Hundertster Geburtstag von Friedrich Dürrenmatt - Der Chronist im Irrenhaus

Fortschrittsskeptiker, Kapitalismuskritiker und dennoch der beliebteste Bühnenautor unserer Zeit: Vor 100 Jahren wurde der Schweizer Schriftsteller und Dramatiker Friedrich Dürrenmatt geboren, ein Visionär mit einem düsteren Weltbild.

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Friedrich Dürrenmatt zusammen mit Charlotte Kerr im Jahr 1990 7 dpa

Autoreninfo

Björn Hayer: Der 1987 in Mannheim geborene Autor ist promovierter Germanist und arbeitet heute als Literatur- und Theaterkritiker sowie Essayist für verschiedene deutschsprachige Zeitungen und Magazine. Er schätzt mutige Utopien und steile Thesen.

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Welche Gültigkeit hat die Moral? Ist sie wirklich unveräußerlich? Mit diesen Fragen beschäftigen sich nahezu sämtliche literarischen Zeugnisse Friedrich Dürrenmatts, der wie kein anderer Dramatiker des 20. Jahrhunderts Fortschrittsskepsis und provokationsfreudige Kapitalismuskritik für die Bühnen zu popularisieren wusste. Dass sich seine Texte zu seinem 100. Geburtstag ungebrochener Aktualität erfreuen, wird in der Corona-Pandemie mehr als deutlich.

Nehmen wir nur einmal sein berühmtestes Drama, „Der Besuch der alten Dame“ (1956), das man wie einen voll und ganz gegenwärtigen Kommentar auf die Gesellschaft im Schatten des Virus lesen kann. Nur kommt unsere Gegenwart dabei sichtlich besser weg als die verarmte Kleinstadtgemeinschaft in Dürrenmatts schwarzgalliger Groteske. Geradezu heimgesucht wird sie von der Multimillionärin Claire Zachanassian. Zwar stellt die bizarre Dame mit Vorliebe für Panther- und Männerjagden ihrem einstigen Heimatort üppige finanzielle Hilfe in Aussicht, fordert dafür aber den Kopf des Krämerladenbesitzers Alfred Ill, der sie in ihrer Jugend verstieß. Obwohl die Bürger und Bürgerinnen sich zunächst auf die hehren Ideale der westlich-abendländischen Hemisphäre berufen, schwinden die ethischen Vorsätze mit jedem neuen Paar Schuhe – bis sich der Protagonist zuletzt für die Gier des Kollektivs opfert. Wie viel ist also ein Menschenleben wert?

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Markus Michaelis | Di, 5. Januar 2021 - 20:17

Sind Gier oder Dekadenz die größten Bedrohungen? Mir scheint, dass der Schub in Gesellschaften, die ja die Antriebskräfte der Einzelnen irgendwie bündeln müssen, stark aus Identität, Weltbildern und Glaubenssätzen kommt.

Auch der Merkelismus scheint neben aller Passivität und Politik als Moderation der Dinge, wie sie nunmal da sind, von tiefen Glaubenssätzen angetrieben. Mir scheint Merkel (und der Merkelismus) stark angetrieben von dem Spannunsgfeld einerseits der deutschen Besonderheit, die sich aus unseren Lehren aus unserer Schuld begründet, und dem festen Glauben an die eine Menschheit, die dieselben Ziele, Weltbilder und Identitäten hat, als reale Utopie, die wir jetzt umsetzen müssen. Und der feste Glaube daran, dass die Menschheit sich nicht durch Vielheit vor sich selber schützen muss, sondern dass es eine richtige Regierung gibt.

Karl-Heinz Weiß | Di, 5. Januar 2021 - 23:05

Corona legt die wichtigsten Institutionen gegen den Merkelismus, den Trumpismus und den Johnsonismus auf lange Zeit lahm-Theater und Kinos, die Menschen in geistiger Intimität zusammenführen. Dürrenmatt hätte diese Situation sicherlich mit viel tiefgründigem Humor ausgeleuchtet.