Umgang mit dem Tod in Zeiten von Corona - Vom humanistischen Furor der Sterblichen

Der Tod ist die letzte Kränkung, eine „verdammte Schweinerei“, die abgeschafft gehört. Gerade die Corona-Krise macht deutlich, wo sich unsere Achillesferse verbirgt. Dennoch ist das Projekt Unsterblichkeit stets gescheitert. Wie umgehen mit dem großen Gleichmacher?

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Sein Leben für eine Idee zu geben, erscheint heute als Anachronismus / dpa

Autoreninfo

Alexander Grau ist promovierter Philosoph und arbeitet als freier Kultur- und Wissenschaftsjournalist. Er veröffentlichte u.a. „Hypermoral. Die neue Lust an der Empörung“ und „Kulturpessimismus. Ein Plädoyer". Zuletzt erschien von ihm „Politischer Kitsch. Eine deutsche Spezialität“ bei Claudius.

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Alexander Grau

Das Leben ist der Versuch, möglichst lang am Leben zu bleiben. So einfach ist das. Deshalb, so ließe sich folgern, ist jeder höheren Lebensform der Wille zum Überleben biologisch implantiert. Er gehört quasi zur evolutionären Grundausstattung dazu. Dieser Überlebenswille zeigt sich zunächst als reiner Überlebensinstinkt. Eine Fliege weicht der Fliegenklatsche aus, ohne sich dabei ihrer Sterblichkeit bewusst zu sein. Soweit wir wissen, weiß allein der Mensch um seine Endlichkeit. Einzelne Tierarten vermögen zwar zu trauern, doch allein der Homo sapiens weiß um die Unvermeidbarkeit seines persönlichen Todes.

Das ist eigentlich ziemlich traurig, doch dieses Wissen um die eigene Sterblichkeit ist eng verbunden mit der Handlungsfreiheit des Menschen. Tiere retten ihr Leben zwanghaft. Sie können sich also nicht nicht retten. Anders der Mensch. Er kann sein Leben opfern. Darin liegt seine Autonomie. Es ist diese Möglichkeit, die den Menschen über alle anderen Tiere erhebt, die seine Größe ausmacht, aber auch seine Gefährlichkeit: Menschen können freiwillig und bei vollem Bewusstsein in den Tod gehen, für eine Gemeinschaft, für eine Idee, für eine Religion. So gesehen ist der Märtyrertod der menschlichste aller Tode. Der Wert, der dem einzelnen Leben zugestanden wird, ist dabei von kulturellen Normen abhängig. Sie bestimmen, wann es erlaubt ist, Menschen zu töten, wann es geboten ist, das eigene Leben zu opfern, und welcher Aufwand betrieben werden muss, um Leben zu retten.

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H. Stellbruch | Mo, 22. Februar 2021 - 08:49

Der Humanismus ist vor allem eine ganzheitliche Sichtweise der Würde des Menschen und seines Denkens und Handelns. Es geht um das Wesen des Menschen, sein Leben und nicht nur sein Überleben. Die Reduktion humanistischer Werte auf das Überleben einer Infektion ist ein süßlich-sentimentaler Abklatsch dieser komplexen Vorstellung durch eine zunehmend risikoaverse Gesellschaft, die sich in der Illusion einer Ewigkeitsgarantie romantischen ideologischen Vorstellungen hingibt.
Das ist auch das grundlegend falsche an den Konzepten der Regierung zu Corona-Maßnahmen. Sie vernachlässigen den Aspekt der Menschlichkeit und reduzieren den Menschen auf ein Wesen, das vor allem nach Überleben giert.

Thorwald Franke | Mo, 22. Februar 2021 - 09:38

"Humanismus" ist hier wieder einmal völlig falsch gebraucht. Humanismus ist keine gefühlsduselige, modernistische Humanität, die doof und dumm den Konsum und die Lust verherrlicht. Mein Gott! Humanismus ist eine Haltung, die die Welt vom wahren Wesen des Menschen aus zu erkunden versucht. Das schließt Religion keinesfalls aus. Es gibt ja Leute, die glauben, Humanismus wäre so eine Art Atheismus. Mein Gott! Was der Artikel beklagt, ist mit dem Wort Humanismus völlig falsch bezeichnet. Humanismus und seine große, alte Tradition ist in Wahrheit unsere Rettung. Aber wenn man sich von den Linken die Worte wegnehmen lässt .... selber schuld!

"Humanismus" bezeichnet eine schon aus der Antike stammende Haltung, die den Menschen u. seine W ü r d e in den Mittelpunkt aller Überlegungen stellt.
Diese Haltung ist grundsätzlich kompatibel mit einer Religion, die dieses auch tut, wie etwas das Christentum.
Christlicher Glaube und Humanismus wiedersprechen sich nicht grundsätzlich. Allerdings geht die Haltung des überzeugten Christen weit über den Humanismus hinaus, indem sie den Wert des Menschen aus der Beziehung zu Gott ableitet, während der Humanist nur den Wert des Menschen an sich im Blickfeld hat, der ihn über allen anderen Lebewesen erhebt und ihn befähigt, große Leistungen zu vollbrngen, wie z.B. Mitmenschlichkeit zu zeigen (bis hin zur Opferung des eigenen Lebens für andere), ein tugendhaftes Leben zu führen, Schönes und Großartiges in Musik und Kunst zu schaffen usw.
Weder Christentum noch echter Humanismus haben etwas mit unvernünftiger
Gefühlsduselei zu tun. Sie verlangen viel von dem, der sich zu ihnen bekennt!

Das beginnt schon bei Ihrer "Definition" ersten Satz. Anthropozentrismus geht klar, aber "W ü r d e" (auch noch dezidiert)? Woher nehmen Sie das? Das ist ein schwer fassbares Konstrukt, dem Musteridealisten (d.h. die Deutschen) Übergewicht verliehen haben. Religion stellt Gott oder eines seiner Substitute in den Mittelpunkt; das Christentum bildet dabei keine Ausnahme (nur nebenbei: Würden Sie auch Islam mit Humanismus für kompatibel erklären?). Und den Wert des Menschen aus der Beziehung zu Gott abzuleiten bedeutet, nicht gottgläubigen Menschen ihren Wert abzuerkennen. Auch da kann ich Ihnen nicht zustimmen. Konsequent zu Ende gedachte Aufklärung bedarf keiner Götter. Humanismus schließt Religiosität nicht aus, er braucht sie aber nicht. Sapere aude - DAS ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit.

oder die menschliche Lebensform nur als eine unter vielen auffassen

aber anscheinend wurde sie nicht veröffentlicht.
Ich glaube, wir liegen gar nicht s o o weit auseinander, lieber Herr Stein.
Christen sprechen keineswegs anderen Menschen, also auch Atheisten, ihre Würde
bzw. ihren Wert ab; denn sie glauben ja, daß alle Menschen Geschöpfe Gottes sind,
auch wenn sie nicht so handeln, wie Gott es möchte.

Der Islam dagegen ist nicht mit einem allgemeinen Humanismus vereinbar, weil er
erstens Unterschiede macht zwischen Männern und Frauen und zweitens die "Ungläubigen" auf eine Stufe mit Tieren stelllt (steht im Koran).

Der Humanismus, der schon in der Antike seinen Anfang nahm, in der Renaissance eine Blüte erlebte und durch die Aufklärung erneut befördert wurde
(u. a. durch Leute wie Lessing) verzichtet auf den Gottbezug, wie Sie richtig bemerken. Aber er läßt auch Menschen gelten, die an Gott glauben. Insofern sind
Christentum und Humanismus in meinen Augen durchaus kompatibel.

Schön Grüße!

Bravo. Herr Franke! Wo finden wir heute noch Humanismus? Ich denke, viele von unseren Landsleuten sind lethargisch geworden. Es herrscht eine Friedhofsruhe. Jeder Störenfried dieser Grabesstille wird sofort als Hetzer, Rassist und Nazi diffamiert. Unsere woken Schneeflocken und ihre Fans bereiten sich schon heute intensiv auf den über kurz oder lang einsetzenden eigenen Sterbeprozess vor. Da ist kein Platz mehr für Innovationen, Technik oder MINT Studium. Das so viele Bürger diesen Zerfallsprozess unserer Gesellschaft lieben, indem sie das seit Jahren bewusst bei Wahlen und mit eigenem Handeln unter Beweis stellen, hätte ich nicht gedacht. 1989 dachte ich ,wir kommen in ein offenes innovatives Land. Leider musste ich ab 2005 erkennen, mehrheitlich wird eine ganzheitlich Hospizbetreuung, selbst für Kerngesunde gewünscht. Wenn man dann noch eifrig im Innenhof und vor Publikum die "Stellung bezieht" und "Haltung zeigt", stört doch der Humanismus ganz ungemein.

und sich korrigieren.

Eine Haltung, die "die Welt vom wahren Wesen des Menschen aus zu erkunden versucht.." So so.

Und das "wahre Wesen" des Menschen wäre, bitteschön?

Ein ziemlich laienhafter Versuch, etwas zu erklären, dass Sie gar nicht so ohne weiteres erklären können.

Davon zu trennen ist übrigens der sich "Humanismus" nennende Atheismus, der die Unterwerfung unter eine Religion - also auch das Christentum - strikt ablehnt.

In der Geschichte hat auch das Christentum, wie auch andere Religionen, oft genug bewiesen dass es den Menschen, und um den geht es ja, als sekundär ansieht, vielmehr dessen Unterordnung unter ein Dogmar einfordert.

Das ist alles andere als humanistisch!

Sartre, der jegliche Religion ablehnte, bezeichnete seinen Existentialismus als einen Humanismus - der über einen in die Welt geworfenen Menschen reflektierte, in der es schon lange keinen Gott mehr gab.

Übrigens ist es nur albern, politische Begriffe wie "links" in diesem Zusammenhang zu nennen.

Herr Lenz, ich halte es für fanatisch, den Begriff Humanismus auf den Atheismus zu verkürzen. Es nützt nichts, Religionen dies und das vorzuwerfen, denn Atheisten stehen dem in nichts nach. Sartre hat sich z.B. den Kommunismus schöngeredet, und der war ja auch atheistisch.
Mir geht es beim Humanismus nicht um eine Weltanschauung neben den anderen, sondern um eine Haltung, die sich in (fast) allen Weltanschauungen ausprägen kann. Es gibt sowohl christlichen wie auch islamischen wie auch atheistischen oder auch agnostischen Humanismus. Einen humanistischen Kommunismus oder Nationalsozialismus gibt es hingegen nicht.
Was das wahre Wesen des Menschen ist, auch das wäre zu erkunden. Humanismus ist keine Einheitsideologie. Man könnte aber von einem klassischen Humanismus sprechen, der schon ein paar Pflöcke eingerammt hat, was das Wesen des Menschen anbelangt. Wer glaubt, gewisse Grundtatbestände einfach leugnen zu können, kommt in Rechtfertigungsnot.

... spricht für den atheistischen Atheismus (La Terreur, Holodomor, Shoah, Rote Garden/Khmer, regime change & nation bombing in pursuit of happiness and prey), gefolgt vom Islam. Seelenverwandte. Beide lügen sie, vor ihnen herrschte Dunkelheit, beider Aufstieg begann mit Massenmord, jüdischer Stämme oder der Katholiken der Vendée, beide fordern sie Unterwerfung, unter die Scharia oder das positivistische (beliebige) Recht. Mindestens drei Fehler im Anfang, wobei, so Aristoteles, "ein kleiner Fehler im Anfang mit der Zeit ein großer wird", nun denn, vorwärts, "unreines Blut" tränke unsere Furchen, so die Marseillaise ...

gabriele bondzio | Mo, 22. Februar 2021 - 09:44

Das macht mich im höchsten Maße stutzig. Auch sollte man(n)/frau sehr stutzig werden bei der Vorgehensweise, dass unabhängige wissenschaftliche Experten aus der öffentlichen Diskussion verdrängt wurden und werden. Die Frage...Warum ist keine öffentliche Diskussion über die Situation möglich?...beschäftigt mich seit einiger Zeit.
Wenn die Covid-Maßnahmen einer Überprüfung standhalten würden, müsste nicht zensiert bzw. andere Meinungen als „Verschwörungstheorie“ bekämpft werden. Die „Guten“ könnten sich entspannt zurücklehnen.
Ich las heute bei welt.de, dass ein Mao-Anhänger (der offene Sympathie für den autoritären Weg der Kommunisten in China zeigt), am deutschen Lockdown mitwirkte....

.... und dazu noch den Artikel hier, wie derart schief doch alles in Tschechien läuft.... Wird für uns Zeit, daß jeder sich einen Merkel-Hausaltar aufbaut und jeden Tag Buße davor tut, weil er die Segnungen unserer Regierung genießen darf....
Mich würde interessieren, wieviele der stationären Patienten denn an oder nur mit Corona im KH liegen... Durch solche Artikel wird der Blödmichel noch richtig bestärkt, daß bei uns doch alles "im Großen und Ganzen nicht schiefgelaufen ist"...... Brechschale bitte......

Gerhard Fiedler | Mo, 22. Februar 2021 - 10:23

Ein Beitrag, der immer wieder nachdenklich macht, lieber Herr Grau. „Das Leben ist der Versuch, möglichst lang am Leben zu bleiben“. So profan könnte man es auch sagen, denn die Frage nach dem Sinn unseres Lebens wird vom Menschen nie beantwortet werden können. Glücklich, wer da an ein ewiges Leben glauben kann und damit an eines nach dem Tod. Für alle anderen wird das Leben geradezu sinnlos. Oder? Zu diesem Ihren Versuch, Herr Grau, dazu eine Antwort zu finden, fallen mir Goethes Worte aus dem Faust ein: „Da steh‘ ich nun, ich armer Tor, und bin so klug als wie zuvor! Heiße Magister, heiße Doktor gar, und ziehe schon an die zehen Jahr‘ herauf, herab und quer und krumm meine Schüler an der Nase herum – und sehe, dass wir nichts wissen können!“

Wolfgang Jäger | Mo, 22. Februar 2021 - 10:45

Hinter dem "humanistischen Furor" steckt aber auch die Erkenntnis, dass man mit diesem erhebliche Macht ausüben kann und dass man mit dieser "Philosophie", die sich ja offenbar von Religion völlig entkoppelt hat, enorme Mittel in der Hand hat, eine Gesellschaft nach seinem Willen zu verändern. Auch die Weltrettungsphantasien gehören zu diesen Mitteln. Der pseudo-humanistische Antrieb entpuppt sich so ganz schnell in der Tendenz als antihumanistisch und vor allem als freiheitsfeindlich und totalitär. Eine neue Religion, die nicht mehr ist als eine Ideologie.

Ernst-Günther Konrad | Mo, 22. Februar 2021 - 11:13

Es muss mehr geben als nur unsere körperliche Anwesenheit auf diesem Planeten. Wer und was ist Gott? Manche nennen es auch das höhere Selbst. Sind wir Teil eines großen Ganzen? Ist der Aufenthalt als Mensch eine Lebensschule zur Weiterentwicklung der Seele und der Tod lediglich ein Teil des Ganzen? Macht die Seele Urlaub, wenn der Körper stirbt? Ist der Tod ein Bestandteil des Aufstiegs in eine neue Erkenntnisebene?
Reinkarnieren wir wieder mit unserer unsterblichen Seele und müssen lernen, immer weiter lernen, sich finden und bestimmen, orientiert an der Welt, in die wir gerade hineingeboren werden?
Was ist der Sinn des Lebens, wenn der unvermeidliche Tod es scheinbar endgültig beendet und unsere Seele verschwindet?
Was wissen wir darüber wirklich? Jeder Mensch ist versucht, bewusst oder unbewusst sich diese Fragen zu beantworten und findet ganz individuelle Antworten für sich. Religionen, Ideologien, kulturelle Rahmenbedingungen können da nur ein Krückstock sein. Was sind wir?

"Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben. Wer mich sieht, der sieht Gott" (Jesus) Da bleiben noch sehr viele Fragen offen, aber im Christentum wird für mich die Realität unserer verwirrten Sehnsucht und der schmerzlichen Begrenzheit unserer Existenz am Deutlichsten begründet. "Dem menschlichen Geist erscheint alles planlos, weil es mehr Pläne gibt als er sucht." (C.S.Lewis)

Ernst-Günther Konrad | Di, 23. Februar 2021 - 10:20

In reply to by Gregor Kühn

Danke für Ihre Antwort. Jeder Mensch selbst muss für sich individuell Antworten finden, wenn er denn sucht. Ja, das Christentum ist durchaus eine Quelle dafür, einige Fragen zu beantworten, aber eben nicht alle. Es erfordert aber selber Denken. Mir fällt da ein: "Hilf dir selbst, dann hilft dir Gott." Wenn wir alle ein Teil Gottes sind, haben wir vermutlich alle die gleichen Voraussetzungen, Gott in uns zu finden, ihn zu verstehen und zu leben. Gibt es Gott als gesondertes "Wesen" oder ist die Gesamtheit der Seelen "Gott", das höchste selbst?
Es ist legitim und so verstehe ich Sie Herr Kühn, sich aus den Angeboten der Gotterklärungen dieser Welt und ihren Lebensweisheiten das heraus zu suchen, was einem ganz persönlich erklärbar, vielleicht von der eigenen Intuition und Erfahrung geleitet, die wahrscheinlichste Erklärung unseres Daseins begründet. Nichts ist falsch und nichts ist richtig. Wahrheit ist das, was jeder für sich selbst bereit ist zu glauben und zu leben. Alles Gute.

Jochen Röschmann | Mo, 22. Februar 2021 - 11:54

Kleine Ergänzung zum insgesamt m. E. gelungenen Überblick unsers wohl wichtigsten Themas überhaupt: 'Das Leben genießen' ist auch die Quintessenz des alttestamentarischen 'Prediger'...

Helmut Bachmann | Mo, 22. Februar 2021 - 11:56

Der „totale“ Humanismus führt ja paradoxerweise durch seine Fixiertheit zur inhumanen Behandlung vor allem der Kinder. An deren Zukunft wird nicht gedacht, sie sind Opfer des Furors. Sinn ohne Akzeptanz des eigenen Todes kann es nicht geben, der Gotteskomplex des Zeitgeistes führt in die Irre. Wir sind einfach nicht allmächtig.

Fritz Elvers | Mo, 22. Februar 2021 - 12:24

Ein schöner historisch-philosophischer Abriß.
Warum allerdings der Tod nicht akzeptiert werden kann, obwohl er die einzige logische Folgerung ist, bleibt dahingestellt. Ein ewiges Leben nach dem physischen (irdischen) Tod, stelle ich mir allerdings auch nicht sehr spannend vor, die Ewigkeit soll ja ziemlich lange dauern, besonders zum Ende hin (Woody Allen).

Peter Sommerhalder | Mo, 22. Februar 2021 - 18:00

In reply to by Fritz Elvers

einen von Woody Allen:
"Ich habe keine Angst vor dem Sterben, ich möchte
nur nicht dabei sein."

Markus Michaelis | Mo, 22. Februar 2021 - 13:36

der menschlichste aller Sätze, löst sich mit dem Transhumanismus auf, weil außer dem Wort "nicht" die Begriffe eng mit der jetzigen Mensch-Gehirn-Bewusstseinsform gekoppelt sind. Für eine SW ist der Begriff "sterben" nicht definiert, Wille auch nicht und das "Ich" ist eine besondere Konstruktion unserer Gehirnform mit einem schnellen, mächtigen aber inflexiblen automatisiertem Unterbewussten und einem langsamem Verstand, der aber Freiheit besitzt. Auch die Freiheit sich umzubringen, in jedem Fall Zukunft zu PLANEN. In einem anderen Daseinssetting braucht es kein "Ich", der Begriff verliert seine Bedeutung.

Ewiges Leben heißt auch keine Kinder etc. Ich bin mir recht sicher, dass kein Mensch ewig leben will, wenn er es durchdenkt, bzw. wenn man es tut, ist es automatisch "trans"human.

Aus meiner Sicht auch: je "primitiver" das Tier, ist der Hauptantrieb nicht mehr zu leben, sondern seine Funktion im Gefüge zu erfüllen. Das geht oft mir Lebensverteidigung einher - oft nicht.

Quirin Anders | Mo, 22. Februar 2021 - 14:22

"Die biologische Existenz selbst ist zum Sinn des Lebens geworden. ... Aus der Freiheit, die darin besteht, das Leben hinzugeben, ist der Zwang geworden, ein langes Leben zu führen. Diese Entwicklung ist erklärungsbedürftig."
Wozu - ausser Unterhaltung - soll es gut sein, diese Entwicklung zu erklären?
Viel interessanter und wichtiger wären m.E. Erörterungen, warum es gelingen muss und wie es gelingen kann, die Endlichkeit jedes menschlichen Lebens wieder im allgemeinen Bewusstsein zu verankern (auch wenn das dem verblendeten Zeitgeist vor allem in D. widerstrebt). Denn erst, wenn der Zeitgeist den unausweichlichen Tod wieder als unabänderliches Faktum realisiert und akzeptiert, können wir ernstlich hoffen, dass auch die dem Zeitgeist hinterherlaufenden Politiker vom Licht der Erkenntnis gestreift werden und dann ihre Politik der zwanghaften Verlängerung biologischer Existenzen um buchstäblich jeden Preis (von "Leben" wollen hier viele Betroffene nicht mehr sprechen) korrigieren.

Gerhard Hellriegel | Mo, 22. Februar 2021 - 14:50

- oder kann das weg? Kann man wirklich im Schein leben, wenn man um die Wahrheit weiß? Ich überlebe meinen Tod weder so noch so. "Ich kann es nicht ändern, also wozu soll ich mir einen Kopf machen?" (frei nach Dalai Lama) "Tiere retten ihr Leben zwanghaft." Soso, tun sie das? Wer hat den Menschen bloß eingeredet, dass sie einen Sinn des Lebens benötigen, um leben zu können? Eine Fahne? Ein Plakat? Ein Projekt? Einen Glauben? Auch Kulturen ändern sich - schau' mer 'mal.

Karl-Heinz Weiß | Mo, 22. Februar 2021 - 16:16

Der sehr gelungenen Analyse möchte ich nur in einem Punkt widersprechen: bei der Pandemiebekämpfung geht es primär um die Verlangsamung des exponentiellen Wachstums.
Das Streben nach Unsterblichkeit als Endziel des Individualismus führt in die Irre, und deshalb wenden sich immer mehr Menschen von den Religionen ab. Wir werden immer Generationenwesen sein (wie alles in der Natur), und nur darin liegt der Sinn des Lebens. Wir leben in der Erinnerung weiter, unabhängig, ob wir Eltern geworden sind.

Brigitte Miller | Mo, 22. Februar 2021 - 17:46

"Der Preis, den man bereit ist, für die Rettung einer überschaubaren Gruppe überwiegend Hochbetagter oder Vorerkrankter zu zahlen, erstaunt dennoch."
Wer bezahlt diesen Preis eigentlich?
Nicht die Politiker, nicht die Profiteure der unsinnigen Massnahmen, nein, den Preis zahlen wir alle und retten doch keine Leben.
Wenn man genauer hinschaut, was mit den "um jeden Preis zu rettenden Leben" passiert, dann wird einem wind und weh.Sei es, dass sie zur Einsamkeit verdammt werden und dann doch über kurz oder lang sterben, sei es, dass ihre schon geschwächten Lungen die Intensiv-Beatmung nicht überstehen , sei es, dass ihnen die Impfung den Rest gibt oder Demente schreckliche Ängste ausstehen müssen, es ist ein absoluter Wahnsinn.

Gregor Kühn | Mo, 22. Februar 2021 - 21:23

In reply to by Brigitte Miller

Gott sei es geklagt, Sie haben leider Recht. Es ist nur noch zum Weinen...

Dr. Rudolf Winter | Mo, 22. Februar 2021 - 19:56

Sehr geehrter Herr Grau,
sie haben mit ihrem anspruchsvollen, philosophischen (Suche nach Wahrheit) Text eine faszinierende Erklärung für den grassierenden Covid-Wahn geliefert. Heraklit und Nietzsche würden ihnen zustimmen, wahrscheinlich auch Spengler.
Die von ihnen geschlossene Folgerung finde ich in der Pressemeldung „Palliativpatient stirbt nach Covid-Impfung“ bestätigt, einen besseren Kommentar kann ich mir gar nicht vorstellen.

Danke für ihre intellektuelle Leistung

Karla Vetter | Mo, 22. Februar 2021 - 19:57

keiner weiß ob er nicht das größte Geschenk Gottes an die Menschen ist". Dieses klassische Zitat kam mir beim Lesen des Artikels in den Sinn.Für mich ist dieses "NIchtsterben lassen"moribunder Menschen,die ihr Leben gelebt haben,ein Zeichen, dass wir jedes Maß verloren haben.Die erste Coronaimpfung bekam eine 101 jährige Dame.Kürzlich berichtete ein Arzt in der Phoenix- Runde man habe auch noch jemand geimpft der sich bereits in der Agonie befand.Mich schockierte, dass er das nicht schockierend fand.Da halte ich es doch lieber mit dem 90. Psalm: Lehre uns bedenken, dass wir sterben müßen,auf dass wir klug werden.

Walter Bühler | Mo, 22. Februar 2021 - 20:47

Dass menschlicher Glaube und menschliches Wissen sich über die Lebenszeit des menschlichen Individuums hinaus immer weiter entwickelt hat, das war für unsere Vorfahren sowohl erstaunlich wie selbstverständlich. Wissen stammt in seiner übergroßen Menge von den Vorfahren, und von jedem Individuum kann nur ein kleiner Teil individuell angeeignet werden. Daher war es naheliegend, den Vorfahren durch ein Begräbnis Ehre zu erweisen.

Heute hat man eher das Gefühl, dass man als alter Mensch nicht mehr nur für die Entsorgung des Sperrmülls sorgen sollte, sondern auch für eine möglichst unauffällige Entsorgung der eigenen Person. Am besten Verbrennen und über dem Ozean verstreuen.

Ich weiß nicht, aber ich fühle hier den Abbruch einer uralten Tradition. Ist die "neue" Haltung "humaner" als die uralte? Wie gesagt, das ist nur so ein Gefühl.

Nietzsche bemerkt zum "letzten Menschen": "Ein wenig Gift ab und zu: das macht angenehme Träume. Und viel Gift zuletzt, zu einem angenehmen Sterben."