Hängematte am Meer
Hängematte in Portugal auf Kosten des Steuerzahlers? Dieser Eindruck wurde im Fall des vermeintlichen „Portugal-Schmarotzers“ erweckt. / picture alliance / imageBROKER | Jacek Sopotnicki

„Sozialleistungen trotz Portugal-Aufenthalt“ - Der Bürgergeldempfänger, den der Staat selbst schuf

25 Jahre lang führte er einen Intensivpflegedienst mit über 100 Beschäftigten. Dann folgten Streit um Pflegevergütung, Insolvenz, Burnout und Bürgergeld während eines Portugal-Aufenthalts. Nun schildert der Unternehmer selbst seine Sicht auf den Fall – und erklärt, was Karl Lauterbach damit zu tun hat.

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Kürzlich berichtete Cicero über den Fall des ehemaligen Dresdner Pflegeunternehmers, dessen Bürgergeldbezug während eines Aufenthalts in Portugal bundesweit Schlagzeilen machte. Hier meldet er sich erstmals selbst zu Wort.

Drei Wörter genügten, um aus 25 Jahren unternehmerischer Tätigkeit ein Zerrbild zu machen: Bürgergeld. Portugal. Burnout.

Wer diese Wörter nebeneinanderstellt, hat seine Geschichte bereits fertig. Ein Mann sitzt angeblich am Strand, lässt sich die Sonne auf den Bauch scheinen, der Beitragszahler zahlt, und ein Sozialgericht macht es möglich. Mehr braucht die Empörungsmaschine nicht. Die Pointe stand fest, bevor die Akte gelesen war.

Noch am 10. Juli 2025 gratulierte mir die IHK Dresden zum 25-jährigen Geschäftsjubiläum meiner Firma: Zentrum der Gesundheitsdienste Dresden GmbH, ProSpiro Intensivpflege. Ein Unternehmen, das schwerstkranke Menschen versorgte, zeitweise weit über hundert Beschäftigte hatte und 2024 noch knapp neun Millionen Euro Umsatz erzielte. In den Jahren 2003 bis 2023 summierten sich die Umsätze auf rund 129 Millionen Euro. Ein Jahr zuvor lag sogar ein konkreter Unternehmenskauf auf dem Tisch; Due Diligence und Kaufvertragsentwurf waren abgeschlossen, der wirtschaftlich zugrunde gelegte Unternehmenswert lag bei rund 6,25 Millionen Euro. Das wäre meine Altersvorsorge gewesen.

Wenige Monate später blieb davon öffentlich fast nichts übrig außer dem Bild vom „Bürgergeldempfänger in Portugal“. So schnell wird aus Lebensleistung ein Etikett.

Mein Fall beginnt nicht mit Bürgergeld und nicht mit Portugal. Er beginnt mit außerklinischer Intensivpflege: mit 24-Stunden-Verantwortung, Fachkräftemangel, Nachtzuschlägen, Tariftreue, Krankenkassenverhandlungen und einem hoch regulierten System, in dem politische Zusagen und wirtschaftliche Realität immer weiter auseinanderdriften.

Pflege gilt in Deutschland als systemrelevant — solange Kameras laufen. Sobald Rechnungen fällig werden, wird sie zum Kostenproblem.

Garantie vom Gesundheitsminister

Schon 2024 war absehbar, wie instabil die wirtschaftliche Lage vieler Intensivpflegedienste geworden war. Hintergrund waren die neuen Regelungen zur außerklinischen Intensivpflege nach § 132l SGB V. Diese Regelungen tragen politisch die Handschrift der Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) und Karl Lauterbach (SPD). Den Krankenkassenverbänden waren damals sogenannte Garantieerklärungen des damaligen Bundesgesundheitsministers Karl Lauterbach abgerungen worden, wonach außerklinische Intensivpflege auch ohne neue Versorgungsverträge weiter erbracht und abgerechnet werden könne.

Viele Anbieter vertrauten darauf. Auch ich. Wenn politisch Vertrauen erzeugt wird, während die wirtschaftliche Grundlage später in Verhandlungen steckenbleibt, entsteht kein normales Unternehmerrisiko mehr. Dann wird Vertrauen zur betriebswirtschaftlichen Falle. Ohne dieses politische Signal hätte ich früher anders disponieren müssen; mit ihm erschien die Fortführung verantwortbar.

Herr Prof. Dr. Karl Lauterbach: Ich würde diese Garantie heute gern zur Auszahlung geltend machen.

Beim gescheiterten Pkw-Maut-Projekt konnte ein Betreiberkonsortium nach politischem Scheitern zunächst hunderte Millionen Euro Schadenersatz geltend machen; am Ende zahlte der Bund einen hohen dreistelligen Millionenbetrag. Wenn politische Zusagen bei Großprojekten entschädigungsrelevant sein können, darf ein mittelständischer Pflegeunternehmer nicht mit dem Hinweis abgespeist werden, politisches Vertrauen sei sein Privatproblem gewesen.

Der Streit, der später öffentlich auf „Bürgergeld in Portugal“ verkürzt wurde, war ursprünglich ein Streit um Pflegevergütung. Die AOK PLUS verhandelte nicht über Luxus, sondern darüber, ob außerklinische Intensivpflege unter realen Bedingungen überhaupt wirtschaftlich fortgeführt werden kann: mit tatsächlichen Personalkosten, Nacht-, Sonn- und Feiertagszuschlägen, Verwaltungskosten und unternehmerischem Risiko.

Eine Pflegefirma finanziert man nicht mit Moralparolen.

Der Bundesverband privater Anbieter sozialer Dienste warnte das Bundesgesundheitsministerium bereits 2025, Krankenkassen verzögerten Verhandlungen, setzten Termine nicht fest oder legten Angebote unterhalb realer Kostensteigerungen vor. Genau in dieser Lage befand sich mein Unternehmen.

Dann geschah das Entscheidende: Mitten in diesem Vergütungsstreit wurde meiner Firma die Kassenzulassung entzogen. In der Pflege ist eine Zulassung keine Formalie, sondern die Eintrittskarte zum Markt. Wer sie verliert, verliert Abrechnungsfähigkeit, Vertragspartner, Liquidität und Fortführungsprognose. Kurz: Keine Zulassung, keine Abrechnung. Keine Abrechnung, keine Fortführung. Keine Fortführung, Insolvenz.

Ich scheiterte nicht am Markt. Mir wurde der Marktzugang entzogen. Wer einem Pflegedienst mitten in Vergütungsverhandlungen die Zulassung nimmt, beendet nicht nur eine unliebsame Verhandlung. Er beendet faktisch die Marktteilnahme.

Der 9. Senat des Sächsischen Landessozialgerichts stoppte diesen Vorgang nicht. Er ließ zu, dass aus einem Vergütungs- und Zulassungskonflikt ein existenzieller Zusammenbruch wurde. Das Insolvenzgericht vollendete anschließend, was wirtschaftlich angelegt war: Ohne Zulassung keine Abrechnung, ohne Abrechnung keine Fortführung, ohne Fortführung Insolvenz.

Die bequeme Erzählung lautete: Ein Unternehmer scheitert, landet im Bürgergeld und sitzt in Portugal. Die unbequemere Aktenlage lautet: Ein Pflegedienst verliert mitten in Vergütungsverhandlungen mit der AOK PLUS seine Zulassung. Erst danach entsteht jener Bürgergeldfall, über den sich die Republik empören sollte.

Dabei lag der Ursprung meines Falls in einem hochkomplexen Pflegevergütungsstreit, der schließlich bis vor das Bundesverfassungsgericht führte. Dort geht es im Kern um die Frage, ob ein Pflegeunternehmen in einem existenziellen Konflikt rechtzeitig wirksamen Rechtsschutz erhält – oder erst dann, wenn wirtschaftlich nichts mehr zu retten ist.

Doch solche Fragen erzeugen keine Schlagzeilen. „Bürgergeld in Portugal“ dagegen schon. Wer nur auf Portugal schaut, sieht den Strand. Wer auf die Akten schaut, sieht den Weg dorthin.

Kein Urlauber auf Staatskosten

Mich irritiert dabei weniger die Kritik als die Geschwindigkeit der Vereinfachung. Kaum jemand interessierte sich noch für die Vorgeschichte: nicht für die Pflegebranche, nicht für die Verantwortung, nicht für die Frage, wer den Betrieb aus dem Markt drängte.

Der Zusammenbruch war nicht der Anfang meiner Krise. Er war ihr Ergebnis. Portugal war nicht der Anfang dieser Geschichte. Portugal war der Ort, an dem ein zuvor ausgelöster Zusammenbruch sichtbar wurde.

Wer jahrzehntelang Verantwortung trägt, funktioniert oft weit über die eigenen Grenzen hinaus. Unternehmer in der Pflege tragen Verantwortung für Patienten, Mitarbeiter, Angehörige, Dienstpläne, Haftungsfragen und wirtschaftliche Entscheidungen – häufig ohne echte Unterbrechung. Viele ignorieren Warnsignale zu lange, weil sie glauben, weitermachen zu müssen.

Deutschland spricht gern über Leistung. Über Erschöpfung spricht dieses Land deutlich weniger gern. Vielleicht erklärt das auch die Härte, mit der öffentliche Abstürze inzwischen begleitet werden. Solange jemand erfolgreich ist, gilt er als Beispiel für Eigenverantwortung. Gerät derselbe Mensch später selbst in Not, kippt Bewunderung schnell in Misstrauen.

Gerade ehemalige Unternehmer erleben diesen Absturz oft besonders hart. Wer zuvor Arbeitgeber war, erlebt plötzlich ein System aus Nachweispflichten, Formularen, Fristen und öffentlicher Rechtfertigung. Natürlich braucht ein Sozialstaat Regeln. Aber die gesellschaftliche Atmosphäre rund um Bedürftigkeit hat sich verändert. Häufig steht der Verdacht zuerst fest. Die Früchte unternehmerischer Leistung werden gern kollektiv genutzt. Das Risiko wird anschließend konsequent individualisiert.

Das unausgesprochene Klischee lautet: Bürgergeldempfänger seien ungebildet, bequem oder schlicht nicht leistungsbereit. Genau dieses Klischee machte meinen Fall medial verwertbar. Wer ins Bürgergeld fällt, verliert in der öffentlichen Erzählung nicht nur Einkommen, sondern oft auch Herkunft, Leistung und Würde.

Dabei war mein Aufenthalt in Portugal keine Feriengeschichte, sondern medizinisch begründet. Fachärztliche Stellungnahmen beschrieben ihn als Versuch der Stabilisierung nach massiver gesundheitlicher Überlastung. Öffentlich blieb davon wenig übrig. Aus medizinischer Distanz wurde Urlaub gemacht.

Ich wurde nicht Bürgergeldempfänger, weil ich als Unternehmer versagte. Ich wurde nicht Urlauber auf Staatskosten. Ich wurde Bürgergeldempfänger, nachdem meinem Unternehmen durch einen öffentlich-rechtlichen Zulassungsakt die wirtschaftliche Grundlage entzogen worden war.

Gleichzeitig wurde ich weiter mit Fristsetzungen, Nachweisanforderungen und Zustellungen konfrontiert. Das Jobcenter interessierte sich detailliert für Aufenthaltsort, Rückkehrdatum und Erreichbarkeit. Konkrete Perspektiven oder erkennbare Wiedereingliederungsstrategien spielten dagegen kaum eine Rolle.

Der Staat interessierte sich für meine Erreichbarkeit. Aber erreichbar wofür? Seit dem 01.01.2026 konnte mir das Jobcenter Dresden noch kein einziges Vermittlungsangebot unterbreiten.

Hinzu kam ein weiteres Problem: die faktische Re-Identifizierbarkeit veröffentlichter Gerichtsentscheidungen. Nach meiner Auffassung enthielten die Entscheidungen so viele persönliche Details – Alter, beruflicher Hintergrund, Insolvenzbezug, Gesundheitsfragen und wirtschaftliche Informationen –, dass die spätere Identifizierung kaum noch überraschend war.

Das Problem ist die gesellschaftliche Haltung hinter der Empörung

Die Folgen waren real. Suchmaschinen konservieren solche Bilder. Wer später beruflich neu anfangen will, bewirbt sich dann nicht mehr nur mit seiner Biografie – sondern gegen ein digitales Narrativ.

Springer gab später eine strafbewehrte Unterlassungsverpflichtungserklärung ab, künftig nicht mehr identifizierend über mich im Zusammenhang mit Sozialleistungen, dauerhaftem Portugal-Aufenthalt und psychischen Problemen zu berichten. Inzwischen beschäftigt der Vorgang auch Datenschutzbehörden. Doch selbst das änderte wenig an der öffentlichen Grundgeschichte. Sie war längst geschrieben: Bürgergeld. Portugal. Burnout.

Die Vorgeschichte verschwand. Der Pflegevergütungsstreit verschwand. Der Zulassungsentzug verschwand. Die Rolle des 9. Senats verschwand. Die wirtschaftliche Realität verschwand. Übrig blieb ein medial verwertbarer Absturz.

Ich schreibe das nicht, um Verantwortung von mir zu weisen. Unternehmerische Entscheidungen haben Konsequenzen. Wirtschaftliches Scheitern gehört zur Realität einer Marktwirtschaft. Aber zwischen Unternehmerrisiko und staatlich ermöglichtem Marktverlust besteht ein Unterschied. Und zwischen persönlicher Verantwortung und öffentlicher Entwürdigung erst recht.

Mich beschäftigt heute weniger mein persönlicher Absturz als die gesellschaftliche Haltung dahinter. Was sagt es über ein Land aus, wenn jahrzehntelange Lebensleistung innerhalb weniger Wochen praktisch bedeutungslos werden kann? Wenn komplexe wirtschaftliche und gesundheitliche Zusammenhänge hinter moralischen Reflexen verschwinden? Wenn Menschen nur noch als Symbole öffentlicher Debatten wahrgenommen werden?

Der Sozialstaat spricht gern über Solidarität. Viele ehemalige Leistungsträger erleben ihn jedoch erst dann wirklich, wenn sie selbst fallen – und dann häufig nicht als Schutzraum, sondern als Ort des Misstrauens.

Vielleicht liegt genau darin die eigentliche gesellschaftliche Frage meines Falls. Der Skandal ist nicht, dass ein Bürgergeldempfänger in Portugal war. Der eigentliche Skandal ist die erstaunliche gesellschaftliche Gleichgültigkeit gegenüber der Frage, wer ihn dazu gemacht hat.

Nicht, ob Menschen scheitern. Menschen scheitern seit jeher. Sondern wie eine Gesellschaft mit denen umgeht, die nach Jahren der Leistung selbst Hilfe brauchen – und ob sie noch bereit ist, sich die Geschichte hinter der Schlagzeile anzuhören, bevor sie sich empört.

Ich bin kein abgestürzter Fall. Ich bin ein angezählter Boxprofi nach einem Tiefschlag. Der Kampf war unfair. Die Ringrichter haben die Beleuchtung ausgeschaltet, während der Mob versucht hat, mich zu erledigen. Und Zuschauer haben nichts davon gesehen. Klar war nur: Wer am Boden liegt, ist eben ein Verlierer. Warum? Egal!

Aber angezählt ist nicht k.o. Ich stehe wieder auf. Und ich fordere Revanche: nicht gegen Menschen, sondern gegen die Märchen und die Systeme, die so etwas in Deutschland ermöglichen. Meine Waffen sind gute Argumente und lückenlose Belege. Denn nach dem Spiel ist vor dem Spiel.

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Ingbert Jüdt | Fr., 29. Mai 2026 - 17:45

An diesem Beispiel wird im Kleinen sichtbar, was inzwischen auch in jedem größeren Politikfeld der Fall ist: politisches Handeln hat schlicht das Interesse an der Realität verloren – weil der von den Eliten wahrgenommene politische Legitimitätsverlust einen Teufelskreis auslöst.

Der Bürger zählt nur noch als Manipulationsmasse, die man durch Nudging, moralische Erpressung und Panikmache unter Kontrolle zu halten versucht. Echte Kommunikation und das Bedürfnis, Probleme tatsächlich zu verstehen, existiert nicht mehr: all das wird durch Umfragen ersetzt, und wenn die einen Legitimationsverlust anzeigen, versucht man nur noch, dieselben Tasten in anderer Kombination und Reihenfolge zu drücken. Die repräsentative Demokratie ist zum Manipulationspiano degeneriert.

Der zur Klaviertaste degradierte Bürger wandert mental aus zu den »Populisten«, was die nächste Runde des Herumhackens auf der Klaviatur auslöst, und die Melodie wird immer dissonanter.

Wer zieht diesem System den Stecker?

Thomas Veit | Fr., 29. Mai 2026 - 23:52

gewürfelt. Da ist zum einen der unternehmerische Niedergang, welcher sicher tragische Züge für den betroffenen Unternehmer in sich trägt... - ob hier ein rechtsrelevantes Verschulden des Herrn Lauterbach oder der Krankenkasse vorliegt ist ohne Darstellung der Gegenseite hier! sicher nicht wirklich zu klären. Dafür sind ggf. Gerichte zuständig.

Das andere ist der Bürgergeldbezug - hier gelten feste Regeln und die sind einzuhalten, auch mit Burnout oder anderen Krankheiten. Das gilt für alle Bezieher gleichermaßen..., und das ist auch richtig so. Zuständig sind hier ggf. die Sozialgerichte (kostenfrei).

Was die Boulevard- und andere Sensationspresse in Deutschland angeht ist das wieder eine andere Ebene..., in welcher einem tatsächlich auch übel mitgespielt werden kann, das ist richtig. Hat aber nichts mit Lauterbach, der AOK oder dem Jobcenter zu tun.

Deutschland ist im übrigen kein unternehmerfreundliches Land im Falle einer Insolvenz..., das ist richtig.

Die AOK selbst beschreibt in ihrem Positionspapier „AOK-Positionen zur Weiterentwicklung der Pflege“, Stand 20.06.2024, den Rollenwechsel ausdrücklich mit der Formel „Vom Payer zum Player“. Dort wird gefordert, die Handlungsspielräume der Kranken- und Pflegekassen mit den Kommunen für regionale Versorgungsstrategien und integrierte Versorgungsangebote zu erweitern. Außerdem spricht die AOK von erweiterten Vertragsformen, regionalen Gestaltungsspielräumen, gemeinsamer infrastruktureller Sicherstellungsplanung und sogar davon, den Kontrahierungszwang der Pflegekassen zum Abschluss von Verträgen mit Leistungserbringern aufzuheben.

Das ist keine Nebensache. Wenn Krankenkassen nicht mehr nur Vergütungen zahlen, sondern Versorgungsstrukturen planen, Vertragsspielräume steuern, regionale Angebotslandschaften mitgestalten und private Leistungserbringer faktisch vom Markt ausschließen können, dann geht es nicht mehr nur um Abrechnung. Dann geht es um Macht über Marktzugang.

Zugespitzt: Wenn a

Stadtwerke..., nachdem bereits vor Jahren die Preise bei Eon hier deutlich angestiegen sind, und bin sehr zufrieden damit..., es wurden bisher alle steuerlichen Senkungen zeitnah weitergegeben... ...

Ein ist hier nach wie vor für Privatkunden deutlich teurer.

Argument bzw. die Frage der SYSTEMRELEVANZ, heißt systemisch lebensnotwendig...

Ob die Pflege als solche einzustufen ist bin ich mir nicht sicher..., aber wenn JA gehört sie mMn auch in staatliche Hand, was mE sowieso besser wäre...

Dabei kann ich auf reichlich negative Erfahrungen und Erlebnisse mit privaten Pflegediensten bei der Pflege meiner Eltern verweisen... (2,5 J), u.a. einer unangekündigten Komplettkündigung mit 14-Tagesfrist mitten in der Urlaubszeit wegen angeblichen Personalmangels..., wobei der eigentliche Grund wohl eher Meinungsverschiedenheiten über die Qualität und den Umfang der erbrachten Leistungen der wahre Grund waren. Aber die 24 tägige Kündigung wurde den privatwirtschaftlichen Pflegediensten ausdrücklich gesetzlich eingeräumt, weil es eben Unternehmen sind und keine staatlichen Einrichtungen. MIR WÄRE INDUESEM FALL EINE STAATLICHE PFLEGE 3x LIEBER GEWESEN!!

Was machen Sie bei plötzlicher Kündigung des Pflegedienstes im August - staatlich undenkbar... 🤔

Toma | Sa., 30. Mai 2026 - 02:38

Zugespitzt: Wenn aus dem Payer der Player wird, dann wird aus Sozialversicherung Marktordnung.

Und wenn private Versorgungsstrukturen dadurch faktisch verstaatlicht oder in öffentlich gesteuerte Daseinsvorsorgestrukturen überführt werden, stellt sich eine verfassungsrechtliche Folgefrage: Soll der bisherige private Träger dann entschädigungslos verschwinden?

Das Bundesverfassungsgericht hat in der Nassauskiesungsentscheidung gerade die Grenze zwischen zulässiger Inhalts- und Schrankenbestimmung des Eigentums und entschädigungspflichtiger Enteignung geschärft. Man kann nicht einfach durch Verwaltungs- und Vertragsmacht die wirtschaftliche Grundlage eines Unternehmens entziehen, den Unternehmer in Insolvenz und Bürgergeld treiben und anschließend erklären, das sei nur normale Strukturpolitik.

Wenn der Staat oder staatsnahe Akteure Versorgung verstaatlichen wollen, dann sollen sie das offen sagen. Dann muss aber auch über Entschädigung gesprochen werden.

Toma | Sa., 30. Mai 2026 - 03:06

Vom „Payer zum Player“ kann nicht bedeuten:

Der private Unternehmer trägt das Sonderopfer, während die öffentliche Hand anschließend die Struktur übernimmt.
Den Leidtungsträger im Zweifelsfall wirtschaftlich ruinieren, um ihn dann beim Jobcenter im Regen stehen zu lassen.

Hinzu kommt:

Es gibt in Deutschland eine Arbeitsagentur, ein Jobcenter, eine gesetzliche Rentenversicherung - aber 93 gesetzliche Krankenkassen. Finden Sie selbst den Fehler. Das sind nichts anderes als 92 überflüssige Verwaltungsstrukturen die sich wahlweise mal rot und mal gelb - meist aber grün - anstreichen. Zugleich wird der Bevölkerung ein Wettbewerb vorgaukelt, den es in Wahrheit nicht gibt. Bei genauer Betrachtung entpuppt sich dieser angebliche Wettbewerb als ein staatliche gefördertes Nachfragekartell zu Lasten der meist kleinen und mittelständischen Leistungserbringer.

Das ist nichts anderes als die Vollendung des Sozialismus mit privater Haftung:

DDR 2.0.

Lieber Herr Veit, reisen Sie nach Großbritannien, dem Mutterland staatlicher Gesundheitsfürsorge. Das wollen Sie bestimmt nicht. Von dem Niveau , das hier üblich ist , wenn auch zu einem hohen Beitrag, träumt ein Durchschnittsbrite. Die Chance auf der Warteliste für eine simple Herzdiagnostik zu sterben ist gut. Besser als die eine neues Kniegelenk zu bekommen…

Thomas Veit | Sa., 30. Mai 2026 - 08:39

Antwort auf von Angelika Sehnert

sein..., kann natürlich. Kommt drauf an unter welcher Prämisse es wer macht..., und bezahlt werden muss es sowieso..., und auch Private Anbieter arbeiten nicht zuerst für 'Ihre" Gesundheit, sondern für ihren Profit. Das ist systemimmanent, in diesem Fall - Reisen hin oder her...

Angelika Sehnert | Sa., 30. Mai 2026 - 07:58

Zunächst Danke an die Redaktion, die diesen Artikel ermöglichte.
An diesem Fall wird exemplarisch deutlich, wie kaputt, anders kann man es nicht mehr bezeichnen, diesen Land ist- und zwar bis in seine Fundamente. Besonders kaputt sind die Sozialsysteme,allen voran das Gesundheitssystem. Das Reförmchen, das Warken jetzt vorgestellt hat, soll nur noch mehr Geld in das längstdysfunktionale System pumpen. Strukturreformen sind das nicht. Das Gesundheitswesen hat sich zu einem Monster aus widersprüchlicher Gesetzgebung, wuchernder Bürokratie und vor allem handfesten wirtschaftlichen und eigennützigen Lobbyinteressen entwickelt. Eine explosive Mischung zwischen sozialistischer, kleinstteiliger Überregulierung und Raubtierkapitalismus. Jeder weitere Eingriff hat unvorhergesehene,meist negative Folgen, weil die Politik das System nicht mehr versteht und sich „Experten“= Lobbyisten ausliefert. Verlierer sind die Beitragszahler, Patienten und manche kleine Akteure wie der Autor. Ihm alles Gute

"Besonders kaputt sind die Sozialsysteme,allen voran das Gesundheitssystem." -- aber doch immernoch deutlich besser als in Großbritannien... - oder?

Ich glaube hier übertreiben Sie doch sehr pauschal und etwas populistisch mMn. Sicher hat unser Gesundheitssystem viele auch große Probleme, Lobbyismus ist sicher auch eines davon, Ineffizienz ein weiteres etc..

Mein Schwiegersohn ist Arzt in einem Klinikum in Wiesbaden..., SEINE Aussage: "Deutschland ist ein medizinisches Schlaraffenland, insbesondere für pflichtversicherte Ältere..." - so unterschiedlich können die Ansichten sein... ... /🤔😉

Tochter direkten Kontakt zu einer vor ca. 15 Jahren in die USA umgsiedelten Familie (ehem. enge Schulfreundin) - ohne selbst dorthin reisen zu müssen...☝ - der Mann ist selbst Arzt im Strafvollzug dort... ..., und trotzdem!! lassen sie kleiner ambulante OP's hier in Deutschland machen, wenn sie auf 'Heimatbesuch' sind, weil es in den USA nicht von der freiwilligen KV abgedeckt ist bzw. sie sich eine VOLLVERSICHERUNG wie hier in Deutschland die gesetzliche dort nicht leisten können... ...!?? 🤔🤔🤔

DAS muss man/Frau sich erstenmal setzen lassen..., im guten 'Old-Europe'...

Aber WIR setzen ja auch noch über 80-jährigen komplett neue Hüften ein - als Standard-OP wohlgemerkt, OHNE Einzelfallprüfung... ... 🤔 - Weil 'wir's eben haben'... /🤣 - Sarkasmus

ich verstehe Ihre Auslassung nicht, wo Sie sich über neue Hüfte bei über
80 - jährigen beklagen, die angeblich ohne Einzelfallprüfungen stattfinden nicht.

Glauben Sie nicht, dass die über 80jährigen, die eine neue Hüfte oder Knie, oder beides bekommen sollen, damit ihre Mobilität wiedererlangt wird und sie nicht zum vorzeitigen Pflegefall werden, was übrigens auf die Dauer gesehen, für die Allgemeinheit wesesentlich kostspieliger wäre, und darüber hinaus, bitte bei dieser RECHNUNG auch die humane Komponente zu berücksichtigen!
Weil, die Schmerzen in der Hüfte oder im Knie, die können so grausam sein, dass der Mensch jeden Schritt fürchtet, lieber sitzen bleibt, und um so älter um so schneller "einrostet" und zum Pflegefall wird!

Thomas Veit | So., 31. Mai 2026 - 12:01

Antwort auf von Dagmar Lubig

tendenziös negativ aus: natürlich ist das ja wohl NICHT so wortwörtlich absolut gemeint, dass grundsätzlich keiner ab 80 mehr eine Hüft OP bekommen sollte, wenn er/sie dadurch schmerzfrei und beweglich werden kann. Tatsache bzw. medizinischer Alltag ist - und ich kann mich da auf Informationen 'von der Quelle' berufen... - dass Hüft OP's regelmäßig! auch in Fällen stattfinden, in denen sie de facto keinen Sinn mehr machen..., u.a. in Fällen bereits vorhandener Pflege mit Bettlägerigkeit! in welchen eine moderne Schmerzbehandlung z.B. absolut ausreichen würde und eine Hüft-OP im Gegenteil eine enorme Belastung und ein Risiko für den Patienten darstellt - aber 'der Oma' wurde das halt so 'verkauft'. Eine Hüft-OP bringt der Klinik ca. 25 T€..., eine Schmerzbehandlung durch den Hausarzt 0 € - und DIESES PRINZIP! finden Sie bei vielen von der KV anerkannten Behandlungen - kann ich an mir selbst auch nachweisen (2x Knie)

Und das genau bemängeln auch viele Experten übrigens - sind Sie naiv?

manche Experten kritisieren, die meisten befürworten, und ich bin keineswegs naiv, wenn ich mich nicht den Kritikern anschließe, zumal wenn in der HUMANMEDIZIN die Kosten bei Behandlung von älteren Patienten die Hauptrolle spielen sollen.
Übrigens, ich selbst gehöre zu dieser Genaration, und in meinen Bekantenkreis gab es etliche neue Hüften und Knie, für alle eine Rettung vor vorzeitiger Imobilität!

Thomas Veit | So., 31. Mai 2026 - 15:35

Antwort auf von Dagmar Lubig

Das möchte ich Ihnen ja auch gar nicht in Abrede stellen.

Was sagt die KI?: "Im europaweiten Vergleich ist Deutschland trauriger Spitzenreiter bei künstlichen Hüftgelenken. Hierzulande werden jährlich fast 230.000 Eingriffe vorgenommen – rund 315 Operationen je 100.000 Einwohner. Dicht gefolgt wird diese Statistik von der Schweiz. In Ländern wie Italien oder Großbritannien liegen die Zahlen oft deutlich niedriger." - und...

"Ursachen: Die hohe deutsche Operationshäufigkeit wird in der Fachwelt oftmals kritisch diskutiert. Experten vermuten neben der demografischen Entwicklung und dem hohen medizinischen Versorgungsstandard teilweise auch ökonomische Anreize." -- So-so... ... 🤔

Knie: "Operationshäufigkeit: Deutschland und Österreich verzeichnen im internationalen OECD-Vergleich extrem hohe Operationsraten für künstliche Kniegelenke. In Ländern wie Großbritannien, Dänemark und Schweden werden Knieprothesen pro Einwohner sogar noch häufiger eingesetzt."

Zwei wo wir mal führen...!! 😉

aber wir sprechen doch lediglich über die Generation 80-plus, und Sie machen einen allgemeinen "Sack" auf,
und darüber hinaus wollen Sie uns Großbritanien mit seiner fragwürdiger Gesunheitsversorgung, wo gilt, um so älter der Mensch um so geiziger das System als Vorbild präsentieren?
Zu solch einem Vorbild sage ich, nein Danke!!!

Jens Böhme | Sa., 30. Mai 2026 - 09:28

Der Entzug der Kassenzulassung wird nicht einfach so oder über Nacht durchgeführt. Dass außerklinische Intensivpflege ein knochenharter Job ist, lässt keineswegs potentielle Arbeitnehmer Schlange stehen, um hier arbeiten zu wollen. Meine Lebensgefährtin ist für Intensivpflege-Kinder in deren Zuhause unterwegs, jeden Tag zwischen sechs bis acht Stunden. Die Vorstellung, man säße bei diesen Intensivpflegekindern nur am Bett, ist eine romantische Phantasie. Vollzeitintensivpflege ist neben der medizinischen Versorgung auch die soziale Bespaßung (z.B. Windelwechseln bei elfjährigen, autistisch, ADHSlerischen, fremdbeatmeten Kind), hier von geistig zurückgebliebenen Kindern und ein Riesenaufwand an Schreib- bzw. Dokumentationsaufgaben. Dass nach Entzug der Kassenzulassung das Unternehmen mit Kassenpatienten passé ist, leuchtet mir ein. Was mich schmunzeln lässt, ist der Hinweis, dass man von Portugal aus selbständig neue Arbeit in Deutschland sucht.

Toma | Sa., 30. Mai 2026 - 11:27

Die Verstaatlichung der Pflege hätte allerdings den Charme, das wir alle Pflegekräfte verbeamten könnten. Damit würden die PK auch das Rentensystem entlasten, da sie als Pensionäre vom Steuerzahler und nicht mehr aus Mitteln der gesetzlichen Rentenversicherung finanziert werden müssten. Was dem Lehrer lieb ist - sollte den Pflegekräften nur Recht sein.Außerdem könnten wir alle Mitarbeiter der Pflegeversicherung und des Medizinischen Dienstes 24/7 in der Pflege einsetzen. Alternativ könnte man aber auch die Pflege gänzlich abschaffen, denn da spart man am meisten.

Thomas Veit | Sa., 30. Mai 2026 - 12:06

die Personalie des Autors dieses Artikels!

Ich finde die Veröffentlichung eines derart offensichtlich subjektiv und einseitig gehaltenen Artikels einschließlich der darin enthaltenen Anschuldigungen gegen Personen, Einrichtungen und öffentlichen Organisationen zu komplexen Sachverhalten OHNE Nennung des Autors mehr als fragwürdig, um nicht zu sagen journalistisch dilettantisch, ohne nicht auch den Autor offen zu benennen!! Wenn er sich nicht die Öffentlichkeit traut, der Herr Autor, dann sollte er wohl auch nichts derartiges veröffentlichen..., mMn.

Das Wort 'öffentlich' ist hier das entscheidende.

Rage: bekommen denn demnächst auch die AOK und das Jobcenter Dresden hier die Möglichkeit sich im Cicero zu den Vorgängen um den Unternehmer XY zu äußern..., und hier aktiv mitzukommentieren... ...!??

Wäre interessant zu wissen... 🤔