Thomas Gottschalk
Szene aus der Doku „Was haben wir gelacht“ / Screenshot; Youtube

Kino-Dokumentation „Was haben wir gelacht“ - Das Tribunal der Gegenwart

Es ist eine billige Form der Machtausübung, ein Opfer zu finden, das sich nicht mehr wehren kann. In „Was haben wir gelacht“ ist dieses Opfer die Moral der Vergangenheit. Die Kino-Dokumentation ist ein Sinnbild für die „Gratismut-Ökonomie“ unserer Zeit.

Henning Beck

Autoreninfo

Henning Beck, geboren 1983, studierte Biochemie in Tübingen und wurde im Fach Neurowissenschaften promoviert. Er arbeitete an der University of California in Berkeley, hält Vorträge zu Themen wie Hirnforschung und Kreativität und ist Bestsellerautor und Kolumnist. Gemeinsam mit Quiz-Champion Sebastian Klussmann produziert er jeden Dienstag den Podcast „Das Duell der Besserwisser“. 

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Moralische Selbstzufriedenheit ist eine der Lieblingsdrogen unserer Zeit. Noch nie war es so leicht, sich für einen besseren Menschen zu halten. Man muss nur einen Fernsehclip aus dem Jahr 1996 anschauen: Thomas Gottschalk drängt auf dem „Wetten dass..?“-Sofa die Backstreet Boys zur Seite und setzt sich neben Esther Schweins. „I am the owner“, so macht er seine Kontrolle über die Sendung deutlich, „leider nicht von ihr“, schiebt er mit Blick auf Schweins hinterher. Sie zuckt zusammen. Ein Moment zum Fremdschämen. Aus heutiger Sicht.

In der Kinodokumentation „Was haben wir gelacht“ werden zahlreiche solcher Fernsehmomente zusammengestellt, um den früheren medialen Chauvinismus zu entlarven. Es ist bewundernswert, gegen welche Widerstände Hella von Sinnen oder Maren Kroymann ankämpfen mussten, um sich gegen das männliche Establishment durchzusetzen. Gleichzeitig ist die Kritik an früheren Moralvorstellungen sehr wohlfeil. 

Jede Generation hält sich für die erste moralisch aufgeklärte Generation der Geschichte. Keine hatte damit bisher Recht. Die eigentliche Lehre aus solchen Rückblicken sollte nicht nur lauten, dass vergangene Generationen blinde Flecken hatten. Denn jede Generation hat blinde Flecken. Und moralische Arroganz ist kein Fehler einer bestimmten Epoche, sondern ein menschliches Grundmuster.

Wie konnte man Frauen so herablassend behandeln?

Nichts ist billiger, als eine gestrige Ethik als rückständig zu geißeln. Wir schauen auf die „Dr. Oetker“-Werbung der 1950er Jahre („Eine Frau hat zwei Lebensfragen: Was soll ich anziehen und was soll ich kochen?“) und schütteln den Kopf. Wir blicken auf die „Schulmädchen-Report“-Filme der 1970er Jahre und fragen uns: Wie konnte man Sexualität so plump, kinderpornografisch und inzestfördernd darstellen? Wir schauen in die 1990er Jahre und sind fassungslos: Wie konnte man Frauen so herablassend behandeln?

Der Fachbegriff dafür lautet „Präsentismus“: das Phänomen, dass man frühere gesellschaftliche Ansichten mit den Maßstäben von heute beurteilt. Natürlich heißt das nicht, dass jede vergangene Moral automatisch entschuldigt ist. Sklaverei, Entrechtung und Gewalt bleiben Unrecht, auch wenn Menschen früher anders darüber dachten. Doch Geschichte ist kein Gerichtssaal. Wer verstehen will, warum Menschen einer anderen Zeit bestimmte Überzeugungen hatten, muss zunächst versuchen, ihre Welt mit ihrem eigenen Blickwinkel zu betrachten und nicht aus dem eigenen. 

Wenn wir den Humor von gestern mit den Standards von heute bewerten, übersehen wir, dass die Menschen damals einfach andere Werte hatten. Das kann man heute schlecht finden. Aber man kann es ihnen damals nur schwer vorwerfen. Schon damals hätte jeder erkennen können, dass der Gottschalk-Humor nicht akzeptabel war? Wohl kaum, denn die damaligen Moralvorstellungen waren schlicht anders. Vielleicht ist das das eigentlich Schockierende aus heutiger Sicht: dass nicht alle so denken wie wir heute.

Sinnbild für die „Gratismut-Ökonomie“ unserer Zeit

Allzu gerne laufen wir heute mit erhobenem Zeigefinger durch die Welt und erklären, welches Verhalten nicht nur geboten, sondern gut sei. Beim Blick auf die Vergangenheit gefällt man sich dabei besonders gerne. Denn es geht dabei nicht nur darum, den Irrtum der Vergangenheit vorzuführen, sondern auch um heutigen sozialen Status. Wer Gottschalk heute anklagt, hat das Ticket in die moralische Oberschicht der Gegenwart. „Was haben wir gelacht“ ist damit auch ein Sinnbild für die „Gratismut-Ökonomie“ unserer Zeit: Es ist eine billige Form der Machtausübung, ein Opfer zu finden, das sich nicht mehr wehren kann: die Moral der Vergangenheit nämlich. Natürlich ist es wichtig, die Fehler der Vergangenheit zu analysieren. Nur so kann Fortschritt entstehen. Doch leicht kann eine moralische Hybris zurückfeuern. Und zwar auf drei Arten.

Man setzt sich auf ein sehr hohes moralisches Ross, von dem man leicht runterfallen kann. In einem bemerkenswerten Ausschnitt in „Was haben wir gelacht“ wird Hella von Sinnen gezeigt, wie sie Guido Cantz in „Genial daneben“ Paroli bietet. „Du bist noch nicht dran“, fährt er in neo-chauvinistischer Manier Hella von Sinnen über den Mund. Diese revanchiert sich, indem sie devot vor ihm auf die Knie geht, schließlich habe er in der Sendung ja schon zwei Fragen richtig beantwortet: „Oh, Massa“, ruft sie ihm zu und reproduziert in diesem Moment genau jene rassistischen Stereotype, die heute als überkommen gelten. Schließlich nutzt sie einen kolonialen Begriff für einen Sklavenhalter. 

Sich einerseits aus heutiger Sicht reflektiert für den Feminismus und die Vielfalt in der Gesellschaft einzusetzen und andererseits als Beispiel dafür einen rassistisch hochproblematischen Begriff zu nutzen, das zeigt genau die Tragik jeder Moralgeschichte: Menschen können gleichzeitig fortschrittlich sein und rückständig. Jeder von uns besitzt blinde Flecken. Hella von Sinnen ebenso wie Thomas Gottschalk. Der Unterschied besteht lediglich darin, welche davon der Zeitgeist gerade beleuchtet.

Heute könnte Otto seine Karriere beenden

Zweitens, moralische Überheblichkeit erzeugt Widerstand. Reaktanz nennt sich das Phänomen, dass Menschen erst recht eine Haltung einnehmen, die man ihnen eigentlich vorwirft. Ein moralisierendes Gutmenschentum wird genau deswegen abgelehnt: Es hält sich für etwas Besseres. Wenn jeder Gottschalk-Fan ein Chauvinist ist (oder jemand, der Chauvinismus zumindest billigt), dann machen wir am Ende selbst aus Unschlüssigen überzeugte Chauvinisten. Bei aller notwendigen Kritik an problematischen gesellschaftlichen Haltungen: Eine Inflation der Begriffe „Frauenhasser“ oder „Sexist“ entwertet diese nicht nur, sondern schafft neue Fronten aus Überzeugungstätern. Zumal Moralisten oft nicht ahnen, dass genau ihre rigide Ansicht das unfreiwillig komische Material für die historischen Dokumentationen der 2050er Jahre liefern wird.

Denn man unterschätzt in diesem retrospektiven Denken unsere eigene gesellschaftliche Kurzsichtigkeit. In einem seiner bekanntesten Sketche der 1980er Jahre übersetzt Otto englische Begriffe ins Deutsche und nutzt dabei völlig ungeniert Vokabeln (unter anderem das N-Wort), die wir heute zu Recht als rassistisch ächten. Heute könnte Otto seine Karriere beenden. Damals lachte ein Millionenpublikum. Der entscheidende Punkt ist dabei nicht, ob dieser Humor damals harmlos war (für Betroffene war er das wohl nicht). Das eigentlich Erschreckende ist die kollektive Selbstverständlichkeit, mit der eine ganze Gesellschaft glaubte, völlig im Recht zu sein. Genau diese absolute Gewissheit, auf der richtigen Seite zu stehen, sehen wir heute wieder, und wer Otto heute aburteilt, vergisst die eigentliche Lektion: Auch wir klatschen heute Beifall für Dinge, für die sich unsere Enkel in dreißig Jahren in Grund und Boden schämen könnten.

„Es ist ein Lernprozess“, sagt Maren Kroymann in „Was haben wir gelacht“ über diesen Wandlungsprozess, den man jedem zugestehen muss. Denn wir sollten nicht vergessen, wie schnell man selbst gestrig wirken kann. Ein bisschen wirken die im Film sprechenden Feministinnen Maren Kroymann, Bettina Böttinger und Hella von Sinnen schon jetzt wie mediale Relikte eines längst überkommenen Frauenbilds, wenn sie über das Phänomen „Verona Feldbusch“ sprechen. 

Vielleicht wirkt die feministische Moral der Protagonistinnen bereits heute antiquierter, als ihnen bewusst ist: Ihr Verständnis von Emanzipation definiert sich noch stark über die provokante Auseinandersetzung mit männlicher Dominanz. Die moderne weibliche Selbstinszenierung einer Shirin David entzieht sich hingegen diesem Rollenverständnis. Das macht die alten Heldinnen plötzlich zu tragischen Figuren einer vergangenen Epoche. Sie passen in eine Welt von Thomas Gottschalk und Harald Schmidt. Doch die Gesellschaft ist fortgeschritten. Und schreitet weiter fort. Vielleicht gilt Shirin David in 30 Jahren als gestriges Symbol eines antiquierten Frauenbilds.

Bis vor 32 Jahren war Homosexualität in Deutschland illegal

Es ist leicht, über die Vergangenheit zu schimpfen, doch vergessen wir nicht: Moralischer Fortschritt ist immer erst rückblickend erkennbar. Statt sich ständig moralisch zu überhöhen, sollte man die Bescheidenheit besitzen, sich ständig zu hinterfragen. Denn jede Generation hält sich für die schlaueste aller Zeiten. Dabei markieren wir immer nur den aktuellen Stand des Irrtums. Die Fettnäpfchen, in die wir heute treten können, die aber erst übermorgen erkennbar sein werden, sind überall. In den 1960ern mussten Frauen ihre Männer fragen, ob sie ein eigenes Konto eröffnen durften. 

Bis vor 32 Jahren war Homosexualität in Deutschland illegal. Heute kümmert es niemanden, dass Ralf Schumacher seinen Mann geheiratet hat. Genauso sollten wir uns daher fragen: Was von dem, was heute Standard ist, wird in 30 Jahren als unsittlich gelten? Worüber werden die Menschen in den 2050ern den Kopf schütteln, wenn sie auf uns zurückblicken? Was, wenn unsere Enkel uns nicht für unsere Fehler kritisieren, sondern für unsere Gewissheiten?

Vielleicht läuft im Jahr 2056 eine Dokumentation im Kino. Titel: „Was haben wir geglaubt.“ Darin sehen die Zuschauer junge Menschen der 2020er Jahre, die sich für moralisch besonders aufgeklärt hielten. Sie diskutieren Gendersternchen, feiern OnlyFans als Selbstbestimmung, verbringen ihr Liebesleben auf Datingplattformen, konsumieren potenzielle Partner wie Produkte und glauben, der Fortschritt habe endlich sein Ziel erreicht. Lachen im Publikum über so viel Naivität. So wie wir heute über Thomas Gottschalk lachen. Der Unterschied ist nur: Wir merken noch nicht, dass wir längst die Gottschalks der Zukunft geworden sind.

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Wolfgang Borchardt | Do., 23. Juli 2026 - 09:38

wichtig, um die Gegenwart besser zu verstehen und bessere Entscheidungen für die Zukunft treffen zu können. Das wird gern vermieden, damit vor allem jüngere Menschen nicht merken, wie sich politische Praktiken mit anderen Vorzeichen wiederholen. Desto genüsslicher, über Menschen der Vergangenheit herzuziehen, die sich nichts weiter haben zu Schulden kommen lassen, als das Zeitgeistige zu tun. Vielleicht bemerken wenigstens einige im Kinopublikum, dass sie selbst nichts anderes tun und nach ihnen jemand kommen wird, um sie durch den Dreck I h r e r moralischen Selbsterhöhung zu ziehen. Danke für den notwendigen Beitrag.

Jens Böhme | Do., 23. Juli 2026 - 10:10

Menschenbilder haben immer religiösen Charakter. In von Hinterbliebenen verfassten Todesanzeigen wird nur das immerwährende Gute des Verstorbenen gepriesen und das es nun fehle. Mensch ist Natur. Natur ke

Markus Michaelis | Do., 23. Juli 2026 - 10:14

Meine übliche Frage. Ich würde sagen, dass bestimmte Dinge menschheitsübergreifend richtiger und im positiven Sinne menschlicher sind als andere. Aber das ist ein schwieriges Feld, hat mit den allermeisten "Alltagsfragen" aus meiner Sicht nichts zu tun. Ich sehe einen Hauptfehler schon darin, überhaupt so allgemein einen absoluten Fortschritt anzunehmen. Das geht meist viel zu sehr von einem absolut richtigen Menschenbild aus, alle anderen sind dann falsch. Diese Festlegung des Menschen, dieses Pressen in die eigene Norm sehe ich etwa schon als einen Fehler an. Auf der anderen Seite muss jede Gesellschaft sich auch Normen geben - diesen Spagat auszuhalten sehe ich als in gewisser Weise fortschrittlich an. Die heutige absolute Moral vergleiche ich mehr mit der wilhelminischen Gesellschaft: tolle Leute, viel aufgebaut, aber so mit Nation, Familie, Gott, Kirche, Kaiser, Volk, Militär vollgesogen (alles gute Sachen), dass man blind für anderes war. Wie heute, nur die Begriffe sind andere.

Karl-Heinz Weiß | Do., 23. Juli 2026 - 11:20

Wie war vor 30 oder 40 Jahren das "Frauenbild" ? Trotz gelegentlichen "Herrenwitzen" ganz sicher nicht so einseitig wie in dieser Tribunal-Dokumentation dargestellt. Wie ist heute das "Frauenbild" ? Kinder-Austragen als Dienstleistung, eventuell mit vertraglich vereinbartem Rückgaberecht ? Eine Dokumentation zu diesem Thema fände ich interessanter als das ewige Gottschalk-durch-den-Kakao-ziehen.

C. Schnörr | Do., 23. Juli 2026 - 11:29

verkommt zum Klüssendorf, in jeder Hinsicht.

Achim Koester | Do., 23. Juli 2026 - 12:31

Antwort auf von C. Schnörr

Meinen Sie mit Klüssendorf den SPD Bundestagsabgeordneten?

C. Schnörr | Fr., 24. Juli 2026 - 12:54

Antwort auf von Achim Koester

diese Wortspiel lag mir beim Lesen des Artikels auf der Zunge: Herr K. als Repräsentant schlichter SPD-Grün-Links-woker Ideologie, welche das Land an die Wand lähmt und "Dorf" für die Engstirnigkeit von Debatten also Folge, wie im Artikel thematisiert und darüber hinaus, die niemand braucht.

Achim Koester | Do., 23. Juli 2026 - 12:14

nur weil sein damaliges Handeln nicht dem heutigen woken Irrsinn entsprach, ist schäbig und billig, es hat #metoo Niveau (also keines).
Alle haben sich in seinem Glanz gesonnt, nicht zuletzt, um ihre eigene Karriere zu befördern.

Walter Bühler | Do., 23. Juli 2026 - 14:39

... Medien-Prominenz kann man heute ÖRR-Talkshows am Freitagabend und z. B. beim ESC ausführlich erleben. Nach meiner Wahrnehmung gehören zu dieser mit Patex festgeklebten Prominenz neben Barbara Schöneberger auch Hella von Sinnen und Maren Kroymann.

Ich gestehe, dass ich diese Medien-Prominenz nie besonders klug oder nett finden konnten. Leider wirkten diese "alten Heldinnen" auch in früheren Zeiten auf mich verschroben und bizarr, also weniger tragisch als vielmehr tragischkomisch.
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Aber ein Cicero-Forist hat (in einem anderen Zusammenhang) schon ganz richtig bemerkt: De gustibus non est disputandum.

Nix für ungut.