Zum Tode Friederike Mayröckers - Acht Jahrzehnte Dichten

Stets schrieb sie gegen die Vergänglichkeit an. Ihr Schreiben war Denken, mehr sogar: pures Leben. Mit Friederike Mayröcker ist nun eine der bedeutendsten Dichterinnen der Moderne und eine der letzten Vertreterinnen der Wiener Avantgarde gestorben. Sie wurde 96 Jahre alt.

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Friederike Mayröcker im August 2020 Foto: Herbert Neubauer/apa/dpa

Autoreninfo

Björn Hayer: Der 1987 in Mannheim geborene Autor ist promovierter Germanist und arbeitet heute als Literatur- und Theaterkritiker sowie Essayist für verschiedene deutschsprachige Zeitungen und Magazine. Er schätzt mutige Utopien und steile Thesen.

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Ihre Bücher gleichen einem einzigen Rausch. Sie sprudeln, schäumen, entgleiten. Wer einmal von der Kaskade ihrer Metaphern und Lautmalereien, von dieser, wie sie selbst es einmal nannte, „Zappelbewegung“, mitgerissen wurde, dürfte rasch bemerkt haben: Ihr Schreiben war Denken, mehr sogar: pures Leben. Und zwar in einem durchaus physischen Sinne. Ganze Berge aus Büchern, Zeitungsschnipseln und Notizen säumen die Wohnung, in der Friederike Mayröcker, eine der wichtigsten Dichterinnen des 20. Jahrhunderts, bis zu ihrem Tod mit 96 Jahren lebte.

Seien es die Magnolien im Garten, Erinnerungen an Kollegen und Freunde oder schlichtweg der schicksalshafte Lauf der Zeit – wogegen die Schriftstellerin stets anschrieb, war die Vergänglichkeit. Neben tagebuchartigen Alltagseindrücken thematisiert sie schon seit den ausgehenden 80er-Jahren das zunehmende eigene Verdämmern. Von der „Herbstgirlande in meinem Kopf“ oder dem „vielleicht letzten Sommer, Fäulnis letzten Endes, Fäulnis“ ist etwa in ihrem eben noch für den Preis der Leipziger Buchmesse nominierten Buch die Rede („da ich morgens und moosgrün. Ans Fenster trete“).

Durch Dichtung sich ans Dasein klammern

Sobald die 1924 geborene Autorin, die bereits im Alter von 15 Jahren mit dem Verfassen von Texten begann, ihre Eindrücke ins Wort zu fassen begann, verhalf sie ihnen zur Beständigkeit in der Schrift. Auch sie konnte sich dadurch buchstäblich an das Dasein klammern, wie sie im 1991 publizierten „Stilleben“ betont. So ist „meine Schreibarbeit […] ein einziges sich immer von neuem wiederholenwollendes Beweismaterial meiner selbst“.

Doch damit nicht genug. Denn wenn es für die ausgebildete Englischlehrerin einen zu bewahrenden Menschen gab, dann war dies ihr Lebenspartner Ernst Jandl, der Schriftsteller und Sprachspieler. Gemeinsam mit ihm gehörte sie, geprägt von Bewegungen wie dem Surrealismus und der konkreten Poesie, zu den Mitbegründern der Wiener Avantgarde. Nachdem er 2000 verstarb, fand er seinen Ruheort in Mayröckers Werken. Stets mit Ely spricht sie ihn darin an, so als wäre er nie fortgegangen. 

Immer inside Mayröcker

Eingebettet ist dieses Du in Collagen aus Zitaten und Anspielungen. Um ihre Arbeitsweise zu beschreiben, spricht Mayröcker mal von „Monogrammen aus Efeu“, mal von einer „parasitären Poesie“. Indem sie las, sammelte sie Eindrücke, und verwob beispielsweise Sätze von Friedrich Hölderlin, Jacques Lacan und Elke Erb zu einem neuen Gewebe zusammen. Wohl auch deshalb muten ihre immerzu fragmentarischen und sprunghaften Werke für viele Leser zunächst unzugänglich an. Man könnte daher bei den Bewusstseinsströmen der mitunter für den Nobelpreis gehandelten Autorin von einem radikalen Subjektivismus sprechen. Wir sind permanent inside Mayröcker, mitsamt all den labyrinthischen Verzweigungen, in denen wir Gemälde von René Magritte genauso wie Tonspuren von Frédéric Chopin und Franz Schubert vernehmen. 

Es sind kulturelle Spuren. Ihnen zu folgen, bedeutete für Mayröcker, sich Refugien inmitten einer Welt aus Schmerz und Verlust zu schaffen. Mit Ironie und Pathos gleichermaßen vollzieht ihr lyrisches oder erzählendes, zumeist autobiografisch angelegtes Ich deswegen nur allzu oft wundersame Verwandlungen. „Ich werde das Meer“ hält dieses Ich einmal fest (in ihrem Buch „ich sitze nur GRAUSAM da“, 2012). Auch Übergänge vom menschlichen Bewusstsein in Blumen und Farben finden sich in ihrem Œuvre. Was Mayröckers Verständnis von Literatur somit zugrunde lag, ist der Musilsche Möglichkeitssinn. Sie vermag zu verzaubern und uns auch aus den physischen, realen Verankerungen emporzuheben.

Dass diese große Intellektuelle nun von uns gegangen ist, hinterlässt eine Leere. Aber in der Entgrenzung ihres Schreibens bleibt sie weiterhin unter den Lebenden.
 

Klaus Funke | Fr, 4. Juni 2021 - 17:02

Sie ruhe in Frieden neben Ernst Jandl auf dem Wiener Zentralfriedhof und sie wird keine Zeile mehr dichten. Die gute alte Mayröcker erinnert mich immer an Adele Sandrock, den Filmstar aus den Zwanzigern und davor, auch in ihrer Sprache waren sie sich ähnlich. Und mir fällt ein, wie die Sandrock, als Patin zu einer Taufe geladen, den Säugling nackt liegen sah und ausrief: "Ein Knäblein, wenn mich meine Erinnerung nicht täuscht!" so weit weg war auch die Mayröcker vom realen Leben. Sie lebte in ihren Dichtungen, die ihre Welt waren, und nichts um sie her war von Bedeutung. Entrückt zum Teil auch ihre Texte wie sie selbst. Wie gesagt, sie ruhe in Frieden! Und sie kann froh sein, dieser scheußlichen Jetztwelt entronnen zu sein. Wir Übriggebliebenen müssen uns darin weiter abquälen und uns im Ertragen aller Übel üben. Mayröckersche Texte und Gedichte werde ich indes auch künftig nicht lesen. Zu mühevoll!

..... Ihr Sandrock Zitat ist aber nicht politisch korrekt. In diesen Zeiten müßte die Gute sich wohl fragen lassen, ob sie sich anmaßen wolle, das Geschlecht im Voraus zu bestimmen!? ;-)

Bernd Muhlack | Fr, 4. Juni 2021 - 18:55

Vorab, leider war mir diese Frau unbekannt.
Insofern lediglich eine Anmerkung zum Lebensalter.

Wenn man dieses biblische Alter geistig fit u körperlich "hinnehmbar erträglich" erreicht, dann kann das schön sein.
Meine Oma Miechen schaffte 86; geistig, denkend perfekt (falls nicht übermäßig sediert) jedoch ein körperliches Wrack.
Die letzten 3 Jahre zu Hause bettlägerig; übrigens hatte sie dieses (KH)-Elektrobett selbst bezahlt!
Damals war nickesse mit Pflegevsg!

Meine Mutter wird demnächst 87, die Schwiegermutter 92 - der Zahn der Zeit nagt an ihnen.

Zitat: „ich sitze nur GRAUSAM da“
NEIN, in diesem Stadium war/ist keine der oben Genannten!
Damals Zivildienst, eine Schwerstpflegegruppe.
Zwei Mädels zuckten täglich in ihren Rollis:
Ob sie das dachten?
Sie waren ja 24-h-"stoned"!

Nein, ich werde mir kein Buch von Frau Mayröcker kaufen!
Oder doch?
Es gibt T-Shirts mit allen möglichen Aufdrucken:
"Schock Deine Eltern - lies ein Buch!"👍

... u hier kommt das Buchregal hin!
BUCHREGAL???

Dorothee Sehrt-Irrek | Sa, 5. Juni 2021 - 19:27

In reply to by Bernd Muhlack

Verweise auch auf den Nachruf auf standard-online.
Für den Fall, dass jemand beabsichtigt, geistig und körperlich so rüstig ins Alter vorzurücken, empfehle ich jedenfalls den Artikel von scinexx - mir über Pocket empfohlen - "Bewegung, Schlaf und spezielle Ernährung..."
Ich hoffe immer, dass man unter Bewegung auch die geistige verstehen darf.
Es wäre doch nett für alle poetisch "Unbedarften" oder speziell von ihr "Unberührten", wenn der Cicero auf ein oder zwei Gedichte verlinken würde oder habe ich es überlesen?