Seuchen in der Weinkultur - Federweißer, Primeur, Glühwein: Die Pandemie des schlechten Geschmacks

Das letzte Drittel des Jahres ist stets von drei Tiefpunkten der Wein(un)kultur geprägt. Grund für eine schonungslose Bestandsaufnahme, findet Rainer Balcerowiak. Und sieht einen Hoffnungsschimmer.

Was muss ein Wein verbrochen haben, um als Glühwein zu enden? / dpa

Autoreninfo

Rainer Balcerowiak ist Journalist und Autor und wohnt in Berlin. Im Februar 2017 erschien von ihm „Die Heuchelei von der Reform: Wie die Politik Meinungen macht, desinformiert und falsche Hoffnungen weckt (edition berolina). Er betreibt den Blog „Genuss ist Notwehr“.

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Auch die „Weinkultur“ ist von Seuchen durchzogen, die durchaus pandemische Ausmaße annehmen können. Glücklicherweise sind sie saisonal begrenzt und führen – anders als Corona - nur äußerst selten zu Hospitalität und erhöhten Todesraten. Trotzdem ist es schlimm genug.

Aber der Reihe nach … Es beginnt im September, manchmal auch etwas früher. Flächendeckend wird eine Flüssigkeit namens „Federweißer“ angeboten, in einer roten Variante auch als „Sauser“ bezeichnet. Nüchtern betrachtet handelt es sich um gärenden, d.h. mit lebenden Hefen abgefüllten Traubenmost. Das Zeug macht ganz doll Aua im Kopf und führt mitunter zu unerträglichen Flatulenzen. Die dazu empfohlenen, meist pappigen Teigfladen, die unverschämterweise unter ehrwürdigen Bezeichnungen wie „Zwiebelkuchen“ oder „Flammkuchen“ firmieren, machen die Sache noch schlimmer.

Erst Federweißer, dann Primeur

Doch kaum sind die letzten Rülpser der Federweißer-Pandemie verklungen, kündigen frankophil gestylte Werbeflyer die nächste Seuche an: „Voilà, le Primeur est arrivé“, Dabei handelt es sich um ein aus Weintrauben hergestelltes Gebräu, das seit 1951 stets am dritten Donnerstag des Novembers in den Handel kommt. Damals kamen die Winzer der französischen Region Beaujolais auf die Idee, ihre eher belanglosen und ziemlich schwer verkäuflichen Weine marketingmäßig aufzupeppen.

Die normalerweise in Sachen Wein recht peniblen französischen Behörden zeigten Mitleid mit den darbenden Winzern dieser Region, und erteilten eine Ausnahmegenehmigung, da der Primeur dem Weinrecht eigentlich nicht entspricht. Die Trauben werden im Schnellgang gepresst, erhitzt und mit Zufuhr von Kohlensäure in Drucktanks vergoren. Primeur schmeckt meistens fade, aber manchmal auch ausgesprochen übel, mit bitteren, scharfen Zitrus- und Schwefelnoten. Schon nach kurzer Lagerzeit wird alles oftmals noch viel schlimmer .

Doch der Primeur-Hype funktionierte, zeitweilig konnten weltweit bis zu 50 Millionen Liter vermarktet werden, alleine in Deutschland waren es 1998 stolze 11 Millionen Liter, und für diesen kommerziellen Erfolg waren die Winzer offenbar bereit, eine irreparable Rufschädigung ihrer Region in Kauf zu nehmen. Was eigentlich schade ist, denn es gibt dort durchaus bemerkenswerte, „richtige“ Weine, gekeltert aus der Rebsorte Gamay. Allmählich scheint es mit Primeur allerdings weltweit bergab zu gehen, ein zweifellos erfreulicher Trend. Und der Lockdown in der Gastronomie dürfte dies noch beschleunigen.

Glühwein, die sichere Bank für Kopfschmerzen

Doch bekanntlich kommt ein Unglück selten allein, und so breitet sich ab November eine weitere Weinseuche aus: Der Glühwein. Jedem Freund leiblicher Genüsse muss es wehtun, dass ausgerechnet eines der edelsten Getränke der Kulturgeschichte für diesen Irrsinn missbraucht wird. Denn „was muss ein Wein verbrochen haben, damit man ihn auf 75 Grad erhitzt, Zucker und Gewürze reinkippt und mittelalterliche Stadtsilhouetten aufs Etikett knallt“ fragte nicht zu Unrecht die Süddeutsche Zeitung schon vor vielen Jahren in einer Wochenendausgabe.

Treffend empfahl der legendäre Münchner Barkeeper Stefan Gabany in einem Interview, statt Glühwein doch lieber gleich Motoröl zu trinken. Auch Buchautor Cristoph Koch kommt in der Welt vom 11.Dezember 2011 zu einem eindeutigen Urteil. „Leuten, die es vorziehen, in der Weihnachtszeit mit permanenten Kopfschmerzen herumzulaufen, rate ich zu Glühwein“.

Die Geschmackspolizei hat leider viel zu wenig Ressourcen und Befugnisse, um gegen diesen ganzen Irrsinn effektiv vorgehen zu können. Doch wie schon beim Primeur ist auch in diesem Fall der „Wellenbrecher-Lockdown“ durchaus hilfreich. Denn die meisten Weihnachtsmärkte und -basare – traditionell die wichtigsten Konsumorte von Glühwein – fallen in diesem Jahr aus. Es wäre eine reizvolle Aufgabe, dies für Nach-Corona-Zeiten als Ausgangspunkt für eine umfassende genusspolitische Wende zu nutzen.

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Heidemarie Heim | Sa, 21. November 2020 - 17:14

Meine erste und letzte Untat in Zusammenhang mit Federweißer, aber ohne Zwiebelkuchen weil ich Kümmelkörnerfeind bin, dieser dabei aber exzessiv zum Einsatz kommt, beging ich vor über 40 Jahren. Das ganze endete in einem Fiasko weil das bis dahin süß süffige Getränk erst seine umwerfende Wirkung entfaltete in Verbindung mit erhöhter Sauerstoffzufuhr auf dem Gang über den Hof Richtung Stilles Örtchen;). Wobei, so still war es nicht, denn der Weg führte am stark gesicherten Gehege des ultrascharfen Wachhundes vorbei, der sich bei Jedem wie verrückt gebärdete und vor dem sogar sein Besitzer Manschetten hatte;). Schnauze Alter! Dann Filmriss, weiteres Jaul, Bell, Knurr und irgendwie befand ich mich auf Hausbesuch in seinem Käfig-Revier. Doch entweder genoss ich Welpenschutz oder er befand mich als harmlos oder nach Federweisser stinkend genug um mir nicht nicht die Kehle durchzubeißen. Mit Glühwein ist es wie mit Mac D-Futteralien, 1x im Jahr muss sein!
Gern mit Keschte;)! MfG

... und trotzdem furzt!

Ich bin kein Freund dieser Getränke; okay Glühwein mit Kumpels*** beim Weihnachtsmarkt.
Alles storniert, wie auch mein Geburtstag nächste Woche.

Jedweder Flaschenverschluss welcher mit zusätzlichem Draht gesichert werden muss, birgt Gefahren in sich.
Sekt, Schampus, Cidre etc.
Der rural-rustikale Federweiße des örtlichen Anbieters hat meist einen Hauch von Nichts als Verschluss - man riecht ihn schon beim Betreten des Etablissements!
Kein Plopp - quasi selbstöffnend.
Zwiebelkuchen, Quiche?
Prima, wenn man das selbst zubereitet!

Frau Heim, neulich hatten Sie mir eine wuschöne Replik geschrieben; meine répons verschwand leider im ciceronischen Hades.
Ach ja, dieser Cerberus!

Ob Ihres Hundeerlebnisses habe ich laut gelacht.
Umzug von KO nach Nordbaden, mit Oma. Ein schönes Haus und nebenan ein Unternehmen mit "Wachhund".
"Frau G. (Oma) der Hund ist gefährlich!"
Nach 2 Tagen hatte sie ihn im Griff!

Oma Miechen, der Tausendsassa - auch als Köchin!

Alles Gute!

Helmut Bachmann | Sa, 21. November 2020 - 18:34

ich war ja schon einmal geschockt, als sie Krabben erhitzen wollten. Aber, dass sie auch noch nie einen guten Glühwein getrunken haben... (Den findet man übrigens nicht auf dem Weihnachtsmarkt, den macht man selbst aus einem mittelprächtigen Wein, echten Gewürzen und ein wenig Zucker.)