Wegen Putins Teilmobilmachung verlassen Tausende Männer das Land, um nicht in der Ukraine kämpfen zu müssen / picture alliance

Ukraine-Krieg - Das Scheitern der russischen Propaganda

Statt angesichts der Ergebnisse der Pseudo-Referenden in den von Russland besetzten ukrainischen Gebieten in Jubel einzustimmen, betrauern Tausende russische Familien ihre getöteten Angehörigen. Und viele Männer fliehen aus Russland, um Putins Teilmobilmachung zu entgehen. Der russische Präsident hat sein Land in eine Lage geführt, aus der er es nicht mehr herausbewegen kann.

Thomas Jäger, Universität zu Köln

Autoreninfo

Thomas Jäger ist Professor für Internationale Politik und Außenpolitik an der Universität zu Köln. Er ist Mitglied des Wissenschaftlichen Direktoriums des Instituts für Europäische Politik.

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Nicht einmal diesen Fehler konnte der russische Präsident umgehen – und deshalb verband er die Annexion fremden Gebiets mit den eindrücklichen Bildern von der Flucht der eigenen Bevölkerung und den Einwohnern aus den besetzten, zur Annexion vorgesehenen Gebieten. Propaganda lebt zwar von Kontrasten, aber weniger von solchen, die die Lüge ins grelle Licht stellen. Doch die militärischen Misserfolge werden für Russland aktuell von propagandistischen Missgriffen begleitet. Und inzwischen hat der russische Präsident das Image, einen strategischen Fehler an den anderen zu reihen, daraus aber nur die Schlussfolgerungen weiterer Rücksichtslosigkeiten und Eskalationen zu ziehen.

Die Annexion von vier ukrainischen Verwaltungsbezirken soll also nach einer ridikülen Abstimmungsfarce nun zu einem Zeitpunkt verkündet werden, da hunderttausende russische Männer Familie, Heimat und Arbeit verlassen, um aus dem eigenen Land zu fliehen. Mindestens dreihunderttausend neue Rekruten sollten die ausgezehrten Streitkräfte, die in der Ost- und Südukraine in ihren Verteidigungslinien unter hartem Druck stehen, verstärken. So groß wird die Zahl derer bald sein, die aus Russland präventiv durchgebrannt sind. Denn um nichts anderes dreht sich ihre Flucht: den eigenen Streitkräften zu entkommen. 

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Tomas Poth | Do., 29. September 2022 - 16:55

Die Gretchenfrage für mich ist, wie befreit sich die EU und ganz Europa vom US-Imperialismus!
Und wie schützt man sich gleichermaßen vor imperialistischen Ansprüchen anderer Großmächte?
Da die EU und die anderen europäischen Staaten selbst nicht zu einem eigenen Imperialismus fähig sind, bleibt ihnen nur die Wahl einer multipolaren Weltordnung Vorschub zu leisten.
Unser Interesse muß darin bestehen, China und Russland zu einem neutralisierenden Level der US-Macht zu verhelfen.
Erst wenn die USA in solch einem Kräftedreieck neutralisiert sind, wird es friedlicher auf dem Planeten! Und die europäischen Staaten werden freier eine eigenständige Rolle zu spielen.

Kai Hügle | Do., 29. September 2022 - 18:46

Antwort auf von Tomas Poth

Ihr Beitrag ist inhaltlich abstrus und eigentlich ohne jeden Bezug zum vorliegenden Artikel. Dennoch wird Herr Jäger in gewisser Weise widerlegt, und zwar überaus eindrucksvoll: Denn die russische Propaganda ist zumindest in diesem Forum alles andere als gescheitert. Sie wird nach wie vor ohne Einschränkung übernommen.
Das ist deshalb besonders komisch, weil doch die Ciceronen - vor allem jene mit einer DDR-Biographie - für sich in Anspruch nehmen, man könne Ihnen kein X für ein Ü vormachen, man sei besonders wachsam gegenüber jeder Form von Staatspropaganda usw. Erst hieß es, Putin würde nicht angreifen, dann wurde ein Blitzsieg vorhergesagt, dann die Vernichtung der westlichen Waffen und nun, da russische Männer in Scharen das Land verlassen und die Invasionsarmee Auflösungserscheinungen zeigt, da will man der Realität noch immer nicht ins Auge sehen. Stattdessen Durchhalteparolen dahingehend, dass es in Deutschland so richtig krachen wird im Winter.
Faszinierend, immer wieder...

Gerhard Lenz | Do., 29. September 2022 - 19:02

Antwort auf von Tomas Poth

warum man sich angesichts russischer Aggression, v Massenmord, der Vertreibung zahlloser Menschen, von Vergewaltigung, Folter und Verschleppungen durch russische Soldaten
ausgerechnet vor der EU und den USA fürchten sollten.

Aber keine Fragen habe ich mehr, wenn ich lese, wir Deutschen sollten ausgerechnet Russland und China helfen, die USA zu neutralisieren...

WER steht noch mal in welchem Land? WER hat seine Soldaten losgeschickt? WER mordet, plündert, raubt, vergewaltigt usw.

Die EU? Die USA?

Was für wirres Zeug.

Helmut Bachmann | Do., 29. September 2022 - 19:36

Antwort auf von Tomas Poth

Gleichgewicht ist prinzipiell eine gute Idee. Wie aber kommen sie auf solchen Unsinn, dass wir Russland oder China zu irgendwas verhelfen müssen? Mögen die USA ei schwieriger Freund sein, such ein eigensinniger, aber diese kommunistische Propaganda vom bösen Ami, der nicht besser ist als China oder Russland: echt ätzend.

Martin Falter | Fr., 30. September 2022 - 11:03

Antwort auf von Tomas Poth

soweit ich weiß haben wir ( gerade Deutschland) die Hinwendung zu Russland und China mit jeweils einer großen Abhängigkeit bezahlt.

Russland mit Energie und China mit Technologie.

Von dem Angriffskrieg und den Lagern in China fühle ich mich nicht so angezogen wie sie.

Ihre Grätefrage ist also höflich ausgedrückt unterirdisch.

Christa Wallau | Do., 29. September 2022 - 17:12

wirkt offensichtlich nicht mehr wie vorher.
So weit, so gut.
Was aber folgt jetzt?
Wie wird Putin, der sich als Personifikation des angeschlagenen "russischen Bären" sieht, reagieren?
Das ist die entscheidende Frage.
Der Einatz von kleinen Atombomben rückt m. E. immer näher; denn Putin dürfte sich erst geschlagen geben, wenn die eigenen Gefolgsleute ihn zum Einknicken durch Rücktritt zwingen oder ihn eliminieren.
immer weiter rückt das Ende dieses schmutzigen Krieges in die Ferne, in welchem Zig-Tausende ihr Leben verlieren und enormer Sachschaden angerichtet wird, nicht nur in der Ukraine, sondern in ganz Europa, während die USA davon nicht betroffen sind.

Ob nach Jahren die meisten Deutschen immer noch sagen werden: "Diese Opfer waren unbedingt notwendig" ?
Ich habe da erhebliche Zweifel.

Maximilian Müller | Do., 29. September 2022 - 20:56

..ist mein erster Gedanke immer, dass der Westen ein Opfer seiner eigenen Propaganda ist.

Da wird von massiven ukrainischen Geländegewinnen und russischer Defensive gesprochem, aber schaut man auf die Kriegskarte, bewegt sich da überhaupt nichts. Diese Offensive existiert nicht. Im Gegenteil, 99% der Angriffe kommen von Russland.

Dann protestieren und fliehen angeblich Russen. "Die Zahl der Grenzübertritte hat sich verdoppelt." Die Frage ist nur - in welche Richtung? Vielleicht kommen die Russen auch einfach heim, denn wer ausreist, reist halt auch wieder ein. In jedem Fall gibt es dazu außer Archivbildern und Einzelinterviews nicht viel zu finden.

Und dann gibt es noch solche Nachrichten wie die, dass Russland ein AKW beschießt, dass es selbst besetzt hat.
"Hähhh?" will man rufen. Genau das fällt mir auch zur Sprengung der von Russland kontrollierten Pipeline durch Russland ein. Logik -> Keine. Dafür kontraintuitiv.

Mein Vertrauen in Westnachrichten ist inzwischen bei Null.

Wolfgang Z. Keller | Do., 29. September 2022 - 22:10

Ungeachtet des Zutreffens der ein oder andern Beobachtung oder Einschätzung von Herrn Jäger: mich stört sein - auch von andernorts gepflegter - propagandamässig lockerer Umgang mit Zahlen: aus womöglich zehntausenden Gefallenen werden genau so schnell mal hunderttausende wie auch bei jetzt Flüchtenden, und wie er gar derzeit schon auf Millionen trauernder russischer Familien kommt, ist mir dann doch etwas suspekt.

Thomas Hechinger | Do., 29. September 2022 - 22:13

Kleine Korrektur zu „der Krieg war ein Verbrechen“: Der Krieg ist ein Verbrechen.

Christoph Kuhlmann | Fr., 30. September 2022 - 08:16

Die Entscheidung zwischen Eskalation und Verhandlungen fällt in Russland. Einem Land, in dem politische Debatten stark eingeschränkt sind. Ultranationalisten und Scharfmacher haben Redefreiheit, währen vernünftige Politiker ihre Freiheit riskieren, wenn sie sich äußern. Die Einberufungen und die Wirtschaftskrise führen zu steigender Unzufriedenheit. Das Regime gerät zunehmend unter Druck. Doch niemand weiß, wann in dieser Black Box eine kritische Grenze erreicht ist und welche Folgen das haben wird. Nuklearschläge oder Regimewechsel, zwischen diesen beiden Polen ist alles möglich. So kann die Schlacht um Lyman erheblichen Einfluss auf die russische Regierung nehmen, wenn die Truppen des Aggressors dort eingekesselt werden und Russland weitere Geländeverluste in Kauf nehmen muss. Was die Reservisten dann wert sind, wird man dann sehen. Wenn sie Gebiete, die im Frühjahr und Sommer bereits unter russischer Kontrolle standen, erneut erobern müssen. Die Moral dürfte weiter sinken.

Frieda Frey | Fr., 30. September 2022 - 10:07

"Das Problem besteht darin, dass der russische Präsident das Land in eine Lage geführt hat, aus der er es nicht mehr herausbewegen kann. Der Krieg war ein Verbrechen und ein politischer Fehler."
Ja, das stimmt. Aber wir alle tragen nun die Konsequenzen und es kann noch schlimmer kommen - wie kommen wir da wieder raus? Ist es genug auf die Niederlage Putins zu hoffen? Was passiert mit dem großen Territorium Russlands und auch den Waffenarsenalen, sollte Putin, warum auch immer, verschwinden? Inwieweit wäre ein Zerfall Russlands, z.B. durch Bürgerkrieg, eine oder keine Bedrohung für unsere Sicherheit?

"Deshalb würde der Weg, der nicht nach Westen führt, darin enden, Befehle aus Peking entgegenzunehmen."
Man lese Vladimir Sorokin "Der Tag des Opritschniks" aus dem Jahr 2006 (!)...

Walter Bühler | Fr., 30. September 2022 - 11:12

..., haben sie mit ihren Maximen und Glaubenartikeln nicht die Politiker*innen und Journalist*innen herangezogen, die uns so miserabel durch die Gegenwart führen?

Nicht das übliche großmäulige und ideologische Expertengequatsche aus den öffentlich finanzierten "Think-Tanks" und wohldotierten Talk-Shows braucht unser Land, sondern ehrliche, intelligente, bescheidene und realitätsbezogene Analysen. Das wären echte Politikwissenschaftler.