Johann Wadephul
Johann Wadephul und Paulo Rangel, Außenminister von Portugal / picture alliance / Juliane Sonntag/AA/photothek.de | Juliane Sonntag

Wahl zum UN-Sicherheitsrat - Historische Niederlage für Deutschland bei der UNO

Zum ersten Mal scheitert Deutschland mit einer Kandidatur für den UN-Sicherheitsrat. Trotz Milliardenbeiträgen und diplomatischer Werbetour erhielt Berlin nicht genügend Stimmen. Portugal und Österreich ziehen vorbei.

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New York (dpa) – Deutschland ist mit seiner Kandidatur für einen Sitz im mächtigen Sicherheitsrat der Vereinten Nationen krachend gescheitert. Bei der Wahl in New York unterlag die Bundesrepublik Portugal und Österreich bereits im ersten Wahlgang, wie die Präsidentin der UN-Generalversammlung, Annalena Baerbock, mitteilte. Die Bundesrepublik war bereits sechs Mal im Sicherheitsrat vertreten, zuletzt 2019 und 2020. Traditionell kandidiert Berlin alle acht Jahre für den Sicherheitsrat. Durchgefallen war Deutschland bei einer Kandidatur laut Diplomaten bisher noch nie.

Deutschland kam nur auf 104 Stimmen. Für die nötige Zweidrittelmehrheit wären 127 Stimmen nötig gewesen, sagte Baerbock. Portugal kam auf 134 Stimmen, Österreich auf 131. Insgesamt hat die Weltorganisation 193 Mitgliedsstaaten. Afghanistan und Venezuela sind aktuell nicht stimmberechtigt.

Für Kanzler Friedrich Merz und seinen Außenminister Johann Wadephul (beide CDU, Wahlspruch: „Außenpolitik aus einem Guß“) bedeutet das Scheitern auch einen herben Rückschlag bei den Bemühungen, Deutschland stärker als in den vergangenen Jahren als wichtigen Akteur auf der internationalen Bühne zu platzieren. Wadephul hatte sich wegen der erwarteten Zitterpartie auf den letzten Metern in New York bemüht, Wackelkandidaten doch noch zu überzeugen und eine Blamage zu vermeiden. Das ist nicht gelungen.

Niederlage in New York nach schwierigem Wahlkampf

Die deutsche Kandidatur stand von Beginn an unter schwierigen Vorzeichen: Berlin stieg erst 2020 und damit später als Lissabon und Wien in den Wahlkampf ein. Zudem stieß Deutschlands Haltung zum Gaza-Krieg auf Kritik, ebenso die zurückhaltende Reaktion auf den israelischen Angriff auf den Iran und das Vorgehen der USA in Venezuela.

Der Bundesaußenminister hatte sich vor der Wahl noch entspannt gegeben. Vor Beginn des Abstimmungsprozesses machte er im Saal der UN-Generalversammlung Selfies mit seiner Kollegin aus Österreich und seinem Kollegen aus Portugal, Beate Meinl-Reisinger und Paulo Rangel.

Unmittelbar vor der Wahl hatte der Bundesaußenminister vor Journalisten gesagt: „Wir gehen mit Zuversicht, mit guten Gefühlen in diese Abstimmung.“ Die Mitbewerber Österreich und Portugal „haben sich mit uns eine faire und gute Auseinandersetzung geliefert“. Unabhängig vom Wahlergebnis seien beide Länder „wirklich eng befreundete europäische Staaten und Regierungen“.

Bundesregierung hatte auf stärkere Rolle gesetzt

Merz und Wadephul hatten sich erhofft, dass Berlin mit einem Sitz im Sicherheitsrat eine stärkere Rolle beispielsweise bei der Suche nach Lösungen etwa im Ukraine-Krieg oder für die Zukunft im Gazastreifen spielen könnte. Wadephul hat immer wieder betont, die UN und deren Sicherheitsrat sollten die zentralen Institutionen bei der politischen Lösungssuche für Kriege und Konflikte sein.

Nur im Sicherheitsrat können Beschlüsse mit völkerrechtlich bindender Wirkung für die UN-Mitgliedstaaten gefasst werden. Er kann Sanktionen verhängen, Waffenembargos beschließen, Friedenstruppen (sogenannte Blauhelme) entsenden oder auch militärische Einsätze autorisieren.

Auswirkungen auf deutsches UN-Engagement?

Allerdings war der Sicherheitsrat etwa beim Ukraine-Krieg und lange auch im Zusammenhang mit Israels Krieg im Gazastreifen durch teils gegenläufige Interessen seiner ständigen Mitglieder gelähmt. Auch im aktuellen Konflikt um die Straße von Hormus spielt das Gremium wegen Interessenkonflikten kaum eine Rolle. Permanente Vertreter sind die Atommächte China, Frankreich, Großbritannien, Russland und die USA. Zehn weitere Sitze werden wechselnd für je zwei Jahre besetzt.

Das Scheitern Deutschlands für den Sicherheitsrat dürfte nicht bedeuten, dass die Bundesregierung ihr Engagement für die Weltorganisation herunterschraubt. Kritiker dürften allerdings lautstärker als zuvor beklagen, dass Deutschland viel Geld für die UN ausgibt, aber bei der Vergabe von wichtigen Posten nicht ausreichend berücksichtigt wird.

Deutschland als zweitwichtigster Beitragszahler

Die Bundesregierung hatte erklärt, eine stärkere Rolle Deutschlands entspreche dessen internationalem Gewicht und den finanziellen Beiträgen für die UN. Deutschland ist nach den USA, China und Japan der größte Geldgeber mit Blick auf die Mitgliedsbeiträge. Rechnet man das Budget für Blauhelm-Missionen und freiwillige Zahlungen dazu, sind sie die Nummer zwei.

Deutschland hatte für einen von zwei frei werdenden Sitzen in der Regionalgruppe „Westeuropa und andere“ für die Jahre 2027/2028 kandidiert. Wadephul war extra schon am Donnerstag nach New York gereist, um von Freitag an bei diversen Treffen mit Vertretern von Wackelkandidaten für die Kandidatur zu werben. Geholfen hat dieser Einsatz am Ende aber nicht.

Österreich und Portugal für zwei Jahre im Sicherheitsrat

Mit Portugal zieht nun ein EU- und Nato-Mitglied in den Rat. Das Land hat historisch und kulturell enge Beziehungen zu afrikanischen und lateinamerikanischen Ländern. Im Wahlkampf hatte sich das Land unter anderem für einen transparenteren und repräsentativeren Sicherheitsrat ausgesprochen. Für Österreich, kein Nato-Mitglied, könnte sich dessen Neutralität ausgezahlt haben – Russland, China und ihre Partner etwa könnten darin eine angenehmere Partei am Tisch sehen. Das Land beherbergt zudem einen der Hauptsitze der UN.

dpa

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C. Schnörr | Mi., 3. Juni 2026 - 19:13

… rauswerfen und scheitern - ganz was Neues!

Klaus Funke | Mi., 3. Juni 2026 - 19:56

Wir haben ja nun schon seit der Ampel (und eigentlich schon seit Merkel, denn, dass die keine Ahnung hatte, wusste auch jeder) ein politisches Personal, dass einem das kalte Grausen ankommt. Man denke bloß an Frau Baerbock, an Herrn Lauterbach oder jüngst an Frau Bas. Eine Schande für ein Land, das einen Willi Brand, einen Genscher oder einen Weizsäcker hervorgebracht hat. Aber selbst der Ulbricht oder auch der Honecker hatten mehr Profil und Charakterstärke als Leute wie Klingbeil e.a. Es ist Zeit für ein großes Kehraus.

Armin Latell | Mi., 3. Juni 2026 - 19:59

Beschlüsse mit völkerrechtlich bindender Wirkung für die UN-Mitgliedstaaten gefasst werden. Er kann Sanktionen verhängen...Wie ist das dann mit den Russlandsanktionen? Wer verhängt die? Haben die bindende Wirkung? Ich will gar nicht wissen, wieviel Mrd an Geld da an erhoffte Fürsprecher versprochen und ausgezahlt wurden. Diese Merzregierung ist ein Verlust auf ganzer Linie. Na ja, wenigstens im eigenen Land kann er noch seine Kritiker von Gerichten bestrafen lassen. Das funktioniert (noch). Was ein Versager- und Absteigerteam. Auf der anderen Seite: das deutsche mit erhobenem Zeigefinger Moralisieren ist somit ordentlich ausgebremst. Ich kann eine gewisse Schadenfreude nicht vermeiden...

Markus Michaelis | Mi., 3. Juni 2026 - 20:26

Ich würde darüber nachdenken. Unsere Welt- und Selbstsicht baut so sehr darauf (meiner Wahrnehmung nach), dass wir universelle Prinzipien, die Menschheit und die regelbasierte Ordnung vertreten, aber so ganz scheint das die Welt nicht zu sehen. Ich glaube auch nicht, dass das mit einer zB Links-Grün-Regierung anders wäre. Die würde zwar bezüglich Gaza vielleicht etwas mehr auf die Weltmeinung einschwenken, aber dafür bei vielen anderen Punkten noch konträrer sein. Das liegt aus meiner Sicht hauptsächlich daran, dass es "die Weltmeinung" nicht gibt, weil das eher sehr gegensätzlich ist. Ähnliche Hinweise gab es schon beim Nationbuilding in Afghanistan und bei anderen Gelegenheiten.

Die Idee, dass die Welt eher in viele "Wir und Die" zerfällt mit vielen verschiedenen Sichtweisen, hätte meiner Meinung nach auch Auswirkungen darauf, wie wir unsere eigene Gesellschaft sehen (sollten), auch, was wir von einer internationalen Ordnung erwarten sollten und was nicht.

Gisela Hachenberg | Mi., 3. Juni 2026 - 22:05

Warum, liebe Redaktion, schreiben Sie nicht gleich „Artikel von dpa“??? Oben steht „Artikel von Redaktion“, und unten „dpa“!!!
Jetzt haben wir doch schon Annalena als Präsidentin des tollen Sicherheitsrats. Hat aber nichts geholfen, oder? Die Hauptsache ist, dass wir der zweitgrößte Geldgeber vom Verein sind. Und, obwohl einige das kritisieren, wollen unsere Politikgranden das nicht ändern. Wir haben‘s ja (Geld im Überfluss!) Gespart wird eher bei Kranken, Familien, etc. Man erfährt immer häufiger, wo unser (Steuer)Geld hingeht… 🥺🥺

Konstantin Richter | Do., 4. Juni 2026 - 07:19

Was denn? Wir werden doch schon beim ESC nicht gewählt, warum also hier? Schade um das Geld das dahin überwiesen wird. Der Laden ist doch komplett nutzlos. Und unser, ebenfalls nutzloser, Kobold Baerbock müsste halt in die Modebranche oder etwas ähnlich Sinnloses wechseln...

Angelika Sehnert | Do., 4. Juni 2026 - 07:48

Man kann über Wadephul sagen,was man will, er ist der erste seit Jahrzehnten im Amt, der über einige außenpolitische Kenntnisse verfügt.Das wurde in der Öffentlichkeit nicht so wahrgenommen,weil er im parlamentarischen Hintergrund agierte,er hat auch Anfängerfehler gemacht, vermutlich, weil er schlecht vorbereitet worden war. Denn es ist er auf einen Apparat angewiesen, der von seinen Vorgängern*:- in in einer bestimmten Richtung umgebaut wurde. Mit Stellenbesetzungen kann man in einem Ministerium langfristig Richtung und Inhalte bestimmen. Heute ist das Außenamt nur noch ein Schatten seiner selbst. Genscher hätte nie erreicht, was er erreicht hat ohne einen fachlich hochkompetenten Beamtenapparat im Hintergrund, dessen Haltung auf absolute Loyalität zum Staat beruhte und nicht von parteipolitischen Zielen bestimmt wurde.
Wadephul kann man diese Niederlage tatsächlich nicht anlasten. Das Ministerium muss funktionieren, über eine Legislatur hinaus. Das tut es offensichtlich nicht.