Cicero im Mai / Illustration: Alexander Glandien

Cicero im Mai - Im Spinnennetz

Mit der Abhängigkeit von Russland hat sich Deutschland selbst die Falle gebaut, in der wir nun sitzen. Lesen Sie in der Mai-Ausgabe des Cicero, wie Putin die deutsche Politik seit 20 Jahren an der Nase herumführt.

Alexander Marguier

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Alexander Marguier ist Chefredakteur von Cicero.

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Deutschland sitzt in der Falle. Schlimmer noch: Wir waren selbst daran beteiligt, diese Falle aufzustellen – und haben uns dann sehenden Auges in sie hineinbegeben. Der Ausstieg aus der Atomkraft, mit dem die Bundesrepublik dem Rest der Welt zeigen wollte, wie saubere Energieversorgung in einer ökologischen Zeitenwende funktioniert, war einer der Auslöser dieses schmutzigen Krieges praktisch vor der eigenen Haustür. Plötzlich steht der Begriff „Zeitenwende“ nicht mehr für ein postfossiles Wunderland, sondern für ein 100-Milliarden-Sondervermögen zur Wiederertüchtigung der Bundeswehr. So schnell kann es gehen, wenn wohlstandsgenährte Träumereien mit politischen Realitäten kollidieren.

Jetzt also das böse Erwachen, die Suche nach den Schuldigen. Aber man sollte es nicht dabei belassen, allein frühere Bundeskanzler dafür verantwortlich zu machen, dass Deutschland sich bei der Energie derart in die Abhängigkeit von Russland begeben hat, dass der Herrscher im Kreml zur Finanzierung seiner Militärmaschinerie auch weiterhin auf uns als treue Kunden zählen kann. In Wahrheit wollte es nämlich, bis auf wenige Ausnahmen, niemand so genau wissen. Hauptsache, das Gas floss in Strömen – und warum nicht auch durch eine Unterwasserpipeline namens Nord Stream 2? Das war doch, so Bundeskanzler Olaf Scholz noch im Dezember, ein rein „privatwirtschaftliches Projekt“. 

Der Plan des Kreml

Im Januar 2018 erschien in Cicero übrigens ein großer Artikel („Oberste Meeresleitung“) mit folgenden einleitenden Worten: „Energie war immer hochpolitisch und nie rein wirtschaftlich. Um die geplante Nordseepipeline für russisches Gas ist ein Great Game um Macht und Einfluss entbrannt. Angela Merkel hat die geopolitische Dimension unterschätzt.“ Solche Analysen galten damals übrigens als Defätismus – wie andere Regierungskritik auch.

Antonia Colibasanu, eine der besten Kennerinnen der Materie, zeichnet als Autorin unserer Titelgeschichte präzise nach, wie der Kreml schon vor zwei Jahrzehnten damit begonnen hat, sein Spinnennetz zu weben – mit tatkräftiger Unterstützung aus Deutschland. Diese Krise, dieser Krieg in der Ukraine sind das Ergebnis von Naivität, politischer Blindheit, Profitstreben und moralischer Dünkelhaftigkeit. Eine explosive Mischung. „Frieren für den Frieden“ lautet jetzt das Kommando an die Deutschen. 
Der Kreis schließt sich.

 

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Sabine Jung | Do, 28. April 2022 - 11:23

aber trotz alledem hat uns ja wohl die bisher "billige" Gaslieferung aus Russland geholfen zu dem Wohlstand, den wir jetzt haben, ähm parton hatten. Nun wird sich das Blatt bedeutend wenden. Zum einem wegen des Ukraine Krieges, wegen der neuen Zeitenwende unserer Regierung, abschalten der Kohlekraftwerke, Atomkraftwerke und nun folgt bald auch noch das Gas. Unbenommen davon, eines ist richtig, eine einseitige Abhängigkeit von nur einem Lieferanten vom Gas würde kein vernünftig denkendes betriebswirtschaftlich orientiertes Unternehmen machen. Aber gut der Preis über die Pipeline war wahrscheinlich zu lukrativ, so dass immer noch genug davon profitierten. Nun haben wir aber den Salat, um Putin zu schaden, müssten wir sofort abstellen, geht aber nicht. Der volkswirtschaftliche Schaden wäre zu hoch, also das Spinnennetz wird uns noch einige Zeit halten. Nur ob wir einen vernünftigen Absprung aus dem Spinnennetz hinbekommen, wo es nur noch Sonne und Wind nach Wetterlage gibt?

W.D. Hohe | Do, 28. April 2022 - 11:26

100-Milliarden-*politwirtschaftliche Sonderschulden alias
Sonderverar... alias Sonderlügen der tagespolitischen Art.
Obwohl auch der/die Lügner wissen, dass auch die Belogenen wissen, dass das gelogen ist.
Politik eben.
Wer das nicht drauf hat, erlebt auch keine Karriere.
Ausnahmen bestätigen di Regel.

Martin Falter | Do, 28. April 2022 - 12:45

Hinterher ist man immer schlauer.

Bloß NS2 war schon im Interesse unseres Landes, denn wäre die neue Pipeline über Polen oder Ukraine gelaufen, wäre es ja auch nur russisches Gas gewesen.

Hier wollte man halt unabhängig von den
durchleitenden Staaten werden.
Im Prinzip eine gute Idee.

Schlecht daran ist, das es die Abhängigkeit von Russland noch zusätzlich erhöhen würde.

Gerhard Lenz | Do, 28. April 2022 - 14:19

und keiner hat sich darüber Gedanken gemacht. Handel durch Wandel - warum sollte man mit den Russen nicht Geschäfte machen?
Die brauchen unser Geld, um ihren maroden Staat zu sanieren, wir günstige Energie - also win-win?

Fehlanzeige. Energieeinnahmen sind in dunklen Kanälen des morschen, korrupten Staatsapparates verschwunden - höchstens der Militärapparat erfuhr eine signifikante Aufwertung. Die Menschen im Land darben weiterhin. Nach manchen Statistiken liegt Russland auf der Wohlstandskala noch hinter Ländern wie Albanien.

Selbstverständlich hatte Putin niemals den Wohlstand seines Volkes im Sinn. Putin ist Kämpfer, er attackiert, besiegt, erobert. Dafür ist er Präsident geworden, nicht, um sich um das Wohl seiner Bevölkerung zu kümmern.

"Make Russia greater than the Soviet Union ever was!"

Die russische Bevölkerung hat schlecht gewählt, wenn man überhaupt von Wahl reden kann. Denn im Grunde wurde ihnen der ewige KGB-Agent vor die Nase gesetzt.

Walter Bühler | Fr, 29. April 2022 - 09:58

In reply to by Gerhard Lenz

Die (deutsche) Hauptstadtpresse lässt heute zur Eröffnung des Bundespresseballs natürlich Herrn Melnyk sprechen. Die trotz großer Kriegsgefahr fröhlich tanzende Journalistenschar will ihn dabei vielleicht zum Bundeskanzler vorschlagen. Kanzler der Journalisten ist er schon längst.

Heute Abend feiern und tanzen in Berlin die deutschen Maulhelden, die auswärtige Helden bewundern, aber für ihr eigenes Land kein Interesse und keine Solidarität mehr aufbringen können.

Das Volk darf im Fernsehen zusehen. Es hat ja auch keinen Grund zu tanzen.
Hätten wir unter den deutschen Journalisten nur 10% von dem Patriotismus in der Ukraine ...

Hans Schäfer | Do, 28. April 2022 - 19:04

Das alles so weit gekommen ist, daran tragen die Medien eine nicht zu unterschätzende Mitschuld. Merkel wurde doch von ihnen zur mächtigsten Frau der Welt mit hochgejubelt. Mahnungen im eigenen Land gab es genug. Allein die wollte keiner hören. Obwohl die Mahner in vielen Dingen argumentativ recht hatten, durfte nicht sein, was ist. Sie wurden mit Hilfe der Medien stigmatisiert und diffamiert. Jetzt will es keiner gewesen sein.
Wirtschaftliche Vertragsbeziehungen zwischen Staaten sind eine Sache, die Vertrauen fördern können. Das allerdings und auch das ist ein nicht zu unterschätzendes Problem, passt nicht Jedem in dem Kram.

Karla Vetter | Do, 28. April 2022 - 19:26

in e i n Körbchen zu legen ist immer schlecht. Trump hatte Recht. Aber da lachten diejenigen die heute das Nachsehen haben.