Waldemar Hartmann sitzt im Sessel in einer Talkshow
Waldemar Hartmann: „Mir gehen diese deutschen Moralapostel und Weltverbesserer auf den Geist“ / dpa

Waldemar Hartmann über die Fußball-WM in Katar - „Die größten Heuchler sind ARD und ZDF“

Eine Woche vor WM-Beginn die schlimmen Zustände in Katar beklagen? Typisch deutsche Bigotterie, sagt Sportreporter-Legende Waldemar Hartmann. Im Interview erklärt er, warum man Fußballer nicht zu Botschaftern für Menschenrechte erklären sollte, warum Thomas Müller keine gute WM haben wird – und warum er glaubt, dass die Friseure der deutschen Nationalspieler aus Nordkorea kommen.

Ulrich Thiele

Autoreninfo

Ulrich Thiele ist Redaktionsmitglied bei Cicero und lebt in Hamburg. Auf Twitter ist er als @ul_thi zu finden. Threema-ID: 82PEBDW9

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Waldemar Hartmann, 1948 in Nürnberg geboren, ist Sportjournalist mit Legendenstatus. Jahrzehntelang war er hautnah dabei, wenn Fußballern der Kragen platzte: Unvergessen bleibt sein Zusammentreffen mit dem damaligen Fußball-Nationaltrainer Rudi Völler, der den Sportmoderator vor laufenden Kameras des übermäßigen Weißbiergenusses beschuldigte. Hartmann engagiert sich auch politisch: Er ist aktives Mitglied der Mittelstands- und Wirtschaftsunion und warb im Wahlkampf 2021 für die CDU.

Herr Hartmann, ich nehme an, Sie gehören nicht zu den WM-Boykotteuren, richtig?

Nein, ich gehöre nicht zu den Boykotteuren, weil ich das für eine scheinheilige Diskussion halte.

Inwiefern?

Ich könnte Ihnen einen Gastbeitrag für den Bayernkurier vom Dezember 2010 vorlesen, den ich damals geschrieben habe – kurz nach der Vergabe an Katar. Ich habe gegen diese Entscheidung gewettert, die in den Hinterzimmern der Fifa gemeinsam mit der Entscheidung über die Vergabe nach Russland gefällt wurde. Katar ist so groß wie Hessen, da waren damals Kamelreiten und die Falknerei populär. Fußball wurde vor 50 Zuschauern gespielt, es gab kein echtes Fußball-Stadion. Die Entscheidung war ein Unding und hat alles, was den Fußball ausmacht, mit Füßen getreten.  

Warum halten Sie die Debatte dann für scheinheilig?

Es war wie so oft: Zuerst gab es nach der Vergabe einen großen Aufschrei, aber kurze Zeit später war das gegessen, weil es ja so weit weg war. Damals hätte der Widerstand anfangen und sich steigern müssen, anstatt einzuschlafen und dann eine Woche vor Beginn wieder hochzukochen. Und die größten Heuchler sind derzeit ARD und ZDF.

Die Öffentlich-Rechtlichen sollen vor sieben Jahren 214 Millionen Euro für die Übertragungsrechte gezahlt haben. Momentan überbieten sie sich mit kritischen Beiträgen über Katar.

Das ist wohl so Usus. Ich erinnere mich gut, als ich noch aktiv war und es 2008 nach Peking ging. Ich habe damals bei den Olympischen Spielen mit Harald Schmidt die ARD-Late-Night-Show „Waldi und Harry“ moderiert. Monatelang ist vor allem in den Öffentlich-Rechtlichen ein China-Bashing betrieben worden. Meine Frau meinte schon zu mir: „Willst du da wirklich hinfliegen? Das ist doch so gefährlich, wenn du ein falsches Wort sagst, landest du im Gefängnis!“ Es wurde den Zuschauern und mir die Stimmung vermittelt: Wir fahren in die Hölle.

Und wie war’s?

Das Ergebnis war letztendlich, Herr Thiele: Ich war noch nie so schnell akkreditiert bei Olympischen Spielen, und ich war bei elf davon dabei. Über Peking habe ich nur von Smog und den schlimmsten Dingen dieser Welt gelesen und gesehen – und ich fahre in eine Stadt mit achtspurigen Stadtautobahnen und allen Geschäften von Adidas bis Bulgari. Wir wohnten im 5-Sterne Kempinski und erlebten eine Weltstadt, nicht anders wie in New York oder London. Harald wollte bei einem Dreh mit einem Kamerateam auf der Chinesischen Mauer bewusst provozieren. Das Team wurde auch beobachtet, aber nix geschah.

Aber ist doch klar, dass Sie nur die schönen Seiten zu sehen bekommen.

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Karl-Heinz Weiß | Sa., 19. November 2022 - 18:09

Erfrischendes Interview, wie ein gut eingeschenktes Weißbier. Und wer sind die größten Heuchler? Die Airliner und Doha-Dauertrainierer aus München.

Gerhard Lenz | Sa., 19. November 2022 - 18:54

"Lasst uns doch mit Euren nervigen Kommentaren über Menschenrechte in Ruhe. Oder wollt Ihr uns den Fussball auch noch vermiesen, wo Ihr uns schon den Spaß am Autofahren genommen habt!"

Klar doch, der weitgehend unpolitische Durchschnittsbürger will die WM genießen, so wie immer. Fussballerisch ist die ja ein Höhepunkt, findet nur alle vier Jahre statt, und jedes mal fiebert man mit der deutschen Mannschaft. Und es ist ja auch beileibe nicht das erste Mal, dass da gespielt wird, wo man es mit Menschenrechten nicht so ernst nimmt.

Alles richtig, und trotzdem: Sport bewegt sich nicht im luftleeren Raum. Das man mit den Zuständen im Land auch lautstark hadern kann, nein sollte, versteht sich von selbst.

Waldemar Hartmann hat allerdings Recht, wenn er beklagt, dass erst jetzt, also rechtzeitig zum Beginn des Turniers, so massiv Kritik geübt wird - die selbstverständlich berechtigt ist. Man hätte das früher machen müssen und eine Verlegung fordern können. Aber nicht wegen der Kamele...

Sabine Lehmann | Sa., 19. November 2022 - 21:25

Also "Frisurtechnisch" kann ich Herrn Hartmann nur zustimmen. Diese Kim-Jong-Un-Frisuren bei Männern sind mir schon seit zig Jahren ein Dorn im Auge. Dieser Pott-Schnitt entstellt wirklich jedes Männergesicht, egal wie adrett der Träger auch normalerweise aussehen würde. Schlimmer waren früher nur noch die "Frisen" der Nazis, sorry.
Ich frage mich dann immer, es gibt doch Spiegel, und zu Hause ist dann noch jemand, der sich das jeden Morgen am Frühstückstisch anschauen muss. Da müsste doch jemand mal sagen, sorry, aber Deine Frise geht echt gar nicht, oder? Oder kann man die dann umgedreht als Wischmop benutzen?
Mir fällt da gerade noch dieser Sketch mit Iris Berben und Dieter Krebs ein, die auch beim Frühstück sitzen. Dazu muss man wissen, dass Iris Berben optisch "etwas" aus dem Rahmen fällt;-)
Sie: "Schau mal, der Morgen graut."
Er: "Dem! Dem Morgen graut!"
Schönes Wochenende. Mögen die Spiele beginnen....

hermann klein | Sa., 19. November 2022 - 22:21

„Katar, Ukraine, Katar, Ukraine“- das sind die Themen derzeit der Leitmedien im besten Deutschland aller Zeiten.
Als begeisterter Fußball Liebhaber schaue ich natürlich viele Übertragungen aus Katar an.
Genauso schaue ich gerne Tennisübertragungen im TV an und muss zu geben, dass ich beim Spiel neulich in Turin, Rublev gegen Tsitispas den „Russen“ die Damen gehalten habe.
Frage an den deutschen „Ethikrat“ und die politische grüne Korrektheit/Kirche: muss ich als Katholik die beiden hypothetischen Vergehen als Sünde beichten, damit ich nicht in die rechte Ecke gestellt werde und in die Hölle lande?

Sorry,
Natürlich muss es heißen: "Daumen" gehalten habe.
Genau so begeistert mich, das Tennisspiel von Medvedev, von unserem Tennisstar "Alexander Zverev" ganz zu schweigen.

Achim Koester | So., 20. November 2022 - 10:34

Diese verlogene, heuchlerische Gutmenschelei bei allen Sportveranstaltungen geht mir genauso auf den Keks. Da wird mit erfundenen Zahlen (6.500 Tote) ein Horror-Zerrbild von Katar erzeugt, ohne dass eine objektive Nachprüfung stattfindet, und Herr Neuer will nach eigener Aussage mit der umstrittenen Armbinde auflaufen. Wie verträgt sich das eigentlich mit seinem Arbeitgeber, dem FCB, dessen Sponsor Katar ist?

Urban Will | So., 20. November 2022 - 10:37

oder eben wie unser Waldi, Sport – Reporter, zu Wort kommen dürfen.
Neben den fußballerischen waren vor allem die politischen Statements von ihm ebenso treffend wie mutig.
Man redet sich halt leichter von der Seele, wenn man nichts mehr zu verlieren hat. Die Aussagen über den ÖR und Habeck hätten ihm, wenn noch aktiv, mit Sicherheit den Kopf gekostet.
Aber hat recht. Verlogenheit und Scheinheiligkeit wo man nur hinschaut. Und die zeitliche Nähe zum Event in Anbetracht jahrelangen Schweigens macht die Sache schlicht nur noch lächerlich.
Aber vor fünf Jahren hat sich halt niemand für eine Reportage über die Zustände im WM - Land interessiert, auch wenn man zugeben muss, dass auch zur Zeit der Vergabe schon Kritik aufkam. Aber eben nicht so quotenfördernd wie jetzt.
Was überhaupt nicht ins Bild passt, ist Waldis CDU-Mitliedschaft.
Wogegen er wettert, ist eins zu eins auch Politik seiner Schwarzen.
Hier wirkt er unglaubwürdig. Seiner Einschätzung zur „Mannschaft“ stimme ich zu.

Monique Brodka | So., 20. November 2022 - 10:50

Fußball hat mich noch nie interessiert aber jedem Tierchen sein Pläsierchen! Tolles Interview.

Ernst-Günther Konrad | So., 20. November 2022 - 11:11

Hab mich sehr über das Interview gefreut. Konnte Waldi schon immer gut leiden und seine Interviews hatten noch Substanz, waren nicht selten launig, vielleicht auch bierlaunig, aber nie unter der Gürtellinie, aber doch durchaus hart in der Sache. Dass er politisch in der UNION zu Hause ist muss man inzwischen erwähnen, denn seine durchaus richtigen und konservativen Ansichten, sind dort ja inzwischen handverlesen zu suchen. Ich bin mit ihm und seiner Bewertung völlig einverstanden und seine Kritik gerade zu den ÖRR mit diesem Satz bringt es auf den Nenner: "Typisches Funktionärsverhalten: Sowohl als auch mit einem entschiedenen Vielleicht." Genau das zeigen auch insgesamt viele politische Aussagen. @ Sabine Lehmann-Klasse Kommentar habe echt lachen müssen. In diesen Zeiten sicher nicht immer angebracht, aber Sie bestätigen mich in meiner Lebensweise, dass vieles dennoch mit Humor zu ertragen ist. Und der Sketch einfach nur klasse. Wünsche allen noch einen schönen Sonntag. WM? Ich nicht.

Freue mich über Ihren Kommentar lieber Herr Konrad. Nun weiß ich endlich, daß ich zu den Handverlesenen gehöre. Ja, Humor ist, wenn man trotzdem lacht.
Eine gute Nacht!

Armin Latell | So., 20. November 2022 - 18:08

jedenfalls keines, bei dem eine Mann(?)schaft aus Buntland spielt. Wie es bei den anderen Teilnehmern dieser WM ist, weiß ich nicht, aber unsere Regierungs- Ideologie- und Politbotschafter lehne ich zutiefst ab, die sollten nur und ausschließlich gut Fußball spielen und schlechte Politik schlechten Politikern überlassen, also den deutschen. Ich gönne ihnen den gleichen Erfolg wie bei der letzten EM. Von all dem abgesehen: wir haben wahrhaftig andere Probleme.

Kurt Kuhn | Mo., 21. November 2022 - 12:09

Endlich wird einmal Klartext gesprochen!
ARD und ZDF diskutieren mehr über Armbinden als über den Sport. Wie schön waren die Zeiten als ich noch an den Sport glauben konnte!
Heute geht es nur noch um Geld, Ideologie und Propaganda.
Den Jungs von "Die Mannschaft" wünsche ich mehr Erfolg als in 2018. Sie sollen aber wissen, dass ich mir ihre Spiele nicht ansehen werde.

Vielen Dank für das gute Interview!