Wolfgang Kubicki
Unser Kolumnist vor 35 Jahren / picture alliance/United Archives | Valdmanis

Rückblick auf 1991 - Der Soli: Denkmal gebrochener Wahlversprechen

Diese Kolumne erscheint an dem Tag, an dem ich mich um den Vorsitz der FDP bewerbe. Da sich dieser Parteitag maßgeblich mit der Zukunft unseres Landes auseinandersetzt, werfe ich einen „ungefilterten“ Blick zurück, der auch Aufschluss über die Gegenwart gibt und vielleicht ein paar Lehren für die Zukunft bereithält.

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Autoreninfo

Wolfgang Kubicki ist stellvertretender FDP-Bundesvorsitzender und war Bundestagsvizepräsident. (Foto: dpa)

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Im Mai 1991, vor ziemlich genau 35 Jahren, hielt ich meine erste Rede als Parlamentarier. Mein damaliges Debüt am Rednerpult des Deutschen Bundestages, damals noch in Bonn, hatte eine gewisse Brisanz. Denn der Jungparlamentarier Kubicki sprach nicht zu irgendeinem Vorhaben der damaligen schwarz-gelben Bundesregierung, das es umzusetzen galt. Mein Wortbeitrag drehte sich vielmehr darum, warum ich und zwei weitere Mitstreiter der FDP-Fraktion ein Vorhaben der Koalition nicht mittragen konnten und daher dagegen stimmen würden. Meine Mitstreiter waren mein langjähriger politischer Weggefährte Jürgen Koppelin und der leider vor wenigen Tagen verstorbene langjährige Abgeordnete Werner Zywietz.

Einen wesentlichen Kern des Vorhabens, gegen das wir damals aufbegehrten, brauche ich nicht weiter zu erklären. Er ist bis heute wohlbekannt: der Solidaritätszuschlag. Kurz: Soli.

Und nicht nur der Gegenstand meines Beitrags hat – leider! – bis heute Aktualität. Auch meine damaligen Ausführungen dürften dem einen oder anderen passend für die heutige Zeit erscheinen. Ich habe mir nämlich erlaubt, an etwas zu erinnern, was man im politischen Bonn damals und im politischen Berlin heute nicht gerne hört: die Versprechen, die man vor der Wahl gegeben hat. Wohlgemerkt: keine Versprechen nur von Vertretern meiner Partei, sondern von der gesamten damaligen Bundesregierung. Und diese waren recht eindeutig: Steuererhöhungen werde es wegen der deutschen Wiedervereinigung nicht geben. Die erforderlichen Mehrausgaben werde man durch Einsparungen und wachstumsbedingte Mehreinnahmen erzielen.

Ein solcher Kurswechsel geht mit einem enormen Vertrauensverlust einher

Nun kann man lange und trefflich darüber streiten, was eigentlich das Problem war: das Versprechen überhaupt gegeben zu haben oder es dann – nur wenige Monate nach der Bundestagswahl – zu brechen. Jedenfalls dürfte unstreitig sein, dass dies dem allgemeinen Vertrauen in die Politik geschadet hat. Natürlich können sich Bedingungen im Nachhinein ändern, und ein Umdenken darf politisch kein Tabu sein. Auch darauf wies ich in meiner Rede hin. Aber wegen des enormen Vertrauensverlustes, der mit einem solchen Kurswechsel einhergehen kann, ist große Zurückhaltung geboten. Parteien werden für ein bestimmtes politisches Angebot gewählt. Sich diesem Angebot auch nach der Wahl verpflichtet zu fühlen, ist eine Frage politischer Integrität.

Das gilt heute – und ist ein Grund für den historischen Absturz, den die Zustimmungswerte von Friedrich Merz und der CDU erfahren. Es galt aber auch damals schon. Hinzu kommt ein besonderer Umstand, der heute gerne unter den Tisch fallen gelassen wird: Die Bundestagswahl 1990 war für die Deutschen in den damals neuen Ländern die erste freie Wahl für ein gesamtdeutsches Parlament seit 1933. Die Euphorie der ersten und einzigen freien Volkskammerwahl vom März desselben Jahres war bei manchen zwar bereits verflogen, viele teilten sie jedoch noch. Umso tiefer fiel die Enttäuschung. Gebrochene Wahlversprechen sind mindestens ein Teil der Ursachen hierfür.

Heute – 36 Jahre später – stellen wir fest, dass die Zufriedenheit mit der Demokratie laut „Deutschland-Monitor“ zwar in allen Landesteilen bei einer überwältigenden Mehrheit vorhanden ist, in Ostdeutschland jedoch eine größere Skepsis besteht. Wenn man bedenkt, dass der Demokratieenthusiasmus damals nahezu grenzenlos schien, muss einen das sehr nachdenklich stimmen.

In dem damaligen Steuererhöhungspaket ging es auch um eine Erhöhung der Mineralölsteuer. Ich wies in meiner Rede darauf hin, dass diese umweltpolitisch zwar erwünscht sein mag, Menschen mit niedrigerem Einkommen und ohne Anschluss an öffentliche Verkehrsmittel jedoch ungleich härter trifft. Auch das war ein Problem, das den Osten strukturell deutlich stärker belastete.

Der historische Wortbruch von Merz wäre doch eine gute Zäsur

Diese kleine historische Anekdote steht jedoch nicht nur für den zuweilen schwierigen unmittelbaren Umgang mit dem Willen des Souveräns, sondern auch für die langfristige Hypothek, mit der wir dieses Vertrauen belasten. Zur Erinnerung: Der Soli wurde einst eingeführt, um Belastungen durch den Golfkrieg zu bewältigen und die deutsche Einheit zu finanzieren. Natürlich wird der Soli längst wie jede andere Staatseinnahme verwendet. Die ursprüngliche Begründung scheint vergessen – zumindest bei den Entscheidungsträgern, nicht jedoch bei jenen, die ihn bis heute zahlen müssen. Und das sind nach wie vor Unternehmen, die Körperschaftsteuer entrichten, und Sparer auf ihre Zinserträge.

Ich denke: Solange der Soli in irgendeiner Form existiert, wird sich in diesem Land nichts Elementares bewegen. Sein Fortbestehen ist eine Art politischer Reife- und Integritätstest, an dem die Politik regelmäßig scheitert. Der Soli ist ein Denkmal gebrochener Versprechen.

Aber nicht alles ist im Vergleich zu 1991 gleich geblieben. Denn in meiner Rede, in der ich Steuererhöhungen ablehnte und Ausgabendisziplin anmahnte, gab es immer wieder Applaus. Nicht aus den damaligen Koalitionsfraktionen – mit Ausnahme meiner liberalen Mitstreiter –, sondern vor allem von der SPD. Das wäre heute kaum noch vorstellbar.

Ich wünschte, man könnte mit mehr unverstellter Nostalgie auf diesen dreieinhalb Jahrzehnte alten Debattenbeitrag blicken und ihm weniger Aktualität zuschreiben. Vielleicht schaffen wir es ja, dass der Soli zum 40. Jahrestag seiner Verabschiedung endlich Geschichte ist. Dass Feigheit bei der Suche nach Einsparungen politisch nicht länger kurzfristig belohnt wird. Und dass politische Verantwortung gegenüber abgegebenen Wahlversprechen wieder mehr und dauerhafteres Gewicht erhält. Der historische Wortbruch von Merz – immerhin bereits vor der Bundestagswahl vorbereitet – wäre doch eine gute Zäsur.

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Urban Will | Sa., 30. Mai 2026 - 09:14

werden, daran habe ich keinen Zweifel, aber mit welchem Votum wird sich zeigen. Ihr Schreiben hier macht mir Hoffnung, dass Sie verstanden haben, wo der wirkliche Gegner ist. Und das kann man nur verstanden haben, wenn man sich von nichts beeinflussen lässt, was seit Jahren von allen Seiten auf uns eindrischt.

Ihre Partei könnte Historisches leisten, wenn sie es schafft, das verkrustete, in vielerlei Hinsicht infantile, in Teilen gotteserbärmliche derzeitige politische System Deutschlands, wo im Prinzip nur noch alles darauf hinausläuft, alles nicht-Linke mit Hitler gleichzusetzen (man höre sich nur das neueste Geschwafel des Kanzlers an), aufzubrechen.

Sie haben mehrfach angedeutet, dass die Brandmauer für Sie keine Bedeutung hat, das ist schon mal gut. Sie haben eine Koalition abgelehnt, ob grundsätzlich (das wäre wieder Brandmauer) oder nur derzeit, weiß ich nicht.
Aber eines erhoffe ich mir: dass Sie der Union viele Stimmen wegnehmen und somit die Wende einzuleiten helfen.

Rainer Mrochen | Sa., 30. Mai 2026 - 09:34

Keine weiteren Subventionen für Windparks die nie liefern und Arbeitsplätze kosten, keine offenen Grenzen, die den Fachkräftemangel durch unqualifizierte Zuwanderung verschärfen. Die AfD erkennt wenigstens, daß Deutschland. seine Souveränität zurückholen muss-gegenüber Brüssel, China und gegenüber einer grünen Ideologie, die den Industriestandort kaputtreguliert. Nur mit dieser klaren, umideologischen Linie kann die schleichende Erosion gestoppt und die Industrie wieder zu treibenden Kraft des Landes gemacht werden. Alles andere ist nur verwalten des Niedergangs. Die industrielle Weltordnung verschiebt sich. Deutschland verliert nicht über Nacht seine relative Führung - aber Schritt für Schritte, Projekt für Projekt, Investition für Investition. Wer das nicht sieht oder nicht ändern will , der verrät genau das, was diese Land groß gemacht hat. Wahlversprechen sind exakt das was sie immer waren: Vortäuschung falscher Tatsachen zur Erlangung der Macht. Politik ist und bleibt Lüge.

Jens Böhme | Sa., 30. Mai 2026 - 09:38

Jedes System geht mal zu Ende. Wenn ständig Wahlversprechen gebrochen werden, sucht sich das Volk ein anderes System, indem Wahlversprechen bestimmt gehalten werden. Da dies Natur nicht vorsieht, wird man in der Menschheit ewig Gesellschaftssysteme wechseln bzw. wiederauferstehen lassen.

Dorothee Sehrt-Irrek | Sa., 30. Mai 2026 - 12:00

dass er immer fest die Zukunft der FDP vor Augen hat, programmatisch und personell.
Ich möchte mir die Parteienlandschaft nicht ohne die FDP vorstellen.

Klaus Funke | Sa., 30. Mai 2026 - 13:15

Kubicki in jüngeren Jahren - ein Sonnyboy. Ob er auch jetzt noch solche Strahlkraft hat? Wohl kaum. Trotzdem, er könnte die FDP wieder aufrichten und mit ihr zu alter Stärke zurückfinden. Zumindest wünsche ich ihm das. Zwei Effekte wären wünschenswert: Erstens die Brandmauer aktiv einreißen, zweitens der Union die Wähler wegnahmen. Wenn das gelingt. hätte Kubicki eine historische Tat vollbracht. Und ja, eine freiheitliche Idee neu zu etablieren, würde der dt. Parteienlandschaft guttun. Aber ich habe große Zweifel. Einmannparteien sind ein seltenes Phänomen und sie sind selten dauerhaft erfolgreich. Wo sind aktive Mitstreiter? Mitstreiter, die man kennt und die politisch akzeptiert werden - wo sind sie? Nein, leider, ich denke, es wird ein letztes Aufzucken werden. Mehr kommt da nicht. Ich würde mich freuen, wenn ich unrecht hätte. Alles Gute, trotzdem.

Ingo Frank | Sa., 30. Mai 2026 - 14:01

zur Merzschen Schuldenaufnahme mit dem alten abgewähltem Parlament inkl. Sonderzuweisung von 100 Milliarden für die Grüne Sekte und entsprechend GG Änderungen.
Man sieht was aus dem Soli im Osten geworden ist …..wer das nicht anerkennt, ist im Osten vor 89 nich sozialisiert……obwohl die freiheitlichen Grundrechte wie Presse und Redefreiheit parallel zum Anstieg des Asylindustrieproblematik nach 2015 immer weiter bei den Nicht- Asylanten abgemindert wurden.
Ich bin gespannt welchen Weg die Ihrige Partei nun einschlagen wird. Für oder gegen die Brandmauer samt etablierten Parteien, für oder gegen den grünschwarzlinken Zeitgeist, oder FDP typisch, von jedem ein bisschen?
Ich wünsche Ihnen Erfolg und ein langes Leben.
MfG a d Erfurter Republik

Armin Latell | Sa., 30. Mai 2026 - 14:06

Eine einfache Volksweisheit, Versprechen vor Wahlen sind reine Versprecher, aber keine freud schen! Was interessiert mich mein Geschwätz von gestern? Wieder einmal ein wohlfeiler Kommentar des Herrn Kubicki, wie so oft bei für Steuerzahler und Bürger emotionalen Themen, bei seinen faktischen Entscheidungen springt er aber oft und gerne über seinen Schatten. Die Partei, für die er Vorsitzender werden möchte, hat Erfolg beim Wähler keinesfalls verdient, sind doch die gleichen Pharisäer dort noch immer Mitglieder und Funktionäre, die unter Scholz (und Lindner) massiv gegen Freiheit, Demokratie, Rechtsstaat und Bürger mitregiert haben. Von dem Verhalten und Aussagen ggü. der größten und einzigen Oppositionspartei ganz abgesehen oder einer MASZ! Ich wünsche mir die fdp nur in der APO, wenn überhaupt irgendwo in der Politik. Ich vergesse und verzeihe nicht!

Birgit | Sa., 30. Mai 2026 - 14:20

Schön gesprochen. Alles richtig Herr Kubicki. Aber selbst wenn es Ihnen gelingt, wieder in die Parlamente zu kommen und ein paar schöne Mandate und Posten zu ergattern: mit dieser FDP wird sich nichts ändern. Sie würden - inclusive Ihrer Person - beim nächsten Mal wieder mit der rot grünen Blase gemeinsame Sache machen..

Man könnte vielleicht darüber nachdenken, wenn jede Koalition mit SPD, Grünen und Linken definitv ausgeschlossen und ein mit der AfD fest zugesagt wird.

Ansonsten ist das alles nicht ernst zu nehmen und Verblendung der Leute

H. Abele | Sa., 30. Mai 2026 - 14:33

Herr Kubicki, meine Stimme gehörte über Jahrzehnte der FDP, und wenn Sie mir versprechen, Ihren linken Flügel im Griff zu haben und Sperenzchen wie das Selbstbestimmungsgesetz der Vergangenheit angehören, haben Sie meine Stimme gerne wieder. Allerdings unter einer Bedingung: Das von Ihrer Kollegin Frau Brandmann geführte Portal SoDone war der Tropfen, der für mich das Fass zum Überlaufen gebracht hat. Solange es existiert, ist für mich die FDP unwählbar.

Angelika Sehnert | So., 31. Mai 2026 - 08:17

Das Land bräuchte nichts dringender als eine starke, freiheitliche und wirtschaftsliberale Partei. Daher wäre ein sehr gutes Wahlergebnis ein gutes Omen gewesen. Leider haben das die Sozialliberalen mit ihrem Coup verhindert. Kann man alles machen, zeigt aber dass die FDP ihre jahrzehntelange innere Spaltung nicht überwinden kann. Vor allem: der sozialliberale Flügel will es auch nicht! Selbst um den Preis der Selbstauslöschung will man nicht anerkennen, dass das Gedränge auf der linken Seite des politischen Spektrums ziemlich groß ist. Man will nicht anerkennen, dass liberal-konservative, marktwirtschaftlich- und leistungsorientierte Wähler eine politische Heimat suchen.
Zum Beispiel:natürlich verteidigte MASZ die CO2 Abgabe in ihrer überlangen Rede als marktwirtschaftlich.Aber es ist eine Steuer,eine Steuer, die vor allem die deutsche Wirtschaft und Bürger enorm belastet ohne einen Nutzen für das Weltklima.
Der herbeigesehnte Aufbruch beginnt mit Krücken.
Viel Erfolg, Herr Kubicki!