Paradigmenwechsel in der US-Politik - Gute Russen, böse Russen

Die Haltung der USA gegenüber Russland unterliegt großen Schwankungen. Trotzdem gab es eine Konstante: Demokratische Präsidenten hofierten ihre russischen Partner, während sich die republikanischen von ihnen abwandten. Donald Trump stellt diese Regel auf den Kopf

Fotocollage aus einem Bild des applaudierenden Donald Trump und einem winkenden Wladimir Putin
Wladimir Putin ist so ziemlich der einzige Staatschef, den Donald Trump noch nicht beleidigt hat / picture alliance

Autoreninfo

Eva C. Schweitzer arbeitet als freie Journalistin für verschiedene Zeitungen in New York und Berlin. Ihr neuestes Buch ist "Europa im Visier der USA"

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Alex Jones, der kleine dicke Radiotalker, Videoproduzent und Internetstar aus Dallas, Texas, brüllt gerne. Und er ist so meinungsstark wie laut. Er glaubt, hinter den Anschlägen von Oklahoma City und auf das World Trade Center stecke in Wahrheit die US-Regierung. Er behauptet, dass Hillary Clinton einen illegalen Sexring von einer Pizzeria aus betreibt, hält die Bilder von der Mondlandung für gefälscht, und fürchtet, dass die Regierung, die Großindustrie und die Vereinten Nationen gemeinsam eine Neue Weltordnung schaffen wollen, und zwar mittels einer künstlich erzeugten Wirtschaftskrise, ausgefeilter Überwachungstechnologie und von oben verursachten Terroranschlägen, mit denen Amerikaner in Panik versetzt werden sollen. Jones, der sein eigenes Webfernsehen hat, gelegentlich aber auch auf Russia Today auftritt und an diesem Sonntag sogar auf dem Sender NBC interviewt wurde, hat Millionen von Zuschauern, die meisten Libertäre, Konservative, Rechtsradikale und Republikaner, und einer davon ist US-Präsident Donald Trump.

Ähnlich wie Alex Jones ist auch Trump an einem guten Verhältnis zu Russland gelegen. Wladimir Putin ist – mit Benjamin Netanjahu – so ziemlich der einzige Staatschef, den er noch nicht beleidigt hat. Das hat Trump das berüchtigte Russiagate eingebrockt. Ihm wird in einer Flüsterkampagne nachgesagt, er habe mit Putin zusammengearbeitet, um Hillary Clinton zu besiegen. Tatsächlich haben die Russen versucht, im US-Wahlkampf mitzumischen. Ob Trump damit zu tun hat, weiß keiner. Aber der Präsident, gesegnet mit einer lauten Klappe, die der von Jones kaum nachsteht, hatte im Wahlkampf geprahlt, er hoffe, dass die Russen die 30.000 Emails finden, die Clinton über ihren privaten Server hat laufen lassen. Ist also an Russiagate tatsächlich etwas dran oder ist das bloß eine von den Demokraten inszenierte Verschwörungstheorie?

Paradigmenwechsel in den USA

Das werden wir in den nächsten Monaten herausfinden. Viel interessanter ist der dadurch aufscheinende Paradigmenwechsel, der jüngst in den USA stattgefunden hat: Lange Jahre, mindestens seit dem Vietnamkrieg, waren es die Linken und die Liberalen, die vor der neuen Weltordnung und der Nähe von Regierung und Großindustrie warnten, die es für möglich hielten, dass der militärisch-industrielle Komplex John F. Kennedy ermorden ließ, dass das Pentagon abgestürzte UFOs auf der Area 51 in Nevada versteckt und dass die US-Medien „Fake News“ produzieren. Es waren linke Ikonen wie der Watergate-Reporter Carl Bernstein, der aufgedeckt hat, dass die CIA die US-Presse infiltriert.

Als George W. Bush Präsident war, argwöhnten die Linken, dass die US-Regierung das World Trade Center in die Luft gesprengt haben könnte, um einen Vorwand für den Krieg im Mittleren Osten zu haben. Gut, nicht gerade die für europäische Verhältnisse recht konservativen Demokraten in den Verwaltungen und Parlamenten, aber doch die unabhängige, außerparlamentarische Linke in den Universitäten, Medien und Organisationen. Die Serie „X-Akten“, die mit einer geheimen Verschwörung von Strippenziehern mit britischem Akzent hinter den Kulissen flirtete, der Zapruder-Film, Watergate, Operation Paperclip, das waren linke Mythen, Versatzstücke liberaler Populärkultur, oft nur aus Spaß oder ironisch in die Welt gesetzt, aber trotzdem.

Jetzt sind es Republikaner, die vor dem „Deep State“ warnen, der geheimnisvollen Verschwörung unsichtbarer Mächte in den Apparaten, der NSA, der CIA, dem FBI. Donald Trump wirft auf Twitter die Frage auf, ob der Vater von Ted Cruz hinter der Ermordung von Kennedy steckt, während Liberale öffentlich fordern, Edward Snowden und Julian Assange als Verräter zu verhaften und dazu aufrufen „unsere Jungs“ im Mittleren Osten moralisch zu unterstützen. Merkwürdig genug, aber dazu kommt noch, dass normalerweise die Partei in den USA, die gerade an der Macht ist, die staatstragende ist, während die Opposition kritisch und misstrauisch ist. Nun ist es umgekehrt. Es ist, als sei Amerika während der Obama-Präsidentschaft unbemerkt zu einer Bizarro-Welt geworden, wie in den Superman-Comics, wo plötzlich alles umgekehrt ist.

Klare Rollenverteilung

Russiagate ist dabei das merkwürdigste Phänomen. Nun ist es allerdings so, dass sich die Beziehung der USA zu Russland immer in wilden, wechselhaften Ausschlägen bewegt hat. Im Ersten Weltkrieg solidarisierten sich die USA mit Russland, auch, nachdem die Bolschewiken an die Macht gekommen waren. Nach dem Krieg ruderten die USA hastig zurück und deportierten russische Agitatoren wie Emma Goldman, um sich im Zweiten Weltkrieg gleich wieder mit Stalin zu verbünden, der der amerikanischen Bevölkerung als „Uncle Joe“ ans Herz gelegt wurde. Kaum waren die Panzer wieder in ihre Lagerhallen gerollt, wurden aus guten Russen böse Russen. Der Kalte Krieg brach aus.

Eines allerdings war bei dem Zickzackkurs immer konstant: Es waren demokratische Präsidenten, die die Russen hofierten, und die Republikaner, die mit ihnen brachen. Der Demokrat Woodrow Wilson bestand nach dem Ersten Weltkrieg darauf, dass die Sowjetunion die Kontrolle über die Ukraine wiedererlangte, der Demokrat Franklin D. Roosevelt sorgte dafür, dass das Massaker von Katyn unter Verschluss blieb und gab bei der Konferenz von Jalta Osteuropa an Stalin ab. Als dann aber Julius und Ethel Rosenberg auf dem elektrischen Stuhl landeten, weil sie Atomgeheimnisse an die Russen verraten hatten, war der Republikaner Dwight D. Eisenhower am Ruder. Und es war Ronald Reagan, der Michail Gorbatschow aufforderte, die Berliner Mauer einzureißen.

Freund oder Feind

Trump ist Republikaner, warum kuschelt ausgerechnet er sich bei dem ehemaligen KGB-Oberst und Stalin-Verehrer Putin an? Und warum klatscht seine Basis auch noch Beifall? Sicher, Russland ist nicht mehr kommunistisch, aber darauf kommt es nicht an. Wilson hat auch den Zaren Nicholas II. unterstützt. Für Amerikaner ist es nicht so wichtig, wer in einem Land gerade am Ruder ist, um zu definieren, wer Feind und wer Freund ist.

Der letzte, der das zu spüren bekam, war Oliver Stone, der mit Filmen wie „Good Morning Vietnam“ und „JFK“ berühmt wurde. Letzte Woche trat er bei dem Late-Night-Komiker Stephen Colbert auf, um seine vierstündige Fernseh-Dokumentation über Putin vorzustellen. Stone ist es gewöhnt, ein Star im links-liberalen Milieu zu sein, aber nun wurde er nicht nur von Colbert hart angegangen, sondern vom Publikum sogar ausgebuht.

Man könnte beinahe vermuten, dass eine heimliche, gigantische, neoliberale Verschwörung stattgefunden hat, die den amerikanischen Linken den Militär- und Überwachungsstaat schönredet und Verschwörungstheorien tabuisiert. Aber dann wäre man wohl ein Verschwörungstheoretiker: oder ein Republikaner. Oder was auch immer Donald Trump gerade ist.

Robert Platz | Mi, 21. Juni 2017 - 11:08

Mit doch relativ wenigen Sätzen lässt sich Licht ins Dunkel bringen. 1) Alex Jones war früher ein sehr guter Reporter, der alternative Medien revolutioniert und viele inspiriert hat. Seine Theorien zu 9/11 werden unter anderem von Andreas von Bülow, ehem. Parlamentarischer Staatssekretär beim Bundesverteidigungsminister, geteilt und selbst der offizielle Bericht der 9/11 Kommission sagt von sich, er sei in seiner Arbeit "kompromittiert" worden und es bedürfe einer "neuen Aufarbeitung". 2) Über Alex Jones wurde im Zuge seiner derzeitigen Scheidung eine "narzistische Persönlichkeitsstörung" festgestellt. Seine journalistische Arbeit, aber auch seine Teamfähigkeit sind somit wohl kompromittiert und wahrscheinlich ist ihm auch sein Erfolg zu Kopf gestiegen. FAZIT: Alex Jones ist nicht mehr zu gebrauchen. Der offizielle Bericht zum 11. September 2001 allerdings auch nicht.

helmut armbruster | Mi, 21. Juni 2017 - 13:22

das war er jedenfalls die meiste Zeit seines Lebens. Seine Zeit als US-Präsident zählt dagegen kaum.
Immobilienhaie, Spekulanten und Geheimdienste haben eines gemeinsam:
Frei von jeder Moral und skrupellos den vermeintlichen oder wirklichen Gegner ausmanövrieren unter zu Hilfenahme jeglicher Mittel, erlaubter und unerlaubter, denn nur das Ergebnis zählt.
Uns, die wir nichts haben als eine Wählerstimme, die nicht viel bewirken kann, bleibt nur zuschauen und abwarten wer am Ende gewinnt...

Zitat : Frei von jeder Moral und skrupellos den vermeintlichen oder wirklichen Gegner ausmanövrieren unter zu Hilfenahme jeglicher Mittel, erlaubter und unerlaubter, denn nur das Ergebnis zählt. Zitat ende. Sind unsere Politiker anders ???

Karin Zeitz | Mi, 21. Juni 2017 - 14:31

in den amerikanischen Wahlkampf - so es sie tatsächlich gegeben haben sollte - war angesichts der zur Wahl stehenden Personen gar nicht erforderlich. Hinsichtlich der Affäre um die geleakten Clinton-Mails halte ich deren Veröffentlichung für weniger relevant als deren Inhalte, die Clintons Person charakterisieren und eigentlich Anlass zu Protesten verschiedener Politiker gewesen wären. Man darf spekulieren, warum z. B. A.M. sich offensichtlich nicht davon beeindrucken ließ.

Ob Russland sich in den Wahlkampf eingemischt hat, wird sich finden. Ein Sonderermittler ist eingesetzt, was ohne hinreichende Indizien nicht geschehen wäre. Wenn Frau Merkel sich von den sog. "Clinton-Mails" nicht hat beeindrucken lassen, so hat sie recht getan. Sieht man vom regelwidrigen (aber nicht sanktionsbewährten) Gebrauch eines Privat-Accounts durch Frau Clinton einmal ab, so hatten deren Mails bestenfalls die Brisanz von Kochrezepten.

Mathias Trostdorf | Mi, 21. Juni 2017 - 19:19

In reply to by Stefan Saar

Soweit ich gelesen habe, wurde Clinton nicht wegen der ansich banalen e-mail Affaire nicht gewählt, sondern weil sie bei großen Teilen der US Bevölkerung als unbeliebt und unehrlich galt.

Dimitri Gales | Mi, 21. Juni 2017 - 14:49

werden einander mehr brauchen, als ihnen lieb ist. Denn die Konstellationen haben sich verschoben: es geht nicht mehr so sehr um eine Ost-West-, sondern Nord-Süd-Konfrontation, um Krisen wie der Brandherd im Nahen Osten, Terrorismus, Massenmigration und anderes.

Heidemarie Heim | Mi, 21. Juni 2017 - 14:50

Und wieder ein Versuch in die Hirnwindungen von
Mr.President zu gelangen. Und als Beispiel dieser
unentschlüsselbaren aber scheinbar verwirrenden
Vorgänge, muß, wie kann es anders sein Herr Putin mitsamt seinen bösen Russen dienen;) Vielleicht hat der eine Rätselhafte in seinem bestimmt nicht durchschaubareren Gegenspieler,ein ihm nicht unähnlichen Widerpart entdeckt.Oder eine gewisse Sympathie durch gemeinsam erlebte Demütigung seitens eines Expräsidenten Obama, der noch dazu für alle EU-friends nach wie vor die number one ist? So banal meine Erklärungsversuche hierzu klingen mögen angesichts der weltpolitischen Erfordernisse,eines ist Herr Trump gewiss,nämlich
nachtragend.Ähnlich wie bei Herr Putin,dessen an sich schon kühler Ausdruck,bei seinen letzten Aufeinandertreffen mit Trumps Vorgänger sibirische Kältegrade annahm.Und merke! Es gibt
ansonsten keine Freundschaften zwischen solch
" Großen", nur Interessen! MfG

Rudolf Bosse | Mi, 21. Juni 2017 - 17:00

Zur unabhängigen Information der Leser möchte ich darauf hinweisen, daß der Compact-Verlag zwei Broschüren mit allen Reden von Trump bis Februar/2017 und
alle Reden an die Deutschen bis Mai/2014 von Putin
herausgegeben hat.

„Wir Amerikaner behaupten, ein friedliebendes Volk zu sein. Doch wir schäumen über vor Freude über die Möglichkeit, Bomben aus Flugzeugen auf hilflose Zivilisten werfen zu können. Unsere Herzen schwellen vor Stolz bei dem Gedanken, dass Amerika im Laufe der Zeit seinen eisernen Fuß auf den Nacken aller anderen Nationen setzen wird. Das ist die Logik des Patriotismus.“
Das schreibt Emma Goldman 1911 in ihrem Artikel "Patriotismus - Eine Bedrohung der Freiheit".
http://www.deutschlandfunkkultur.de/emma-goldman-ein-leben-fuer-die-fre…
Und das ist Immer noch nach mehr als 100 Jahren aktuell. Leider.

Kostas Aslanidis | Mo, 7. August 2017 - 11:58

Wie verbohrt die " Deutschen " gegen Russland agieren. Es ist wohl die späte Rache, für den verlorenen Krieg. ORevanchismus. Ohne die Russen , (Sowjets), hätte Deutschland einen Durchmarsch gemacht. Darum der Groll. Dieses eingebildete Gute ist wie etwähnt, eine Einbildung. Man schaut auf alle herab. Man ermordet ca. 27 Millionen Russen, zerstört komplett das Land und behaupten, der " Iwan" ist der Böse. Durch die Nato ist Deutschland wieder größenwahnsinnig geworden. Jetzt zeigen wir es dennen.

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