Hände über Lenkrad eines autonomen Autos, Bildschirm zeigt Navigation
Ein selbstfahrendes Auto kann in gefährlichen Situationen keine ethische Entscheidung treffen. Das kann nur der Fahrer / picture alliance/dpa | Harald Tittel

Gibt es eine ethische KI? - Wunderbare Menschheit und bedrohliche Technik

Künstliche Intelligenz kann nicht moralisch handeln – sie kann nur menschliche Ethik nachahmen. Ethische Entscheidungen können immer nur von Menschen getroffen werden. Und eine demokratische Gesellschaft muss der KI ethische Regeln vorgeben.

Gregor Thüsing

Autoreninfo

Prof. Dr. Gregor Thüsing ist Direktor des Instituts für Arbeitsrecht und Recht der sozialen Sicherheit der Universität Bonn. Er ist Autor zahlreicher Fachpublikationen, vielfacher Sachverständiger im Deutschen Bundestag und wurde 2024 in den Deutschen Ethikrat berufen.

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Die Sonntagsfrage von heute war eigentlich schon für meine letzte Kolumne geplant. Sie blickt auf die vor nun gut einem Monat veröffentlichte Enzyklika „Magnifica Humanitas – Wunderbare Menschheit“. Das Schreiben ist lang, und seine Facetten vielfältig. Es geht dem Papst um nichts Geringeres als die Bewahrung des Menschen im Zeitalter künstlicher Intelligenz. Ein zentrales Element ist die Frage nach der verantwortlichen Nutzung der KI. Ein wertvolles Hilfsmittel, das Vorsicht erfordert. 

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Markus Michaelis | So., 5. Juli 2026 - 13:17

Die Phase, in der man die Dinge so vereinfacht wie in diesem Artikel betrachten kann, wird vielleicht nur wenige Jahre dauern. Ich würde das als Grund sehen, schon heute über die nicht so eindeutigen Abwägungen nachzudenken.

Zuerst mal: wenn ich sage, dass immer der Mensch entscheiden muss, heißt das, dass ich eine KI ablehne, die autonom nach vorgegebenen Regeln letzte Entscheidungen trifft. Das würde ich als richtig ansehen, weil es solche Regeln nicht geben kann. Begriffe sind nie scharf, jede Regel führt verabsolutiert in Extreme, es gibt immer beliebig viele neue Fälle, die man nicht berücksichtigt hat, in vielen Situationen stehen Regeln im Gegensatz zueinander. Dieses Dilemma ist prinzipiell für jedes Steuerungsproblem, auch das von nicht-künstlichen Intelligenzen, wie etwa Menschen. Jeder verabsolutierte Regelsatz ist schlimm. Das gilt auch für Gerechtigkeit, Gemeinsinn, Menschenrechte, Barmherzigkeit, Liebe, Demokratie, genauso wie für Volk, Nation und jede andere Regel.

Klaus Funke | So., 5. Juli 2026 - 13:24

Dies sagte einst Erich Kästner in einem seiner unnachahmlichen Gedichte von den "Klassefrauen". Ich halte von all dem Gerede von der KI nichts, rein gar nichts. Ja, es ist derzeit Mode von KI zu reden. Was die alles könne und wie es wäre, wenn... und um mit Kästner weiter zu reden "es gibt nichts Gutes, außer man tut es!" Eine müßige und sinnlose Diskussion, eine Diskussion, so wichtig wie die um die "Rolle der Bedeutung". In der Technik und ihrer weiteren Automatisierung mag KI sinnvoll sein, vielleicht auch im Bereich der PC-Suchmaschinen etc. Für alles, was der Mensch indes Geistiges und Moralisches zu leisten vermag, ist sie so unnötig wie ein Kropf. Die Kreativität des Menschen ist nicht ersetzbar. Ich erinnere mich, wie in den Fünfzigern des letzten Jahrhunderts von Computern geschwätzt wurde. Was für phantastische Geschichten man da erfand. Und heute? Trister, profaner Alltag. Also, die Aufregung ist sinnlos. Genau wie autonomes Fahren. Ich will mein Auto selber fahren. Punkt.

Markus Michaelis | So., 5. Juli 2026 - 13:25

Für uns Menschen hat das bislang so funktioniert, dass es ein funktionierendes System (Natur mit Mensch darin) gab, dass größer war, dass wir (noch) nicht wirklich beeinflussen konnten. In unserer Menschenwelt hat es mehr durch Checks&Balances, also verteilte Systeme funktioniert. Keiner hatte die absolute Macht, keine Nazis, aber auch keine Kirchen, Gerechtigkeit, Barmherzigkeit etc. Katastrophen blieben innerhalb des menschlichen Raums: wir haben Gegensätze zwischen unseren eigenen Regeln (Liebe, Ehre, Zusammenhalt, Gerechtigkeit, Fortschritt, besser werden ...) in dysfunktionale Extreme getrieben, aber nie wirklich das ganze System angreifen können. Totale Biotechnologie- oder Atomapokalypsen hätten das vielleicht werden können, waren aber konkret nie an einer relevanten Grenze.

Mit der KI ändert sich das glaube ich, und darüber sollte man nachdenken.

Markus Michaelis | So., 5. Juli 2026 - 13:30

Was sich mit der KI (in wenigen Jahren?) ändert, ist weniger, dass jetzt vielleicht die Biotechnologieapokalypse möglicher wird, weil immer kleinere Einheiten das KnowHow dazu haben. Das Problem scheint grundsätzlicher: wir Menschen wollen Dinge erreichen. Das machen wir, indem unser Hirn die Strukturen der Welt versteht, innerlich nachbildet und damit die Welt gezielt beeinflusst. In dieser Nachahmung von Weltstruktur im Hirn ist die KI aber inzwischen besser. Das ist neu, gab es so noch nie.

Ich will etwa das Leben einer kranken Mutter retten, nach allen menschlichen Maßstäben hoch barmherzig, menschlich, wertvoll. Die KI faltet die Proteine dazu und die ganze Strukturwelt, die sie dafür aufgebaut hat, verstehen wir nicht mehr. Wir sehen die Wirkung des fertigen Medikaments auf die Mutter. Alle anderen vernetzten Wirkungen dieser Entwicklung und der dafür notwendigen Strukturen verstehen wir nicht. Was tun?

Markus Michaelis | So., 5. Juli 2026 - 13:39

Neben dem aus meiner Sicht sehr tiefliegenden Problem, dass wir die Strukturen des Fortschritts mit all seinen vernetzten Wirkungen dann nicht mehr verstehen können (wie eine Katze das nicht mit der Menschenwelt kann), ist das genauso tief liegende Problem, dass wenn wir die KI besser verstehen wollen und menschliche Leiden heilen wollen (Demenz) wir kaum umhin kommen, den Menschen selber aufzurüsten (Hirnimplantate mit Gedächtnisstützen etc.), was nach heutigem Verständnis zur Auflösung menschlicher Maßstäbe führen würde, weil Tod, Ich, Barmherzigkeit, Menschenrechte eng an die spezielle menschliche Hardware gekoppelt sind. Verändere ich die, kann ich erstmal gar nicht sagen, was man mit diesen Begriffen bei solchen Wesen meint. In anderer "Hardware" ist Ich, Wille, Gerechtigkeit etc. erstmal undefiniert. Auch bei gutem Willen nicht vom Menschen übertragbar.

Diese Fragen werden nicht nächstes Jahr anliegen, aber auch mal wenige Jahrzehnte in die Zukunft zu denken, wäre kein Fehler.

Gerhard Weißenberger | So., 5. Juli 2026 - 17:54

„Der Computer ist die logische Weiterentwicklung des Menschen: Intelligenz ohne Moral.“
„Der Gutmensch ist die logische Rückentwicklung des Menschen: Moral ohne Intelligenz.“