum Konflikt zwischen Schiiten und Sunniten wurde. Denn es ging nicht nur um die politische Vormachtstellung in der Region, sondern auch um die Frage, wer künftig die islamische Gemeinschaft anführen sollte: die schiitische Islamische Republik oder das sunnitische Königreich, das gleichzeitig Hüter der heiligen Stätten Mekka und Medina ist? Das Vakuum, welches das sunnitische Saddam-Regime im mehrheitlich schiitischen Irak ab 2003 hinterlassen hatte, konnte der Iran füllen. Seitdem präsentiert er sich als „Schutzmacht der Schiiten“ und setzte diesen Anspruch vor allem gegen den IS im Irak und in Syrien durch.

Der Aufschwung kommt beim Volk nicht an

Doch die Expansionslust hat ihren Preis und den bezahlen die einfachen Leute im Iran. Bei ihnen kommt vom Ölreichtum und von gelockerten Sanktionen nach dem Atomdeal nichts an. Denn das Regime ist korrupt und kontrolliert den größten Teil der Wirtschaft. Staatspräsident Hassan Rohani hat nun den Staatshaushalt zum ersten Mal komplett öffentlich gemacht. Jetzt konnte jeder selbst sehen, wofür seine Steuergelder ausgegeben werden. Wie viel Geld in Revolutionsgarden, politische Stiftungen und Milizen fließt. Und wie wenig für Sozialleistungen ausgegeben wird: Der Posten für die Infrastruktur soll gekürzt und Bargeldleistungen für fast die Hälfte der Bevölkerung gleich ganz gestrichen werden. 

Offenbar sind die Iraner nun nicht länger bereit, ihr Brot zu opfern für die Kriege in anderen Ländern.
 

Michael Forster | Fr, 5. Januar 2018 - 15:59

Bis auf die Sozialstaatspropaganda am Ende.
Staatliche Infrastrukturprojekte werden überschätzt. Hierum würden sich nur die Konzerne reißen und der tatsächliche Bedarf verzerrt und Ressourcen verschwendet werden.
Außerdem sind "Bargeldleistungen" nicht "sozial", weil der Staat das Geld allen vorher erst einmal wegnehmen muss und anschließend Preise für Güter und Dienstleistungen teurer werden, da die Umverteiler auch bezahlt werden müssen.

Torsten Knecht | So, 7. Januar 2018 - 15:05

In reply to by Michael Forster

... so etwas "lernt" man im Grundstudium u. sieht es in der Praxis. Bsp: Leiharbeit, Niedriglohn und Aufstocker auf der AN - Seite. Auf der AG-Seite höhere Profite durch niedrigere Löhne. Jetzt springt der Staat in die Bresche für den Unternehmer - der den Lohn zu niedrig lässt - damit der AN nicht ganz verwahrlost o. verhungert.

Das der Staat für den Unternehmer einspringt nützt auch dem Staat, weil er dadurch "soziale Kontrolle" auf die Bürger ausüben kann u. zum Vorteil des Unternehmers, da nicht er sondern die steuerzahlende Allgemeinheit für das "Aufstockergeld" aufkommt.

Von den sozialen Segnungen des Staates für alle die reichlich Steuer zahlen ganz zu schweigen - die Erfindung der Steuerschlupflöcher in der Steuergesetzgebung, von denen Finanzwirtschaft u. Kanzleien leben. Geht natürlich nicht bei denen, die nur Netto vom Brutto am Monatsende kriegen.

Christa Wallau | Fr, 5. Januar 2018 - 16:40

Es ist wahrlich keine Tatsache, die auf den Iran beschränkt ist: Die einfachen Menschen zahlen in fast j e d e m Staat die Zeche für die mißratene Politik ihrer Machthaber. Dies war und ist selbstverständlich auch in Deutschland der Fall.

Die entscheidende Frage lautet:
Nützt den Menschen eine Auflehnung (Revolte) gegen die miese Behandlung durch die Regierung wirklich oder stößt sie sie noch tiefer ins Elend?
Ist der Zeitpunkt der richtige und sind die Anführer die richtigen?
Auf jeden Fall - das hat das Beispiel Irak glasklar bewiesen - wirkt sich eine direkte, äußere Einmischung in die inneren Angelegenheiten der Staaten im nahen Osten, vor allem eine militärische (Deckmäntelchen: Demokratieverbreitung!), äußerst kontraproduktiv, ja verheerend aus. Auch jedes moralischen Urteils über die beteiligten Parteien im Iran, die wir gar nicht gut genug kennen, um sie beurteilen zu können, sollten wir uns enthalten.
Wir haben wahrhaftig genug mit unseren eigenen Problemen zu tun.

Bernd Fischer | Fr, 5. Januar 2018 - 17:23

Es ist schon erstaunlich das jetzt wieder der Iran auf der Tagesordnung steht.

Wer regt sich über Saudi-Arabien auf, wo seine Mörderbanden im Jemen Tod und Elend seit Jahren herbeiführen?

Keiner.

Wer regt sich auf das in Saudi-Arabien die Frauenrechte wie im Mittelalter sind?

Keiner

Wer regt sich auf das Saudi-Arabien bei allen Krisenherden im Nahen Osten immer auch ein Hauptakteur ist?
Keiner.

Würde der Peter Scholl-Latour noch am Leben sein, würde er sich mit Ihnen ins Benehmen setzen, und Ihnen freundlich erklären das "Einseitigkeit" und oder das Verschweigen von anderen eklatanten "Schandtaten" anderer arabischen Ländern, dem Journalismus schweren Schaden zufügt.
( Verlust der Glaubwürdigkeit )

Siehe die Berichterstattung "Füchtlingskrise" Deutschland.

Der Artikel kommt völlig unaufgeregt und in keiner Weise einseitig daher - jedenfalls für mich. Er bietet Hintergrundinformationen - nicht mehr und nicht weniger.

Hallo Herr Fischer, wollte Ihnen nur mitteilen, dass Sie mir mit Ihrem Kommentar aus der Seele geschrieben haben. Ich unterschreibe jeden Satz. Man denkt seit längerem, es kann (journalistisch) nicht mehr schlechter und verlogener werden. Und wird doch tagtäglich eines Besseren belehrt. Diese einseitige Berichterstattung ist nur noch unerträglich - und für einen gebildeten Menschen einfach nur noch eine Zumutung. Es steht zu befürchten, dass dies alles mittelfristig kein gutes Ende nehmen wird. Was waren wir naiv zu glauben, wir hätten 1990 ein Tor in eine friedlichere Welt aufgestoßen. Die Mechanismen des militärisch-industriellen Komplexes liefen einfach lautlos weiter. Und heute wird mehr denn je mit dem Säbel gerasselt. Natürlich sind immer die anderen die Bösen. Wenigstens bei den Feindbildern bleibt alles beim Alten. Guten Abend und Glückauf aus Gelsenkirchen!

am saudischen Regime absolut recht, Herr Fischer. Was in der gesamten Flüchtlingskrise nicht verborgen geblieben ist, ist, daß Saudi-Arabien - soviel ich weiß - keine Flüchtlinge aus dem Irak und Syrien aufgenommen hat, obwohl in Mekka unübersehbare Zeltstädte zur Aufnahme der Pilger bereitstehen, in denen tausende Iraker und Syrer mit Familien hätten Platz finden können. Über Menschen- und im besonderen über Frauenrechte gibt es - aus der Sicht von Europäern - nur Negatives zu berichten; man brauche nur an die öffentlichen blutigen Hinrichtungen per Schwert zu denken, das sich jedes zufällig vorübergehende Kind an der Hand seiner tiefverschleierten Mutter anschauen kann. Ob das Gott resp. Allah gefällig ist?

, von Hinrichtungen mit dem Schwert in aller Öffentlichkeit ganz zu schweigen. Und daß die Saudis ihren unerhörten Reichtum dem unter ihren Füssen sprudelnden Öl zu verdanken haben, dessen Förderung nur amerikanischem sprich westlichem know-how zu verdanken ist

Michaela Diederichs | Fr, 5. Januar 2018 - 17:34

Der Iran hat viele gut ausgebildete junge Menschen, die ohne Arbeit sind und auch keine Aussicht auf eine haben. Jugend ohne Perspektive, die Hunger schiebt, ist sicherlich auch ein Grund, warum so viele aufbegehren.

Eine ansonsten sehr kluge und gute Analyse der Lage.

Torsten Knecht | Fr, 5. Januar 2018 - 19:03

... Willkommen in D., ach so der Iran war das Thema.

Sparkurs bei Ruhani und bei Merkel ist es das gleiche. Vor 20 Jahren gab es keine Tafeln bei uns, keine 300 000 Obdachlose, weniger Kinderarmut und den Strom konnten auch alle bezahlen.

Warum muss man sich immer an anderen Ländern abarbeiten, wenn bei uns auch vieles falsch läuft? Dient das zur Ablenkung o. soll damit gezeigt werden, wie gut wir es hier haben?

Matthias Eberbach | Sa, 6. Januar 2018 - 12:04

Es geht doch nicht nur um den Konflikt Saudi-Arabien gegen Iran, es geht um USA gegen Russland. Der Iran ist doch nur Stellvertreter in diesem Konflikt. Die Veränderung im Iran kann nicht durch einen weiteren arabischen Frühling (die alle grandios gescheitert sind) passieren, sondern durch Verbesserungen, die im Staat selbst angestoßen werden. Eine fremdgesteuerte Revolution im Iran würde ein weiteres Land ins Chas stürzen und riesige Flüchtlingsströme auslösen Will das etwa jemand?

Selma Palmer | So, 7. Januar 2018 - 00:40

Der gelungenen Recherche von Frau Kaiser stimme ich zu und möchte ergänzen, dass sich der Iran noch wesentlich größere Ausgaben für die sog. "Sicherheit" im Inneren leistet. Allein die Religionspolizei kostet dem iran. Staat (und damit seinen Bürgern) mehrere Mrd. Euro im Jahr; und wenn man sieht, welche Schwerpunkte die iranische Führung verfolgt, braucht man sich nicht zu wundern, dass die Bürger hungern. Ein Staat, der alles daran setzt, eine 9jährige Turnerin zu sanktionieren, weil sie bei einem Training in Armenien! kein Kopftuch getragen hat - zeigt die Auswüchse seiner theokratischen Diktatur von seiner perfidesten Seite. Dem iranischen Volk bleibt nur zu wünschen, dass es ihm eines Tages gelingen wird, sich von den Fesseln dieses Regimes zu befreien.

wolfgang spremberg | So, 7. Januar 2018 - 09:38

im Iran werden Ressourcen für Andere ausgeben während es einigen / vielen von den Eigenen schlecht geht. Der Iran beschränkt sich dabei allerdings offensichtlich auf die Schiitischen Glaubensbrüder.
Andere sind da...sagen wir mal: weltoffener.

Romuald Veselic | Sa, 13. Januar 2018 - 10:03

sind klerikal-faschistische Staaten/Länder der übelsten Sorte, mit denen man so umgehen sollte, wie mit Nordkorea. In einem Land, wo Bücher (als Beispiel angeführt) von Rosamunde Pilcher oder Uta Danella verboten sind, braucht man den politischen Zustand nicht weiter kommentieren. Iran speziell: wo ein nicht gewähltes Gremium; sog. Wächterrat, darüber entscheidet, wer in der Politik gewählt werden darf, ist notorisch faschistisch, was man nicht weiter zu überbieten ist. Die politische/militärische Nomenklatura vom Iran, sollte man vor den Nürnberger Tribunal 2.0 stellen und für immer einsperren.
Deutschlands Politiker, die immer ein gutes Beispiel der Welt vorgaukeln versuchen, sollten zuerst alle Beziehungen zu diesen beiden Ländern sofort abbrechen. Angeblich haben wir genug Alternativenergie, um uns von diesen Ländern nicht mehr erpressen lassen.

Dorothee Sehrt-Irrek | Di, 16. Januar 2018 - 11:34

ad acta legen bis Saudi-Arabien an der Atombombe bastelt oder sie anderweitig erhält.
Bis dahin dürften die Russen die Atomschutzmacht für den Iran und Syrien sein.
Nun gibt es im Iran Politiker wie Ahmadinejad, da muss eine gemäßigte iranische Regierung evtl. nicht nach äußeren Feinden suchen?
Gibt es Sanktionen gegen den Iran, die die Bevölkerung aushungern?
Meinte nicht Frau Albright - und bezeichnete diese Äußerung später als Fehler -, dass sich die Sanktionen gegen den Irak trotz 500 000 toter Kinder gelohnt hätten?
Die Welt steht schon irgendwie am Abgrund und dennoch muss man sich Gedanken machen, wie man einen Schritt nach vorne kommt.
Ich befürchte, dass die klugen Analysten mittlerweile gestorben sind.
Gleichzeitig ist die Globalisierung vorangeschritten und damit die Möglichkeit, Länder in die Knie zu zwingen mit "zivileren Mitteln".
Russland sollte versuchen zur Wirtschaftsmacht zu werden, nicht nur Militärmacht.
Die Chinesen sind da weiter?

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