Präsident Erdogan (2.v.r.) begrüßt die ukrainische und die russische Delegation im März 2022 zu Verhandlungen in Istanbul / dpa

Die Türkei im Ukraine-Krieg - Strategische Autonomie

Die Türkei hält im Ukraine-Krieg eine Balance zwischen beiden Seiten. Aus diesem Grunde konnte Erdogan etwa das Getreideabkommen zwischen Russland und der Ukraine vermitteln. Aufgrund ihrer strategischen Bedeutung wird die Türkei sowohl von Russland als auch von der Ukraine und der Nato umworben - und kann es sich daher leisten, eine rein interessegeleitete Außenpolitik zu verfolgen.

Thomas Jäger, Universität zu Köln

Autoreninfo

Thomas Jäger ist Professor für Internationale Politik und Außenpolitik an der Universität zu Köln. Er ist Mitglied des Wissenschaftlichen Direktoriums des Instituts für Europäische Politik.

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Das gelingt momentan nur einem Staatschef! Zuerst die Regierungen von Finnland und Schweden, ihres Zeichens Musterdemokratien, in engere Regierungskonsultationen zu zwingen, um ihrem Beitritt zur Nato nicht länger im Weg zu stehen, und kurz darauf mit den Kollegen aus Russland und dem Iran, ihres Zeichens Musterautokratien, händchenhaltend in die Kamera zu blinzeln. Und dabei, das ist das Perfide, nicht als Schelm, sondern als wichtiger internationaler Akteur wahrgenommen zu werden. Spätestens seit dem Hinweis auf das ikonische Bild der in Dreiheit verbundenen Herrscher Raisi, Putin und Erdogan, das sich als Triptychon der repressiven Gewalt betrachten lässt, ist klar, dass hier vom türkischen Präsidenten Erdogan als Repräsentant der Türkei die Rede ist.

Die Türkei hat unter Erdogan erreicht, was die EU jahrelang erfolglos anstrebt: strategische Autonomie. Sie unterlässt es, allzu viele Rücksichten auf andere Staaten zu nehmen, weil sie von allen Seiten als ein Land betrachtet wird, mit dem man besser irgendwelche, und seien es auch noch so angespannte, Beziehungen unterhält, als diese zu kappen – und die Türkei anderen Bündnissen fest zurechnen zu müssen. Das liegt erstens an der geographischen Lage der Türkei, die ein Scharnier zwischen Europa, Asien und Afrika darstellt. Es liegt zweitens daran, dass das Land eine strikt interessengeleitete Schaukelpolitik verfolgt (die einen nationalistischen und islamischen Überbau pflegt). Und schließlich daran, dass Präsident Erdogan diese Politik ist höchst elastischem Maß verfolgt. Repression nach innen und die Bereitschaft zur Gewaltanwendung nach außen ergänzen sich dabei.

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Wolfgang Z. Keller | Mi, 3. August 2022 - 19:35

Und das heißt NICHT, dass mir diese Politik gefällt. Aber als Staatskunst darf man Erdogans Politik m.E. schon bezeichnen, im Gegensatz zu dem moralbasierten Wertegedröhne "im Westen", das aber nur gegen ganz bestimmte Länder und Handelspartner aufgefahren wird. Ansonsten isses doch für jedermann sichtbar egal, ob "die Verbündeten" Lügner, Diktaturen und -toren, demokratiefeindliche Populisten, Mörder, Leuteschinder oder "demokratiegestützte" Kriegsverbrecher sind.
Nix gegen christliche Kirchentage, aber als letztlich nur scheinheilige Staatsform braucht´s das für meinen Geschmack nicht.

Christoph Kuhlmann | Do, 4. August 2022 - 08:59

neue Optionen verschafft. Er wird auch wieder enden. Für die NATO ist erstmal der Beitritt Finnlands und Schwedens entscheidend. Wir werden sehen wie stark Erdogans Position im Westen ist. Problematisch wird die Türkei mit jedem weiteren Schritt in Richtung Autokratie. Die moralische Legitimation für Sanktionen gegenüber der Türkei steigt. Den aktuellen Regierungen des Westens ist eine wertegeleitete Außen- und Waffenexportpolitik zumindest bedingt zuzutrauen. Eine Sicherheitszone in Syrien, die mit einer Vertreibung von und erneuten Massakern an Kurden verbunden wäre, würden sowohl Russland als auch die NATO verurteilen. Innenpolitisch durchaus vielversprechend, außenpolitisch allerdings extrem riskant.

Gabriele Bondzio | Do, 4. August 2022 - 09:02

und die Bereitschaft zur Gewaltanwendung nach außen ergänzen sich dabei."...da muss ich ihnen zustimmen, werter Herr Jäger.

Die Politik der Staaten orientiert sich an eigenen Interessen; mehr denn je. Und es kommt mir eher vor als späche die Zeit für mehr Flexibilität und nicht für starre Block-Bildung.

Jedoch hat sich nichts geändert an dem alten
Sprichwort:
"Des einen Freud des anderen Leid"

Erdogan spielt tatsächlich ein opportunistisches Spiel,...um seiner eigenen Gestaltungsmacht und Prominenz willen.
Das Wohl anderer ist zweitrangig.
Was nicht immer zu Gunsten des Praktizierenden ausgeht.
Ich mag solche Menschen nicht.

BHZentner | Do, 4. August 2022 - 14:15

finde Ihren Artikel sehr interssant u.informativ.Ich kann Erdogan auch nicht gut leiden ;)-seine legendären Auftritte in seinem wichtigsten Wahlkreis BRD regten mich doch sehr auf-mehr noch seine humorlose Reaktion auf das ,,Schmähgedicht" eines unserer intelligentesten Journalisten(Meinungsführenden)beim ÖR ;) Erdogan(einmal,,Hoffnungsträger"des sogenannten Westens)wurde nie der Ehrentitel ,,Lupenreinen Demokraten" verliehen;hat vielleicht desh.ein Präsidialsytem, auf sich zugeschnitten,etabliert.Allein,er ist ,,demokrat." gewählt u.macht das was nicht nur ,,Machtpolitiker"machen,um wiedergewählt zu werden-doch tatsächlich eine,,rein interessengeleitete(türkische!?)Außenpolitik". Das,,schlimme"ist, daß er dabei auch noch als interationaler Akteur-wahrgenommen wird(EU?D?UN?)-der bringt wenigstens die Gegner an einen Tisch. Während unsere Chefdiplomandin mit infantil-trotzigen Drohungen-welche od.wessen-Interessen verfolgt?! Ein erhell. Artikel-über Diplomatie(im Sinne eines Kissinger?)

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