Nachruf auf Wolfgang Clement - Er brachte die Leute außer Atem

Als Schröders „Superminister“ setzt Wolfgang Clement die Hartz-Reformen um. Er war ein Blitz-Entscheider, der Politik oft mit der Brechstange machte. Am Sonntag ist der 80-jährige in Bonn gestorben. Ein Nachruf auf einen Sozialdemokraten ohne Parteibuch.

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Im Alter von 80 Jahren in Bonn gestorben: Wolfgang Clement.

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Hartmut Palmer ist politischer Autor und Journalist. Er lebt und arbeitet in Bonn und in Berlin.

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Über Wolfgang Clement gab es zwei Anekdoten, die eine Menge über ihn erzählten. Die eine hat seine Frau in die Welt gesetzt. Ihr Mann, scherzte Karin Clement, bete manchmal zum Himmel: „Lieber Gott, bitte gib mir Geduld, aber ein bisschen dalli!“ Die andere, etwas boshaftere, hat vermutlich Johannes Rau erfunden, sein langjähriger Freund und Förderer, mit dem er sich am Ende überwarf.

Sie stammt aus der Zeit, als Clement endlich Nachfolger von Rau als Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen geworden war und geht so: Steht eine Herde Schafe vor der Düsseldorfer Staatskanzlei und demonstriert. „Warum demonstriert ihr denn?“ werden sie gefragt. Die Schafe: „Der Clement will uns das fünfte Bein abhacken.“ „Aber ihr habt doch nur vier!“ „Was nützt uns das?“ greinen die Schafe. „Der Clement hackt erst und zählt dann.“ 

Ohne Rücksicht auf Verluste

Es ist ein Witz mit Widerhaken. Aber nahezu jeder, der Clement kannte, fand ihn damit treffend charakterisiert. Erst hacken, dann zählen! Genauso haben ihn Gegner und Genossen, Parteifreunde und politische Widersacher oft erlebt, in Gremien und Kabinetten, in Sitzungen und Verhandlungen, in kleinem Kreis und vor großen Publikum. Er war der Mann, der nie lang fackelte.

Zielstrebig, manchmal rücksichtslos, auch gegen sich selbst, kämpfte er für das, was er für notwendig hielt. Häufig aggressiv, gelegentlich auch konziliant, je nach Lage, war er immer Anwalt und beinharter Vertreter der Interessen seines Landes NRW – anfangs ein treuer Diener, später ein ungeduldiger „Kronprinz“, schließlich ein selbstbewusster Nachfolger von Johannes Rau. Aber anders als dieser, immer in Eile, immer gehetzt, immer unter Dampf. 

Ein Überzeugungstäter

Die beiden SPD-Politiker waren lange unzertrennlich, Ziehvater und Ziehsohn. Bei aller Gegensätzlichkeit ein erfolgreiches Gespann. Der zupackende Macher Clement und der bedächtige Landesfürst Rau ergänzten einander. Wo Clement spaltete, versöhnte Rau. Wo Rau zögerte, handelte Clement. Die Familien fuhren gemeinsam in Urlaub. Zwischen die beiden Kettenraucher passte kein Zigarettenpapier. Bis Clement – inzwischen Minister für Wirtschaft und Technologie in Düsseldorf – ungeduldig 1998 selbst an die Spitze drängte und Rau enttäuscht und etwas beleidigt das Amt an ihn abgab. Clement wollte nicht länger „Kronprinz“ sein. So endete eine lange Freundschaft. Erst Jahre später, als Rau schon auf den Tod lag, haben sie sich wieder versöhnt.  

Clement war ein Blitz-Entscheider, der Politik oft mit der Brechstange machte, ein Überzeugungstäter, der Bedenkenträger hasste, ein unermüdlicher Modernisierer, der jeden Tag eine neue Idee hatte, wie man das Land Nordrhein-Westfalen an die Spitze bringen könne. Geradlinig, verlässlich, anständig und stur – das waren die Attribute, die man auf ihn häufte. Ein durchaus liebenswerter Choleriker. Unmäßig im Anspruch an sich und andere. Ein Fanatiker des Fleißes. Sein Problem war immer, dass er – anders als der bedächtige Rau – das Beharrungsvermögen der Gesellschaft und die Widerstände unterschätzte und sich deshalb mit seinen Ideen häufig verrannte. Nicht nur in Nordrhein-Westfalen, wo er eine durchaus gemischte Erfolgsbilanz hinterließ. Sondern auch und erst recht in Berlin, wo er die Hartz-Reformen zwar mit Brachialgewalt durchboxte – aber trotzdem an ihnen scheiterte.

In Schröders Mission

Gerhard Schröder hatte ihn 2002 dazu überredet, das geliebte Amt des Ministerpräsidenten in Düsseldorf aufzugeben und als „Superminister“ für Arbeit und Wirtschaft nach Berlin zu kommen. Clement zögerte nicht lange. Er fühlte sich herausgefordert und an seiner Ehre gepackt. Seine Frau warnte ihn. Nicht weil sie ihm das Amt nicht zutraute, sondern weil sie um seine Gesundheit fürchtete. Denn sie wusste, wie besessen ihr Mann sich auch in die neue Aufgabe stürzen würde.

Clement aber sah endlich die Chance, an den Verhältnissen etwas zu ändern – und zwar nicht nur in „seinem“ Bundesland, sondern im ganzen, im wiedervereinigten Deutschland. Er glaubte tatsächlich, dass er das politische Berlin auf Trab und Vordermann bringen könne. Dafür räumte er sogar das Amt des Ministerpräsidenten, auf das er so lange hingearbeitet und dem er so vieles geopfert hatte. Er war überzeugt von der Mission, die Schröder ihm zugedacht hatte. Er wollte die Wirtschaft in Deutschland von den vielen bürokratischen Fesseln und lästigen Verordnungen befreien. Aber bald schon fühlte er sich ausgebremst und selber so gefesselt, wie Gulliver im Reich der Zwerge.

Die Psychologie der Hartz-Reform

Anfangs war auch sein Förderer Schröder durchaus angetan von dem Elan, mit dem Clement das Amt anging. Als allerdings die Widerstände wuchsen und die Umfragewerte für die SPD fielen, ging auch er auf Distanz.

Weder der Kanzler noch Clement noch sonst jemand in der rotgrünen Berliner Regierung hatten bedacht, wie psychologisch verheerend sich die mit der Hartz-Reform beschlossene Addierung von Sozialhilfe- und Arbeitslosengeldempfängern auswirken würde. Die wurden von einem auf den anderen Tag nämlich nicht mehr getrennt aufgeführt, wie es bis dahin üblich war, sondern zusammengezählt, so dass ihre Zahl über Nacht auf sechs Millionen hochschnellte, ohne dass sich an den realen Verhältnissen irgendetwas geändert hätte. Es gab keinen einzigen Arbeitslosen und keinen Sozialhilfeempfänger mehr als zuvor. Aber plötzlich war von sechs Millionen die Rede. Die bloße Zahl war ein Menetekel. Sie schockierte Politiker, Medien und Gesellschaft gleichermaßen.

„Ein anderer hätte das wahrscheinlich auch nicht geschafft"

Sechs Millionen Arbeitslose – das war die magische Grenze, die Anfang der Dreißigerjahre des vorigen Jahrhunderts in der Weimarer Republik überschritten worden war. Sie hatte dem Diktator Hitler den Weg zur Macht geebnet. Jetzt rieben sich Schröder und sein Superminister Clement erschrocken die Augen. Clement, hieß es plötzlich, habe es versäumt, die Öffentlichkeit gründlich auf die Umstellung der Statistik vorzubereiten. Er selbst sah das anders. Er gab später zwar zu, dass hier vielleicht etwas mehr Überzeugungsarbeit notwendig gewesen wäre. Die Reform selbst aber hielt er, trotz ihrer verheerenden Wirkung für die SPD, unbeirrt für richtig und notwendig.

Schröder sah das zwar genauso. Aber der Machtmensch im Kanzleramt sah früher als Clement die Folgen. Jahre später räumte der Ex-Kanzler immerhin ein, dass es ein Fehler war, Wirtschafts- und Arbeitsministerium zusammenzulegen. Schröder: „Es waren zwei Häuser, die einfach nicht miteinander konnten. Ich hatte dem Wolfgang zugetraut, dass er das hinkriegen könne, weil er ja doch sehr durchsetzungsfähig war. Es hat sich dann aber rasch herausgestellt, dass auch er das nicht schaffte – und ein anderer hätte das wahrscheinlich auch nicht geschafft. Es war wirklich eine Fehlkonstruktion.“

Auf verlorenem Posten

Schon lange bevor es mit der rot-grüner Koalition zu Ende ging, stand der Superminister Clement auf verlorenem Posten. Er hatte in Berlin keine Machtbasis mehr und fühlte sich häufig von Franz Müntefering, seinem alten Rivalen aus Nordrhein-Westfalen und dem Kanzler verschaukelt. Er wusste im Februar 2004 weder, dass Schröder den Parteivorsitz an Müntefering abgeben wollte, noch war er in deren Planung einbezogen, 2005 vorgezogene Neuwahlen anzustreben. Nach dem Scheitern von Rot-Grün war für den einstigen Superstar kein Platz mehr in Berlin.

Die Fusion von Wirtschafts- und Arbeitsministerium wurde rückgängig gemacht. Weder Schröder noch Müntefering rührten einen Finger, um das zu verhindern. Der bayrische CSU-Chef Edmund Stoiber griff nach dem Wirtschaftsministerium, Müntefering übernahm das Ressort Arbeit und Soziales. Als Clement im SPD-Vorstand wissen wollte, warum man ihn denn nicht vorher wenigstens um seine Meinung gefragt habe, bekam er von Müntefering zu hören: „Wir wussten ja sowieso, dass du dagegen warst.“ Mit anderen Worten: Dein Rat ist hier nicht mehr gefragt. Daraufhin ist er aufgestanden und nach Hause gefahren.

Sozialdemokrat ohne Parteibuch

Rückblickend war dieses demütigende Erlebnis vermutlich der eigentliche Grund für seinen späteren Austritt aus der SPD. Mit dem ebenfalls ins Abseits gedrängten CDU-Politiker Friedrich Merz und dem FDP-Vorsitzenden Christian Lindner verstand er sich am Ende seines Lebens jedenfalls besser, als mit den alten Genossen, denen er 2008 das Parteibuch vor die Füße warf. Eine Zeitlang unterstützte er die FDP. Aber bis zum Schluss bezeichnete er sich als „Sozialdemokrat ohne Parteibuch“. Es war das tragische Ende einer einzigartigen Politikerkarriere. 

Kindheit „auf dem langen Bleistift"

Wolfgang Clement kam am 7. Juli 1940 in Bochum zur Welt. Sein Vater war Baumeister. Geschäftsführer bei der Baufirma Spieker in Gelsenkirchen. Er kam aus Medebach im Sauerland, in der Nähe von Brilon. „Nach dem Krieg sind wir manchmal dorthin gefahren, daher habe ich das noch gut in Erinnerung“, erzählte Clement später. „Heute braucht man dorthin nur wenige Stunden. Damals fuhr man noch mit dem LKW hin, da brauchte man einen Tag bis Medebach. Deshalb weiß ich, was eine gute Infrastruktur bedeutet.“ 1929 war sein Vater – wie die Mutter Jahrgang 1902 – aus dem Sauerland in die Stahlstadt Bochum gezogen, um bald darauf während der Weltwirtschaftskrise in der Massenarbeitslosigkeit zu landen.

Reich waren die Clements nie. „Es war immer ein Kampf ums Überleben.“ Weil das Geld knapp war, musste die Familie anschreiben lassen. Clement: „Wir nannten das: auf dem langen Bleistift leben.“ Trost bot die katholische Kirche. Der kleine Wolfgang war Messdiener. Die Messe schwänzte er nur selten. Die Familie war katholisch, man sprach zuhause nie über Politik, man wählte CDU.  Für die meisten seiner Mitschüler kam die Oberschule nicht infrage. Clement aber durfte aufs Gymnasium. 

Geringe Frustrationstoleranz 

Einen Führerschein hat Clement nie gemacht. Gleich in der ersten Fahrstunde verlor er die Geduld. Der Fahrlehrer, ein ehemaliger Klassenkamerad, nervte ihn mit Fragen wie: „Was kommt auf der Ampel nach Rot? Und was kommt nach Gelb?“ – „Noch so eine blöde Frage und ich steig‘ aus“, knurrte Clement. Sie kamen zu einer Straße, wo die Straßenbahnschienen  in der Mitte lagen.

Und da sollte er links abbiegen. Dabei machte er irgendwas falsch, jedenfalls sprang das Auto wie ein Bock plötzlich auf die Schienen und blieb stehen. „Und er fragt mich wieder: was nach Rot auf der Ampel kommt, da bin ich ausgestiegen, habe die Tür zugeknallt und bin gegangen. Ich habe gedacht: Es hat offenbar keinen Zweck, bist zu doof.“ Hinterher kam eine Rechnung über 420 Mark – damals ein halber Monatslohn. 

Clements Anfänge als Journalist

Nach dem Abitur im Jahr 1960 studierte Wolfgang Clement, dem Rat des Vaters folgend, Jura. Um Geld zu verdienen, jobbte nebenbei als Lokalreporter bei der Westfälischen Rundschau. Deren Chefredakteur Günter Hammer entdeckte sein Talent und machte ihn 1968 zum Chef des Politik-Ressorts, wenig später zu seinem Stellvertreter. 1970 trat Clement in die SPD ein, weil ihn Willy Brandts Ostpolitik begeisterte. Als Brandt im November 1980 einen neuen Parteisprecher suchte und Hans Jürgen Wischnewski bei Clement anrief, zögerte der lange.

Er wusste nicht, ob er das Angebot annehmen sollte. Er rief Johannes Rau an, den er kannte, weil er ihn ein- oder zweimal interviewt hatte. Tags drauf saß er bei Rau zuhause in Wuppertal und der SPD-Vize erzählte ihm, wie es in SPD-Präsidiumssitzungen zuging. Clement: „Das war sehr farbig, wie er das schilderte. Willy Brandt, Helmut Schmidt und Herbert Wehner gingen dort miteinander um, wie drei Urtiere, wie Dinosaurier, die sich nur ganz langsam umeinander bewegten und nur über das Notwendigste miteinander kommunizierten. ‚Man muss lernen, damit umzugehen’, sagte Johannes. ‚Aber spannend ist das.’ Und dann hat er mir geraten, das zu machen. Und so hab’ ich’s getan.“

Einer, der Fehler benannte

Mit Willy Brandt und den Bonner Journalisten kam Clement gut zurecht. Er blieb auch als Sprecher Journalist, Propaganda fand er peinlich. Wenn Fehler gemacht wurden, benannte er sie. Das fanden einige Genossen in der SPD-Zentrale überhaupt nicht gut. Aber Brandt, selbst ehemaliger Journalist, ließ ihn machen. Und die Korrespondenten in der Bundeshauptstadt fühlten sich von ihm gut bedient.

Im Bundestagswahlkampf 1986/87 aber kam es zum Eklat. Der SPD-Kanzlerkandidat Rau wollte unbedingt eine „eigene SPD-Mehrheit“ und nicht mit den Grünen paktieren, Brandt hingegen sagte in einem ZEIT-Interview, 42 Prozent wären für die SPD ja auch ein schönes Ergebnis. Damit war das Konzept von Rau Makulatur. Clement warf empört die Brocken hin, verließ die SPD-Parteizentrale. Nach der Niederlage des Kanzlerkandidaten heuerte er in Hamburg als Chefredakteur bei der Morgenpost an, die damals zum Verlag Gruner und Jahr gehörte. 

Ein Choleriker

In dieser Zeit lernte er „Bruder Johannes“ als uneigennützigen Freund und Kümmerer kennen. Es gab Krach mit dem Verlag, Clement war drauf und dran, schon wieder die Brocken hinzuschmeißen. Rau hörte davon, setzte sich ins Auto, fuhr nach Hamburg, und stand um Mitternacht vor Clements Tür. 1989 holte er Clement als Chef der Staatskanzlei nach Düsseldorf.

Keineswegs nur ironisch wurde der Vertraute des Ministerpräsidenten bald der „regierende Kanzleichef“ und „Seine Effizienz“ genannt. Rau ließ ihn gewähren. Clement brachte frischen Wind in die Düsseldorfer Staatskanzlei. Anfangs fanden die Mitarbeiter den neuen Chef höchst erfreulich. Aber bald schon gab es die ersten Beschwerden über das Arbeitstempo, das er vorlegte und über den forschen und ungestümen Umgangston, den er anschlug. Er neige zu cholerischen Wutanfällen, hieß es, lasse abweichende Meinungen nicht gelten und gerate in Rage, wenn ihm etwas nicht in den Kram passt.

„Ihm genügte der Aufbruch"

Schon damals war Clement ein Workaholic, unermüdlich im Erfinden neuer Projekte. Manche sahen in ihm den Boulevardjournalisten, der jeden Tag ein neues Thema brauchte, das immer für eine Schlagzeile gut sein musste. Er brachte die Leute völlig außer Atem. Hatten sie gestern ein Großprojekt unter völlig unrealistischen Zeitvorgaben an den Hals gehängt bekommen, kam tags drauf schon ein neues, noch größeres und noch schneller umzusetzendes. Wer Widerworte vorbringen wollte, musste ein sehr robustes Nervenkostüm haben. Denn Clement ließ sich nur schwer von einmal gefassten Vorhaben abbringen. „Er fragte nicht nach dem ‚warum‘“, erzählte einer, der damals unter ihm litt „seine politischen Vorschläge folgten einem beliebigen ‚warum nicht?‘ Der Weg war nicht mehr sein Ziel, ihm genügte der Aufbruch.“

Unter Leistungsdruck

Mehr als jeder andere hat ihn sein Vater geprägt. Der war nicht nur streng katholisch, sondern auch leistungsorientiert. „Wenn du sitzen bleibst“, drohte er dem Sohn, „musst du auf den Bau. Nur durch eigene Leistung kommst du weiter.“ Zwei Kriege und zwei Inflationen hatten die Eltern hinter sich. Die Kinder sollten es einmal besser haben. Rückblickend bekannte Clement: „Ich hatte oft furchtbare Angst, zu versagen. Leistung. Leistung. Leistung. Das war nicht nur in meiner Familie so, das war auch bei denen so, mit denen ich da aufgewachsen bin. Du musst was werden.“

Und noch eine zweite Philosophie hatte er vom Vater geerbt. Dessen ganzer Ehrgeiz bestand darin, ein eigenes und auch seinen beiden Söhnen je ein Haus zu bauen. „Das hat er auch wirklich hingekriegt“, erzählte Clement. „Ganz ohne sozialen Wohnungsbau. Meine Eltern haben auf alles verzichtet. Und als die Häuser standen, fuhr mein Vater für acht Tage auf Helgoland – und dort ist er gestorben. Entsetzlich!“ Clement hat daraus Lehren gezogen: „Ein eigenes Dach überm Kopf und die gesetzliche Rente – Wohneigentum und Sozialeigentum, darauf kommt es an. Wir haben Eigentum immer verteufelt. Eigentum – das war immer Millionär oder Milliardär. Es kommt aber darauf an, dass jeder einen Anspruch darauf hat, sicher zu sein. Das haben wir heute nicht. Das kriegt man auch nicht hin mit so einer privaten Rentenversicherung.“

Keine leeren Drohungen

Auch die Widerborstigkeit hat Clement vom Vater geerbt. Der sei, erzählte der Sohn einmal, „der erste aus der Familie“ gewesen, „der anfing, SPD zu wählen. Und zwar aus Ärger über die Kirche. Er stand immer unter der Kanzel und wenn der Pastor dann den Bischofsbrief vorlas mit der Empfehlung, CDU zu wählen, schüttelte er missbilligend den Kopf.“ Wen er wählt, wollte er sich, so gläubig er war, von der Kirche nicht vorschreiben lassen.

So tickte auch Sohn Wolfgang. Wenn ihm etwas nicht passte, stand er auf und ging. „Clement zählt nicht zu den Politikern, die mit Ankündigungen zu drohen pflegen. Er droht nicht. Er handelt“, schrieb einst die Frankfurter Allgemeine über ihn. So stieg er einst türenknallend aus dem Fahrschul-Auto, so schmiss der 1986 seinen Job als Sprecher der SPD, so verließ er 2005 zuerst den SPD-Parteivorstand und drei Jahre später die Partei.

Seinen achtzigsten Geburtstag feierte Clement, schon sichtlich vom Krebs gezeichnet, der die Lunge des einstigen Kettenraucher befallen hatte, Anfang Juli noch im Kreis der Familie. Am Sonntag nun ist er in seiner Bonner Wohnung gestorben. 

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Dorothee Sehrt-Irrek | Mo, 28. September 2020 - 13:11

NRW/SPD/meine Familie, das gehörte lange zusammen.
Es zerbrach, obwohl ich innerlich hoffe, dass wir eine Familie blieben und bleiben.
Es gab nämlich auch the other way round in der SPD, will sagen, kurz vor seinem Tod trat mein Vater meines Wissens aus der SPD aus und wählte nur noch grün wie meine Mutter, soweit ich mich erinnere.
Ich bin eine Konservative in der SPD, aber scheints keine Getriebene, wie es Wolfgang Clement war.
Clement kam einem Ausschluss zuvor?
Ich kann einen Grün/Linkskurs der SPD zur Not mittragen, wenn es der SPD und Anderem guttut und weil mir vieles in meinem Leben neben der SPD wichtig ist, nennt man das Patchwork?

Gerhard Lenz | Mo, 28. September 2020 - 15:37

In reply to by Dorothee Sehrt-Irrek

der Herr Clement. Leute wie er, Schröder oder auch z.B. Steinbrück wollten im Grunde die sozialdemokratische SPD in eine liberale Partei mit sozialen Zügen verwandeln. Was in der britischen Politik so markant als "new labour" firmierte, war bei uns im Grunde die Unterordnung der SPD unter den Markt, mit höchstens noch marginalen, regulatorischen Korrekturen.
Fortan sollten primär wirtschaftliche Überlegungen die Ausrichtung des sozialdemokratischen Parteiprogrammes bestimmen. Dahinter verbarg sich eine Art sozialdemokratischer Nostalgie, derzufolge Unternehmer und Arbeitnehmer möglichst konfliktfrei zu gemeinsamen Lösungen finden sollten; Lösungen, die im neuen Parteiglauben in der Schaffung von Arbeitsplätzen bestand, gleich welcher Qualität und ob angemessen entlohnt.
Clements spätere Unterstützung der FDP war nur konsequent. Die SPD leidet noch immer unter der neo-liberalen Ausrichtung der Schröder-Zeit. Originär sozialdemokratische Politik findet man heute eher bei den Grünen.

„Originär sozialdemokratische Politik“ bei den Grünen. Da habe ich echt gelacht.
Aber es klang fast so, als würden Sie es echt so meinen (?)

Wenn ja, welche denn?

Quasi uneingeschränkte Zuwanderung in die „originär“ sozialdemokratischen Wohngegenden (in den grün dominierten, privilegierten Wohngegenden wird man die Neubürger kaum finden) und dadurch noch mehr Verknappung und Konkurrenz um günstigen Wohnraum...
Abschaffung des günstigen Verbrennungsmotors, Verteuerung des PKW - Verkehrs allgemein (Gift für die Pendler und alle, die sich die schicke Stadtbude mit Bus/Bahnanbindung nicht leisten können)... Nur um mal zwei Beispiele zu nennen.

Gut, es kann sein, dass die SPD schon immer „originär“ die Partei der Besserverdiener war, dann habe ich die letzten 35 Jahre wohl etwas verwechselt.

In diesem Fall bitte ich ausdrücklich um Verzeihung für meinen Einwand.

Ich glaube new Labour wird von uns falsch verstanden. Vor Thatcher war GB massiv durch Gewerkschaften gefesselt und New Labour wollte dahin nicht zurück. Da wurden alte Zöpfe abgeschnitten. Solche alten Zöpfe gab und gibt es in Deutschland aber gar nicht. Wobei, Clement hätte die Chance gehabt den Ordoliberalismus aus dem Wirtschaftsministerium zu werfen und durch Keyns zu ersetzten. Schreibt der sich so? Also die britische Tradition der staatlichen Wirtschaftssteuerung zu übernehmen. Hat Clement aber nicht. War wohl eher so, dass Clement vom Wirtschaftsministerium bekehrt wurde.

Dorothee Sehrt-Irrek | Mo, 28. September 2020 - 15:48

In reply to by Dorothee Sehrt-Irrek

Da kenne sich einer aus, es differiert schon mit den Eltern.
Was sagt mir das?
Ich finde, dass die Parteien wirklich nur als allerletztes Mittel zum Ausschluss greifen sollten und ansonsten von zumeist sehr breit aufgestellten Mitgliedern und überhaupt noch breiter gestreuten Wählern ausgehen sollten.
Generell mein Rat geht dahin, von mündigen Bürgern auszugehen.

Robert Müller | Mo, 28. September 2020 - 19:14

In reply to by Dorothee Sehrt-Irrek

Mein Eindruck war damals, dass Schröder Clement in Berlin als Gegengewicht zu den Grünen wollte und der Preis das Superministerium war. Clements eigenen Wünschen nahm man deshalb als notwendiges Übel hin. Heute würde man das nicht mehr so machen können, weil dann die Grünen mit der Union zusammen gehen. Hier in Köln ist das schon so. Bin erst seit kurzem Kölner, weshalb ich zu Clement in seiner NRW-Zeit nichts sagen kann.

Ich wurde erstmals auf Clement aufmerksam als er vehement für Bonn als Hauptstadt, gegen Berlin, sprach. Ich fand dies unhistorisch und intellektuell minderbemittelt. Auch in seiner Zeit als Superminister fand ich, dass sein Selbstverständnis umgekehrt proportional zu seinen realen Kompetenzen war. Schon Bismarck wusste, dass der Wert eines Mannes aus der Summe seiner Talente abzüglich seiner Eitelkeit besteht.

Dem ist eigentlich nichts hinzuzufügen. Seltsam ist nur, daß die Herren Schröder, Clement, Müntefering, Schily und auch Steinmeyer während ihres Regierungshandelns auch innerhalb der SPD durchaus mehrheitlichen Zuspruch erhielten.
Warum eigentlich?
Als sichtbar und spürbar wurde, wohin die Regierung Schröder "das Regierungsschiff" steuerten, hätte es gerade auch in der SPD einen hörbaren Aufschrei geben müssen. Aber nichts geschah.
Und selbst zu jener Zeit, als sich Wolfgang Clement von seiner Partei, der SPD, distanzierte und mit der FDP anbandelte, war der innerparteiliche Protest in der SPD eher verhalten.
Als Wolfgang Clement auf Abwege geriet und ihm seine SPD-Mitgliedschaft eher unangenehm war, hätten wohlmeinende Genossinnen und Genossen ihn wirksam stoppen müssen.
Jetzt ist das alles Geschichte, aber die SPD blieb - auch durch das Mitverschulden Clements - als Trümmerhaufen zurück. Ein Jammer!

Klaus Funke | Mo, 28. September 2020 - 19:19

Die SPD ist in ihrer Geschichte reicht mit Arbeiterverrätern "gesegnet". Clement war einer von ihnen. Was er von seiner Partei und von der Gesellschaft hielt, zeigte sich am Ende seiner Karriere - er wollte Geldverdienen und weiter seine vorgetäuschten Überzeugungen vermarkten. Er hat keinen Nachruf verdient. Und es ist Heuchelei, man solle einem Toten nichts Schlechtes nachreden. So einem wie Clement muss man Schlechtes nachreden. Dass ihn die Kanzlerin lobt, verwundert nicht. Auch sie ist eine Verräterin.

...war unerträglich selbstbewusst und wurde völlig überschätzt. Als er mit der SPD als Karriereleiter nichts mehr anfangen konnte, hat er das Parteibuch ausgespukt wie eine heiße Kartoffel.

Yvonne Stange | Mo, 28. September 2020 - 20:41

Einer, der den Untergang der SPD mitgestaltet hat. Dieses unsägliche H4 hat viele fleißigen Menschen aus der ehemaligen DDR um ihre Lebensleistung gebracht, zum "arbeitsscheuen Abschaum" gemacht. Nein, ich trauer nicht um solche Personen.

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