Das antisemitische Großbanner „People’s Justice“ des indonesischen Künstlerkollektivs Taring Padi wurde nach öffentlichem Druck verhüllt / dpa

Documenta - Antisemitismus ist kein Gottesurteil

Die Documenta hat es gezeigt: Das deutsche Kultur-Establishment wollte sich wieder einmal besonders tolerant und weltoffen geben. Es opferte dafür sehenden Auges die Integrität von Juden und Israelis, als deren Beschützer man sich seit Aufdeckung der Naziverbrechen geriert.

Autoreninfo

Rafael Seligmann, 74, ist Politologe und Schriftsteller. Er lehrte an der Ludwig-Maximilian-Universität Strategie und Sicherheitspolitik. Vor kurzem ist sein biographischer Roman „Rafi, Judenbub“ im LangenMüller-Verlag erschienen.

So erreichen Sie Rafael Seligmann:

Wer meint, Deutschland habe gegenwärtig wichtigere Herausforderungen zu bestehen als Antisemitismus, hat objektiv recht. Zumindest befindet er sich aufseiten der großen Mehrheit. Beispielsweise jener der Klimaschützer, die überzeugt sind, ein geschwänzter Schulfreitag helfe, die Zukunft der Erde zu retten. Millionen denken so naiv oder sind zumindest dermaßen tolerant, unter ihnen die frühere Bundeskanzlerin Angela Merkel. Ausgerechnet in dieser existenziell wichtigen Zeit aber kommen einige Juden und Journalisten daher und beklagen, dass antisemitische Straftaten stark zunehmen. Es handelt sich jedoch nur um relativ wenige Fälle. Und sie betreffen, anders als beim Klima, nicht die ganze Welt, sondern nur die Juden in Deutschland. 

Einspruch! Wer so argumentiert, hat weder das Wesen des Judentums, des Antisemitismus noch Deutschlands verstanden oder begreifen wollen. Denn der Antisemitismus richtet sich zwar in erster Linie gegen Juden, doch er ist kein jüdisches Gebrechen, sondern ein Krankheitssymptom der Gesellschaft insgesamt. Es signalisiert, ähnlich wie Fieber, dass der ganze Körper malade ist. Nicht allein Hebräer, Liberale, sexuelle Minderheiten, Reiche, Arme, Ausländer sind betroffen. Am Ende wird jeder davon eingeholt und existenziell bedroht, wie Pastor Dietrich Bonhoeffer es in Predigten, in seinem Wirken sowie dem Aufsatz „Die Kirche vor der Judenfrage“ aufwies.

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Christoph Kuhlmann | Mi, 3. August 2022 - 08:35

Wenn man Erfahrungsberichte von Jugendlichen an deutschen Schulen sieht, wo man sich fragt ist das 1936 oder 2016 und empört den Namen des Nazikaffs wissen möchte um eine Demo zu organisieren, dann wird klar, dass auch heute Juden in deutschen Schulen geschlagen und verfolgt werden. Die Schulleitung spielt es erst runter und sieht keine Möglichkeit Abhilfe zu schaffen, angesichts der Vielzahl antisemitische Schüler aus Gesellschaften, die offen Judenhass propagieren. Es gibt eine generelle Tendenz bei der inneren Sicherheit Abstriche bei Gewalt unter Minderheiten in kauf zu nehmen. Diese Art von Toleranz ist in meinen Augen blanker Rassismus, der zu einer Vielzahl von Parallelgesellschaften führt, die ihre Konflikte jenseits jeder staatlichen Rechtsnorm ausleben. Es geht um individuelle Menschenrechte für Frauen, religiöse Minderheiten und alle anderen. Wer da wegschaut ist schuld.

Gerhard Lenz | Mi, 3. August 2022 - 09:52

auch wenn Herr Seligmann sich die eine oder andere Peinlichkeit erlaubt. Anders kann man seinen Spott über die Schulschwänzerei jugendlicher Klimaaktivisten wohl nicht nennen. Du meine Güte: Vielleicht ist das Auftreten der Jungen naiv. Aber welchen Schaden richten Sie damit an? Da sind z.B. die Covidioten mit ihrer zunehmenden Gewalttätigkeit ein ganz anderes Kaliber. Wir sollten vielmehr dankbar sein für den Idealismus der Jungen!

Sicher ist Antisemitismus ein Symptom für tiefersitzende Übel. Daher muss auch die Verengung auf muslimische Judenhasser - mit der man von Rechts immer sofort zur Stelle ist - zu kurz greifen. Das wird immer dann deutlich, wenn der Zentralrat der Juden dafür gescholten wird, wenn er mal wieder auf wachsenden Antisemitismus auch unter "Biodeutschen" hinweist.

Dahinter liegt natürlich ein rassistisch geprägter Blut- und Boden-Fetischismus, modifiziert durch irgendwelche Wahnvorstellungen, jüdisch-amerikanische Kreise planten die große Verschwörung.

Gerhard Hellriegel | Mi, 3. August 2022 - 10:47

Unmöglich, auf alles einzugehen. Daher nur zur "Judensau".
Ich gehe fast täglich an einem Kriegerdenkmal für die Soldaten des 1. Weltkriegs vorbei. Die Idee, dass dadurch meine Militär- oder Kriegsbegeisterung zunähme, ist damit widerlegt.
Der Autor möchte einen Teil unserer Geschichte streichen, mindestens aber aus der Öffentlichkeit verbannen. In Museen oder in Giftschränken von Bibliotheken sollen sie versteckt werden - und das nie ohne erhobenen Zeigefinger. Er weist zu Recht auf den durchgehenden Faden hin. Nun, eine nicht zu übersehende Quelle des Antisemitismus ist das Neue Testament - natürlich nicht die einzige. Es ist doch kein Zufall, dass die Judensau zu einer Kirche gehört.
Sollen wir jetzt im Sinne einer geschichtlichen "cancel culture" die verleumderischen Passagen streichen? Umschreiben? In den Giftschrank damit? Und was wäre zu tun, wenn sie -rein hypothetisch - gar nicht verleumderisch wären?
Ist das der rechte Umgang mit unserer Geschichte?

Wolfgang Z. Keller | Mi, 3. August 2022 - 16:59

In reply to by Gerhard Hellriegel

Ein "normaler" Mensch, gerne auch deutschen Ursprungs, der wegen der - zugegeben - üblen Darstellungen aus frühen Christenzeiten zum Antisemitenden (gender!) wird, ist m.E. blühende Phantasie - vielmehr müssten Menschen beim allgegenwärtigen Anblick von Kirchen (wieder) engagierte Christen werden. Dass sich aber immer mehr davon abwenden, hat doch ganz andere Ursachen.
Der bemühte Herr Seligmann unterschlägt - wie die Kirche bis vor kurzem auch, was ihre Handlungen betrifft - geflissentlich zumindest EINEN tieferen Grund für "Antisemitismus", und nicht nur in Indonesien: Laut der ZEIT vom 9.7.2021 "gibt es in Ostjerusalem und im Westjordanland derzeit knapp 300 israelische Siedlungen mit mehr als 680.000 Bewohnerinnen und Bewohnern. Deren illegaler Status sei durch den UN-Sicherheitsrat, die UN-Vollversammlung, den Menschenrechtsrat sowie den Internationalen Strafgerichtshof und andere Organisationen bekräftigt." Aber das interessiert keine israelische Regierung auch nur im Geringsten.

@Herr Hellriegel, richtig angemerkt. Der überbordende Judenhass eines Martin Luther lässt sich nicht in einem "Giftschrank" entsorgen, wenn auch die evangelische Kirche das Thema (Frau Käßmann ausgenommen) gerne klein hält. Im übrigen: nutzen Sie Ihre Spaziergänge am besagten Kriegerdenkmal. Die deutsche Empörungsunkultur wird sich bald auch dieses Themas bemächtigen. Durch den 24.2.22 gibt es nur einen zeitlichen Aufschub.

Dorothee Sehrt-Irrek | Mi, 3. August 2022 - 10:50

Für mich selbst ist Christus kein geborener Jude, jedoch ist ihm als seinem Lebensumfeld das Judentum Heimat und überwiegend Quelle seines religiösen Denkens.
Ich würde Moses auch nicht auf den Einfluss Ägyptens "reduzieren".
Die hauptsächliche Quelle war Jesus wohl sein Gottesglaube und als der eines Vaters über seine Kinder, ist der nicht ganz so einfach kompatibel mit dem Judentum?
Die Menschenliebe vielleicht, aber "der werfe den ersten Stein" klingt mir auch anders.
Das Gleiche gilt für den Islam, der auf einen Schatz eigener Überlieferungen zurückgreifen kann, jedoch dem Judentum, auch dem Christentum zu wenig Beachtung/ Respekt schenkt, gerne negativ, wenn es ihm möglich war/ist.
Ich leugne nicht einen latenten bis offenen Antisemitismus beider Religionen.
im Grundsätzlichen gilt für beide Großreligionen, was Sie, Herr Seligmann für Juden/Israel in Anspruch nehmen, sie sind integer.
Wenn man gerne Schweinefleisch ISST, was IST man für Juden/Muslime, was Asiaten?
Gnothi seauton

Gisela Fimiani | Mi, 3. August 2022 - 14:20

Widerspruch, Herr Seligmann. 1. Satz: „Wer meint, ……., hat objektiv recht.“ Nein! Ein menschenverachtender Juden- und Israelhass ist von vornherein nicht „objektiv“, denn auf diese Weise wird er relativiert und mittels dümmster und lächerlichster Phrasen-Verrenkungen wird versucht, seine Entlarvung zu verhindern. Antisemitismus ist der Seismograf für die geistige Verrottung in Politik, Medien und Teilen der Gesellschaft. Steinmeier wird nicht ernst genommen, weil er nicht authentisch ist. Unzählige Beispiele judenfeindlicher Ausfälle, werden relativiert und nicht konsequent geahndet. Antisemitismus ist wieder salonfähig und die Haltung dazu wird mit Euphemismus-Juden relativiert Die häßliche, grauenhafte, die menschliche Würde verachtende Fratze neuer Herrenreiter darf sich erheben. (Beschimpfungen Ungeimpfter sprechen Bände) Auch die Nazis hatten übrigens „ihre Juden“. Menschenverachtung läßt sich auf vielschichtige Weise verschleiern. Ein enthüllender Beitrag, DANKESCHÖN dem Autor.

BHZentner | Do, 4. August 2022 - 17:28

Sie haben-soweit ich die Entwicklung dieser Dokumenta 15 i.d. Medien verfolge-zwar Recht, daß dort Juden-u.Israelhaß in,,Kunstwerke" reingeflickt wurde u.dies absehbar war(z.B.im DLF verfolgbar); doch verwundert mich,daß jüd.Experten auf die,,Nazimasche"hereinfallen u. als Feigenblatt fungieren.Fr.Schormann wußte um die Zweifelhaftikeit des Konzepts(Frame: ,,Kunst-Dekolonisation")u.der ausgesuchten Künstler(des,,global.Südens").In DLF-Berichten war von einer Art Dachkollektiv,,Ruangrupa"die Rede,die wiederum,,Subkollektive"einluden.Im Interview schilderte sie,wie sie an einem Workshop zum gegenseitigen Kennenlernen in Indonesien teilnahm-man fand sich auf gemeinsamer(menschl.)Wellenlänge.Halte die Documenta(ehed.Weltschau der,,Bildenden Kunst"?)für,,banale"Agitprop.Das kommt dabei raus,wenn man(hier),,Edle Kunst-Wilde"in hiesige Haltungsveranstaltungen einspannt.Die,,Antisemitismussau"wird v.d. Haltungspolitikern durchs(kunstinteressierte?) Kartoffel-Dorf getrieben...,,nur"Ablenkung?