Recep Tayyip Erdogan und Wladimir Putin am Freitag vor ihren Gesprächen beim Gipfel der Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit / picture alliance

Geplanter Beitritt der Türkei zur SCO - Überall dabei

Der türkische Staatspräsident Erdogan hat angekündigt, sein Land wolle der Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit beitreten. Das ist höchst problematisch, weil dieser Verbund, dem auch Russland und China angehören, die westliche Ordnung stürzen will. Die Türkei wiederum ist gleichzeitig Nato-Mitglied. Doch Erdogan weiß genau, dass die westlichen Bündnispartner ihn dennoch nicht fallen lassen werden.

Thomas Jäger, Universität zu Köln

Autoreninfo

Thomas Jäger ist Professor für Internationale Politik und Außenpolitik an der Universität zu Köln. Er ist Mitglied des Wissenschaftlichen Direktoriums des Instituts für Europäische Politik.

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Gibt es einen Staat, der die Türkei als absolut zuverlässigen Verbündeten ansieht? Vielleicht ist die Latte etwas hochgelegt, denn auch in EU und Nato wäre zu fragen, wer Deutschland als absolut zuverlässigen Verbündeten ansieht. Aber im Falle Deutschlands liegt es an den militärischen Fähigkeiten und der politischen Kultur. Bei der Türkei geht es darum, dass Präsident Erdogan eine Politik betreibt, die Bündnisse, seien sie permanent oder ad hoc gebildet, als Arenen für national-türkische Politik betrachtet.

Erdogan pokert mit ihnen, nutzt sein Recht auf Mitsprache und Mitentscheidung hochgradig aus, um direkte Vorteile zu erzielen. Und strebt danach, eine Beziehung gegen die andere auszuspielen, es sich mit niemandem zu verderben und hier und da einen Vorteil zu erlangen. Das brachte die Türkei in der Vergangenheit in manche knifflige Lage, etwa als sie das russische Flugabwehrsystem S400 kaufte, deshalb von den USA aus dem Programm des Kampfflugzeugs F35 ausgeschlossen wurde (was sie dringend haben wollte), um schließlich den gewünschten Beitritt von Finnland und Schweden zu nutzen, um die Vereinigten Staaten zur Lieferung von anderen Kampfflugzeugen zu drängen, die sie zuvor Griechenland zugesagt haben, mit dem die Türkei in einem Territorialstreit liegt, obwohl beide dem gleichen Bündnis, der Nato, angehören … Das ließe sich so weiter und weiter berichten.

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Ingo Frank | Mi, 21. September 2022 - 08:48

wie Deutschland.
Selbst in der Türkei braucht’s Energie und Russland ist nah dran. (Wie auch an Germany)Und was haben die Türken von der EU zu erwarten? Wenig bis nichts. Türkei zuerst, ganz legitim.
Oder wie war das mit dem Eid der deutschen Ministerriege mit dem Abwenden von Schaden?
Mit freundlichen Gruß aus der Erfurter Republik

Gabriele Bondzio | Mi, 21. September 2022 - 09:05

Ist zwar eng mit dem neuen Zeitgeist verbunden.
Afghanistan-Enquete-Kommission (DE) mit ihren Vorsitzenden Müller (SPD) hat ja festgestellt:
Das die Krisen eher zunehmen und die Situation in vielen Ländern wegen Kriegen und Hunger schwieriger werden.

Keinesfalls verlässlich zur Gegenseite gehören, werter Herr Jäger, ist doch nur der strategischen Lage der Türkei geschuldet.

Die Inflationsrate in der Türkei liegt mittlerweile bei knapp 80%.
Keine gute Voraussetzung für Erdogan an der Macht zu bleiben...und das will er unbedingt.
Da nimmt er was er kriegen kann.

Wie ich las, hat er bei der Generalversammlung Vereinte Nationen dem Sender PBS erzählt:
"In seinen letzten Gesprächen mit Kremlchef Wladimir Putin habe er den "Eindruck" gewonnen, dass dieser den Krieg so schnell wir möglich beenden will" (kurier.at)

Die Frage bleibt ob es hier nicht erneut darum geht, Aufmerksamkeit auf seine Person zu ziehen.Dies beherrscht er ja virituos.
Am am 25. Juni 2023 ist Wahltag in der Türkei.

Werner Peters | Mi, 21. September 2022 - 09:13

Immerhin hat er aber gestern den kompletten Rückzug der Russen aus allen besetzten Gebieten der Ukraine, auch der Krim, gefordert. Hat mich dann doch überrascht. Vielleicht weiß er mehr als wir über die Lage der Russen und speziell von Putin.

Wolfgang Jäger | Mi, 21. September 2022 - 09:41

Im Prinzip ist er ein Verbündeter Putins. Aufnahmestopp für alle Türken!
Grenzen dicht!
Wie lange will man sich das noch ansehen?
Es bildet sich eine Einheitsfront aller Diktatoren.
Putins Kalkül. Ziel: Die Zerstörung und muslimische Unterwanderung des Westens. Politisch und wirtschaftlich. Wehrlos, hilflos schauen wir zu. Schweden und Finnland sind noch lange nicht Mitglieder der Nato. Das wird er auch zu verhindern wissen. Außer, man ändert das Aufnahmeverfahren.
Auch hier zeigt sich: Naiv, blind, gutgläubig überlässt man den Diktatoren das Feld. Europa, ein zahnloser Tiger.

Karl-Heinz Weiß | Mi, 21. September 2022 - 10:15

Die Vorgehensweise von Herrn Erdogan ist tatsächlich schwindelerregend. Vielleicht gibt es aber auch einen ganz einfachen Grund: nach einem Beitritt zur SCO könnte er seine turksprachigen Glaubensbrüder, die Uiguren, wirksam unterstützen. Bisher hält er sich dabei auffallend zurück.

Dorothee Sehrt-Irrek | Mi, 21. September 2022 - 10:34

Ich halte sehr viel von Durchlässigkeit/Brücken.
Seit wann steht und fällt der Westen mit der Weltvormachtstellung der USA?
Kein Wunder, dass Trudeau an der Monarchie festhalten will?
Ich halte gerne an Europa fest, zu der ich persönlich die Ukraine nicht zähle, wenn die, dann auch Russland...
Lieber wäre mir eine "Erweiterung" der EU als Zusammenarbeit mit Nachbarstaaten, ohne deren Vollstatus, wenn doch, dann mit Rückverlagerung wichtiger Kompetenzen in die Nationalstaaten, z.B. Migration etc.
Mir leuchtet Erdogans Politik als die türkischer Interessen durchaus ein.
Es gab früher enge Handelsbeziehungen zwischen Kleinasien und Asien, warum diese Beziehungen nicht verstetigen?
Was hätte das zutun mit Zerstörung?
Wenn die USA aufhören, sich "militärisch" in andere Staaten einzumischen, dann sind sie China und Russland auch willkommen.
Nordamerika ist über den Nordpol/Nordatlantik mit Europa/Asien verbunden, sie passen also auch, wie Russland in einen europäischen Transit into the world

Tomas Poth | Mi, 21. September 2022 - 11:11

... oder wollen diese Staaten nur ein Gegengewicht zum US-Imperialismus schaffen.
Übrigens mit der Formulierung "die westliche Ordnung stürzen", damit outet sich der Autor als Apologet des am "westlichen Wesen soll die Welt genesen" oder!

Armin Latell | Mi, 21. September 2022 - 15:51

von Erdogan halten, was man will, für mich ist er ein Despot, aber auf der anderen Seite hat er Interessen, will Vorteile für sich (vielleicht auch für sein Land?), die er rücksichtslos durchzusetzen versucht nach dem Motto: Länder haben keine Freunde, sondern Interessen. In diesem Sinn ist sein Agieren stringent, man kann sich auf jeden Fall darauf verlassen, dass er ausschließlich seinen eigenen Vorteil im Blick hat. Ob man es gut oder schlecht findet, er nutzt jede Gelegenheit, an Macht und Einfluss zu gewinnen, Werte aus einem Elfenbeinturm gibt es für ihn nicht. Wenn überhaupt, können nur die USA pro "Westen" Einfluss auf ihn nehmen. Die EU und ihre als Führung gewählten "Waschlappen und Selbstzerstörer" werden von ihm mit Sicherheit verachtet. Diesbezüglich hat er eben auch vollkommen Recht.

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