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Wrack eines abgeschossenen US-Militärflugzeugs in Afghanistan / dpa

Rückzug aus Afghanistan - Warum Amerika Kriege verliert

Nach 20 Jahren erfolglosen Kampfs ziehen sich die Vereinigten Staaten aus Afghanistan zurück. Es ist nicht der erste Krieg seit 1945, den die USA trotz weit überlegener militärischer Fähigkeiten verloren haben. Schuld auch an dieser Niederlage ist eine völlig überkommene Strategie.

Autoreninfo

George Friedman, 72, ist einer der bekanntesten geopolitischen Analysten der Vereinigten Staaten. Er leitet die von ihm gegründete Denkfabrik   Geopolitical Futures und ist Autor zahlreicher Bücher. Zuletzt erschien „Der Sturm vor der Ruhe: Amerikas Spaltung, die heraufziehende Krise und der folgende Triumph“ im Plassen-Verlag.

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Der Rückzug der USA aus Afghanistan geht seinem unvermeidlichen Ende entgegen. Die Taliban, jene radikalen Islamisten, die von den USA bekämpft wurden, übernehmen die Kontrolle über das Land; eine Stadt nach der anderen fällt ihnen in die Hände. Anders ausgedrückt: Die Vereinigten Staaten haben den Krieg, den sie in den vergangenen 20 Jahren geführt haben, verloren

Manche wollen zwar weiterkämpfen, aber ich bezweifle, dass weitere 20 Jahre den Sieg bringen würden – denn die Definition von „Erfolg“ ist in diesem Fall vage und sehr ehrgeizig. Das Ziel in Afghanistan bestand darin, eine von alten Traditionen geprägte und komplexe Gesellschaft in ein Gemeinwesen nach amerikanischem Vorbild zu verwandeln. Aber ein Land zu besiegen, das sich im Wesentlichen aus rivalisierenden Kriegsparteien zusammensetzt, und dort auch noch Frieden sowie eine neue politische Kultur durchzusetzen, lag außerhalb der Möglichkeiten Washingtons.

Erklärungen sind nötig

Dies ist nicht der erste Krieg, den die USA seit 1945 verloren haben, und angesichts der überwältigenden militärischen Macht der Vereinigten Staaten sind Erklärungen dringend nötig. Dafür müssen wir mit dem Zweiten Weltkrieg beginnen, in dem die Vereinigten Staaten mit einem von Japan und Deutschland ausgelösten Konflikt konfrontiert waren. Die Vereinigten Staaten reagierten darauf, indem sie den Krieg so definierten, dass sie das gegnerische Militär ausschalten und die feindlichen Staaten durch Zerstörung ihrer Industrieanlagen und Städte besiegen wollten. 

Der Sieg erforderte die Niederlage des Feindes und eine soziale und geistige Umgestaltung der unterlegenen Gesellschaftssysteme. Der Zweite Weltkrieg hielt für die Vereinigten Staaten eine Reihe von Lehren bereit. Die erste war, dass die Entscheidung über das Timing von den Feinden der Vereinigten Staaten getroffen wurde. Mit dem japanischen Überfall auf Pearl Harbor und der Kriegserklärung Hitlers war Washington eine selbstbestimmte Entscheidung über den Eintritt in einen weltumspannenden Militärkonflikt aus der Hand genommen worden. Dadurch war der strategische Vorteil militärischer Eigeninitiative perdu, die Amerikaner waren plötzlich nicht mehr nur am Rande, sondern auf einmal voll involviert. 

Zweitens lernte Washington, dass man im Kampf gegen einen Feind überwältigende Kräfte einsetzen muss und dass es unerlässlich ist, nicht nur das Militär, sondern auch die Moral einer gesamten Nation zu erschüttern. Die USA würden dies tun, indem sie mit überwältigender Kraft auf das Militär und die Gesellschaft des Feindes einwirkten.

Militärisch-industrieller Komplex

Der Sieg veränderte die Vereinigten Staaten. Ihre Macht war von da an gewaltig und erstreckte sich über einen Großteil der Welt. Vor dem Zweiten Weltkrieg hatten die USA dies nicht gekannt; nunmehr waren sie davon besessen. Sie schufen einen riesigen militärisch-industriellen Komplex und betrachteten ihn als das entscheidende Element der nationalen Sicherheit. 

Mit dem Machtzuwachs wurde auch die Reibung größer als je zuvor. Aber Amerika hatte noch eine weitere Lehre aus dem Zweiten Weltkrieg gezogen. Es reichte demnach nicht aus, das Militär des Gegners zu besiegen. Wie im Falle Deutschlands und Japans konnte ein Krieg offensichtlich nur durch eine moralische und kulturelle Kapitulation der gegnerischen Nation und durch deren Übergang zur liberalen Demokratie beendet werden.

Nach dem Zweiten Weltkrieg war der Hauptgegner der USA die Sowjetunion. Die Sowjetunion war aus amerikanischer Perspektive ein Albtraum: Die sowjetische Macht war erschreckend, und die Vereinigten Staaten standen vor einer globalen moralisch-ideologischen Herausforderung. Realpolitik und der Kampf um geistige Vorherrschaft gingen Hand in Hand; die USA und die Sowjetunion kämpften darum, andere Nationen zu Parteigängern entweder der liberalen Demokratie oder des Marxismus-Leninismus zu machen. 

Im Laufe der Zeit erwuchs daraus auf beiden Seiten massiver Zynismus, aber im Kern vermischten sich die „moralischen“ und die geopolitischen Strategien, und der eigentliche Kampf in Form verdeckter und offener Kriege ging um die Herzen und Köpfe der jeweiligen Bevölkerungen.

Von Korea bis Vietnam

Korea war der erste Krieg des moralischen Absolutismus, der jedoch von einem sehr konventionellen Waffengang geprägt war. In Vietnam wurde eine neue Strategie erprobt. Vietnam war von den Franzosen besetzt worden, die in ihrem Krieg gegen die Kommunisten eine Niederlage erlitten hatten. Er endete mit der Teilung des Landes zwischen Kommunisten und Antikommunisten – wobei letztere sich als liberale Demokraten ausgaben, um die Herzen der Amerikaner zu gewinnen, aber in Wirklichkeit ehrgeizige Männer waren, die sich dem Machterhalt verschrieben hatten und den Antikommunismus nutzten, um Hilfe durch das US-Militär zu bekommen.

Der Krieg dort wurde in Form von endlosen Bodenkämpfen und einer Luftkampagne ausgefochten, die die Moral der Nordvietnamesen brechen sollte – so, wie die USA die Deutschen und die Japaner gebrochen hatten. Aber es ging um noch mehr: Ziel war es, eine Regierung zu schaffen, die den Kommunismus ablehnte und sich der liberalen Demokratie verschrieb. Doch das Regime, das die USA aus der Taufe zu heben und zu schützen versuchten, hatte kein Interesse an einer liberalen Demokratie.

Das Problem in Vietnam war die Unvereinbarkeit von strategischen und moralischen Aspekten. Die Strategie forderte die Niederlage der feindlichen Armee und gleichzeitig eine Umgestaltung der vietnamesischen Gesellschaft (was mit der Vorstellung einherging, daraus würde automatisch eine Opposition der Bevölkerung gegenüber der Ausbreitung des Kommunismus erwachsen). Was der amerikanischen Strategie aber fehlte, war eine Antwort auf die Frage, ob Vietnam der richtige Ort ist, um den Weltkommunismus zu bekämpfen, und ob Amerika die Kraft hatte, um einen geistigen Wandel zu erzwingen. Der Kommunismus breitete sich auch anderswo aus – warum also diesen Kampf ausgerechnet in Vietnam austragen?

Zermürbung im eigenen Land

Die Vereinigten Staaten hatten einen militärischen Grund, die Japaner im Pazifik zu bekämpfen. Aber in Vietnam schwankten die militärischen Gründe, die politischen Gründe und die moralisch-ideologischen Grundsätze permanent. Die Strategie der USA bestand darin, das nordvietnamesische Militär zu zermürben, die Bevölkerung kriegsmüde zu machen und den Willen der USA durchzusetzen. Stattdessen erzeugten die US-Streitkräfte nach sieben Jahren des Konflikts eine Zermürbung und eine Kriegsmüdigkeit im eigenen Land. 

Die USA haben Vietnam verloren, aber aus ihrer Sicht drehte sich die Welt weiter. Trotz all des Todes und der Zerstörung hatte der Krieg nicht viel verändert. Es war der falsche Krieg, der am falschen Ort mit der falschen Strategie und den falschen Zielen geführt worden war. 

Die Lektion des Zweiten Weltkriegs besteht darin, zu bestimmen, wie und wo ein Krieg geführt wird. In Vietnam lief es anders: Indem sie sich jedem kommunistischen Eindringen widersetzten, erlaubten die USA es dem Feind, sowohl den Zeitpunkt wie auch den Ort zu bestimmen, an dem Washington seine vorgefertigte Strategie ausrollen konnte.

Auch der islamistische Extremismus war eine geistige Herausforderung für Amerika – aber zuvor waren die Islamisten nützliche Verbündete gegen Moskau gewesen. Als die Sowjets in Afghanistan einmarschierten, fanden die Widerstandskämpfer Lob und Unterstützung in den USA. Die Amerikaner gingen davon aus, dass die Gegner der Sowjetunion in Afghanistan ihre eigenen Überzeugungen teilten. So diente jeder den Interessen des anderen, und die Sowjets wurden besiegt.

Wendepunkt 11. September

Dann erfolgte mit dem 11. September die Kriegserklärung der Islamisten gegenüber den USA. Das amerikanische Bestreben, den Ausbruch eines Krieges zu bestimmen, war durchbrochen – genauso, wie es in Vietnam durchbrochen worden war. Washington musste reagieren; wie in Vietnam wurden die Vereinigten Staaten fast unbewusst in den Konflikt hineingezogen. Sie mussten Al-Qaida zerstören. Nachdem das US-Militär die Terrororganisation zwar geschwächt, aber nicht eliminiert hatte, sah Amerika sich gezwungen, weiterzumachen. 

Aber um das amerikanische Engagement fortzusetzen, musste auch ein gewisses Maß an offensiver Kriegsführung betrieben werden – bis es notwendig wurde, ein neues Regime zu installieren, das für liberale demokratische Werte einsteht. Mit anderen Worten: Abermals sollte eine altertümliche Gesellschaft umgestaltet werden, jedoch ohne das Ausmaß der Verwüstungen des Zweiten Weltkriegs. Das Strategische und das Moralische kollidierten. Strategisch gesehen war Afghanistan ein riesiges Land, das nur zu einem Bruchteil unter Kontrolle gebracht werden konnte. Moralisch gesehen hatten die Afghanen ihre eigene politische Ordnung, die die liberale Demokratie ebenso wenig schätzte wie den Marxismus.

Die Kriege gegen die Sowjetunion und gegen die Taliban hatten ein gemeinsames Thema: Die USA fühlten sich von den Werten der Afghanen angegriffen und formulierten eine darauf basierende nationale Strategie. Irgendwann ging die nationale Strategie zu weit, da der moralische Anspruch die strategischen Möglichkeiten überstieg. Weil man sich kein Scheitern eingestehen wollte, wurde der Krieg bis zur Erschöpfung weitergeführt.

Das Problem mit der Moral

Der Zweite Weltkrieg brachte die globale Vorherrschaft der USA. Die geistige Dimension dieses Krieges wurde zu einer notwendigen Dimension künftiger Kriege, die mit dem Aufstieg der USA zur Weltmacht immer häufiger wurden. Die geistige Dimension war leicht zu erkennen: Man musste nicht nur eine klare Strategie für die Kriegsführung entwickeln, sondern auch ein Maß dafür finden, wann ein Krieg scheiterte. Vor allem aber muss man wissen, wann die Strategie nicht funktioniert – und vermeiden, dass man in die Falle tappt, indem man auf Moral zurückgreift, um harte Entscheidungen zu vermeiden.

Die Welt hat sich an das militärische Eingreifen der USA gewöhnt. Sie verurteilt sie und findet Trost in ihren Verurteilungen. Aber Kriege nach jahrelangem Kampf zu verlieren (oder Kriege weiterzuführen, die man aus moralischen Gründen oder zur Verschleierung der Realität verliert), ergibt keinen Sinn. Die USA müssen die Kontrolle darüber haben, wo und wie sie in den Krieg ziehen. Ihre Vorstellung vom Sieg beinhaltet es aber auch, die Geisteshaltung der Besiegten zu verändern. Doch was, wenn die Menschen überhaupt kein Interesse daran haben, ihre Geisteshaltung abzulegen? 

Ein Krieg um Ideen und Wertvorstellungen kann erfolgreich sein, wenn er auf bekanntem Terrain und mit dafür geeigneten Waffen erfolgt. Auf unbekanntem Terrain und mit ungeeigneten Waffen stehen die Chancen für einen Sieg weitaus schlechter.

In Kooperation mit

GPF

Christa Wallau | Di, 10. August 2021 - 18:49

Wie naiv bzw. überheblich muß man sein, wenn man glaubt, daß alle Menschen auf der Welt die eigene Geisteshaltung für ebenso gut und überlegen halten müssen wie man selber???

Das Einzige, was alle Menschen eint, ist nur der Wunsch nach mehr p e r s ö n l i c h e m Wohlstand. W i e dieser aber zu erreichen bzw. zu verteilen und zu erhalten ist, darüber bestehen äußerst unterschiedliche Vorstellungen, die viel mit Geschichte, Religion u. Mentalität der einzelnen Völker zu tun haben.

Der sehr beschränkte Blick der USA auf andere Völker u. Staaten in der Welt hat in den letzten Jahrzehnten immer wieder zu katastrophalen Fehleinschätzungen geführt - sowohl was die Wahl der Verbündeten als auch die
Kriegs-Einsatzorte anbetrifft. Von den schlimmen, umwälzenden Folgen ist ganz Europa, besonders Deutschland, mitbetroffen.

Danke, Uncle Sam!

1998: nachdem viele Afghanen zunächst gehofft hatten, die Taliban würden Ruhe und Ordnung wiederherstellen, fliehen Millionen von Menschen vor dem Terrorregime.
2001: nach den Anschlägen vom 11. September beschließt der UN-Sicherheitsrat(!), militärisch gegen die Taliban vorzugehen. Nach dem Einmarsch der ISAF sinkt die Zahl der Flüchtlinge, viele Afghanen kehren zurück in ihre Heimat (und nein, Wohlstand hätten die damals schon anderswo einfacher haben können).
2014: Mit der Reduzierung der Truppen beginnt der Vormarsch der Taliban. Die Afghanen fliehen vor allem innerhalb des krisengeschüttelten Landes ("Wohlstandsflüchtlinge"?).

https://www.bpb.de/gesellschaft/migration/laenderprofile/283689/vier-ja…

Juli 2021: Truppenabzug praktisch abgeschlossen, dramatischer Anstieg der zivilen Opferzahlen und der Flüchtlinge.

Verstehen Sie die Zusammenhänge oder bleibt es bei Klein-Fritzchens "Uncle Sam ist schuld"?

Dirk Weller | Mi, 11. August 2021 - 13:04

In reply to by Kai Hügle

Afghanistan, sondern generell auf Versuche der USA andere Länder in ihrem Sinne "umzuformen", d.h. den amerikanischen Lebensstil dort durchzusetzen.
Und das durch militärische Massnahmen.
Bezüglich Afghanistan mögen Sie, Herr Hügle, Recht haben, aber es steht ausser Frage, dass prakatisch alle Kriege der USA nach Ende des 2.WK (u.a. Vietnam, Irak, Libyen ) enorme Schäden in den jeweiligen Gesellschaften angerichtet haben.
Inklusive der politischen Destabilisierung ganzer Weltregionen.
Und die Folgen dieser "Umformungsversuche" der USA sind eben auch bei uns in der EU massivst zu spüren, z.B. in Form der Flüchtlingsströme.

Rob Schuberth | Di, 10. August 2021 - 18:53

...die Rolle des allmächtigen Gesinnungs-Polizisten spielen kann.

Nach dem WK II hat die USA sich diese Rolle selbst gewählt. Hat sich in nahezu alle Kriege eingemischt.

Mal als Stellvertreterkrieg mit RUS, mal weil es ihnen schlicht um die Sicherung von Energiequellen (primär Öl) ging.

Nat. wurde das stets unter einem anderen Deckmäntelchen begründet (Menschenrechte und so).

Amerika muss endlich, wie auch wir u. Brüssel (!) einsehen, dass es niemandem zusteht unsere sogn. westl. Werte im Rest der Welt zu implementieren, zumal gegen den Willen der Menschen dort.

Daran scheitert die USA und auch alle anderen Länder die sich irgendwo einmischen.

Tomas Poth | Di, 10. August 2021 - 18:59

Interessante und Aufschlussreiche Analyse von Mr. Friedman.
Einen Krieg den man nicht gewinnen kann sollte man nicht führen. Oder anders herum, bevor man einen Krieg beginnt oder sich in einen Krieg verwickeln läßt muß man eine klare Analyse über die Siegaussichten durchführen & wie der Zustand nach dem Sieg stabilisiert werden soll.
Deutschland hat hier zweimal weit gefehlt, die Ergebnisse sind bekannt.
Die Lage in Afghanistan ist sehr kompliziert, seine Bürger müssen einen eigenen Weg finden einen Frieden zu finden in/mit dem alle seine Bevölkerungsteile leben können.
Unsere Maßstäbe haben da nichts verloren.
Wir haben schon Mühe genug unsere eigenen Maßstäbe hier im eigenen Land zu wahren & nicht selbst zu einem Afghanistan in Europa zu werden.
Wir müssen unsere Kräfte darauf fokussieren die Anpassung an unsere Werte gegenüber mittelalterlichen muslimischen Kulturen in unserem Land knallhart durchzusetzen. Ein bisschen Schwanger geht genauso wenig wie servile Nachgiebigkeit!

Enka Hein | Di, 10. August 2021 - 19:33

...in Vietnam und Afghanistan war der Feind nie richtig greifbar. Entweder man zog sich in unterirdische Gänge oder in die Berge zurück.
Beide Gegner unterliegen einer kompletten anderen Zeiteinteilung. What you can’t kill today, let’s kill tomorrow. Richtige Kombattanten gab‘s noch in Vietnam.
Man wird diese Kultur einfach nicht in die jetzige Zeit, geschweige den in eine westlich gestrickte Staatsform kriegen. Alleine die islamische Zeitrechnung ist der unsrigen um 638 Jahre hinterher.
Das müssen die unter sich regeln. Man muss hier nur dafür sorgen das keiner hier mehr hinkommt und den Krieg importiert.
Und hierbei ist mir mein Hemd näher als die Jacke. Unmoralisch. Ja, mag sein. Kann ich aber mit leben.
Inkompatibel bleibt inkompatibel.

helmut armbruster | Di, 10. August 2021 - 20:27

armeen könnten alles platt machen und jegliches Leben auslöschen, wenn sie nur wollten.
Aber mit dieser Radikalität werden sie ja gerade nicht eingesetzt. Weil eben niemand - auch die USA nicht - eine solche bis zur letzten Konsequenz ausgefochtene Auseinandersetzung will.
So gesehen führten die USA ihre Kriege mit ungeeigneten Waffen.
Ideen und religiösen oder politischen Fanatismus kann man offenbar nur mit besseren Ideen oder mit noch mehr Fanatismus bekämpfen. Und auf diesem Gebiet haben die USA keine guten Karten, weil gerade bei rückständigen Bevölkerungen mit korrupten "Eliten" Religion und Tradition das moralische Rückgrat sind.

Müller | Di, 10. August 2021 - 21:36

sondern der Westen. Deutschland inbegriffen.

Das liegt auch daran, dass die USA 99% der Kriegslast tragen und alle anderen Nato-Partner sich auf deren Schultern ausruhen.

Insofern finde ist es ungerechtfertigt, mit dem Finger auf die USA zu zeigen. Denn das Problem sind nicht die USA, sondern wir mit unserer pazifistischen Weltsicht, die genau solange funktioniert, wie jemand anderes die Drecksarbeit erledigt. In dem Moment, in dem die USA aus der Nato aussteigt, bricht unser komplettes Lebensmodell zusammen. Dann müssen die Leute, die sich heute über die Brutalität und Rücksichtslosigkeit des US-Krieges aufregen, entscheiden, was sie bereit sind für ihre Ansichten zu opfern. Dann wird auch der Letzte erkennen, dass gute Absichten keine Kriege gewinnen und das es Kulturen gibt, die unsere Rücksichtnahme als das sehen, was sie in Wahrheit ist - Schwäche.

Die D-variante von "Gut-zu-sein" basiert auf der subjektiven Idee/Vorstellung, dass dann alle GUT werden, wenn das "Super-Gute der Deutschen" ihnen als Lebensform projiziert wird: Mit Greens, Post-SED & SPD, als Fackelträger des absolut Guten in Universalform.
Dabei wird vergessen, dass viele Kulturen nur deshalb ihren Bestand aufrechthielten, da sie ihre Beutezüge/Kriegsbeute als legitimes Handeln betrachten. Wobei es reicht zu sagen, was die Westler gerne hören: Gutgemeinte Versprechungen.
Man kann den Westlern alles versprechen, denn sie haben keine Ahnung davon, dass es Verstellung gibt.

Es reicht einfach nicht, sich einen Kriegsgrund zu suchen und dann loszuschlagen.
Es mag sein, das die USA die Hauptlast der NATO-Aufwendungen tragen und getragen haben. Der Hinweis ist aber unsinnig, wenn die USA abseits aller NATO-Territorien Krieg führt. Korea, Vietnam, IRAK (mit erlogenem Kriegsgrund), Syrien u.a. gehören schlicht nicht zum NATO-Bereich. Das sind z.T. USA-Eroberungskriege.

Ich kann mich noch erinnern, dass die NATO mal als ein reines Verteidigungsbündnis konzipiert wurde. Es scheint, als fühle sich die NATO (als Anhängsel der USA) mittlerweile berechtigt und befugt, weltweit für "Recht und Ordnung" (und zwar nach eigenen, flexiblen und elastischen Maßstäben) sorgen zu dürfen.

Insofern werde ich auch in Zukunft auf diese US-Kriegstreiber mit dem Finger zeigen.

sie treffen den Punkt.
Wer hat die USA und die Nato gezwungen all diese Kriege zu führen? Kein Natoland geschweige denn die USA wurde von den Ländern jemals angegriffen in denen sie Krieg führten. Ausnahme der Überfall auf Perl Habour und die Kriegserklärung Deutschlands.
Es ging auch nie um Werte dieses Märchen sollte man endlich einstampfen (obwohl es uns in Sachen Belarus schon wieder erzählt wird und wir schon wieder gutgläubig darauf reinfallen), es ging und geht immer nur um Vorherrschaft.

M. Bernstein | Di, 10. August 2021 - 21:40

Das Amerika des 2. Weltkriegs war eine beispielgebende Nation, Bildung, Technik, Wissenschaft, Wirtschaft besser als in jedem anderen Land und eine moralische Integrität, die zumindest nicht angezweifelt wurde.
Heute ist das anders. Es gibt den schönen Schein, man wäre doch .... . Die Realität ist, dass hinter all den Glitzerfassaden in den USA sich Slums wie in dritte Weltländern befinden, dass die Wissenschaft zwar nach wie vor einzelne Spitzenergebnisse liefert, aber auf gar keinen mehr überragend ist. Was die Moral angeht sind die USA ein Land mit einer Mordrate in Großstädten, die größer als in Mittelamerika ist. Eine Identitätspolitik betreibt, die die Menschen nicht glücklich macht sondern dazu führt, dass man sich auch in den USA auf traditionelle Werte besinnt. Wie will ein Land, dass von innen heraus verrottet eine Weltmacht sein? Die innere Verrottung hat bisher jede Weltmacht eingeholt und die USA sind da nicht anders. Der verlorene Krieg in Afghanistan ist nur ein Sympto

... eine negative Diagnose über ein anderes Land abgibt, und nicht reflektiert, ob nicht auch im eigenen Land dieselbe negative Diagnose zutrifft. Frau/Herr Müller sagt mit vollem Recht: "Nicht die USA haben den Krieg verloren, sondern der Westen, Deutschland inbegriffen."

Wenn man nun mit Herrn Bernstein die USA als ein "fallendes Imperium" sieht - wie muss man dann die Rolle des "neuen" Deutschland und des "vereinten" Europas bezeichnen? Sind das nicht "Imperien", die schon fallen, ehe es sie überhaupt gegeben hat?

Vielleicht haben die Engländer mit ihrer historischen Erfahrung in Sachen 'Empire' das früher und deutlicher gespürt als andere Europäer, und haben sich explizit von Europa ab und wieder dem 'Empire' der USA zugewandt, weil es trotz seiner Schwächen allemal stabiler zu sein scheint.

Totgesagte leben manchmal ziemlich lange.

Jörg Müller | Di, 10. August 2021 - 22:56

Ich stimme der Analyse nur in Teilen zu. Die USA sind nicht von Japan und dem Deutschen Reich überrascht worden, sondern haben die Kriegserklärungen billigend in Kauf genommen, im Falle Japans durch ein Ölembargo sogar provoziert. Die neu zu errichtende Weltordnung wurde bereit auf der Atlantikkonferenz im August 41, d.h. vor den Kriegserklärungen der Achsenmächte, skizziert und dann umgesetzt. Deutschland und Japan sind mit der neu errichteten Pax Americana gut gefahren, aufrechterhalten hat sie der Hegemon USA, militärisch mit Hilfe der Nato, Seato etc. politisch mit Hilfe der UNO. Der ganze Westen bringt heute nicht mehr die Kraft auf, das Machtmonopol in identifizierten Feindstaaten, sowie in den Weltkriegen zu erobern, folglich auch nicht sein Wertesystem zu etablieren und das Herrschaftssystem UNO eignet sich auch für andere potenzielle Hegemone. Wir erleben das Ende der Pax Americana und werden erleben, dass das Wertesystem des Westens mit der Pax Americana untergehen wird.

Christoph Kuhlmann | Di, 10. August 2021 - 23:19

Sowohl Vietnam als auch Afghanistan boten strategische Voraussetzungen, die Guerillataktiken und Möglichkeiten zur Infiltration boten. Die USA waren niemals sicher, ob sie erobertes Territorium auch besaßen. Im Gegenteil, es war mit Sicherheit davon auszugehen dass der Feind sie jederzeit und fast überall angreifen konnte. Amerika ist eine Demokratie und kann nicht mal schnell ein par Millionen Menschen verheizen und da wo sie es konnten, in Vietnam zum Beispiel 3 Millionen brach es den Widerstand und die Moral der Gegenseite nicht im mindesten. Die USA versuchen immer wieder Verluste zu minimieren, indem sie viel zu wenig Truppen am Boden einsetzen und dieses Manko durch Luftherrschaft versuchen auszugleichen. Ein Krieg ohne Millionenverluste ist nach dem deutschen Maßstab des 20. Jahrhunderts kein echter Krieg sondern eine militärische Intervention. Amerika führt keine Kriege. Es schlachtet weit unterlegene Gegner ab und scheitert manchmal an der Topographie. Was nennen Sie Moral?

Gerhard Weißenberger | Mi, 11. August 2021 - 01:04

Herr Friedmann setzt die Moral in der Kriegführung falsch an. Moral braucht vor allem die eigene Truppe.
In West Point scheint man bis heute nicht begriffen zu haben, dass man asymmetrische Kriege nicht mit regulären Truppen führt. Und das wusste schon Napoleon. Vietnam ging verloren, weil es keine Front gab, der Gegner jedes verfügbare Terrain im Ausland taktisch und logistisch nutzen konnte und durch unsichtbare Agitation in den Dörfern Südvietnam permanent zum unsicheren Terrain für die US-Truppen machte. Dagegen hatte Nordvietnam zum Ende die Front, welche den Sieg brachte.

Wer ist überhaupt in der Lage, in diesem Land
etwas zu verändern, wenn nicht die Afghanen s e l b e r ???

Also, bitte, ihr Afghanen, nehmt das auf euch, was andere Völker auch unternommen haben: den mühevollen und langwierigen Kampf um bessere, gerechtere, freiere Verhältnisse in eurer Heimat!
I H R seid dort gefragt - keine US-Truppen und Deutsche.
Keinem Volk auf der Welt ist je etwas ohne große Geduld und Opferbereitschaft geschenkt worden. Nichts fällt einem in den Schoß!

Wenn ihr meint, in Deutschland sei dies anders, so täuscht ihr euch gewaltig.
Das "Schlaraffenland" , das man euch vorgaukelt, fällt krachend in sich zusammen, sobald die Zahl derer, die (wie ihr) ohne Vorleistung zu Wohlstand u. geordneten Verhältnissen kommen wollen, noch weiter ansteigt.
Denn leider sind die Gebildeten u. Fleißigen auch in D immer mehr Mangelware. Diese braucht es aber, um stabile Zustände zu erhalten. Anderenfalls
herrscht in D bald das gleiche wie bei euch: Bürgerkrieg vom
Feinsten!

Dorothee Sehrt-Irrek | Mi, 11. August 2021 - 09:02

Wo wären die Amis einmal abgezogen, ohne gewonnen zu haben?
Okay, Nordkorea ist noch nicht wieder eingemeindet worden, ich wünsche Korea die Wiedervereinigung und die Souveränität.
Kurz, die Amis sind nicht wirklich weg aus Afghanistan, wollen aber nicht mehr selbst, das wäre meine Überlegung. Vielleicht irgendwann einen militärischen Stützpunkt.
Europa wollte evtl. auch nicht als Statthalter der USA in Afghanistan,aber man arbeitet evtl. weiter daran, die Türkei scheint nicht allzu beliebt dort, dann könnte es evtl. eine stille Vereinbarung mit den Taliban gegeben haben?
Time will tell.

W.D. Hohe | Mi, 11. August 2021 - 11:45

inkl. Eurpa von Monster-Faschisten befreit.
Ohne USA reichte die russische Westgrenze bis bis an den Atlantik.
Wäre uns Pinochet`s Chile, Castro`s Kuba = UDSSR, China als Alleinherrscher im Pazifik etc lieber ?
Im Übrigen darf ich die Frage stellen, ob sich dieses Forum, inkl. meiner Person, wissensmäßig auf DER Höhe befindet, qualifiziert über einzelne, aus weltweiten, wirtschaftlichen Verflechtungen = immer auch Politik herausgebrochene Stücke des "Kuchens" zu befinden ?
Was mich betrifft - Nein
Allenfalls kann ich über einen "Augenblickszustand" wie zum Beispiel Belaruss=Putin diskutieren - mehr aber auch nicht.
Wer letztendlich mit wem weshalb welche Fäden zieht - das wissen wir nicht mal in diesem Land - s. Nordstream
Uns bleibt selbst in D nur über Nichtigkeiten wie meist zielgerichtet veröffentlichte Persönlichkeits-Darstellungen zu reden.
Sehen wir ein/1 europäisches Mitglied das -wenigstens- gegen einen werden wollenden osman. Öl suchenden, Sultan Finger hebt??

Kurt Kuhn | Mi, 11. August 2021 - 12:49

...der Deutschen war also schon vor Kriegsende geplant.
Jetzt verstehe ich warum seit Jahrzehnten alles was Deutsch ist verspottet werden darf. Viel schlimmer ist, dass die Deutschen ihre Kultur inzwischen selber systematisch verspotten.
Man merkt es auf allen ÖRR-Kanälen und allen "kulturellen" Ebenen.

Vielen Dank für die aufklärende Info, Herr Friedman!

Jetzt verstehe ich warum in deutschen Spielfilmen in Englischer Sprache gesungen werden muss, warum Menschen chemisches Zeug trinken, ohne Not in zerrissenen Hosen herumlaufen...

Thorwald Franke | Mi, 11. August 2021 - 13:00

Hier wird wieder das Märchen verbreitet, die Kultur der Afghanen wäre so stark wie der Zaubertrank von Miraculix im Widerstand gegen die Römer. Völlig falsch. Es ist viel banaler. Das Problem in Vietnam und in Afghanistan bestand darin, dass der Gegner eine Schutzzone hat, in die die USA nicht vordringen konnten (bzw. wollten). In Vietnam garantierte die Schutzmacht China, dass die USA den Norden des Landes nicht antasten konnten. In Afghanistan werden die Taliban aus Pakistan gelenkt. Wenn die USA sich auch mit Pakistan angelegt hätten, hätten sie das Problem Afghanistan lösen können. Im Irak übrigens teilweise ähnlich: Das Terror-Feuerwerk dort wurde ja vielfach von Agenten der umliegenden Länder angefacht, die natürlich kein Interesse daran hatten, dass da eine funktionierende Demokratie direkt an ihrer Grenze entsteht.

Da glaubt offensichtlich noch immer jemand an die - vermutlich - naturgegebene Überlegenheit der westlichen Welt.

Die USA hätten sich mal eben mit Pakistan anlegen können, und schon wäre das Problem gelöst?
Nur nebenbei: Pakistan ist Atommacht, und da löst man "ein Problem" mal nicht so nebenbei.
Man muss ferner davon ausgehen, dass die Taliban auch von anderen Ländern der islamischen Welt Unterstützung erhalten
Ich halte es für sehr wahrscheinlich, dass die Fundamentalisten jetzt mit Waffen ausgestattet sind, die der große Donald Trump im größten Waffendeal der US-Geschichte an Saudi-Arabien verscherbelt hat.

Einen Krieg in Afghanistan und gegen Pakistan zu führen wäre chancenlos - es sei denn, man nimmt in Kauf, die Länder mit Nuklearwaffen in die Vor-Steinzeit zurückzubomben.

Natürlich ist der Westen derzeit militärisch überlegen, schlicht durch Technik. Allerdings muss man auch bereit sein, die Technik einzusetzen. Daran hapert es oft. Wenn man mit Samthandschuhen gegen fanatische Kämpfer vorgeht (Bill Clinton, Merkel: Keine schlimmen Bilder!), wird das natürlich nichts. Und was Pakistan anbelangt: Man hätte Pakistan vielleicht auch durch Druck oder Zahlungen zum Einlenken bewegen können. Oder einen Grenzzaun zu Pakistan bauen. Es gibt viele Möglichkeiten. Und auch der Umstand, dass Pakistan Atommacht ist, ist kein völliges Hindernis. Es gibt Pläne, die Atomwaffen Pakistans in einem Überraschungsschlag zu sichern. Es ist jedenfalls keine gute Strategie, immer zu kuschen, sobald ein Staat Atommacht ist. Um Schurken zurückzuhalten muss man auch Risiko investieren. Sonst haben die Schurken gewonnen. Das ist auch im Kleinen so: Denken Sie mal an die Frage, was wir Polizei und Justiz erlauben, wenn es um Clans geht.