Bismarckturm
Wendeltreppe im Inneren des Bismarckturm im Jutta-Park Grimma, Sachsen / picture alliance / imageBROKER | Gabriele Hanke

Kulturkampf 2.0 - Wenn Memes die Moral verschieben

Was der eiserne Kanzler nicht schaffte, erledigen heute waghalsige Influencer: Sie verschieben etablierte Werte, ohne dass ein Gesetz erlassen werden muss. Willkommen im Kulturkampf 2.0.

Autoreninfo

Jan Uphoff studiert Politikwissenschaft in Bremen.

So erreichen Sie Jan Uphoff:

So hatte es sich der alte Bismarck ganz gewiss nicht ausgemalt, als er in seinem preußischen Eifer die katholische Kirche auf Linie bringen wollte. Mit Kanzelparagrafen und Maigesetzen glaubte er, den Geist der Religion unter staatliche Aufsicht stellen zu können und den seit „Vatikan I“ unfehlbaren Papst und seine Anhänger in die Schranken zu weisen. Der eiserne Kanzler musste allerdings schnell feststellen, dass man Glauben nicht einfach mit Verwaltungsvorschriften bekämpfen kann. Am Ende stand er gar ganz ohne Sieg da, während die Katholiken – auf die der Reichsgründer nun im Kampf gegen die aufsässigen Sozialdemokraten angewiesen war – geeinter denn je aus dem Streit hervorgingen.

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Walter Buehler | So., 26. Oktober 2025 - 15:56

... der aber bei mir auch ein gewisses Unbehagen erzeugt.

Hegels "dialektische" Methoden können nicht nur in bolschwistischen und nationalistischen, sondern auch in religiös fundierten Monarchien/Diktaturen funktionieren. Insofern haben sie schon viel zum Unheil in dieser Welt beigetragen.

Wenn ein Mensch glaubt, er persönlich sei dazu auserwählt, dem lieben Gott, dem Weltgeist, der "Eule der Minerva" oder der " listigen Geschichte" über die Schulter zu schauen, - wenn er also ernsthaft glaubt, er selbst kenne die Zukunft wirklich besser als andere - , dann kann er für die anderen Menschen schnell zur Bedrohung werden.

Hegelsche Dialektik sollte also höchst sparsam und nur in homöopathischen Dosen unter Aufsicht unsrer Erfahrung und unserer Vernunft angewendet werden sollten - egal unter welcher Fahne.

Nix für ungut.

Die in Anglizismen verpackte Begrifflichkeit der modernen Soziologie ist mE ziemlich gefährlich, da auf eine klare Definition verzichtet wird - wie in der Alchemie.

Sabine Lehmann | So., 26. Oktober 2025 - 16:32

Ihre Waffen sind im Grunde ein Witz. Denn selbst bei oberflächigster Betrachtung halten ihre Inszenierungen & Behauptungen keiner noch so kleinen Überprüfung stand. Zumindest nicht nach rationalen realistischen Maßstäben, nach wissenschaftlichen erst Recht nicht. Da diese Klientel aber rein ideologisch "argumentiert", ihre Fangemeinde diesbezüglich auf einem Level ist, passen Absender & Empfänger dieser agitierenden Influencer, Politiker u. anderweitig tätiger Nichtsnutze perfekt zusammen. Symbiosen, die man nicht trennen sollte.
Dass es abseits globaler u. nationaler Kulturkämpfe auch Ausnahmen gibt, zeigen immer wieder kleine Lichtblicke in Krisenregionen, wo Menschen unterschiedlichster ethnischer u. kultureller Herkunft über sich selbst hinauswachsen u. zeigen, was Menschsein bedeuten kann, bedeuten sollte. Mein Favorit:
https://www.welt.de/politik/ausland/article68fd329ac008edcf0c8539cf/hel…

Heidemarie Heim | Mo., 27. Oktober 2025 - 11:09

Antwort auf von Sabine Lehmann

Danke liebe Frau Lehmann und der Redaktion, die Ihren Link zugelassen haben! Ein berührendes Beispiel dafür, was es heißt und bedarf an menschlichem Gewissen, um solch eine heldenhafte Tat zu vollbringen.
Umso unmenschlicher und lebensverachtender erscheinen nicht nur die bestialischen Taten der Terroristen, sondern auch derjenigen, die auch hierzulande aus welchen Gründen auch immer, zunehmend Lebensrettungskräfte oder Sicherheitskräfte, deren Dienst beinhaltet das eigene Leben und Gesundheit einzusetzen, behindern oder angreifen!
MfG

IngoFrank | So., 26. Oktober 2025 - 18:18

Der Kampf darum ? Nee, sehe ich ganz anders ….
Kunst = Kultur ist mannigfaltig und immer abhängig von der Perspektive des Betrachters oder anders gesagt, wie das Individuum Mensch, aus den verschiedensten Blickwinkeln die ihm dargebotene Kunst und Kultur betrachtet, welche positiven oder negativen Schlüsse für sich selbst und gegenüber anderen (z.B. der Obrigkeit) zieht. Somit ist der Kampf um die Deutungshoheit schon immer auch ein Kampf um die Macht. Daran hat sich seit den ersten bekannten Höhlenmalereien nichts geändert ….. lediglich die Mittel sind mannigfaltiger geworden. Das Ziel war immer das Gleiche: Macht und deren Zementierung.

Allerdings ist Macht auch endlich sowie eben in Europa die linken Ideen mit dem anwachsenden Wohlstand nach den Jahren des 2. WK zunahmen zu denen sich dann noch GrünLinke Ideen gesellten. deren Leitmotiv eben die alten bislang gescheiterten Ideen vom Sozialismus waren und sind. Dieser alt bekannte Irrweg ist gerade wieder am scheitern
MfG a d E.R

Schwankend zwischen einer Antwort auf Ihren Kommentar lieber Herr IngoFrank und dem unseres mir ebenso lieben Herr Konrad;) oder gar eines eigens verfassten an Herr Uphoff adressierten, muss ich zugeben, dass ich zur Fraktion "Wissen ist Macht, Nichtwissen macht nix!" gehöre, was die Interpretation oder irgendwelche Theorien von mir nicht gelesenen Hegels oder anderen prominenten Kulturschaffenden betrifft. So gesehen habe ich diesbezüglich wohl kein Recht mich an dem mir bis heute unklaren Kampf der Kulturen oder der mir oft als Betrachterin unverständlich gebliebenen Kunst zu beteiligen. Und wie in meinem Titel angedeutet bekomme ich mittlerweile Gehirnkrämpfe;) bei dergestalt theoretischen Auseinandersetzungen und Befunden, die mich einerseits überfordern, andererseits aber ahnen lassen, dass es in der Praxis zu nichts als Verwirrung meinerseits und letztendlich zu schweigender Untätigkeit führen soll. Ist es das, was diese linksideologischen Debatten bezwecken sollen? MfG

Martina Moritz | Mo., 27. Oktober 2025 - 07:59

Ein toller Beitrag! Vorallem bin ich erfreut, dass er aus der "Feder" eines jungen Menschen stammt. Durchdacht und hinterfragt wird die Entwicklung einer zuweilen zersetzenden Kraft, welche von MeinungsBildung ausgeht, in (den Wurzeln) ihrer Dynamik und
einhergehenden Entwicklung beschrieben.

beschrieben.

Ernst-Günther Konrad | Mo., 27. Oktober 2025 - 10:15

Ich sage Ihnen was Herr Uphoff. Netter Artikel, durchaus lesenswert und interessant und dennoch mache ich es mir recht einfach. Egal welche Theorie man zur Anwendung bringt, egal ob Information wie im Mittelalter via Herold oder heute via Internet - soz. Medien-. Menschen, die ein Rückgrat haben, Menschen die täglich versuchen wahrhaftig zu leben, ehrlich und anständig, offen, aber dennoch mit der nötigen Skepsis gepaart, das Menschsein suchen, finden und weiterentwickeln, braucht diese Theorien nicht. Ja, man sollte sie vielleicht kennen, um sich vor Einflüssen besser schützen zu können. Aber egal wie man das Blatt wendet. Noch immer haben alle diese Theorien in extremer Weise ausgelebt zum Untergang geführt. Wer sich selbstbewusst durchs Leben bewegt und seiner jeweiligen Kultur verbunden bleibt, ist dort gut aufgehoben, so er nicht versucht, anderen seine Sicht der Dinge aufzwingen zu wollen. Mögen sich die Linken heute noch so bemühen. Ich kenne meine kulturellen Werte.

Jens Böhme | Mo., 27. Oktober 2025 - 10:16

Hegel hatte mit seinem "Weltgeist" irgendwas evolutionär Vebindendes erklärt, was in eine homogene Masse verschmilzt (Staat). Die moderne Entwicklung Europas wird sich der bisherigen Entwicklung Europas der letzten Jahrtausende anpassen. Der nach 1945 geprägte Wunsch "nie wieder" ist evolutionär zum Scheitern verurteilt. Leben und Natur sind keine stillstehenden Entwicklungen (siehe z.B. Klima, Wetter, Industrie, Handel). Und die Menschheit hat sich wider humanistischen Glaubensbeschwörungen keineswegs weiter entwickelt. Die Streitkultur, die Problem- und Konfliktbewältigung selbst in der kleinsten Zelle einer Gemeinschaft, der Familie oder Gleichwertigem ist genauso, wie vor hundert oder zweitausend Jahren. Auch jetzige Generationen verfallen dem Mythos, man sei besser als vergangene Generationen und man müsse die zukünftigen, dummen Generationen ein Paradies übergeben, damit diese überleben. Gespannt bin ich also nicht, sondern passe mich an, wenns nötig ist.