Rüdiger Safranski
Rüdiger Safranski / Foto: picture alliance/dpa

„Das Interview“ mit Rüdiger Safranski - „Liebe zum eigenen Land spüre ich bei unseren Politikern selten“

Rüdiger Safranski gilt als einer der prägenden Intellektuellen des Landes. Im Interview spricht der Philosoph über die Hasenfüßigkeit des Bundeskanzlers und das Fehlen einer selbstbewussten konservativ-bürgerlichen Elite. Außerdem erklärt er, was die CDU von Giorgia Meloni lernen kann.

Clemens Traub

Autoreninfo

Clemens Traub ist Cicero-Redakteur. Zuletzt erschien von ihm das Buch „Future For Fridays?“ im Quadriga-Verlag (Bastei Lübbe).

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Das Interview“ ist die neue Bühne für Gespräche, die über das Tagesgeschehen hinaus Bestand haben. Nachdenklich, klug und intim widmet sich das Format den großen Fragen unserer Zeit – vom gesellschaftlichen Zeitgeist bis zu den ganz persönlichen Lebenswegen der Gesprächspartner. Zu Gast sind bekannte Persönlichkeiten aus Kultur, Politik und Medienwelt, die Einblicke gewähren, die oft verborgen bleiben. Jeden Donnerstag erscheint „Das Interview“ auf Cicero Online.

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Wolfgang Borchardt | Do., 30. April 2026 - 13:18

an ihrem Oppurtunismus gescheiterten FDP der Demokratie wesentlichen Schaden zugefügt. Das Fehlen einer liberalen Opposition hat es den Altparteien leicht gemacht, einen Alleinvertretungsanspruch auf "ihre" Demokratie zu eröffnen, die sie für die Demokratie Aller ausgeben. Das begründet Machtansprüche, die eigene Feigheit und die Ausgrenzung Andersdenkender. Ja, Herr Safranski meint zu Recht, dass von Liebe, reden wir nur erstmal von Verantwortung für das eigene Land bis zur Verächtlichmachung ("mit D könnte ich noch nie etwas anfangen") wenig zu spüren ist. Von einem Tag auf den anderen die "Verteidigung des Vaterlandes" einzufordern, erscheint in diesem Zusammenhang auch beachtlich.

In der Tat fehlt eine liberale, marktwirtschaftlich gefestigte, im Sinne Safranskis konservative Partei. Die FDP ist genau an diesem Anspruch gescheitert, weniger an ihrem Opportunismus. Sie war einfach keine liberale Partei mehr, sondern ein linksgrüner Ableger des Zeitgeistes.

Markus Michaelis | Do., 30. April 2026 - 13:38

Das finde ich einen guten und wichtigen Punkt. Damit verbunden ist für mich auch konservativ das offenere, vielfältigere und tolerantere Menschen- und Weltbild. Klar gibt es auch die dogmatische Seite "wir machen das hier so, wie schon immer, für alle, und Punkt". Aber heute dominierend ist die Dogmatik bei den Progressiven: "wir machen das jetzt so, wie es für alle Menschen und Gruppen dieser Welt richtig zu sein hat - genau so, für alle und für immer".

Der Konservative heute weiß, dass es viele Gruppen und Sichtweisen gibt, dass Menschen auf nichts wirklich festgelegt sind, dass die Zukunft offen ist; was sehr gute Gründe sind, die Dinge behutsam vom Bestehenden aus weiter zu entwickeln. Mit Entscheidungen verbunden, mit Alternativen, offen eben, nicht durch eine global-universelle Menschheitsdogmatik vorgegeben.

Markus Michaelis | Do., 30. April 2026 - 13:51

Ja, das würde ich auch so sehen. Die CDU ist in dem Sinn auch eine progressive Partei, dass sie an ein universelles Menschenbild glaubt, an DEN richtigen Menschen, DEN richtigen Menschheitsweg, DAS GG und DAS Völkerrecht als Basis jeder Gesellschaft und so weiter und so fort. Das stellt da niemand wirklich tiefer in Frage, man streitet sich über Details, wie genau der richtige Mensch auszusehen hat.

Den Mensch als in sich widersprüchlich und offen begreifen, Gesellschaft als gemeinsame Entscheidungen sehen, nicht als Weg zur vorgegebenen Wahrheit, das macht/mag da eher keiner.

Die AfD ist mehr trotzig an irgendwas hängend (vielleicht alten Dingen, sicher auch nicht einheitlich), ein konstruktiv-konservatives Weltbild gibt es da eher auch nicht, das Veränderungen immer mit einschließt, gerade weil es klar ist, dass es die eine dogmatische Menschheitswahrheit nicht gibt.

Markus Michaelis | Do., 30. April 2026 - 14:26

Ist das nicht vielleicht die "Infantilisierung", die Safranski angesprochen hat ("Hat hier jemand Jehova gesagt?"). Wir klammen uns an unsere Denk- und Sprechgewohnheiten, aber können wir auch mal ernsthaft über unsere Gegensätze und anstehenden Entscheidungen nachdenken?

Bei manchen ist/war als theoretische Denkfigur sehr zulässig über die Andersartigkeit der Ossis nachzudenken, und ob die Wiedervereinigung gut war. Viele denken laut darüber nach, ob man Orban nicht besser aus der EU schmeißt, und mit dem Einwand, dass er von 2/3 gewählt war, dann eben "die Ungarn" aus der EU zu schmeißen (der heiligen EU). Wir umgarnen Lula, weil er nicht Bolsonaro ist, aber Lula findet den Westen (auch eine Demokrats-Obama-USA) ziemlich mies und herzt Putin bei jeder Gelegenheit.

Ist unser Nachdenken wirklich ernsthaft, oder klammern wir uns an irgendwelche religiösen Sprechvorgaben(Kaiser, Vaterland, Bibel, Menschenrechte, GG, was auch immer).

Klaus Elbert | Do., 30. April 2026 - 15:05

Aus diesem interessanten Interview ist u.a. folgender Satz von Herrn Safranski bei mir hängen geblieben: "Der lange Frieden hat Tendenzen der Infantilisierung, der Unernsthaftigkeit und der mangelnden geistigen Schärfe begünstigt. Unter diesen gesellschaftlich-geistigen Bedingungen der Verwöhnung gedieh auch das grüne Projekt." Wobei meines Erachtens Wohlstandsverwahrlosung des bessere Ausdruck für Verwöhnung wäre.
Ich frage mich seit langem, was sind die Ursachen für die aus dem linkgrünen Milieu stammenden Bewegungen, wie Wokeismus, Cancel Culture, Geschlechtervielfalt, Genderismus und sonstige Skurrilitäten.
Eine treffendere Begründung wie die von Herrn Safranski habe ich noch nicht gefunden.

Markus Michaelis | Do., 30. April 2026 - 18:04

Sorry, wenn ich wieder alles zuspamme, aber Safranski sagt viele Dinge, über die es sich lohnt nachzudenken und zu diskutieren.

Das mit der Liebe zum Land würde ich anders betonen. Was den Politikern (und der Mitte) heute fehlt, ist ein Denken in "Wir und Die". Man steckt noch in einem alten Denken, dass "Wir" noch die Weltführung hätten, nur jetzt der ganzen Welt in unser universelles Boot helfen wollen. Irgendwas in der Richtung.

Der Gedanke, ob alle Menschen unser "Wir" teilen wollen, ob es so ein Wir überhaupt gegen kann, weil der Mensch eben nicht normativ vorgegeben ist, kommt wenig vor.

Das Volk hat man dekonstruiert, "Wir sind das Volk" entlarvt, dafür proklamiert man jetzt gleich für die ganze Menschheit zu sprechen.

Eine Gesellschaft, die sich zusammen für Wege entscheidet (bzw. oft kontingent rein- und durchschlittert) und Entwicklungen zusammen durchlebt, sich von anderen unterscheidet, diese Dimension scheint nicht vorzukommen, oder man sieht nur die Abgründe darin.

Walter Buehler | Fr., 1. Mai 2026 - 09:20

... und auch mir ist der Begriff Infantilisierung aufgefallen: "Der lange Frieden hat Tendenzen der Infantilisierung, der Unernsthaftigkeit und der mangelnden geistigen Schärfe begünstigt."

Diese Phänomene haben sich - mit äußerst fatalen Folgen für unsere Gesellschaft - in der Bildungspolitik, in den Hochschulen und im Journalismus durchgesetzt, und zwar ausgehend von jenem Marxismus, der auch einmal vom jungen Safranski vertreten worden ist.
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Es ist im Wortsinne "infantil", hinter jedem Möchtegern-Revolutionsführer her zu rennen, der behauptet, für irgend eine gute Sache zu kämpfen.

Die Geschichte lehrt: Diese "Helden" und "Führer" verwandeln sich allzu oft in einen Robespierre, Napoleon, Mussolini, Hitler, Lenin, Trotzki, Mao, Noriega, Pol Pot, ...

Auch in den weniger häufigen und weniger dramatischen Fällen wie bei Greta Thunberg oder Trump besteht die Masse , die Fahnen und Schildchen schwenkt, aus Menschen, die allzu schnell bereit sind, ihren Verstand auszuschalten.

Um handeln zu können, müssen wir über Wissen verfügen. Daher muss man lernfähig bleiben und stets auf die Erweiterung und Erhaltung des eigenen Wissens bedacht sein.

Unser individuelles Wissen umfasst aber immer nur einen kleinen Teil des Gesamtwissens. Weil es grundsätzlich begrenzt ist, bleibt seine Anwendung immer mit Risiko verbunden. Daher brauchen wir für jede Entscheidung zu einer konkreten Handlung immer eine "Überzeugung", wie man jetzt handeln "muss".

Die Überzeugung, die uns zum Handeln befähigt, muss mehr als unser Wissen umfassen. Sie muss uns auch den Mut zum Handeln geben- trotz des Risikos. Wir müssen fest daran glauben, dass wir richtig handeln. Feste Überzeugungen, die über das Wissen hinausgehen, sind lebensnotwendig - aber sie können sich leider als falsch erweisen.

Bei aller Festigkeit der eigenen Überzeugung muss man also damit rechnen, dass eine fremde Überzeugung richtig sein könnte.

Fazit: Ich muss FESTE eigene ÜBERZEUGUNGEN mit TOLERANZ verbinden können.

S. Kaiser | Fr., 1. Mai 2026 - 15:04

“Unter diesen gesellschaftlich-geistigen Bedingungen der Verwöhnung gedieh auch das grüne Projekt."
Man begebe sich in Wahlkreise, in denen die Grünen besonders hohe Werte erzielen – es ist eine eigene Welt für sich.
Materieller Wohlstand, Homogenität und ein ordentliches, sauberes, hübsch begrüntes Umfeld.
Wenn man dazu noch als Staatsbediensteter sein sichereres Auskommen hat oder Mama und Papa einem das Studium bezahlen, man keine Ahnung von wirtschaftlichen Zusammenhängen hat, dann lebt es sich äußerst leicht in der Hafermilchbourgoisie (© B. Krischke)

Das große Problem dieser Tage ist, dass genau dieses Milieu, welches demographisch weder mehrheitlich noch mehrheitsfähig ist, das kulturell und politisch Tonangebende ist.
Und die, die es besser wissen, sind zu feige, den Mund aufzumachen. Und so geht alles seinen Gang ....

Angelika Sehnert | Fr., 1. Mai 2026 - 15:49

Safranski ist nicht nur ein kluger, hochgebildeter Autor, sondern auch ein weiser Mann. Ich bewundere die Gelassenheit, mit der er in diesem Interview die Gegenwart analysiert hat. Denn angesichts der wirklich dummen Entscheidungen, des kleinlichen Gezänks in Berlin angesichts der schwierigen Lage, müsste man eigentlich verzweifeln.
In der Aufzählung der Werke in der Einleitung fehlt ein ganz wichtiges: Romantik! Bei dessen Lektüre wurde mir klar, wie sehr die Umweltbewegung, die grüne Partei von dieser deutschen Affäre, wie Safranski sie nennt, geprägt sind. Technik- und Fortschrittsfeindlichkeit sind schon damals ein Grundzug deutschen Wesens. Das „Romantisieren“,so Goethe eher abfällig, wurde vor allem in Migrationskrise und deren Folgen wieder wirksam.
Die Grünen sind, bewusst oder unbewusst, die allermeisten von ihnen vermutlich letzteres, eine merkwürdige Melange aus Rousseau, Gramsci und Mao. Um so erstaunlicher,dass sich die Konservativen von ihnen derart einschüchtern ließen.