- Warum der Iran nicht auf die Atombombe verzichten wird
Russlands nukleare Abschreckung hat den Westen von einer direkten Intervention abgehalten. Diese Lektion ist auch in Teheran angekommen: Kernwaffen sind die ultimative Garantie für den Fortbestand des Regimes. Daher wird kein Abkommen das iranische Atomprogramm beenden.
Als jemand, der seit einiger Zeit in Israel lebt, konnte ich die eskalierende Konfrontation zwischen dem Staat Israel und der Islamischen Republik Iran aus der ersten Reihe verfolgen. Den beiden Kriegen im Juni 2025 und im März 2026 lag dasselbe Schlüsselthema zugrunde, das die geopolitische Ordnung des Nahen Ostens seit Jahrzehnten maßgeblich beeinflusst: das iranische Atomprogramm.
Die Positionen sind bekannt. Israel argumentiert, dass das iranische Regime die Fähigkeit zur Herstellung von Atomwaffen anstrebe, was eine existenzielle Bedrohung für den jüdischen Staat darstellt. Angesichts der Staatsdoktrin Teherans gegenüber dem jüdischen Staat, deren tragende Säule die Vernichtung des „zionistischen Gebildes“ darstellt, argumentieren israelische Politiker über Parteigrenzen hinweg, dass Israel es nicht zulassen könne, dass der Iran offensive nukleare Fähigkeiten entwickelt.
Die Islamische Republik hingegen behauptet seit jeher, ihr Atomprogramm diene ausschließlich zivilen Zwecken. Kritiker entsprechender israelischen Militäraktionen werfen Jerusalem daher vor, einen Konflikt auf der Grundlage von Vermutungen, statt Beweisen zu eskalieren.
Doch es gibt einen anderen Ansatz für diese Debatte. Welche Lehren könnte ein autoritäres Regime in diesem Zusammenhang aus dem Krieg in der Ukraine ziehen?
Keine westliche Nation hat Truppen in die Ukraine entsandt
Für mich hat diese Frage eine persönliche Dimension. 2019 war ich zwölf Monate lang im Rahmen der EU-Grenzschutzmission EUBAM in der Ukraine im Einsatz. Seit über vier Jahren ist die Welt Zeuge eines verheerenden Krieges in Osteuropa. Westliche Regierungen haben die Ukraine sowohl finanziell als auch mit Geheimdienstinformationen, modernen Waffen, Ausbildung ukrainischer Soldaten und auf dem diplomatischen Parkett unterstützt.
Ohne diese umfassende internationale Unterstützung wäre die ukrainische Verteidigung höchstwahrscheinlich bereits in der Anfangsphase der russischen Vollinvasion zusammengebrochen. Doch trotz allgegenwärtiger Solidaritätsbekundungen und jener multidimensionalen Hilfe für die Ukraine fehlt ein entscheidendes Element: Keine westliche Nation hat Truppen in die Ukraine entsandt; keine westliche Nation ist direkt in den Krieg eingetreten.
Der Grund liegt auf der Hand. Zwar sind die USA, die Europäische Union, „der Westen“ allgemein, Russland gegenüber in nahezu allen Aspekten konventioneller Kriegsführung um ein Vielfaches überlegen. Einer entsprechend koordinierten militärischen Intervention hätten die russischen Truppen in der Ukraine kaum etwas entgegenzusetzen.
Dennoch bleibt ein solches Szenario undenkbar. Warum? Weil Russland über das größte Atomwaffenarsenal der Welt verfügt. Seit Februar 2022 haben russische Politiker und Propagandisten die westliche Öffentlichkeit wiederholt durch unverhohlene Drohungen an diese Tatsache erinnert. Im russischen Fernsehen wurden offen Angriffe auf europäische Hauptstädte mit ballistischen Atomraketen diskutiert. Ob diese Drohungen ernst gemeint waren oder lediglich Teil der russischen psychologischen Kriegsführung sind, ist letztlich irrelevant.
Die iranische Führung hat gesehen, wie ein Staat ohne Atomwaffen von einer Atommacht angegriffen wurde
Das Risiko einer nuklearen Eskalation setzt Grenzen, die selbst die mächtigsten Militärbündnisse nur ungern austesten. Die Folge ist eine strategische Realität, die Regierungen weltweit nicht ignorieren können. Russlands Atomwaffenarsenal garantiert nicht dessen Sieg in der Ukraine. Es schränkt jedoch die Handlungsoptionen derjenigen, die sich der russischen Aggression entgegenstellen wollen, erheblich ein.
Diese Lektion wird noch deutlicher, wenn man das Budapester Memorandum von 1994 betrachtet. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion erbte die unabhängige Ukraine das drittgrößte Atomwaffenarsenal der Welt. Im Gegenzug für Sicherheitsgarantien und die Gewährleistung der territorialen Integrität durch die Russische Föderation erklärte Kiew sich bereit, darauf zu verzichten.
Rückblickend ist es heute schwer vorstellbar, dass die Mehrheit der Ukrainer die Aufgabe ihres Atomwaffenarsenals Mitte der 90er Jahre für eine kluge strategische Entscheidung hält. Hätte die Ukraine eine glaubwürdige nukleare Abschreckung behalten, wären Moskaus Kriegspläne mit ziemlicher Sicherheit anders ausgefallen.
Die iranische Führung verfolgt die Ereignisse in der Ukraine seit Februar 2022. Sie hat gesehen, wie ein Staat ohne Atomwaffen von einer Atommacht angegriffen wurde. Sie hat gesehen, wie internationales Recht und vermeintliche Sicherheitsgarantien sich aufgrund der Risiken einer nuklearen Eskalation in Luft auflösen. Sie hat gesehen, wie der Westen ein operatives Engagement aufgrund der Risiken einer nuklearen Eskalation vermeidet.
Welche Schlüsse kann sie ziehen? Aus Teherans Sicht hat das Überleben des Regimes höchste Priorität. Die iranische Führung kennt das Schicksal Saddam Husseins im Irak und Muammar al-Gaddafis in Libyen. Sie sieht auch ein atomar bewaffnetes Nordkorea, dessen Regime trotz jahrzehntelanger Sanktionen und internationaler Isolation weiterhin fest an der Macht ist. Atomwaffen sind die ultimative Garantie für den Fortbestand von Diktaturen im 21. Jahrhundert.
Ein Fehler von historischem Ausmaß
Nichts davon beweist, dass der Iran Atomwaffen anstrebt. Die strategischen Anreize sind jedoch unbestreitbar. Die entscheidende Frage lautet daher nicht mehr: Warum sollte der Iran eine nukleare Abschreckung anstreben? Die entscheidende Frage lautet: Welche Ressourcen ist der Iran bereit einzusetzen und welche Risiken ist das Regime bereit einzugehen, um Nuklearwaffen zu erlangen, die letztlich sein Überleben sichern würden?
Jedes Memorandum, jede Vereinbarung mit dem gegenwärtigen iranischen Regime zur Begrenzung seiner nuklearen Fähigkeiten wird in dem Moment null und nichtig, da die iranische Seite glaubt, es aus einer Position der politischen und militärischen Stärke heraus überwinden zu können – genau wie Russland es mit dem Budapester Memorandum tat.
Jede Regierung und jede internationale Organisation – insbesondere die Obama-Regierung, die Trump-Regierung oder die Atomenergiebehörde der UN – die glaubt, mit einem „Deal“ ließe sich das iranische Atomwaffenprogramm endgültig beenden, begeht einen Fehler von historischem Ausmaß. Einen Fehler, für den künftige Generationen den Preis zahlen werden – allen voran in Israel, aber letztlich auch darüber hinaus.
Die Iraner haben aus dem Krieg in der Ukraine ihre Lehren gezogen. Der Westen sollte es ihnen endlich gleichtun.
Die englische Fassung dieses Beitrags erschien bei der Times of Israel.
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So direkt betrachtet sicherlich. Ein wenig weiter betrachtet, scheint es nicht ganz so klar. Zum Einen schützen Atomwaffen nicht vor inneren Konflikten und Machtübernahmen. Durch finanzielle Belastungen, politischen Druck von innen und außen, Machtfragen etc. kann es mit Atomwaffen auch schwieriger werden, ein System auszubalancieren. Nach außen würde ich sagen, dass Misstrauen, gar Feindschaft auch zunehmen können. Ein kleines Land, wie etwa Nordkorea, hält das auch nur durch, wenn Großmächte wie China oder Russland die Hand darüber halten. Abhängigkeiten bestehen also auch da.
Das soll die Schutzwirkung von Atomwaffen nicht wegreden, aber so ganz klar scheint es mir auch nicht, ob die für jedes Land immer nur stabilisierend sind.
Seit wann operiert der Westen, besser Europa mit Regimechange?
Meiner Meinung nach gehörte Chamenei zu den Gemässigten im Iran, die Angriffe gegen den Iran zur evtl. Geopolitik Israels und der USA.
Deswegen war die Politik des Iran gegen Israel sicher nicht gerecht, wenn aber von Israel und den USA von vornherein in dem Umfang als "Geoplitik" geplant, dann können sich Türkei und Saudi-Arabien evtl. freuen, dass sie nicht gegen Syriem "gewannen und der geopolitische Raum "Kleinasien/Arabien/Ostafrika" Bestand haben könnte.
Es stehen große Veränderungen bevor, aber evtl. keine Geopolitik als "Einbahnstrasse" und dann noch in die evtl. "falsche Richtung"?
Es hilft Erdogan nichts, wenn er den Islam in Nordafrika militärisch verteidigt, Kleinasien ff. aber verloren geht.
Nennt man das den Ast absägen, auf dem man sitzt?
Enfernt erinnert mich das auch an Frau Merkel.
Europa wurde durch die Kriege enorm geschwächt?
Hauptsache moralisch unangreifbar?
Das scheint mir nicht einmal ausgemacht..
Herr Solwyn zufolge sei der Westen Russland »in nahezu allen Aspekten konventioneller Kriegsführung um ein Vielfaches überlegen.« Das halte ich für ein Gerücht, zumal der Verfasser keine einzige Messgröße dafür nennt. Westliches Militärgerät ist teurer, die Munitionsvorräte sind verbraucht, die Technik ist komplizierter und aufwendiger zu warten. Und spätestens seit dem Vietnamkrieg sind westlichen Gesellschaften keine hohen Verlustziffern mehr zumutbar, weshalb die USA auch das Bündnis mit den ukrainischen Rechtsextremisten benötigten, die allein ihr Volk gegen die »Moskali« zu opfern bereit waren und sind.
Deswegen gibt es auch keinen konventionellen Angriff auf den Iran wie im Falle des Irak (und auch dort wurde Krieg am Ende verloren). Das iranische Regime wird nur fallen, wenn es sich nicht mehr durch äußere Bedrohung legitimieren kann.
Herr Solwyn hat bezüglich der Ukraine die Eskalationsstrategie der USA unterschlagen und erteilt dem Westen darum einen gefährlichen Ratschlag!
