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Das Kollektive Unbewusste kann oft schon im nächstbesten Kühlschrank lauern / dpa

Moral zum Mitnehmen - Das I-Wort und das Z-Schnitzel

Nichts beschäftigt die Deutschen so sehr, wie die Suche nach sich selbst. Der Publizist Reinhard Mohr hat diesem oft verkrampften Selbstfindungsprozess ein Buch gewidmet. In „Deutschland zwischen Größenwahn und Selbstverleugnung“ zeichnet er das Bild eines Landes, das zwischen Unsicherheit und Ideologie festklemmt. Ein Auszug.

Autoreninfo

Reinhard Mohr (*1955) ist Publizist und lebt in Berlin. Vor Kurzem erschien sein Buch „Deutschland zwischen Größenwahn und Selbstverleugnung. Warum es keine Mitte mehr gibt“ (Europa Verlag, München).

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In seinem aktuellen Buch „Deutschland zwischen Größenwahn und Selbstverleugnung“ geht der Publizist Reinhard Mohr auf gewohnt humorvolle Weise der Frage nach, warum es nach 75 Jahren erfolgreicher demokratischer Entwicklung in Deutschland immer noch an republikanischem Selbstbewusstsein mangelt. Im Zentrum seines gerade im Europa Verlag erschienenen Buches steht die Frage: Wo ist – zwischen Rechts- und Linksaußen, AfD und Antifa – eigentlich die politische Mitte geblieben, die so ausgezehrt, leblos und konturlos wirkt? Wofür stehen eigentlich CDU und CSU nach 16 Jahren Kanzlerschaft von Angela Merkel? Erst recht die SPD? Angesichts der bevorstehenden Bundestagswahl sind diese Fragen dringlicher denn je. Wir bringen im Folgenden einen Auszug aus Mohrs Buch. 

Warum der Zeitgeist keine Mitte mehr kennt

Einen Vorteil haben Krisenzeiten, zumal dann, wenn sie einen pandemischen Stillstand der gewohnten Geschäftigkeit mit sich bringen: Man besinnt sich wieder auf alte Freunde, frischt eingeschlafene Bekanntschaften auf und liest lange E-Mails, die sonst rasch im Papierkorb landen würden. Dazu gesellt sich zumindest zeitweise ein erhöhter Fernsehkonsum, vom »Morgenmagazin« bis »Markus Lanz«. Ein uralter Instinkt politischer Neugier sorgt dafür, dass neben Filmen wie »Sauerkrautkoma«, »Leberkäsjunkie« und »Grießnockerlaffäre« aus der herrlich ironischen Serie der bayerischen »Eberhofer«-Krimis auch die einschlägigen Talkshows zu ihrem Recht kommen, jedenfalls so lange, bis der wöchentliche Inzidenzwert der TV-Auftritte von Karl Lauterbach gesundheitsschädliche Ausmaße angenommen hat.

So kam es zu stundenlangen Telefongesprächen, in denen immer wieder ein Thema allseitige Ratlosigkeit hinterließ. So wichtig es war zu wissen, wann man endlich wieder zum Friseur und in die Kneipe gehen oder in den Urlaub fahren kann – regelrechte depressive Verstimmungen kamen bei der Frage auf, wo eigentlich die politische Mitte geblieben sei und mit ihr jene pragmatische, bürgerlich-liberale Vernunft, die sich zwar den gesellschaftlichen Veränderungen keineswegs verschließt, aber doch eine Kontur, eine Repräsentanz, eine starke Idee, vielleicht sogar eine starke Persönlichkeit braucht. Manch einer fragte: Gibt’s das überhaupt noch, das Konservative? Auch das verschärfte Radiohören brachte hier keine weiter führenden Erkenntnisse, sieht man von den rasant um sich greifenden Mini-Pausen im guten alten Deutschlandfunk ab, die inzwischen nicht mehr durch die Räusper-Taste verursacht werden, sondern mitten im gesprochenen Wort stattfinden und so zu spontaner innerer Unruhe beim alten weißen Hörerführen.

Abflugbereite »Urlauber*Pause*innen« warten dann schon mal vergeblich auf »Pilot*Pause*innen«, die sie von Ibiza nach Hause fliegen sollen, weil »Gewerkschafter*Pause*innen« sie zum Warnstreik aufgefordert hatten. In Talkshows wird das Elend der kommenden Finanzlöcher gendergerecht auf die Steuerzahler*Pause*innen verteilt, und in der Berliner Abendschau des rbb flüchten »Anwohnende« vor dem Feuer im Haus, sind also zugleich »Flüchtende«, letztlich »Geflüchtete« im eigenen Stadtteil, also streng grammatikalisch gar keine Anwohnenden mehr. »Wenn’s der Wahrheitsfindung dient« würde womöglich Altkommunarde Fritz Teufel brummen, lebte er noch. 1968 ging es um die förmliche Pflicht des Angeklagten, aufzustehen, wenn das hohe Gericht erscheint; heute geht es darum, kein Sternchen und kein Doppelpünktchen zu vergessen, wenn man eine ordnungsgemäße Bachelorarbeit abgeben will.

Wir schweifen ab. Oder doch nicht? Ist das vielleicht die neue politische Mitte: Der Konsens der Duden-Demokraten, die ein bürokratisches, Fatwa-ähnliches Sprachregime errichten, dem keiner entkommen soll? Eine »Dudenisierung« der Politik überhaupt, die bei dem Bestreben, alles nur noch sauber und korrekt zu formulieren, ohne irgendjemanden auf der Welt zu verletzen, zu verstören oder in seiner Einzigartigkeit anzugreifen, gar keine Peilung, keine Richtung mehr hat? Es scheint, als sei Politik überhaupt in einer Art Redundanz gefangen, die zwischen den Polen neudeutscher Moral und altdeutschem Sauberkeitszwang hin und her oszilliert. Hier die Apriori-Moralisierung auch noch der letzten Einzelfrage, sei es der Bau eines Einfamilienhauses in Hamburg-Langenhorn, der künftig verhindert werden soll, die Vermeidung des unaussprechlichen I-Wortes »Indianer« oder das »postkolonialistische« Verhältnis zu Afrika; dort dann der deutsche Hang, das Ganze – wenn schon, denn schon – konsequent »durchzuziehen«, porentief rein, bis ins letzte Detail.

Jede Abweichung wird geahndet. Stets geht es zuallererst darum, auf der vermeintlich richtigen Seite zu stehen, was immer auch ein Reflex auf die schier unübersehbare Komplexität der Gesellschaft ist. Schon vor Jahren berichtete der Münchener Philosophieprofessor Michael Reder, seine Studenten, die er wohl jetzt auch »Studierende« nennt, erwarteten oft eine »normative Take-Home-Message«, eine Moral zum Mitnehmen also: »Was früher Pfarrern vorbehalten war, wird nun auch von uns Ethikern verlangt.« Das »absolute Verlangen nach Ehrlichkeit und Transparenz« (Reder) ist so stark, dass Heuchelei und »double standards« programmiert sind. Viel schlimmer: Dummheit. Der böse Niccolò Machiavelli hätte uns gewarnt: Eine Überdosis Moral, struktureller Moralismus, beschädigt Ihr Denkvermögen. 

Wenn Doppeldeutigkeit und Ironie nicht mehr geduldet werden, und erst recht nicht »Stammtisch-Humor«, Zoten, Witze und Karikaturen, die nicht ganz auf der geistigen Wellenlänge von SPD-Chefin Saskia Esken liegen, dann braucht es eigentlich jenen »neuen Menschen«, den der Sowjet-Kommunismus, Mao Zedong und Ché Guevara stets vor Augen hatten: Er denkt, sagt, fühlt und tut immer das Richtige zum Wohle der Menschheit. Solange es noch nicht so weit ist, haben all die Sprachregelungen für eine diskriminierungsfreie, endlich gerechte und gute Welt, in der Migranten und Einwanderer nun als »Menschen mit internationaler Geschichte« bezeichnet werden sollen, ein Ziel: nicht »anstößig« zu sein.

So hat sich ein neuer Komment herausgebildet, der zwar in keinem Gesetzesblatt steht, aber inzwischen eine enorme Disziplinierungsmacht erreicht hat. Selbst Thomas Gottschalk, die Inkarnation des netten und stets gutgelaunten Deutschen, dessen loses Mundwerk ihn berühmt und wohlhabend gemacht hat, kapituliert und verspricht öffentlich, nie mehr das »Z-Wort« zu benutzen, ob wohl ihm im ganzen Leben niemals ein »Z-Schnitzel« serviert worden sei und er auch gar nicht vorgehabt habe, noch jemals im Leben ein solches zu bestellen.

Nicht einmal mehr das Zitieren des inkriminierten Wortes ist erlaubt. So entsteht eine merkwürdige Schweigespirale aus unsagbaren Wörtern, die eher an die Inquisition der katholischen Kirche im Mittelalter erinnert als an eine aufgeklärte Gesellschaft des 21. Jahrhunderts. Dabei haben wissenschaftliche Untersuchungen gezeigt, dass vorhandene Ressentiments auf die neuen Wortschöpfungen praktisch 1:1 übertragen werden. Die Bezeichnung »Roma und Sinti« ist längst wieder so negativ konnotiert wie das alte Z-Wort. So vermeiden die großen Nachrichtensender inzwischen auch diese völlig korrekte Bezeichnung, selbst wenn sie, etwa bei einem geballten Ausbruch des Coronavirus in einem großen, ziemlich verwahrlosten Wohnhaus, sachdienliche Hinweise auf Ursachen und Verbreitungswege liefern würde.

Die Angst, Ressentiments zu schüren, geht so weit, dass bei Berichten der Nachrichtenagentur dpa über die zahlreichen Vorfälle mit ausufernden Hochzeitsgesellschaften, die ganze Autobahnabschnitte blockieren, das Attribut »türkisch«, »türkischstämmig« oder »arabisch« peinlichst vermieden wird – obwohl gerade dies eine zentrale Information ist, auf die die gesamte Gesellschaft Anspruch hat. Denn der aktuelle Stand der Integration ist auch an solchen Geschehnissen abzulesen. Das Resultat dieser pädagogisch gefilterten Nachrichten ist allerdings paradox: Wenn nun im Radio von einer – gar großen – Hochzeitsgesellschaft die Rede ist, assoziieren die meisten Hörer, gewiss auch die Hörerinnen, unwillkürlich »türkisch« oder »arabisch«. Zu anderen Zeiten wurde dieser Vorgang mit »zwischen den Zeilen lesen« umschrieben. Die einst linke Parole von SPD-Gründer August Bebel – »Sagen, was ist« – hat sich ins glatte Gegenteil verkehrt: Bloß nicht drüber reden.

Mohr

 

Reinhard Mohr: Deutschland zwischen Größenwahn und Selbstverleugnung. Warum es keine Mitte mehr gibt. Europa Verlag. 160 Seiten. 16,00 €. ISBN 978-3-95890-399-9

Tonicek Schwamberger | Do, 27. Mai 2021 - 15:33

. . . wenn Sie wüßten, wie Recht Sie haben!
Ich verweigere mich dem Ganzen, egal, wie man es nennt, ob "Gendern" oder nicht, ob mit Sternchen oder Bindestrich.-
Dozenten, die in der Sparte Linguistik tätig sind, haben sich in unzähligen Kommentaren negativ im Zusammenhang mit dem Gendern geäußert, und das ist für mich auch gut so.-
Ich für mein Teil werde es mir nicht verbieten zu lassen, das N-Wort, sowie auch das Z-Wort zu benutzen, da kann kommen, was will.

Wenn ich beim Bäcker nach Negerküssen frage, oder, als es die Möglichkeit noch gab auswärts Essen zu gehen, da wurde ohne Zucken u./od. Murren ein sehr gut schmeckendes Zigeunerschnitzel an den Tisch gebracht...lecker.

Niemand stört sich beim Bäcker, auch nicht unter den anwesenden Kunden, über derlei Begriffe.

Derlei "Probleme" finden m. E. nur Multikulti-Geschädigte-failed-town-Bewohner in Berlin.

Wirklich lächerlich.

Volle Zustimmung zu Ihrem Kommentar. Und Sie sind nicht allein. Ich mache diesen Affenzirkus auch nicht mit und kenne in meinem Freundschafts- und Bekanntenkreis auch niemand, weil die das ebenfalls ablehnen. Wer sich beim "Babbeln" die Zunge verknoten will, soll es tun. Ich nicht. Und nein, niemand ist deswegen Rassist oder was auch immer. Das sollten wir uns nicht einreden lassen. Wir sind die Normalen, die anderen nun ja......

Christa Wallau | Do, 27. Mai 2021 - 15:42

die all den verordneten Schwachsinn mit ätzenden, kritischen Texten und Liedern in der Luft zerreißen?

Wo gibt es noch Menschen im öffentlichen Leben mit Z i v i l c o u r a ge, die nicht beim kleinsten Lüftchen Gegenwind wieder einknicken und sich erklären bzw. entschuldigen, sondern darauf bestehen, daß sie für sich schlicht das Recht in Anspruch nehmen, so zu reden, wie sie es selber für richtig halten.
Allgemeine Sprech-Vorschriften sind allgemeine Denkvorschriften - und d i e braucht kein freier Bürger zu dulden.
Sollte sich jemand von der Sprache seines Gegenübers betroffen bzw. beleidigt fühlen, kann er das ja jederzeit mit dem Einzelnen oder der Gruppe besprechen und klären, zur Not denjenigen auch in den Senkel stellen oder anzeigen.
Bitte sehr!
Aber ein ganzes Volk sprachlich zu gängeln - das ist Totalitarismus vom Feinsten. Als f r e i e r Mensch lehne ich das kategorisch ab!

Romuald Veselic | Do, 27. Mai 2021 - 15:48

der immer Besseren u. Ewigguten. Die Hölle wurde durch "Gute" erfunden, um Angst zu erschaffen.
Z1: "Wir schweifen ab. Oder doch nicht? Ist das vielleicht die neue politische Mitte: Der Konsens der Duden-Demokraten, die ein bürokratisches, Fatwa-ähnliches Sprachregime errichten, dem keiner entkommen soll?"
Sakral-ideologische Scharia, indem die Häscher auch Ankläger, Richter u. Vollstrecker in Person sind. Eine Junta der Guten, die denen "Überlegen" sind, die noch im schulischem Deutsch sprechen. Altdeutsch gg Neudeutsch. Neo-Roten-Khmer, mit ihrer Theorie v. Altem- u. Neuem Volk.
Z2: "Zu anderen Zeiten wurde dieser Vorgang mit »zwischen den Zeilen lesen« umschrieben. Die einst linke Parole von SPD-Gründer August Bebel – »Sagen, was ist« – hat sich ins glatte Gegenteil verkehrt: Bloß nicht drüber reden."
Das "zw. d. Zeilen lesen" ist ein Aspekt der Anpassung in Evolution. Die Dinosaurier sind deshalb ausgestorben, weil sie dessen nicht mächtig waren, zwischen den Zeilen zu lesen.

Bernd Muhlack | Do, 27. Mai 2021 - 15:59

Die abgebildete Knorr-Zigeunersauce firmiert inzwischen unter "Paprika-Sauce ungarische Art".
Ist das nicht bemerkenswert?
Was wohl unsere Freund_innen aus diesem Visegrad-Staat dazu sagen?
Übrigens bestehen diese Saucen zu 30 % (?) aus Zucker! Wer kauft, isst so etwas?
Und Grillen ist ja sowie BAH - etwas für ewig Gestrige!
Okay, über Maiskolben, das "Tofu-Steak Lauterbach" u Stockbrot kann man reden ...

Ein sehr schöner Artikel, ich werde wohl das Buch kaufen, lesen und dann verschenken - ich kenne die perfekte Adressatin!

Ich las, dass Petra Gerster gestern ihren letzten Tag bei ZDF-heute hatte:
"Guten Abend liebe Zuschauer_innen!"
Ich weiß nicht, ob sie so spricht, ich schaue mir das ja nie an.

"Die geistige Wellenlänge von SPD-Chefin Saskia Esken..." - wunderbar!
Wenn man an ein Dauer-EKG angeschlossen ist, kann man sehr schön die Wellenlänge, Peaks sehen.
Wenn es plötzlich zur Linie mutiert und ein Dauer-Pieps hat man Saskias geistige Wellenlänge erreicht!
Sorry, mea culpa

....köstlich Herr Muhlack.
Vermutlich ist ein EKG die einzig noch verbliebene Meßmethode um zu testen ob noch leben in der SPD ist.
Das EEG hat man vermutlich vor Jahren schon von der Dame SPD (oder Esken?) abgeklemmt. Grund. Kein Ausschlag mehr.
Ich freue mich wieder auf Karneval. Da werd ich Indianer. Oder ich schließe mich den Ihrefelder oder Frechener Negerköpp an. Mal sehen. Aber wo krieg ich jetzt ein Zigeunerschnitzel her.
In Anlehnung an einen alten deutschen Schlager: Wir lassen uns die Wortwahl nicht verbieten. Und das Singen sowieso nicht.

Günter Johannsen | Do, 27. Mai 2021 - 16:09

Darauf gibt´s nur eine Antwort, die der bekannte Bestseller-Autor und TV-Moderator Peter Hahne schon überzeugend formuliert hat:
„Rettet das Zigeuner-Schnitzel … Empörung gegen den täglichen Schwachsinn.“ Wenn wir lügen, sagen wir die Wahrheit über uns selbst, meint Peter Hahne – und er behält damit recht. Lüge ist nämlich auch, wenn man echten Rassismus mit Pseudo-Rassismus-Formeln zudecken will, anstatt den wahren Rassismus bloß zu stellen. Meine persönliche Überzeugung ist, auch Gender-Sprache will nur den importierten Antisemitismus zudecken, der auf unseren Straßen schon wieder öffentlich Israel-Fahnen verbrennt. Und die linken Radikalinskis (rote Fahnen!), die von gewissen Parteien wohlwollend Unterstützung erfahren, werden immer dreister und gewalttätiger. Soll das auch mit solchen unnütz-oberflächlichen Peinlichkeiten zugedeckt werden? Karl-Marx, die Ikone der Linken war ein schlimmer Antisemit, wie wir wissen. Sagt das nicht eigentlich alles aus über diese Verlogenheit?

Christoph Kuhlmann | Do, 27. Mai 2021 - 16:48

Fragt sich nur von was. A) Führt es zur Herrschaft der Dummen, denn es ist überhaupt kein Problem auf Tabubrüche mit Unterstellungen zu reagieren, während die Gegenseite dann erklären muss das Meinungsfreiheit eindeutig das höhere Gut ist, da Demokratie und Menschenrechte diese nun einmal voraussetzen und b) führt es zur Spaltung der Gesellschaft. Da der strukturelle Moralismus offenbar in Medien, Bildungs- und Wissenschaftssystem besonders stark vertreten ist, kommt es zum völligen Verzicht auf die Leistungen dieser Institutionen. Als Beispiel sei die Regierung Trump erwähnt. Das ist natürlich auch hochgradig dysfunktional. Bei aller berechtigten Kritik an linken Sprachdogmatikern muss man auch darauf achten, das rechts kein Bodensatz an die Oberfläche kommt. Interessant ist ja, dass diese ganze Debatte ohne Rücksicht darauf geführt wird, dass deutsch in drei Staaten gesprochen wird und es für Zuwanderer (und Schüler) immer schwieriger wird eine korrekte Orthographie zu lernen.

Gerhard Hellriegel | Do, 27. Mai 2021 - 17:49

Sprachwandel besteht darin, dass 1. welche etwas anders machen und dass 2. die Allgemeinheit ihnen folgt. So sprach der Hochmensch erst Latein, dann Französisch, schließlich puristisch-tümelndes Deutsch, heute gender. Und immer war es mit erheblichem emotionalen Aufwand verbunden. Wir Verweigerer sollten uns also mit unserer moralischen Zweitklassigkeit abfinden. Allerdings haben nicht die Bewahrer, sondern die Vorkämpfer die Nachweispflicht: dass die Allgemeinheit ihnen folgt. Der steht aus. Und wenn es doch so sein sollte, dann braucht man keine Vorschriften. Sicher wird der Werberaum (im weitesten Sinne) weiterhin gendern, schließlich will man keine Kund:innen vergraulen. Aber im Alltag?
Wo ist also die Grenze zwischen Sprachwandel und Sprachdiktat? Wenn es Vorschrift wird. Per Duden, in Verwaltungen, an Schulen, Hochschulen usw. Ich schlage also vor, im Sprachraum Vorschriften zu verbieten. Nein, dann marschieren eben nicht alle im Gleichschritt. Ob wir das ertragen können?

Reinhard Getzinger | Do, 27. Mai 2021 - 18:27

In reply to by Gerhard Hellriegel

Sie haben recht, die social warriors werden auf lange Sicht Schwierigkeiten haben den Menschen ihre gedersensible Kanzleisprache aufzuzwingen.
Eine Sprache, die man nur mühsam lesen, kaum sprechen und singen schon überhaupt nicht kann, ist gar keine Sprache, sondern bloß Schrift.
Es ist ein Milieujargon, der nach Büroschluß in der linguistischen Rumpelkammer - wo schon die realsozialistische Jahresendflügelfigur rumsteht- verstauben wird...

Ihr Weihnachtsengel erinnerte mich an andere Rumpelkammern. Z.B. "buk" statt "backte". "Sie buken einen Kuchen". Da hat sich die produktive Regel durchgesetzt. (Die alte Variante folgt gar keiner Regel). Und das sogar gegen die Vorschrift.
Dass uns das nicht nochmal passiert. :-)

Günter Johannsen | Fr, 28. Mai 2021 - 19:03

In reply to by Gerhard Hellriegel

Das muss man die gewisse Stiftung für Sprachhygiene und Betreutes Denken fragen, an deren Spitze eine Dame namens Victoria steht! Jede Diktatur entwickelte bisher seine eigene Sprache: das dritte Reich (siehe „LTI – Sprache des dritten Reiches“ Viktor Klemperer) oder auch die DDR („Sprache der Aktuellen Kamera“ Stefan Heim). Heute ist es die „Politische Korrektheit“, die unser Denken und Reden wieder in ein enges Korsett zwängen will. Achtung ist daher geboten, denn es geht schleichend voran: Wen verwundert es schon noch, wenn das Erscheinungsbild der sogenannten „Öffentlich Rechtlichen“ dem DDR-TV immer ähnlicher wird?

Norbert Heyer | Do, 27. Mai 2021 - 19:15

Selbstverständlich bestelle ich mit weiterhin ein Zigeunerschnitzel, auch wenn es in unserem Restaurant mittlerweile Budapester Schnitzel heißt. Genderkram und „innen“ - diese Sprachakrobatik überfordert meinen Intellekt. Klasse finde ich, wenn die Supermoralisten und Spaßverderber vergessen, Nebeneinkünfte zu melden, oder die Zweitwohnungssteuer nicht entrichten. Solche Petitessen sind natürlich entschuldbar, weil - es sind diejenigen, die
Haltung zeigen und in Wirklichkeit nur angepasst sind. Übrigens - Frankfurter Würstchen sind nicht gefährdet - es betrifft ja nur die, die den zerfallenden Laden noch zusammenhalten. Niemals in der Geschichte der Bundesrepublik hatten wir eine Regierungschefin, die derartig polarisiert und spaltet. Sie hat zielgerichtet und mit voller Absicht unserem Land nachhaltig geschadet und ihre Verachtung für ihre eigenen Bürger offen gezeigt. Ihre Partei der Jasager und Verleugner trägt große Mitschuld, eine solche
Regierung hat kein Volk verdient.

lisa zimmermann | Do, 27. Mai 2021 - 22:45

Wann wird endlich mal wieder die Operette "Der Sinti- und Roma-Baron" aufgeführt ?
Etwaige Franz-Lehar-Statuen haben schlechte Karten.

Gerhard Schwedes | Fr, 28. Mai 2021 - 09:42

Die Besserwisser und Weltverbesserer haben sämtliche Institutionen durchdrungen und halten ihre Macht unerbittlich fest. Sie haben eine ganze Gesellschaft mittlerweile im Schwitzkasten. Das Erstaunliche dabei: Die gesellschaftliche Mehrheit lässt sich von ihnen gängeln, ohne aufzubegehren. Wer noch etwas werden will, plappert nach und macht den Kotau vor dem Geßlerhut. Ein erstaunliches Phänomen: Die Nachkommen der 68-er, die auch schon glaubten, allein die Weisheit mit Löffeln gefressen zu haben, obwohl sie nur dummes Zeug von sich gaben, haben den Marsch durch die Institutionen vollzogen. Bei der Studentengeneration handelte es sich noch um Spätpubertierende, die sich narzistisch aufblähten, aber heute sind es erwachsene Menschen, von denen man annehmen müsste, dass sie aufgeklärt seien und einen gesunden Menschenverstand besäßen. Leider ist dies nicht der Fall. Deshalb sind wir nun in Schilda angelangt. Dass es fast keinen Widerstand gibt, ist beschämend. Es wimmelt von Feiglingen.

deretwegen sich eine wachsende Zahl von Zeitgenossen, mit denen man sich in einem geschützten privaten Rahmen problemlos ohne Maulkorb, Denkverbote und zum Tabu erklärte Themen "über Gott und die Welt" austauschen kann, kaum sind sie irgendwo in der Öffentlichkeit unterwegs, in ein "Alter Ego" ("anderes Ich") zu verwandeln scheinen, das sprachlich schwerverständlich daherschwatzt, inhaltlich nur "TÜV-geprüft" politisch Korrektes von sich gibt etc., oder aber weitgehend verstummt, weiss ich nicht. Womöglich ist es vorab der zweiten Gruppe schlicht zu mühsam, sich mit den "Erleuchteten" anzulegen, die dem Rest der Menschheit beibringen wollen, wie er zu reden, zu denken und zu handeln hat. Dass damit die individuelle Freiheit auf längere Sicht faktisch auf der Strecke zu bleiben droht, so weit scheinen viele der "Anpasser" leider nicht zu denken. Wer sich gegen Übergriffe, welcher Art auch immer, nicht rechtzeitig und entschieden genug zur Wehr setzt, ist am Ende der Dumme im Umzug.

Christian Haustein | Fr, 28. Mai 2021 - 10:16

Mittlerweile bin ich praktiziernder Buddhist... Für uns gibt es keine Identitätspolitik. Gendern und Nationalismus fallen weg... Am Ende spielt nicht das eigene Selbst eine Rolle... Mehr Liberalismus und Freiheit geht nicht :-)