- Wenn Essen gute Pädagogik ersetzt
Frühstücksbuffet, Nachmittagssnack, Rohkostpause: In vielen Kitas dreht sich der Alltag immer stärker ums Essen. Doch was passiert, wenn Mahlzeiten zur Beschäftigungstherapie werden – und Bildung nur noch nebenbei stattfindet?
„Frau Stiehler, mach schnell, wir müssen rüber in den Kindergarten!“ – Es ist 9:30 Uhr, und Max treibt mich an, um möglichst schnell von der Vorschule in seine Gruppe zu kommen. Worauf er sich so freut? Spielt heute die Erzieherin Gitarre? Wird etwas Besonderes gebastelt? Nein. „Heute ist wieder Frühstücksbuffet!“
Immer häufiger ist ein kulinarisches Event das Highlight des Kindergartenalltags. Ich habe den Eindruck, dass ein immer größerer Teil des Tages mit Essen herumgebracht wird – während strukturiertes Bildungs- und Erziehungshandeln von Jahr zu Jahr stärker in den Hintergrund tritt. Das ist nicht nur im Hinblick auf eine zunehmend übergewichtige Gesellschaft problematisch. Es zeigt auch den Rückzug der Pädagogik auf den allerkleinsten gemeinsamen Nenner: Essen geht immer.
Ein typischer Ablauf im Kindergarten
Für Erzieher, denen der selbstgewählte „Situationsansatz“ und das dadurch entstehende lautstarke Chaos zu viel werden, ist das eine willkommene Erholung: Wer den Mund voll hat, ist – zumindest meistens – leiser. Ist das vielleicht die eigentliche Motivation dahinter, den Tagesablauf mancher Kitas zunehmend an Käptn Blaubärs Speiseplan auf der Gourmetica Insularis anzugleichen?
So sieht der typische Ablauf für immer mehr Kindergartenkinder aus:
7:30 Uhr: Zuhause gibt es ein Frühstück, oft in Form von Nutellabrot – denn das ist in vielen Kindergärten inzwischen verboten und daher umso attraktiver.
10:00 Uhr: Frühstücksbuffet im Kindergarten mit einer Mischung aus Kleinkuchen, Obst, Rohkost und Knabbergebäck. In manchen Einrichtungen ist immer auch eine Proteinquelle dabei, sodass sich eine vollständige Mahlzeit ergibt.
12:00 Uhr: Mittagessen, typischerweise Hauptgericht mit Protein und Kohlenhydraten, Gemüse nur in der Sauce oder als optionale Beilage, dazu ein Dessert.
14:30 Uhr: Nachmittagssnack, meist ein Kohlenhydrat mit Protein (z. B. Brezenstange mit Frischkäse) und Obst oder Rohkost.
17:00 Uhr: Süßer Snack auf dem Heimweg – zum Ausgleich für den Verzicht auf Süßes im Kindergarten.
18:30 Uhr: Abendessen – je nachdem, ob noch jemand Lust hat zu kochen, gibt es etwas Selbstgekochtes, ein Fertigessen oder eine Brotzeit.
Essen als Zeitvertreib schadet Körper und Geist
Durch die permanente Verfügbarkeit von Essen können sich Kinder angewöhnen, aus reiner Langeweile zu essen, obwohl sie gar keinen Hunger haben. Medizinisch betrachtet ist ein solches Verhalten hoch problematisch – international bekannt als „EAH“ („Eating in the Absence of Hunger“), einer der bestbelegten Faktoren für Adipositas.
Die Ernährungswissenschaftlerin France Bellisle beklagte diesen Wandel bereits 2004. Sie schreibt: „Zu anderen Zeiten als den gesellschaftlich akzeptierten Mahlzeiten zu essen, wurde noch vor wenigen Jahren … meist als ungehörig angesehen. Ein Neugeborenes wurde früh daran gewöhnt, sein Essverhalten an die gesellschaftlichen Sitten anzupassen. … Diese Situation hat sich … in den entwickelten Gesellschaften geändert, seit Nahrung ständig und in praktisch unbegrenzten Mengen verfügbar ist.“
Früher gehörte es sich einfach nicht, andauernd zu essen. Aber wer wagt es heute noch, einem Kind zu sagen: „Du, lass das, das gehört sich nicht!“? Das gilt als spießig, rechts oder konservativ; schlimmstenfalls gar als „strukturelle Gewalt“. Auch immer mehr Erwachsene nehmen für sich in Anspruch, überall und jederzeit essen zu dürfen. Der Verlust eines Ernährungsrhythmus ist so allgegenwärtig, dass eine einfache Rhythmisierung zum Stilmittel der Lebensführung geworden ist – nicht wahr, auch Sie haben schon ein 16:8-, 14:10- oder 20:4-Intervallfasten ausprobiert, oder? Verloren geht die Normalität aus Frühstück, Mittag- und Abendessen – dieses 12:12-Intervallfasten findet man nicht auf Instagram.
Das eigentliche Problem: Wer andauernd isst, tut das, weil er seine Emotionen nicht anderweitig regulieren kann, weil er zu wenig Selbstdisziplin hat oder weil ihm nichts Besseres einfällt. Was für eine Schande für eine Bildungseinrichtung, alle zwei Stunden eine Mahlzeit einzuführen, um damit Zeit totzuschlagen! In einem guten Kindergarten gäbe es so viele wunderbare Dinge mit den Kindern zu tun, dass gar keine Zeit wäre, sie durch Snacks zu unterbrechen.
Gleichzeitig höre ich von immer mehr Kitas: „Wir haben keine Zeit, um 90 Minuten Vorschule pro Woche unterzubringen“ – wie kann das sein, wenn Kinder dort 40 Stunden pro Woche betreut werden?
Dauerndes Snacken ist nicht so gesund
In Deutschland wird gerne behauptet, dauerndes Snacken sei kindgemäß und gesünder. Die Ernährungswissenschaft widerspricht dem schon lange. Während man einige Jahre lang glaubte, „Grazing“ könnte wegen geringerer Blutzuckerschwankungen gesund sein, steht der permanent erhöhte Insulinspiegel heute eher unter Verdacht, zu Diabetes beizutragen.
Zudem fand man heraus, dass die fragebogenbasierte Ernährungsforschung gescheitert war: Schlanke Esser hatten ihre Snacks gewissenhaft angegeben, adipöse Dauerfutterer aber nicht – so entstand ein verzerrtes Bild (Bellisle 2004).
Die Franzosen berücksichtigen diese Erkenntnis mit Erfolg. Frankreich ist das einzige Land Europas mit weniger als 10 % adipösen Einwohnern, während es in Deutschland mehr als doppelt so viele sind. In jedem französischen Supermarktprospekt steht: „Essen Sie nicht zwischen den Mahlzeiten!“ – ein Warnhinweis, der sogar in der Radiowerbung jedem Snackprodukt beigefügt werden muss.
Selbst die Gastronomie unterstützt diese Esskultur: Während bei uns „durchgehend warme Küche“ üblich ist, lohnt es sich in Frankreich nicht, ein Restaurant zu eröffnen, das zwischen 14:00 und 19:00 Uhr Essen anbietet – niemand käme, und ohne die schwer zu bekommende „Lizenz IV“ dürfte man außerhalb der Essenszeiten keinen Wein ausschenken.
Kulinarische Bildung statt Dauerfüttern
Durch das permanente Futtern haben Kinder bei den Hauptmahlzeiten keinen richtigen Hunger mehr – ein großes Hindernis für ihre kulinarische Bildung. Ökotrophologen haben herausgefunden, dass man ein neues Nahrungsmittel 15- bis 20-mal kosten muss, ehe man sich an den Geschmack gewöhnt.
In französischen Kindergärten wird deshalb großer Wert auf die Vorspeise gelegt: Sie enthält fast immer Käse und Gemüse – gewöhnungsbedürftig, aber gesund – und wird zu Beginn der Mahlzeit serviert, wenn der Hunger am größten ist. Ein hungriges Kind hat einen starken Antrieb, zu essen, was vor ihm liegt, auch wenn es zunächst skeptisch ist. In Deutschland hingegen wird Gemüse meist in der Sauce versteckt, und als Rohkost kennen Kinder kaum mehr als Gurken, Karotten, Paprika und Tomaten.
In Frankreich gibt es diesen Monat im Kindergarten unter anderem: Rettich mit Käsedressing, Spinat mit Blauschimmelkäse, Dreierlei vom Kohl mit Nüssen, breite Bohnen, Porree mit Ziegenkäse. Und immer gilt: „Du musst es nicht mögen, aber du musst es kosten.“ In Deutschland kenne ich nur einen Kindergarten, der so arbeitet – mit enormem Erfolg.
Zwei Erzieherinnen dort erklärten es kürzlich treffend den erstaunten Eltern: „Wir zeigen den Kindern, dass wir alles begeistert essen. Wir bestehen sanftmütig, aber konsequent darauf, dass alles gekostet wird. Wir loben keine Zutaten, weil sie gesund sind, sondern weil sie spannend sind. Essen ist ein Abenteuer, das wir jeden Tag gemeinsam erleben! Deshalb gibt es bei uns niemanden, der etwas ausspuckt oder sich weigert zu essen.“ In anderen Einrichtungen reagiert man auf Fragen zur kulinarischen Erziehung verschnupft: Niemand müsse kosten, basta – alles andere sei Gewalt.
Gesinnungskontrolle für die Brotzeitbox
Gleichzeitig ist Essen in vielen deutschen Kindergärten zum Mittel geworden, um Eltern auf Linie zu bringen. In zahlreichen Einrichtungen gilt ein weitgehendes Zuckerverbot für die mitgebrachte Brotzeit – das geht so weit, dass Kindern verboten wird, Mamas selbst gemachten Joghurt mit einem Löffel Himbeermarmelade obendrauf zu essen. Kinder lernen so nicht, Essen als Abenteuer zu sehen, sondern nur noch als „gesund“ oder „ungesund“.
Manche lernen dabei mehr über die Welt, als die Erwachsenen geplant hatten. Ein kleines Mädchen entdeckte dank ihres Kindergartens kürzlich das Prinzip „Quod licet Iovi, non licet bovi“: Sie konfrontierte eine der adipösen Erzieherinnen mit ihrer Entdeckung: „Ich weiß genau, dass ihr im Teamzimmer immer Pralinen und Kekse auf dem Tisch stehen habt, und wenn ihr Pause macht, geht ihr mit eurer Kaffeetasse da rein und esst Schokolade!“
Die laut Aushang geltende „Kommunikation auf Augenhöhe“ stieß in dem Fall an ihre Grenzen – das Mädchen erhielt eine herbe Abfuhr für seine angebliche Respektlosigkeit …
Gutes Essen kann ein Bildungsinhalt sein
Die Rückbesinnung auf drei Mahlzeiten täglich hätte enorme Vorteile:
- Kinder würden besser lernen, echten Hunger von Appetit zu unterscheiden und Sättigung wahrzunehmen – ein starker Schutz vor späterem Übergewicht.
- Genussvolle, kultivierte Mahlzeiten mit Tischgesprächen würden als soziales Ritual gestärkt.
- Ein dreigängiges Mittagessen bietet weit mehr Geschmacksvielfalt als eine Brezel mit Frischkäse und Nudeln mit Tomatensauce.
- Gedankenloses Essen als Zeitvertreib würde unterbunden – und Kindergärten müssten sich mehr sinnvolle Bildungsangebote einfallen lassen.
Essen könnte so wieder Teil einer gesamthaften Bildungsaufgabe werden: etwas, worüber man staunt und worauf man sich einlässt. Etwas, dem man Zeit und Liebe widmet. Wer gelernt hat, auch einen bitteren oder scharfen Geschmack zu tolerieren, um sich mit etwas Neuem auseinanderzusetzen, hat vielleicht sogar bessere Voraussetzungen, unliebsame Standpunkte anderer zu tolerieren. Wäre das nicht das Beste, was unseren Kindern passieren kann?
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„Selbst die Gastronomie unterstützt diese Esskultur: Während bei uns ‚durchgehend warme Küche‘ üblich ist...“
Da habe ich wohl etwas nicht mitbekommen. Bei uns im Badischen, wohl eher eine Genußgegend im sonst, was die Eßkultur angeht, nicht sehr arrivierten Deutschland, war das mal so. Aber seit Corona hat sich das dramatisch geändert. Viele Restaurants öffnen sonntags nicht mehr, mittags nicht mehr, an gewissen Tagen nicht mehr. Einfach mal losfahren, um ein Restaurant zu besuchen, das man von früher kennt, könnte schiefgehen, weil man vor verschlossenen Türen steht. Am besten rechtzeitig im Internet nachschauen und einen Tisch bestellen. Der Niedergang Deutschlands – ich weiß, ich jammere schon wieder! – zeigt sich auch in diesem Phänomen.
wie viele Kindergarten- & Schulkinder ohne Pausenbrot und Trinkbares zur Schule geschickt werden ……Da ist das Mittagessen in der Kita und im Hort meist die einzige vernünftige Nahrung die sie zu sich nehmen. Es sei denn es gibt auch Schweinefleisch …..
MfG a d Erf. Rep.
über die Kinder hat, hat Zugriff auf die Zukunft der Gesellschaft. Das haben die Links/Grünen Apparatschiks längst begriffen. Zur Essensdiktatur kommen außerunterrichtliche Projekte, Demos etc. Folgerichtig das die Standards abgesenkt werden und Mathematik rassistisch ist...
Zum Teilaspekt der Vorspeisen, ausgefallenen Gemüse und ungewöhnlichen Geschmackserlebnisse:
Im Gegensatz zu Rhythmus und Regeln ist das auch eine Kostenfrage. Es mag sein, dass das Verständnis für Essenskosten in Frankreich grundsätzlich höher ist als in Deutschland.
Und da wir bei täglichen Essenskosten schon von ansehnlichen Beträgen sprechen, ist eine Sensibilität von einem Teil der Eltern da durchaus verständlich und hätte eine Erwähnung im Artikel verdient.
In Frankreich hat man einen ganz anderen Umgang mit Kindern, auch steuerpolitisch durch das Familiensplitting. Es wird viel mehr Wert auf höflichen Umgang mit den Kindern, aber vor allem der Kinder untereinander gelegt. Tischmanieren werden früh geübt, jedenfalls bei den Familien, die ich kenne- auch schon in den Kindergärten. Es ist eben eine ganz andere Kultur.
Gepflegte Manieren, diszipliniertes Verhalten und Wertschätzung von gutem Essen wird man die deutschen Kindergärten und Schulen niemals vermitteln. Auch hier hat das klassische Bürgertum kapituliert.
Sehr richtig!
Nicht vergessen sollte man, dass Lebensmittel, insbesondere Gemüse und Obst, in Frankreich deutlich billiger und qualitativ deutlich besser , geschmacksintensiver
sind. Auch hier zeigt sich die andere Kultur.
Ob Sie beide nicht eine Idylle malen, die nur eine bestimmte Gesellschaftsschicht beschreibt? Ich glaube gern, daß Tischmanieren und Eßkultur in der bürgerlichen Mitte Frankreichs besser eingeübt werden als in der bürgerlichen Mitte Deutschlands. Das ist aber nicht das ganze Bild. Bei mir hier in Grenznähe zu Straßburg ist jedenfalls auf deutscher Seite ein Edeka, ein Kaufland, ein Rewe, ein Lidl nach dem andern. Für die paar Dörfer auf deutscher Seite entlang des Rheins wäre das völlig überdimensioniert. Man rechnet eben auch mit der Kundschaft aus dem Elsaß. Ob die nun ganz differenziert einkaufen: die Gummibärchen in Deutschland, den Kohl in Frankreich, habe ich meine Zweifel.
Doch, tatsächlich tun sie das. Die machen es umgekehrt zum SPD-Spitzenkandidaten aus BaWü, der für die Entenpastete nach Frankreich fährt.
Heißt, verpackte Ware, Konserven (und zusätzlich auch Drogerieartikel) etc. können sie dort kaufen, wo es günstiger ist (und Lebensmittel sind in Deutschland ausgesprochen günstig), wohingegen bei Spezialitäten Qualität und Geschmack entscheiden.
Zudem ist die französische Esskultur (Weltkulturerbe) wirklich tief in allen Schichten verankert, nicht nur in der Ober- oder oberen Mittelschicht.
Johann Lafer hatte das mal so beschrieben, dass die Parkplätze vor der Spitzengastronomie in Frankreich voll mit Autos aller Klassen sind, wohingegen in Deutschland auf den Parkplätzen nur wenige große Karossen stünden. Es ist eine Frage der Prioritätensetzung.
Nun, ich mache es auch so, daß ich manchmal ins Elsaß hinüberfahre. Dort bekomme ich die feinen elsässischen Pasteten. Ganz normal im Supermarkt. Daß ich der SPD etwas Gutes wünsche, wird niemand hier im Forum annehmen. Dennoch habe ich die Behandlung der „Entenpasteten-Affäre“ durch die Medien immer als äußerst unfair empfunden. Ich kann immer noch nichts dabei finden, wenn ein Politiker, der sich auf einer Wahlkampftour in Grenznähe zu Frankreich befindet, den Fahrer schnell mal rüberschickt, um Entenpastete beim Metzger des Vertrauens zu kaufen. Wenn ich Besuch von weiter weg bekomme, macht der auch oft einen Abstecher ins Elsaß, um sich Wein oder andere Dinge, die man nur dort bekommt, zu besorgen. (Wenn es für „Cicero“-Kommentare ein Bewertungssystem gäbe, würde ich mir jetzt dafür viele Minuspunkte einheimsen. Das ist mir aber egal. Ich kann bei einem Politiker nicht schlecht finden, was auch jeder andere tun würde.)
Nur zur Klarstellung: Das mit der Entenpastete war lediglich illustrativ und in keiner Weise wertend gemeint.
Die Franzosen kommen rüber um hier günstig einzukaufen, und die Deutschen fahren in die Gegenrichtung, um Feinkost und Spezialitäten zu bekommen, die es hier nun mal nicht so eben – wie Sie es richtig beschreiben – im Supermarkt gibt.
Die großen französischen Handelsketten (Carrefour, Auchan, Leclerc) kommen iÜ auch deshalb nicht nach Deutschland, weil der Lebensmittelmarkt hier als besonders hart gilt.
Außerdem hatte ich mit der "Entenpastete-Affäre“ auch kein Problem oder Ressentiments. Aber die Entenpastete hat halt Wahlkampfgeschichte geschrieben, wie damals auch die Weißweinflasche „nicht unter 5 EUR“ gegen Steinbrück medial ausgeschlachtet wurde.
