Krise der Literaturkritik - Not eines Kritikers

Die Zeit der Literaturkritik ist vorüber. Das sieht selbst ihre letzte große Vertreterin Sigrid Löffler so. Jan Kutter, früher selbst Literaturkritiker, erzählt in einem Blog von der goldenen Zeit des Feuilletons, sieht für dessen Niedergang aber andere Gründe als Löffler.

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Ein Fall für das Museum?: Büste des Literaturkritikers Marcel Reich-Ranicki im Literaturhaus Frankfurt / dpa

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Die älteren Kulturjournalisten werden sie noch kennen: diese furchtbare Angst davor, eines schönen Tages „vom Hofe geraddatzt“ zu werden; dieses Zittern in den Knien, wenn die erste eigene Literaturbesprechung im Stadtmagazin der nächstgelegenen Großstadt oder gar im Kulturteil des Bonner Generalanzeigers erschienen war.

Damals, in den achtziger und neunziger Jahren, da war es ein langer, steiniger Weg bis an die Pforten der Hochkultur. Und vor dem Gesetz standen die Großmuftis der Feuilletons: Typen wie Marcel Reich-Ranicki, Joachim Kaiser oder eben Fritz J. Raddatz. Gegen das Urteil dieser Tintentitanen war kaum einmal ein Kraut gewachsen. Wie Zeus seine Blitze, so warfen die Kulturplatzhirsche der überregionalen Tages- und Wochenzeitungen ihre Verrisse und ihre Literaturdebatten in den öffentlichen Diskursraum hinein.

„Elektronisches Stammtischgeschnatter“

Doch die Zeit dieser großen Homme de lettres ist für immer vorüber. Das musste jüngst auch neidvoll Sigrid Löffler, die vielleicht letzte lebende große alte Dame der deutschen Literaturkritik anerkennen. „Der Großkritiker, der sich als Scharfrichter der Literatur gebärdet, der hat seinen Autoritätsstatus und seine Instanzhaftigkeit endgültig verloren“, so Löffler in einem Gespräch mit Deutschlandfunk Kultur.

Einer wie Raddatz, für den selbst noch das legendäre „Literarische Quartett“ nur eine „ekelhafte Fernseh-Quasselbude“ gewesen ist, sei eine Figur des vergangenen Jahrhunderts. Im Anbetracht der Zeichenzahllimitierung moderner Zwitscher-Apps gehört er ebenso eingemottet wie seine Leserschaft, das klassische Bildungsbürgertum. Da kann man halt nichts machen. Gesiegt habe das „elektronische Stammtischgeschnatter“, bei dem es keine Kritik mehr, sondern allenfalls wohlgesonnene Blogger mit dahingeschmeichelten Leserempfehlungen gäbe.

Verwurstler der Häppchen-Kultur

Natürlich hat die Dame Recht: Wenn es eine Tendenz in der Evolutionsgeschichte gibt, dann die, dass alles abwärts geht. Gestern ein Literaturpapst, heute ein „hurtiger Verwurstler der Häppchen-Kultur". Das wusste auch schon Fritz „Joethe“ Raddatz (Robert Gernhardt) höchstselbst, als er in seinen späten Lebensjahren bekannte, nicht mehr zeitgemäß zu sein. Die aktuellen Romane wären nicht mehr interessant für ihn, die Lyrik nicht mehr liebenswert. Die Feder weg und „aus die Maus“! Wer will schließlich noch einen rumhubernden Großmeister mit Hochschulabschluss, wenn das algorithmisch gesteuerte Geschmacksurteil der vielen kleinen Blogger und Buch-Dealer für die Verkaufszahlen des ohnehin dahindümpelnden Buchmarktes ausreicht?

Doch die Blogosphäre sieht sich von Löffler falsch verstanden und schlägt nun mit pointierten Worten zurück: Auf dem Blog „54 Books“ erzählt ein gewisser Jan Kutter, einstiger Literaturkritiker und heutiger Digitalschreiberling, wie er es einmal fast bis in den „Mittelbau des deutschen Feuilletonats“ geschafft hatte, um dann am Ende doch auf das Niveau eines „elektronischen Stammtischbruders“ abzurutschen.

Intellektuelle Abstiegsängste

Es ist eine amüsante und höchst lesenswerte Insider-Story um die intellektuellen Abstiegsängste einer aufstrebenden deutschen Feuilleton-Nachwuchshoffnung, die sich in den neunziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts auf Augenhöhe mit den Alpha-Kritikern heranschreiben wollte. Eine Geschichte um Selbstermächtigungen, Missverständnisse und gut dotierte Zeilenhonorare: „Ich brauchte Geld und schrieb ausführlich. Gelegentlich erbetene Zeilenzahlen begann ich bald zu überschreiten. ‚Strecke machen‘ nannte ich das.“

Kutter schreibt aus dem Maschinenraum der gehobenen Literaturkritik. Es sind Innenansichten eines einstigen Zeilenreißers, eines Tuttischweins der Tagespresse mit viel Talent und Ambitionen. Doch seine hochgesteckten Ziele beginnen zu wanken, als die Zeitungsverlage um die Jahrtausendwende herum damit beginnen, an dem Ast zu sägen, auf dem alle sitzen. Denn, so die Meinung des späteren Hochkultur-Aussteigers, es seien damals nicht die Blogs, es seien die vielen Zeitungen selbst gewesen, die ihre Kulturteile kosteneffizient ausbluten ließen, als kein Geld mehr aus dem Anzeigengeschäft nachfloss. Ihrer schrumpfenden Leserschaft verkauften sie von da an oft nur noch Inhaltsangaben mit Meinungsanteil.

Blog statt Feuilleton

Froh könne man da also sein, wenn die ambitionierten Klein- und Großkritiker von ehedem ihre Lesereiseerlebnisse nun auf Blogs und Mikroblogs zur Verfügung stellten. Das mag für Kutter zwar gelegentlich auch eine „Hit-and-run-Schreibe“ zeitigen, sei aber immer noch besser, als ein aus der Zeit gefallenes Feuilleton, das längst den eigenen Ansprüchen hinterherlaufe. Kutter hat sich am Ende also selbst „weggeraddatzt“, um noch einmal das schönste Wort seines Blogbeitrags zu nennen. Lieber scheint er am Stammtisch trinken und johlen zu wollen, als einsam auf dem Olymp zu verdursten. Vielleicht produziert man so noch keine nachhallende Literaturdebatte, dafür aber eine lesenswerte Humoreske aus dem literarischen Untergrund.

Den ganzen Artikel von Jan Kutter finden Sie hier.

Gerhard Schwedes | Fr, 31. Juli 2020 - 11:33

Es liegt nicht alles nur an den sozialen Netzwerken, wenn es keine Originale unter den Literaturkritikern mehr gibt. Originale und eigenständige, kluge Köpfe gibt es zu jeder Zeit. Es ist nur die Frage, ob der Zeitgeist, der in den Sesseln der Redaktionen Platz genommen hat, solche Großdenker auch hochkommen lässt. Tut er nämlich nicht. Es wird nämlich alles nur noch mit der ideologischen Elle vermessen und jeder muss den Kopf einziehen, wenn er von den inquisitorischen Kleingeistern gefördert werden will. Wo so viel Schuhriegelei herrscht und der Quark von besserwisserischen Oberlehrern die Fäden des Kulturbetriebs in den Händen hält, da kann auch nichts Großes mehr zustande kommen.

Herr Schwedes. Einen wie Marcel Reich-Ranicki, wird diese Zeit nicht hervorbringen.
Seine Kritiken waren gespannt erwartete Ereignisse in der Literaturszene.
Die junge Generation, ist auch zum großen Teil lesefaul.

...haben Sie Recht, liebe Frau Bondzio. Pisa verwies die junge Generation auf-grund ihres Leseunvermögen und Leselustlosigkeit im Ranking auf den
nahezu letzten Platz. Leseunvermögen und Lesewut erlebe ich selbst bei Handys, Smartphones, E-Mails. Ich spreche nur noch schlechtes Deutsch. Macht nichts. Etliche Pädagogen fordern das Schreiben nach Gehör.

dass mich die Meinung der Blogsphäre und des Twittermobs gar nicht mehr interessiert. Man fragt sich überhaupt, wann diese Dominanz von Mobmeinungen begonnen hat. Ich lausche nur noch interessanten Einzelpersonen, einer nach der anderen, das dann aber durchaus schon mal stundenlang.

... auf Ihre wichtige Frage hinsichtlich meiner Einstellung zu Putin u.Schröder h i e r zu antworten; denn die Kommentarfunktion wurde leider bei dem entsprechenden Beitrag schon geschlossen.
Weder mit Putin noch mit Schröder möchte ich befreundet o. gar verheiratet sein.
Beide wären mir viel zu ungeistig, machohaft u. unsensibel. Daher liegt mir nichts ferner, als diese beiden Männer "rosarot" darzustellen.
Es geht aber in der Politik - was leider die wenigsten Wähler berücksichtigen - nicht
darum, daß man einen sympathischen Menschen an der Spitze des Staates hat, sondern jemand, der die "Spielregeln" des politischen Geschäftes beherrscht. Auf keinen Fall darf es ein idealistischer Träumer sein, der sich von anderen über den Tisch ziehen läßt u. der die Welt nicht betrachtet, wie sie i s t, sondern wie er sie
sich malt.
R E A L I S T E N mit Augenmaß werden gebraucht - je klüger u. erfahrener, um so besser (s. Adenauer/Schmidt!). Putin u. Schröder sind Realisten,
Merkel nicht!

Sie, Herr Schwedes, mögen es als "Füße küssen" bezeichnen, daß sich Schröder nach seinem Ausscheiden aus der Politik zu Putin nach Rußland begeben hat.
Ich sehe es positiver: Er hat den Bau der Gas-Pipeline durch die Ostsee maßgeblich
gefördert (Nord Stream), wodurch wir in DE eine zuverlässige Energieversorgung bekommen haben. Daß er persönlich dabei profitiert, unterscheidet ihn nicht von jeder Menge anderer ehem. Politiker, die sich vermarktet u. ihr Schäfchen ins Trockene gebracht haben, wie z. B. der aalglatte Herr Fischer, der unter die Fittiche von Madame Albright in die USA flüchtete.
Vergessen Sie bitte nie: Putin hat 2001 im Deutschen Bundestag eine beeindruckende Rede gehalten, in der er eine Annäherung Rußlands an die EU, besonders auch an Deutschland, anbot. Die USA haben dies aber mit allen Mitteln zu verhindern gewußt!
Damals wurde die einmalige Chance vertan, Rußland stärker in Europa einzubinden.
Das russische Volk ist darüber bis heute sehr enttäuscht.

Daß Putin k e i n "lupenreiner Demokrat" ist, wie Schröder ihn 2004 nannte,
weiß jeder. Es war von ihm wohl auch als Provokation gedacht - in der Art, wie Trump jetzt laufend provoziert.
Daß Sie Putin auf eine Stufe mit Hitler u. Stalin stellen - das ist m. E. falsch. Welche seiner Handlungen ist denn mit denen dieser wahnsinnigen Diktatoren zu vergleichen? Sie sprechen die ermordeten Journalisten u. Regimekritiker in Rußland an. Ja, jeder ist einer zu viel - das stimmt. Doch auch in der EU (z. B. Malta, Slowakei) werden Kritiker umgebracht. Die Amis ermorden ihre Gegner geräuschlos mit Drohnen. Der "Dunstkreis" Putins (Ihr Begriff!) ist keiner, in dem ich mich gerne aufhielte, aber solche Kreise gibt es in den westlichen Staaten ebenso, vor allem in Großbritannien, das im Hinblick auf geheimdienstliche Verbrechen stets eine herausragende Stellung innehatte. "Kriminelle Gesellen" (Ihre Bezeichnung f. Putin) gibt es in der Politik überall. Sie verstecken ihre Taten nur geschickter!

Dorothee Sehrt-Irrek | Fr, 31. Juli 2020 - 14:05

ob breit ob exclusiv, ich glaube der heutige Mangel hat andere Gründe.
Die alte Bundesrepublik war auf dem Weg zu dem, was die Deutschen neben dem "made in Germany" wirklich groß machte, auf dem Weg zu einer Kulturnation. Übrigens nicht in einem nationalistischen Sinne, deshalb flohen Intellektuelle gerne auch in die Bundesrepublik. Und wir hatten die passenden großen Politiker , eine hohe politische Kultur etc.
Die Wiedervereinigung unterbrach das, nicht weil die DDR gar keine Kultur gehabt hätte, sondern weil die Wiedervereinigung teuer war.
Dann gab es stracks die Finanzkrise... jetzt Corona.
Aber das Potenzial ist da.
Diese Parteigrößen gibt es aber evtl. nicht mehr in Parteien.
Solange man keine politischen Kämpfe forciert, kann Politik wenigstens gedeihen lassen.

Naja, die erwähnten Persönlichkeiten hatten einen anderen historischen Hintergrund (Nazi-Deutschland). Politische Reden wurden dann im Feuilleton als "sprachlicher Sperrmüll“, oder "die Ästhetik des Nierentisches“ bezeichnet.

Oder, der sprachliche Gestus entspricht dem Herrschaftsdenken der 50er Jahre. Es ging um Richtungskämpfe. Es war eine inhaltliche Auseinandersetzung.

Heute muss man leider sagen: Meinungen können Kenntnisse nicht ersetzen.

"Ich verstehe die Nöte der Kritiker. Sie sind notwendig, um unsere Literatur am Leben zu halten. Die Verleihung des Literaturnobelpreises dem zu Recht umstrittenen Populisten Peter Handke zu vergeben, ist beschämend.
Er wird wegen Parteinahme für die Nationalisten Serbiens von Literaten verur-teilt. Mehr Worte für ihn sind bereits zu viel.
Ich wuchs in einem Elternhaus mit fantastischer Literatur auf. In einer Menge, die fast zur Auflösung unserer Familie führte. Meine Mutter "erpresste" meinen Vater mit "entweder die Bücher oder ich". Klappte nicht.
Was für mich Literatur ist bestimme ich. Ich muß mich mit dem Geschriebenen auseinandersetzen können. Ist ausschließlich Kritik der Pseudoliteraten Literatur?
Zu einer Bücherausstellung im Haus der Kunst entdeckte ich Lena Christ "Das Leben einer Überflüssigen". Monika Maron z.B. über die DDR-Literatur. Jahre später Nicholas Carrs "Wer Bin ich, wenn ich Online Bin". Die Entstehung der Schrift über Platon, Sokrates. Bin ich zu banal?

Albert Schultheis | Fr, 31. Juli 2020 - 15:34

in einem Land, das sich höchstpolitisch bescheinigen ließ, dass in diesem Land keine Kultur mehr zu beobachten sei. Ist die Literatur, die Kunst einer Köterrasse nur noch moral-totalitärer Schmonzes - wozu brauchte es dann noch Literaturkritik? Schmonzes über Schmonzes? Nein, danke!

Klaus Funke | Fr, 31. Juli 2020 - 15:51

Der allgemeine Niedergang der deutschen Literatur, das Desinteresse an geistigem Gut berdingt auch den Niedergang der Literaturkritik. Wo nichts ist, kann nichts gedeihen. Der deutsche Buchpreis ist ein vordergründiges Instrument der Politik geworden. Es werden Romane zum Mainstream, zur jeweiligen Politik geschrieben, wie die Szenarien zu einem Film. Das Buch zum Film ist bezeichnend dafür. MIt dem "Turm" von Tellkamp hat es begonnen. Das war das Buch zur Vereinigungspolitik der CDU, ihr Deutschlandbild. Andere folgten. Was soll Kritik da noch? Außerdem ist es billiger Weltbestseller in Deutsch auf den Markt zu bringen. Formate zur Literaturförderung, Buchbesprechungen - wer will das noch? Flachgeisterei macht sich breit. Gefälligkeitsliteratur. Die ÖR als Spiegel dafür. Literaturverfilmungen? Nö. Dafür billige Krimis in Massen, ermüdend psychologisierend... Fazit: Selber lesen, macht schlau. ÖR ohne Bedeutung. Wie die Regierung - so die Literatur. Ohne Tiefe. Gähn.

Bernd Muhlack | Fr, 31. Juli 2020 - 17:32

Das literarische Quartett der Ursprungsbesetzung sah ich immer.

In der Schule quälte man sich mit so manchen "Erbrechungen" herum, etwa Stifters Bergkristall oder Romeo und Julia auf dem Dorfe von Gottfried Keller.
Das Bergkristall war sogar Abiturthema!
Ich hatte mir solch ein "Erklärbuch" gekauft, das war sehr hilfreich: genau das wollen die Prüfer lesen!
12 Punkte, immerhin.
Wenn man etwas lesen muss, ist das eher schlecht, wenn man jedoch etwas lesen will, ist das zielführend.
Ich bin ein großer Schiller-Freund geworden!

Spontan: es gibt eine uralte Folge von "Verstehen Sie Spaß" mit Karasek und R-R.
Sie sitzen des späten Abends in einem Taxi und wollen ins Hotel (München) zurück.
Plötzlich der Taxifahrer: "Ich hab mich wohl verfahren!"
R-R schaut aus dem Fenster und sieht ein Hinweisschild.
"Helsinki? Karasek, das ist kafkaesk!"

Das philosophische Q. ist ebenfalls abhanden gekommen.
Sloterdijk und Safranek waren ein must-have.
Sie fehlen in der aktuellen Zeit!
Leider!