Ein Mann liest eine asiatische Zeitung.
Auf der ganzen Welt verschlingen die Menschen regelrecht die Nachrichten über die Sensation aus den USA / picture alliance

Internationale Pressestimmen zur US-Wahl - „Wie der Berliner Mauerfall”

Die Kommentatoren in den Medien überschlagen sich. Die Wahl Donald Trumps zum US-Präsidenten kommt einer historischen Zeitenwende gleich. Die Presseschau aus aller Welt

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Autoreninfo

Hier finden Sie Nachrichten und Berichte der Print- und Onlineredaktion zu außergewöhnlichen Ereignissen.

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The New Yorker

„Die Wahl von Donald Trump zur Präsidentschaft ist nichts anderes als eine Tragödie für die amerikanische Republik, eine Tragödie für die Verfassung und ein (...) kränkendes Ereignis in der Geschichte der Vereinigten Staaten und der liberalen Demokratie (...) Es ist unmöglich, auf diesen Moment mit wenigerer Abscheu und tieferer Besorgnis zu reagieren.“


La Stampa (Italien)

„Es ist ein Hurrikan der Unzufriedenheit, der aus der Mitte der Nation schlägt. Donald Trump erobert die Staaten des Mittleren Westens, die vorher Barack Obama für sich gewonnen hatte. Millionen arme und unzufriedene Familien haben sich entschieden, die politischen Dynastien der vergangenen 30 Jahre aus Washington zu vertreiben: die Bushs und die Clintons.“

Tages-Anzeiger (Schweiz)

„Hat die Welt, hat Europa oder die Schweiz etwas zu befürchten, wenn der Egomane aus New York die Kontrolle über die Atomwaffen erhält? Nicht unbedingt, es kann auch besser werden. Außenpolitisch will Trump Abschied nehmen vom Konzept des globalen Weltpolizisten. Ein Konzept, das den USA Milliardenkosten und ein Heer von Kriegsveteranen bescherte. Kriegshelden, die erst noch, entgegen der offiziellen Verehrung, miserabel behandelt werden und zu Hunderttausenden auf der Straße landen. Waren denn die außenpolitischen Interventionen der Amerikaner der letzten 30 Jahre wenigstens ein Erfolg? Nein, Haiti ist heute ein gescheiterter Staat, Afghanistan, Somalia und der Irak ebenso. Syrien und Libyen, wo Obama halbherzig eingegriffen hat, geht es nicht besser. Kosovo und Bosnien sind korrupte Gebilde am Tropf der EU, und in der Ukraine hat das forsche Vorgehen im Verbund mit der EU fast zu einem offenen Krieg geführt.“

T24 (Online-Zeitung, Türkei)

„Wie konnte ein Frauenfeind, ein Rassist, ein Antisemit, der die Schwarzen faul nennt, Mexikaner pauschal zu Vergewaltigern erklärt, Muslime zu Islamterroristen macht, der die Handelsbarrieren höher ziehen will und mit dem Nationalismus spielt, den die demokratischen Werte nicht interessieren, 45. Präsident der Vereinigten Staaten werden? Es ist unfassbar. Der Alptraum Trump ist wahr geworden. Nicht nur für die USA, sondern für die ganze Welt."

Times of India

„Während der Kampagne verwies Trump auf Indien in mehrfacher Hinsicht: Als ein Land, das schnell wuchs, das amerikanische Arbeitsplätze gestohlen hat und das Ziel für Terroristen war. Zu Beginn seiner Kampagne erklärte er, er freue sich auf die Zusammenarbeit mit Narendra Modi. Indien wird genau beobachten, wie Trump sich tatsächlich mit der Welt befassen wird. (...) Trump hat sich nicht wirklich auf China konzentriert, was Amerikas größte strategische Herausforderung ist. Aber seine Ermahnung an Südkorea und Japan, sich gegenüber China zu bewaffnen, ist bedeutend für Indien. Es ist bekannt, dass sowohl Japan als auch Südkorea sehr schnell zu Großmächten werden könnten, was zu einem multipolaren Asien führen könnte.“

Aftonbladet (Schweden)

„Trump hat freie Medien angegriffen, unabhängige Richter infrage gestellt und gedroht, seine Gegenkandidatin ins Gefängnis zu werfen. Das sind Methoden, die wir mit Diktaturen und autoritären Staaten verbinden – nicht mit den USA und der westlichen Welt. Und Trumps Bewegung liegt in der Nähe von Parteien wie den Schwedendemokraten und dem europäischen Rechtspopulismus. Das verheißt nichts Gutes.“

The Globe and Mail (Kanada)

„Eine hoch qualifizierte Frau kam in die Nähe des Weißen Hauses und ein Mann, der sich über das Begrapschen von Frauen ohne deren Zustimmung rühmte, dessen Kampagne auf Rassismus und Schwarzmalerei baute, schlenderte vorbei und schlägt die Tür vor ihrem (Hillary Clintons) Gesicht zu. Bei ihrer Rede zur Wahlniederlage am nächsten Tag riss sich Hillary Clinton zusammen und klang wie eine Therapeutin, die ihre weinende Menge tröstete. Noch mehr zu ringen ist damit: Nach CNN stimmten 53 Prozent der weißen Frauen für Trump. Natürlich ging die Wahl über das Geschlecht hinaus. Viele Amerikaner stimmten gegen den Status quo, sie gaben ihre Stimmzettel mit Wut ab. Die Zeiten haben sich geändert, in denen Tyrannen nicht gewinnen.“

Le Figaro (Frankreich)

„Es ist ein Orkan, der alles mit sich reißt. Die Berechnungen der Demoskopen, die Vorhersagen der Experten. Den Komfort der intellektuellen Eliten und die Gewissheiten der Geschäftswelt. Die Selbstgefälligkeit der Politiker und die Arroganz der Medien. Eine gewaltige Welle, deren Brutalität einem den Atem raubt. Ein Erdrutsch, verblüffend in seiner Schockwelle, der auch unsere Küsten nicht verschont. Überall im Westen sind die Menschen wütend. Wir haben uns dafür entschieden, das nicht zu sehen. Seit dem Sieg von Donald Trump können wir nicht mehr so tun, als sei alles gut.“

Le Monde (Frankreich)

„Die Wahl von Donald Trump markiert einen gewaltigen Umbruch, einen Jahrestag für die westlichen Demokratien. Wie der Fall der Mauer von Berlin, wie der 11. September, eröffnet dieses Ereignis eine neue Welt, von der man noch kaum die Konturen erahnen kann. Aber von der man schon jetzt eines sicher weiß: In dieser Welt wird alles, was einmal als unmöglich oder unrealistisch galt, von nun an vorstellbar sein.“

The Times (Großbritannien)

„Die Mängel von Donald Trump sind so groß, dass europäische Beobachter völlig unterschätzt haben, dass die Mängel von Hillary Clinton mindestens ebenso groß sind. Trump war wegen seines Benehmens stark angeschlagen, doch die Menschen vertrauten Clinton nicht.“

The Guardian (Großbritannien)

„Trumps Sieg bedeutet Unsicherheit hinsichtlich Amerikas künftiger Strategie in einer Welt, die sich lange auf die Stabilität der Vereinigten Staaten verlassen hat. Trumps Fähigkeit zur Destabilisierung ist nahezu grenzenlos. Auf allen Gebieten seiner Politik - Verteidigung, Diplomatie, Sicherheit, Umwelt und Handel - kann er die Lage der Welt verschlechtern. Die Amerikaner haben in dieser Woche (mit Trumps Wahl) etwas sehr Gefährliches gemacht. Wir alle sehen deshalb dunklen, unsicheren und angstvollen Zeiten entgegen.“

Kommersant (Russland)

„Es spricht alles dafür, dass sich der 45. US-Präsident von allen vorhergehenden Staatschefs des Landes radikal unterscheiden wird. Allerdings wäre dies auch eine neue Chance für eine Wiederherstellung der Beziehungen mit Russland. Die Wahl hat Trump im Alleingang gewonnen, ohne seine Partei. Im Weißen Haus wird er aber gezwungen sein, sich als Teamplayer zu erweisen - wenn auch als Mannschaftskapitän.“

Der Standard (Österreich)

„Man wird sich daran gewöhnen müssen: Donald Trump ist US-Präsident. Wir werden uns daran gewöhnen müssen, dass der mächtigste Mann der Welt ein Mensch ist, der pöbelt und lügt, Minderheiten beleidigt und Frauen nicht nur verbal attackiert. Dass eine deutsche Kanzlerin einen US-Präsidenten ermahnt, westliche Werte einzuhalten und die Würde des Menschen zu achten, spricht für sich. Wir werden uns daran gewöhnen müssen, dass unsere Welt eine andere sein wird, wenn der Milliardär mit seiner Familie ins Weiße Haus einzieht. Denn es wird kein Stein auf dem anderen bleiben, wenn Trump auch nur einen Teil seiner Ankündigungen umsetzt.“

Sme (Slowakei)

„Das ist das Ende der Welt, wie wir sie bisher kannten. Die Geschichte, die wir in den letzten Jahrzehnten lebten, ist zu Ende: Eine Geschichte, die zumindest vortäuschte, dass die Menschen qualifizierte Regierungen wollen und deshalb auch bereit sind, Entscheidungen zu treffen, die zunächst schmerzhaft und unangenehm sein können, aber im Endeffekt klug sind. Oder sagen wir es noch einfacher: Es geht die große Geschichte zu Ende, in der banale menschliche Anständigkeit und das gewöhnliche Gute noch irgendeine Rolle spielten.“

Lidove noviny (Tschechien)

„Wenn man unabhängige und sachlich informierende Medien zu den Grundpfeilern einer Demokratie zählt, dann wirft die zurückliegende US-Wahlkampagne ernste Fragen auf. In Russland folgen die Medien politischen Aufträgen und unterliegen Druck und Zensur. Die meistgesehenen US-Nachrichtensender Fox News und CNN haben sich indes ganz freiwillig zu Geiseln Donald Trumps gemacht. Dessen Show zog bei den Zuschauern, die Gewinne gingen nach oben, die übrigen Kandidaten aber unter.“

Dimitri Gales | Do, 10. November 2016 - 15:18

Dieser Artikel des Figaro trifft den Kern der Sache. Man tat so, als sei die Wallstreet-Bedienerin Clinton die einzige Alternative, und die Presse hat unisono ins gleiche Horn geblasen, hier wie in den USA. Jetzt sind die Medien blamiert und versuchen, den Gewinner zu als Unhold darzustellen - das ist unfair.

Christoph Kuhlmann | Do, 10. November 2016 - 15:30

versetzt die Kommentatoren der etablierten Medien der Welt in Angst und Schrecken. Pandorahs Box, der unzensierten, freien Meinungsäußerung, die weitgehend ohne soziale Kontrolle stattfindet, steht offen und ist auch noch durch die Verfassung geschützt. Quel malheur!

Dorothee Sehrt-Irrek | Do, 10. November 2016 - 15:35

Liebes Indien, das will ich aber schwer hoffen, dass Asien multipolar wird.
Die Idee ein "kastenhöriges" Indien mit Atomwaffen bestimme alleine über das Schicksal Asiens und damit auch der Welt, macht mir Angst.
Man kann Russland und China viel vorwerfen, aber als mit Marx, Engels und Lenin moderne Gesellschaften angedacht wurden, haben sie sich orientiert, zugegeben, da in schweren Zeiten, mit hohem Druck im eigenen Land.
"Welcher Gott in welchem Kasten hat bei Euch gerade das Sagen oder immer noch?" Sarkasmus off.
Dagegen ist der Dalai Lama ein Lichtblick.
Trump wird eventuell ganz friedlich die Welt aufmischen, allein dadurch, dass er gewillt ist Verantwortung zu übernehmen und zu handeln.
Wir leben in einer Zeit in der hohe Philosophie als "Schelling-Projekt" gehandelt wird.
Fangt mal an, Welt zu erkennen und zu leben.
Kasten als Gesetz GEGEN Wandel und Vergehen der Welt nenne ich überspitzt gesagt "groben philosophischen Unsinn".
Aber "wir" können gerne darüber reden.

Dorothee Sehrt-Irrek | Di, 15. November 2016 - 08:49

In reply to by Dorothee Sehrt-Irrek

wenn ich befürchte, mich darüber in Arbeit stürzen zu müssen, bemerke ich rechtzeitig, dass die Antworten schon lange da sind.
Zudem nicht wirklich von Aussen für Indien.
Da wäre das Gedicht "Stufen" von Herman Hesse, seine Mutter eine in Indien geborene Indologin und spontan fällt mir noch
"Nach der Hochzeit" ein, ein wunderschöner Film mit Mads Mikkelsen.
Und wenn die deutsche Regierung Migration freihalten könnte als ein Hin- und Herrüberkommen, Voneinanderlernen und sich gegenseitig öffnen, hätte es nie eine Spaltung der deutschen Bevölkerung gegeben.
Wenn Religionsführer beisammensitzen und Wege der Annäherung besprechen, dann sollte in Zukunft grundsätzlich und kategorisch je eine Frau am Tische Platz nehmen.
Die nationalen Gesetze und Befindlichkeiten gehören respektiert auch für Götter, sonst ist die Idee der Befreiung der Menschen Schall und Rauch.
Der Papst kann ja durchaus mal mit Anette Schavan sprechen.
Aber da in Italien liegend empfielt sich eine Italienerin.

Jürgen Lehmann | Do, 10. November 2016 - 16:42

Von allen Pressestimmen ist der Beitrag des "Tagesspiegel" (Schweiz) als herausragend und richtig zu bezeichnen.
So ziemlich alle anderen Beiträge sind ziemlich einseitig - und unsachlich verfasst.

Herr Jürgen Lehmann,
ich sehe es genauso. Das kaum eine Pressestimme den Mum aufbringt, auch mal das mögliche positive Potenzial dieser Wahl zu sehen ist erschreckend. Was ist denn schlimm daran, einen "Saustall" aufzuräumen wenn es denn richtig gemacht wird. Ich habe den Eindruck, das versucht wird zu retten was nicht mehr zu retten ist. Die Unfähigkeit eine eigene Meinung aus eigener Erkenntniss zu bilden, diese zu kommunizieren und gegen Widersacher zu vertreten ist nun mal anstrengender als im "Chor" mitzusingen.

Olaf Romer | Do, 10. November 2016 - 18:10

welcher nicht erkennen mag wie sich die Welt weiter gedreht hat..Die selben alten Phrasen an den politisch unerwünschten Gegener..Nur machen sie vielen mündigen Bürgern keine Angst mehr.

Jacqueline Gafner | Do, 10. November 2016 - 19:51

sagte man bereits zu Zeiten, da noch kaum jemand einen PC (Personal Computer) sein eigen nannte und das Internet noch nicht erfunden war. Heute jagen sich die Headlines nicht mehr im Tages- oder höchstens Halbtagesrhythmus, sondern rund um die Uhr und den Erdball im Minuten- oder Sekundentakt, mit entsprechender Halbwertszeit. Im konkreten Fall verlasse ich mich, was die durch die US-Wahlen vorgeblich ausgelöste "Zeitenwende" angeht, zudem für einmal eher auf die Reaktion der Finanzmärkte, die auch nicht gerade dafür bekannt sind, nicht primär psychologisch zu funktionieren. Für das Einpflanzen des Apfelbäumchens bleibt garantiert noch genug Zeit :)

helmut armbruster | Fr, 11. November 2016 - 09:11

die baltischen Staaten und die ehemaligen Warschauer Pakt Staaten sind alarmiert. Denn es ist nicht mehr sicher ob die Nato unter einem Präsidenten Trump Art. 5 des Natovertrages noch respektieren wird. Wenn aber die unbedingte Beistandspflicht nicht mehr ernst genommen wird, dann sinkt das Risiko für Putin falls er sich entschließen sollte z.B. die baltischen Staaten wieder in den Einflussbereich Russland zurück zu holen.
Das kann man jetzt gut oder schlecht finden. Ich fühle aber Erleichterung, dass die Gefahr für Europa geringer sein wird in einen Krieg mit Russland verwickelt zu werden z.B. wegen russischen Aktione an der Grenze des Balitkums
Dass Teile der Nato Osterweiterung jetzt vielleicht ihre Sicherheitsgarantie verlieren kann man bedauern. Man kann aber auch fragen, was die USA dort eigentlich zu suchen haben.
Wie würden denn die USA reagieren , wenn sich die Russen sich in Baja California (Mexiko) festgesetzt hätten?

Marianne Bernstein | Fr, 11. November 2016 - 10:11

Weder die Einschätzung von Obama noch die von Trump hat irgendetwas mit der Realität zu tun.
Sie sind einzig und allein Ausdruck einer absolut manipulativen Meinungselite, die sich eingestehen muss, dass ihre Werkzeuge abgestumpft sind.

Peter Zeitler | Fr, 11. November 2016 - 11:58

Der Vergleich ist bezeichnend: 1989 fiel in Berlin eine Mauer. Und jetzt gewinnt einer, der versprochen hat, eine Mauer zu bauen. Scheint mir nicht wirklich das gleiche zu sein. Da erscheint mir eher eine Parallele zu Ulbricht aus dem Jahre 1961 zu bestehen.

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